Rating einer nachhaltigen Immobilien-Kreditvergabe

Von Dr. Oliver Everling | 28.September 2022

Die Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) in Österreich hat – u.a. auch auf Anordnung des österreichischen Finanzmarktstabilitätsgremiums (FMSG) – die international üblichen Prinzipien für eine angemessene und nachhaltige Immobilienkreditvergabe, die bereits bisher anempfohlen waren, im Wege einer Verordnung auch in Österreich rechtsverbindlich gemacht:

Die Schuldendienstquote darf maximal 40% betragen. Das heißt, die jährlichen Rückzahlungen aller Kredite eines Kunden dürfen nicht mehr als 40% des verfügbaren Jahresnettoeinkommens ausmachen. Dies soll sicherstellen, dass selbst bei unvorhergesehenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten genügend finanzieller Spielraum vorhanden ist, um den Kredit noch bedienen zu können.

Die Beleihungsquote darf maximal 90% des Wertes der Immobilie (oder anderer Sicherheiten) betragen. Das heißt, der Kreditnehmer braucht zur Finanzierung des Projektes mindestens 20% Eigenmittel, denn zum Preis/Wert der Immobilie kommen in der Regel zusätzlich noch rund 10% Nebenkosten hinzu.

Die Kreditlaufzeit darf maximal 35 Jahre betragen. Einerseits, damit der Kredit bei Übertritt in den Ruhestand – und den damit in der Regel verknüpften Einkommenseinbußen – möglichst zurückgezahlt ist. Andererseits, damit nicht durch unrealistisches Strecken der Laufzeit die Kreditrückzahlungsrate künstlich unter die Begrenzung der Schuldendienstquote gedrückt wird.

Um Renovierungen und Sanierungen – insbesondere den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energieträger – zu erleichtern, sind Finanzierungen bis zu einer Geringfügigkeitsgrenze von € 50.000 von diesen Vorgaben ausgenommen.

Wer als Kreditnehmer diese Anforderungen nicht erfüllen kann, muss seine Wunschvorstellungen an seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit anpassen, schreibt die FMA: „etwa eine kleinere Wohnung, eine nicht ganz so teure Lage oder ganz so tolle Ausstattung“.

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Trendfolger deutlich im Plus

Von Dr. Oliver Everling | 22.September 2022

Die Marktschwankungen im ersten Halbjahr 2022 haben Investoren mit aller Deutlichkeit gezeigt, wie wichtig Portfoliodiversifikation ist. Einen Beitrag dazu konnten in den vergangenen Monaten vor allem Hedgefonds mit einem Global Macro-Ansatz leisten. Während die Aktienmärkte weltweit in den ersten sechs Monaten des Jahres 2022 eingebrochen sind, stemmten sich Global Macro-Hedgefonds gegen den Negativtrend und erzielten sehr gute Gewinne. Global Macro-Trading folgt einem klassischen Top-Down Ansatz: Das Fondsmanagement analysiert die Wirtschaftsdaten von Ländern oder Branchen – auch unter Berücksichtigung politischer Entwicklungen – und leitet daraus mögliche Trends ab. Investiert wird bevorzugt in liquide Instrumente weltweit, wie Aktienindizes, Futures auf Währungen, Rohstoffe und Staatsanleihen.

„Viele Hedgefondsmanager, die ihre Entscheidungen auf der Grundlage von Fundamentaldaten treffen, haben sehr früh erkannt, dass die hohe Inflation und die Zunahme geopolitischer Risiken die Märkte empfindlich treffen würden und ihre Risikoallokation rechtzeitig geändert“, sagt Marcus Storr, Head of Alternative Investments FERI Trust GmbH. Aufgrund der Schwankungen am Aktienmarkt haben Hedgefonds-Strategien auf der Short-Seite dabei so gut abgeschnitten wie seit vielen Jahren nicht mehr: „Mit der Möglichkeit Shortpositionen einzugehen, steht Hedgefonds ein wirkungsvolles Instrument zur Verfügung, um die Marktabhängigkeit ihres Portfolios zu reduzieren“, ergänzt Storr.

Hedgefonds, die auf makroökonomische Trends setzen, nutzen hierzu zwei unterschiedliche Modelle. Der klassische diskretionäre Ansatz beruht auf den Fähigkeiten einzelner Portfoliomanager und ihrer Analyseteams. Entscheidungen können dabei nach freiem Ermessen getroffen werden. Die Erfahrung zeigt, dass dabei auch das Bauchgefühl der Manager ein Erfolgsfaktor sein kann. Auf der anderen Seite steht das computerbasierte Trading, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Die sogenannten systematischen Global Macro-Fonds richten sich strikt nach Regeln, die durch Algorithmen vorgegeben werden. Sie setzen bei ihren Allokationsentscheidungen konsequent auf laufende Markttrends und operieren häufig mit starkem Leverage und hohem Handelsvolumen. Systematische Global Macro-Strategien erzielten im ersten Quartal 2022, als die Märkte vom Kriegsausbruch in der Ukraine überrascht wurden und auf Achterbahnfahrt gingen, knapp 10 Prozent Rendite, im zweiten Quartal waren es dann noch einmal knapp 5 Prozent. „Bereits in der Vergangenheit zählten Global Macro-Hedgefonds in volatilen Marktphasen aufgrund der geringen Korrelation zu den Gewinnern. Professionelle Investoren, die ihr Portfolio in einem schwierigen Marktumfeld stabilisieren wollen, sollten sich deshalb näher mit dieser Strategie befassen“, so Storr.

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Deutsche Uniper-Aktionäre zahlen doppelt

Von Dr. Oliver Everling | 21.September 2022

Seit den 1970er Jahren baute Deutschland eine Partnerschaft mit Russland auf, um nie wieder Krieg zwischen Deutschland und Russland zuzulassen: Das Vertrauen in die Zusammenarbeit ermöglichte den Austausch von Gütern und Leistungen zum Wohle beider Staaten. Insbesondere auf Gaslieferungen bleibt Deutschland angewiesen, denn russisches Gas wird von den auf dieses Gas spezialisierten Unternehmen für eine Vielzahl von Produkten benötigt – und nicht nur in Haushalten zum Heizen.

Aktionäre der Uniper SE trugen mit ihrem Investment dazu bei, das für die deutsche Versorgung mit Gas notwendige Kapital bereitzustellen, nämlich das Unternehmen zu finanzieren, das mehrheitlich von einem finnischen Konzern kontrolliert wurde.

Das Versagen der deutschen Diplomatie, die seit Frank-Walter Steinmeier, als er noch Außenminister war, den Anschein erweckte, im 2014 begonnenen sogenannten „Normandie-Format“ für Frieden zwischen der Ukraine und Russland zu sorgen, bezahlten die Aktionäre von Uniper bereits mit einem herben Kurseinbruch. Ohne russisches Gas lassen sich die Lieferzusagen der Uniper SE nicht halten.

Als wären die Kursverluste nicht schon genug, kommt nun der nächste Schlag: Um die Belastungen aus der Gasumlage den Deutschen zu ersparen, werden nicht nur die Anteile an der Uniper SE vom Bund übernommen, sondern auch durch eine Kapitalerhöhung die Position der freien Aktionäre so verwässert, dass sie künftig alle zusammen nur noch über 1 % der Aktien verfügen.

Für deutsche Sparer, die ihr Geld in Aktien der Uniper SE im Vertrauen auf die Verlässlichkeit der deutschen Politik investiert hatten, bedeutet dies nun, gleich doppelt zur Kasse gebeten zu werden: Erst verlieren sie ihre Ersparnisse, indem die Aktien der Uniper SE abstürzen, außerdem zahlen sie aber auch die „Rettung“ der Uniper SE; indem sie als Steuerzahler mit einspringen müssen.

Allein am Tag nach Bekanntwerden der schlechten Nachrichten aus Berlin brach die Börsennotiz der Uniper SE um mehr als 30 % ein.

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Nahversorgungsimmobilien heiß begehrt – aber wie investieren?

Von Dr. Oliver Everling | 20.September 2022

Eine Berliner Ratingagentur befasst sich mit dem tiefgreifenden Wandel der Nutzung von Einzelhandelsimmobilien: „Der Bereich Nahversorgung zählt dabei zu den Gewinnern. Investoren schätzen seine Konjunkturunabhängigkeit. Herausforderungen gibt es dennoch – Nachhaltigkeit ist eine davon“, heißt es im Research der Scope Fund Analysis.

Scope sieht die Ursache für den Strukturwandel im Einzelhandelssegment in der wachsenden Bedeutung von E-Commerce. „Bereits seit einigen Jahren fallen die Immobilienpreise in dieser Nutzungsart und stehen aktuell wieder auf dem Niveau von 2016. Die Covid-19-Krise hat diesen Trend beschleunigt.“

Nun geht die Agentur dem unterschiedlichen Marktverhalten in den Subsegmenten nach. Im Grundsatz gelte: „Die systemrelevante Nahversorgung hat sich von systemirrelevanten Handelskonzepten abgetrennt. Gerade im Vergleich zum Textileinzelhandel, in dem sich die Insolvenzen derzeit häufen, hat sich der Lebensmitteleinzelhandel zuletzt gut entwickelt. Da viele Nahversorgungsunternehmen als vergleichsweise bonitätsstarke und konjunkturunabhängige Mieter gelten, haben Immobilien mit einem Fokus auf Nahversorgung – auch durch ihre oftmals langfristigen Mietverträge – deutlich an Attraktivität bei Investoren gewonnen. Dies hat sich vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen nicht geändert. Die Folge sind steigende Preise von Nahversorgungsimmobilien wie Fachmarktzentren.“

Gleichwohl, so die Warnung der Analysten von Scope, unterliegen auch Nahversorger einem Wandel: „Nicht zuletzt unter Nachhaltigkeitsaspekten sind Themen wie ökologische Nahrungsmittel, regionale Produkte und Tierwohl immer mehr in den Fokus gerückt. Inwieweit sich das Konsumverhalten der Menschen nun erneut aufgrund der hohen Inflation verändern wird, wird sich bald zeigen, da reale Kaufkraftverluste stattfinden.“

Das Thema ESG werde für die Objekte und die Lebensmittelhändler nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Energiekrise immer wichtiger. Viele Unternehmen versuchen, berichtet Scope, ihre Objekte mit Grünstrom – oft bereits produziert mit Solaraufdachanlagen – zu versorgen, denn bislang sind die Treibhausgasemissionen hoch. „Auch das Thema Abfall und Recycling spielt eine große Rolle in diesem Segment. Aufgaben in diesem Zusammenhang und Optimierungspotenziale gibt es also genug.“

„Investoren stehen sowohl offene als auch geschlossene Immobilienvehikel mit Fokus auf das Segment Nahversorgung zur Verfügung. Scope erfasst aktuell fünf Investmentvehikel für Privatanleger: zwei geschlossene und drei offene Immobilienfonds. Ein weiteres Produkt ist angekündigt.“ Was im Bericht vom 20. September 2022 der Agentur folgt, ist eine Auflistung von Fonds wie dem „Dr. Peters Immobilienportfolio Deutschland I“.

Der Bericht mit dem Titel „Nahversorgung – Stein der Weisen im Bereich Einzelhandel?“ enthält keinen Hinweis darauf, dass interessierten Anlegern nicht nur diese Vehikel zum indirekten Investment in Einzelhandelsimmobilien zur Verfügung stehen – von Direktinvestments einmal ganz abgesehen. So haben sich in Deutschland beispielsweise auch börsennotierte Gesellschaften hervorragend entwickelt, die sich ganz der Investition in Einzelhandelsimmobilien verschrieben haben.

Aktionäre der DEFAMA Deutsche Fachmarkt AG profitieren von der langjährigen Immobilien-, Einzelhandels- und Kapitalmarkt-Erfahrung sowie dem großen Netzwerk des Teams dieser Gesellschaft, das größten Wert auf schlanke Kostenstrukturen sowie eine klare Strategie, einen ausgewogenen Mietermix und eine solide Finanzierungsbasis legt. Die DEFAMA-Aktie wird im m:access der Börse München sowie auf XETRA und in Frankfurt gehandelt.

Darüber hinaus gibt es das spezielle Instrument des börsennotierten REIT, um in Einzelhandelsimmobilien zu investieren. Die Deutsche Konsum REIT-AG investiert nachhaltig in Einzelhandelsimmobilien des täglichen Bedarfs in etablierten Einkaufslagen abseits der Metropolen. Durch diese Strategie sollen attraktive, konjunkturstabile und ertragsteuerbefreite Renditen erzielt und als Dividenden ausgeschüttet werden. Die Aktie der Gesellschaft wird im Prime Standard der Deutschen Börse gelistet.

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Langfristanleger haben die größten Chancen auf positive Erträge

Von Dr. Oliver Everling | 19.September 2022

Die Volatilität an den globalen Aktienmärkten hat seit Jahresanfang drastisch zugenommen. Viele Investoren neigen dazu, in volatilen Phasen panisch zu reagieren und Teile ihrer Kapitalanlage zu veräußern. Aus Sicht von Desiree Sauer, Investment-Strategin bei Lazard Asset Management, ein großer Fehler: „Zeiten hoher Marktvolatilität sind meist der schlechteste Zeitpunkt, um über gravierende Portfolioumstrukturierungen nachzudenken.“

Die Historie zeige, dass sich die Märkte nach starken Abwärtsbewegungen (fast) immer wieder erholen. „Wenn die Märkte fallen, kann das beängstigend sein, aber ein voreiliger Verkauf kann noch mehr schaden, wenn dadurch die ‚guten Tage‘ verpasst werden“, sagt Desiree Sauer. Laut einer Studie der Investmentbank Baird betrug die jährliche Rendite des S&P 500 zwischen März 1995 und März 2020 etwa 7 Prozent. Wenn Anleger allerdings die zwanzig besten Tage verpassten, lag diese nur noch bei etwa 2 Prozent p. a. „Außerdem traten die besten Tage inmitten (oder in unmittelbarer Nähe) von Bärenmärkten auf“, so Sauer.

Kleinere Einbrüche, sogenannte Pullbacks, und Korrekturen von 10 Prozent und mehr seien relativ häufig und etwas, das jeder Anleger in seinem Finanzleben von Zeit zu Zeit erlebe. „Zwar kann sich ein Einbruch von bis zu 5 Prozent beunruhigend anfühlen, aber er tritt im Durchschnitt dreimal pro Jahr auf“, so Sauer. Marktkorrekturen von 10 Prozent oder mehr kommen ebenfalls erstaunlich häufig, im Schnitt einmal pro Jahr vor. Bärenmärkte treten hingegen viel seltener auf, in etwa nur alle sechs Jahre.

Ein langfristiger Anlagehorizont könne Anlegern helfen, Bärenmärkte zu relativieren. Seit 1926 gab es beim S&P 500 14 Zeiträume mit Einbrüchen von über 20 Prozent. „Natürlich ist der durchschnittliche Bärenmarkteinbruch von 41 Prozent schmerzhaft, aber noch schmerzhafter ist es, die Bullenmärkte zu verpassen, die im Schnitt eine Performance von 162 Prozent lieferten“, gibt Sauer zu bedenken.

Zwar gebe es immer wieder kürzere bis mittlere Zeiträume, in denen der Aktienmarkt stark korrigiert und der Aktienanleger (vorübergehend) massive Verluste erleiden kann. Zwei Gründe sprechen aus Sicht Sauers dennoch dafür, am Aktieninvestment festzuhalten: „Erstens bietet die Aktienanlage auf ganz lange Sicht (sagen wir fünfzig Jahre) den höchsten jährlichen Ertrag aller liquiden Assetklassen. Zweitens ist die Wahrscheinlichkeit, über ein längeres Zeitfenster (sagen wir zehn Jahre) einen Verlust zu erleiden, relativ gering.“ Die Expertin hält fest: „Je länger der Anlagehorizont, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, einen positiven Ertrag zu erwirtschaften.“

Betrachte man beispielsweise die Entwicklung des S&P 500 von 1980 bis heute, so zeigt sich: Trotz eines maximalen Drawdowns von durchschnittlich 14 Prozent innerhalb eines Jahres waren die jährlichen Renditen in 32 von 42 Jahren positiv. „Aktienmärkte haben ihre Höhen und Tiefen. Als Anleger muss man lernen, damit zu leben“, so Sauer.

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Spürbarer Liquiditätsentzug bremst US-Aktienmarkt

Von Dr. Oliver Everling | 19.September 2022

Vieles ist derzeit in der Wirtschaft nicht intakt. Sicher scheint nur der Abwärtstrends: „Alles deutet auf einen intakten Bärenmarkt“, titelt heute die FERI AG ihren „FERI Markets Update September 2022″.

Das zaghafte Zwischenhoch an den globalen Börsen ist abrupt zu Ende gegangen, nachdem aus den USA höhere Inflationsraten für den August gemeldet wurden als erwartet. Obwohl es zuletzt eine Entspannung bei den Energie- und Erzeugerpreisen gab und die Störungen in den Lieferketten nachgelassen haben, ist der Inflationsdruck unverändert hoch.

Für Experten der FERI aus Bad Homburg liegt daher die Vermutung nahe, dass ein immer größerer Anteil der Teuerung struktureller Natur ist. „Die monetäre Straffung dürfte damit länger und in höherer Dosis erfolgen als ursprünglich angenommen“, sagt Dr. Eduard Baitinger, seit 2015 Head of Asset Allocation in der FERI Gruppe. „So wird die Fed am Mittwoch den Leitzins voraussichtlich um mindestens 75 Basispunkte anheben. Beim übernächsten Treffen der US-Notenbanker im November ist nochmals mit einer Leitzinsanhebung in Höhe von 50 oder 75 Basispunkten zu rechnen. Vor diesem Hintergrund trüben sich die Aussichten speziell für den technologielastigen US-Aktienmarkt ein.“

Aufgrund der hohen Gewichtung des Technologie-Sektors ist der US-Aktienmarkt insgesamt stärker liquiditäts- und zinsgetrieben als andere Aktienmärkte und leidet überproportional unter der restriktiven Geldpolitik. „Daraus resultiert momentan eine paradoxe Situation“, warnt Eduard Baitinger: „Obwohl die US-Wirtschaft gemessen an den Fundamentaldaten im weltweiten Vergleich relativ gut dasteht, führen diese ökonomischen Vorteile nicht automatisch dazu, dass der US-Aktienmarkt besser abschneidet. Der Liquiditätsentzug an der Börse hat im bisherigen Jahresverlauf demnach die fundamentalen Faktoren übertrumpft. Sobald das Ende der Fed-Leitzinsanhebungen absehbar wird, könnten US-Aktien dafür jedoch sehr stark zurückkommen. Das dürfte aber erst im Jahr 2023 der Fall sein.“

Auch für die globalen Aktienmärkte sehe es derzeit nicht besser aus: „Hier deuten sowohl markttechnische als auch fundamentale Faktoren auf einen intakten Bärenmarkt. So halten sich institutionelle Investoren, die mit großvolumigen Käufen die Märkte stabilisieren könnten, aktuell stark zurück. Stattdessen bauen sie ihre Cash-Quoten aus, was zudem durch steigende Zinsen auch am kurzen Ende belohnt wird. Gleichzeitig dürften die globalen Unternehmensgewinne in den nächsten Monaten weiter zurückgehen. Da die breite Masse der Anleger die Situation mittlerweile verstanden hat, werden kurzzeitige Erholungen genutzt, um Aktien zu verkaufen. So kann sich keine nachhaltige Wende an den Märkten ausbilden. Professionelle Investoren sollten deshalb bis auf Weiteres eine flexibel-opportunistische Asset Allocation und ein dynamisches Risikomanagement anstreben.“

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Offshore Hedgefonds in einer regulierten Welt

Von Dr. Oliver Everling | 16.September 2022

Hedgefonds werden ihrem Anspruch, von Marktentwicklungen unabhängige Erträge zu liefern, im aktuellen Kapitalmarktzyklus gerecht. Für die Zurückhaltung institutioneller Investoren in Deutschland gegenüber Hedgefonds besteht bei näherer Betrachtung kein Anlass, denn die Anlageklasse ist auch für VAG-regulierte Anleger effizient investierbar. Dies sind zentrale Ergebnisse des 11. FERI Hedgefonds Investmenttags, der in diesem Jahr wieder als Präsenzveranstaltung stattgefunden hat. „Hohe Inflation, steigende Zinsen und zunehmende Volatilität spielen Hedgefonds in die Karten. Das anspruchsvolle Marktumfeld eröffnet den Managern Spielräume, abseits der allgemeinen Trends, Gewinne zu erzielen“, sagte Carsten Hermann, Geschäftsführer FERI Trust GmbH.

Der Blick auf den breiten Hedgefondsmarkt zeige ein gemischtes Bild. Hedgefonds mit ausgeprägter Marktabhängigkeit, etwa im Bereich der „Equity Long/Short“-Strategien, seien in den ersten sechs Monaten des Jahres 2022 ins Minus gerutscht. „Global Macro“-Strategien, die in Korrekturphasen grundsätzlich geringere Wertverluste als der globale Aktienmarkt aufwiesen, und computerbasierte systematische Trading-Ansätze, die konsequent auf Markttrends setzten, hätten dagegen im ersten Halbjahr 2022 sehr gute Gewinne erzielt. Aufgrund der Schwankungen am Aktienmarkt seien insbesondere Hedgefonds-Strategien auf der Short-Seite so erfolgreich gewesen wie seit vielen Jahren nicht mehr. „Hedgefonds liefern aktuell das, was sie versprechen. Gerade in volatilen Märkten tragen sie zum Risikoausgleich und damit zu mehr Widerstandskraft und Stabilität im Gesamtportfolio der Investoren bei. Sie sind daher eine sinnvolle Ergänzung zu klassischen Assets“, betonte Marcus Storr, Head of Alternative Investments FERI Trust GmbH.

Weltweit sei die Anzahl von Hedgefonds und das von ihnen verwaltete Vermögen seit Jahren gestiegen. In Deutschland würden institutionelle Investoren die Anlageklasse jedoch nur zögerlich für ihre Portfolioallokation nutzen: Erst 16 Prozent der deutschen Investoren hätten Mittel in Offshore-Hedgefonds angelegt. Weitere 17 Prozent würden in „Liquid Alternatives“, also hedgefondsähnlichen Strategien mit einem UCITS-Produktmantel investieren. Sorgen machten sich VAG-regulierte Anleger in Deutschland meist vor gesetzlichen Einschränkungen. Dies sei jedoch unbegründet. Dass VAG-Quoten und Hedgefonds gut miteinander vereinbar seien, bestätigte Martina Nitschke, Prokuristin und Abteilungsleiterin Kapitalanlagen der Verwaltungsgesellschaft für Versorgungswerke mbH (VGV): „Gerade unter dem VAG ist es problemlos möglich, eine diversifizierende Offshore-Hedgefondsallokation effizient aufzusetzen. Es bedarf einer rechtlichen und steuerlichen Begleitung sowie einer dedizierten wirtschaftlichen Due Diligence der Zielfonds, einschließlich einer Geldwäscheprüfung.“

Beim 11. FERI Hedgefonds Investmenttag diskutierten institutionelle Investoren und Portfoliomanager die aktuellen Entwicklungen in der Hedgefondsindustrie. Renommierte Hedgefondsmanager aus London, Singapur und Hong Kong gaben außerdem einen Einblick in ausgewählte Investmentstrategien.

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Europäische Banken bleiben ein „No-Drama-Sektor“

Von Dr. Oliver Everling | 8.September 2022

Große Banken werden inmitten der sich verschärfenden Energiekrise, der hohen Inflation und der drohenden Rezession wahrscheinlich Inseln relativer Stabilität bleiben und sollten in der Lage sein, die dramatischen Kernschmelzen der globalen Finanzkrise (GFC) von 2008 zu vermeiden. Zu diesem Schluss kommt Samuel Theodore, Senior Consultant der Scope Group, in seiner Publikation „The Wide Angle“: „Five reasons why European banks will remain a no-drama sector“.

Stress wird sich nach seiner Einschätzung zwangsläufig in Form von höheren Rückstellungen für Kreditverluste und stärker herausgeforderten Geschäftsbereichen (wie der gewerblichen Immobilienkreditvergabe) entwickeln, und einige Banken werden besser abschneiden als andere. Aber der Großbankensektor wird sicher außerhalb der Grenzen einer Bankenkrise bleiben.

Samuel Theodore machte in „The Wide Angle“ im März 2020 einen ähnlichen No-Crisis-Aufruf, gerade als die Pandemie Einzug hielt und viele Marktteilnehmer – in Erinnerung an die GFC – vor genau dem Gegenteil warnten. Letztendlich hat sich der europäische Bankensektor in den Pandemiejahren recht gut behauptet und dabei auch ein Image der Seriosität wiedererlangt, das er mehr als ein Jahrzehnt zuvor verloren hatte.

Die aktuelle Krise ist anders, räumt auch der Experte der Scope Group ein, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Den Hauptunterschied sieht er darin, dass die Zentralbanken während der Pandemie durch extrem niedrige Zinsen und massive Käufe von Inlands- oder (für die EZB) Euroraum-Schuldtiteln eine äußerst akkommodierende Haltung beibehielten. Diesmal mussten die Zentralbanken zu ihrer traditionelleren Rolle der Inflationsbekämpfung zurückkehren, ihre Kaufprogramme drosseln und die Zinssätze erhöhen; ein Prozess, der so schnell nicht aufhört.

 

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USA kein sicherer Hafen mehr

Von Dr. Oliver Everling | 7.September 2022

Knapp zwei Monate vor den US-Zwischenwahlen, den Midterm Elections, befinden sich die USA in einer äußerst angespannten Situation. Extreme soziale Ungleichheit und massive Angriffe gegen demokratische Prinzipien gefährden ernsthaft den Fortbestand der US-Demokratie. Zu diesem Schluss kommt das FERI Cognitive Finance Institute in einer aktuellen Analyse. „Die USA sind auf direktem Weg zu einer Autokratie oder Präsidialdiktatur. Donald Trump hat diese Tendenz zwar stark beschleunigt, doch die eigentlichen Ursachen liegen sehr viel tiefer“, sagt Dr. Heinz-Werner Rapp, Gründer und Leiter des FERI Cognitive Finance Institute.

Zuletzt habe sich die gesellschaftliche und politische Spaltung in den „U-USA“ („Un-United States of America“), die das FERI Cognitive Finance Institute erstmals im Jahr 2018 eingehend untersucht hat, nochmals massiv verschärft. Dahinter stünden Wut, Verbitterung und Frustration breiter Bevölkerungsschichten als Folge langjähriger politischer Ignoranz. Aktuell würden Versuche zur gezielten Umgestaltung von Wahlbezirken und andere parteipolitische Manipulationen der Demokratie schweren Schaden zufügen, warnen die Experten aus Bad Homburg.

Auch die aktive Politisierung des Justizsystems, vor allem durch das Oberste Gericht, sei als klarer Versuch einer „politischen Umgestaltung“ zu interpretieren. Die Summe dieser antidemokratischen Strömungen entspreche inzwischen einem „konservativen Putsch“ von oben. „Diese Entwicklung ist von geradezu tragischer Ironie. Genau das Land, das historisch am stärksten vom Ideal der Freiheit geprägt war, bewegt sich nun immer schneller in Richtung politischer Unfreiheit“, konstatiert Rapp.

Der kritische Zustand des US-Systems sei nicht zuletzt eine Folge der demokratieverachtenden Amtsführung des letzten US-Präsidenten Donald Trump. Durch Trumps gezielte Übergriffe seien ernste Verfassungskrisen zur neuen Realität geworden, sichtbar für die ganze Welt etwa beim „Sturm auf das Kapitol“. Umfragen in den USA zeigten aktuell einen deutlichen Vertrauensverlust in die Sicherheit und Verlässlichkeit demokratischer Institutionen und Verfahren. Demnach glaubten die meisten Amerikaner nicht daran, dass die Ergebnisse der US-Wahlen den Willen des Volkes widerspiegelten.

Alarmierende 85 Prozent der US-Bürger befürworteten inzwischen sogar einen „kompletten oder weitgehenden Umbau“ der US-Demokratie. „Die enormen politischen Spannungen werden sich bereits bei den Midterms im November entladen, spätestens aber – und dann mit großer Vehemenz – 2024 bei den Präsidentschaftswahlen“, befürchtet Rapp. Das habe unmittelbare Konsequenzen auch für den Rest der Welt: „Jede Form von politischer Instabilität in den USA erzeugt und verstärkt stets auch geopolitische Risiken“, erklärt Rapp.

Unter der Zunahme gesellschaftlicher und politischer Spannungen sowie dem Rückbau demokratischer Prinzipien leide auch die Dynamik und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der USA. „Unternehmer und Investoren sollten die These von den USA als sicherem Hafen, der langfristig für Stabilität, Marktwirtschaft, Sicherheit und Offenheit steht, künftig stark in Frage stellen. Die weitere Entwicklung der ‚U-USA‘ zu einer Art Autokratie könnte in den nächsten Jahren für sehr negative Überraschungen sorgen, die dann auch direkt auf die Kapitalmärkte abstrahlen“, betont Rapp. Als Folge interner Spannungen und erhöhter geostrategischer Unsicherheiten – ausgelöst von den U-USA – dürften somit auch politische Risikoprämien an den Kapitalmärkten wieder spürbar ansteigen.

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Kluge Wirtschaftspolitik gefordert

Von Dr. Oliver Everling | 6.September 2022

Der dramatische Anstieg der Strom- und Gaspreise trifft die energieintensiven Branchen der deutschen Industrie besonders hart und verschärft den ohnehin bereits laufenden Strukturwandel zulasten dieser Sektoren. Die politischen Fehler fordern nun ihren Tribut.

„Deutsche Unternehmen mussten bereits vor Ausbruch des Ukraine-Krieges überdurchschnittlich hohe Strompreise verkraften“, erinnert Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt der FERI Gruppe. „Die nochmals gestiegenen Energiekosten verschärfen die Wettbewerbssituation und könnten die Verlagerung von Produktionskapazitäten an andere Standorte dramatisch beschleunigen. Deutlich wird dies mit einem Blick auf die Entwicklung der Erzeugerpreise: Seit Beginn des Jahres 2021 sind diese in der Industrie insgesamt um 22 Prozent gestiegen. In der Stahlerzeugung beträgt das Plus 75 Prozent, in der Grundstoffchemie mehr als 50 Prozent und in der Papierherstellung mehr als 40 Prozent.“

Besonders hart geht es nun im Mittelstand zur Sache. „Die Weitergabe höherer Kosten an die Abnehmer ist in einer mittelständisch geprägten Wirtschaft, wie sie für Deutschland typisch ist, schwieriger – große Unternehmen mit erheblicher Marktmacht haben in dieser Hinsicht Vorteile. Dort,“ zeigt der Chef-Volkswirt auf, „wo das Potenzial für Produktivitätssteigerungen und Innovationen bei industriellen Vorprodukten begrenzt ist, kommt es zur sukzessiven Verlagerung der Produktion an kostengünstigere Standorte außerhalb Deutschlands. Dieser schleichende Strukturwandel zulasten energieintensiver Sektoren ist bereits seit vielen Jahren in Gang. Während die Industrieproduktion im zurückliegenden Aufschwung (von 2012 bis zum Jahr 2018) um 1,2 Prozent pro Jahr stieg, verzeichneten die Glas- und Baustoffherstellung nur marginale Zuwächse von 0,4 Prozent pro Jahr. Bei den Nichteisenmetallen und Gießereien waren es 0,6 Prozent. Das Papiergewerbe, die Stahlerzeugung und die Grundstoffchemie schrumpften sogar, letztere um 1,4 Prozent pro Jahr. Überdurchschnittliche Zuwächse verzeichnete dagegen die Spezialitätenchemie mit einem Plus von 2,4 Prozent pro Jahr.“

Abrupt steigende Energiekosten sowie der plötzliche Gasmangel, der in wichtigen Branchen wie der Chemieindustrie zu Produktionsstillegungen führen könnte, haben also nicht nur unmittelbare konjunkturelle Konsequenzen, sondern beschleunigen den bereits laufenden strukturellen Wandel. Axel D. Angermann sieht die reale Gefahr, dass die betroffenen Produktionskapazitäten für immer verlorengehen, wenn die Abnehmer einmal (zwangsweise) den Wechsel auf andere Anbieter vollzogen haben und diese eine potenziell höhere preisliche Wettbewerbsfähigkeit aufweisen.

Die Wirtschaftspolitik müsse daher abwägen: „Einerseits ist es nicht ihre Aufgabe, den strukturellen Wandel aufzuhalten, indem sie bestimmte Sektoren der deutschen Wirtschaft unter Artenschutz stellt. Angesichts von mehr als 700.000 Beschäftigten in den sechs energieintensivsten Branchen hätte ein beschleunigter Abbau von Arbeitsplätzen in diesen Industrien jedoch massive gesamtwirtschaftliche und soziale Folgen. Im Übrigen wäre auch für den Klimaschutz nichts gewonnen: Die Abwanderung energieintensiver Produktion würde zwar die deutsche CO2-Bilanz verbessern, das globale Klima – auf das es letztlich ankommt – aber tendenziell verschlechtern, weil die Produktion fortan an anderer Stelle erfolgt und dort meistens mit höheren CO2-Emissionen verbunden sein dürfte als zuvor in Deutschland. Es gibt also einige gute Gründe, in der Energiepolitik auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen ins Kalkül zu ziehen und einen übermäßigen Anstieg der Energiepreise für die Unternehmen hierzulande zu verhindern.“

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