Europäische Hauspreise erreichen ihren Höhepunkt?

Von Dr. Oliver Everling | 20.Januar 2022

„Die europäischen Immobilienpreise haben während der Pandemie möglicherweise ihren Höhepunkt erreicht“, glaubt Mathias Pleissner, Director, Covered Bonds der Berliner Ratingagentur „Scope Ratings“. Das Wachstum der rollierenden 12-Monats-Preise berechnet der Analyst mit 10,6 % bis zum 3. Quartal 2021. Das könnte der Endspurt gewesen sein. „Das letzte Mal, dass die Preise zweistellig gestiegen sind, war 2017, ein Jahr bevor sie um 15 % einbrachen.“

Die Immobilienpreise wurden weiterhin durch extrem niedrige Zinssätze, fehlende Anlagemöglichkeiten, historisch hohe Haushaltsersparnisse und den Wunsch der Verbraucher nach einem Umzug in geräumigere Wohnungen angeheizt, der durch staatliche Ausnahmeregelungen für die Arbeit von zu Hause aus gefördert wurde, stellt die Ratingagentur fest.

Die europäischen Immobilienpreise sind ein heißes Thema, seit sie sich im Zuge der Finanzkrise zu erholen begannen. „In einigen Ländern wurden bereits 2010 Blasenrisiken identifiziert,“ so Mathias Pleissner, „aber der sich abzeichnende Konsens war, dass die primären Indikatoren wie die Haushaltsverschuldung und das Verhältnis von Schulden zu Einkommen nicht darauf hinwiesen, dass der Wohnungsbau in den Blasenbereich eingetreten war.“

Tatsächlich sei das derzeitige Wachstum der Haushaltsverschuldung um 4 % weit entfernt von den jährlichen Wachstumsraten von 8 % bis 9 %, die in den Jahren 2004-2008 verzeichnet wurden. „Aber der Trend ist seit 2014 steigend. Starke Volkswirtschaften wie Frankreich, Deutschland, Österreich und Belgien haben alle vor und während der Pandemie ein Schuldenwachstum von weit über 5 % verzeichnet. Das Argument der Verschuldung gegenüber dem Einkommen scheint an Boden zu gewinnen,“ sieht Mathis Pleissner, „was der starke Anstieg im Jahr 2020 zeigt. Einige führen den Anstieg jedoch auf die kurzfristige Arbeitslosigkeit zurück. Bis Ende 2020 war die Arbeitslosigkeit jedoch fast wieder auf das Vorpandemieniveau zurückgekehrt.“

Statt dass die Inflation die Hauspreise mit nach oben treibt, könnte sie umgekehrt die Hauspreise belasten, auchh wenn angesichts der Zinszurückhaltung der Europäischen Zentralbank schuldenfinanzierte Hauskäufe jedoch weiterhin attraktiv sein werden, da es nur wenige echte Anlagealternativen gibt.

Bei Scope Ratings sieht man weiterhin stagnierende Zinsen voraus: „Politiker sowie europäische und nationale Regulierungsbehörden sitzen in der Falle. Mittelfristig ist das offensichtlichste Instrument zur Inflationsbekämpfung – Zinserhöhungen – für Länder im Euroraum (und solche mit einer Währungsbindung) nicht praktikabel. Die Zinsen bleiben im Jahr 2022 weitgehend unberührt.“

Die Fiskalpolitik könnte den Immobilienboom abschwächen. „Eine höhere Besteuerung könnte zur Bekämpfung der Inflation beitragen,“ meint Mathias Pleissner, „wird jedoch allgemein verurteilt, insbesondere angesichts der Pandemie. Politiker könnten außerdem beschließen, öffentliche Investitionen in die Infrastruktur einzustellen, solange die Inflation hoch ist. Aber das klingt nicht nach einer nachhaltigen oder populären Aktion, unter anderem weil öffentliche Investitionen Arbeitsplätze schaffen.“

Schließlich können die nationalen Aufsichtsbehörden makroprudenzielle Maßnahmen verstärken oder wieder einführen. Deutschland hatte solche Maßnahmen nur langsam aktiviert. In ihrer ersten Maßnahme im Jahr 2022 forderte die Bundesanstalf für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Banken auf, Puffer aufzubauen, da sich der Immobilienmarkt erhitzt.

Mathias Pleissner spricht von der Absicht der BaFin, den antizyklischen Puffer ab Februar 2023 von 0 % auf 0,75 % zu erhöhen und einen zusätzlichen Puffer von 2 % für Wohnungsbauhypotheken einzuführen: „Wir erwarten, dass dies keine Wende bringt, sondern einen ersten Schritt, um deutsche Hypotheken unattraktiver zu machen, solange die EZB an ihrer Ultra-Niedrigzinspolitik festhält. Andere nationale Regulierungsbehörden werden wahrscheinlich folgen.“

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Stablecoin verbessert Bankenbonität

Von Dr. Oliver Everling | 17.Januar 2022

Am 12. Januar 2022 gründete eine Gruppe von US-Banken ein Konsortium, um ihren Kunden eine neue, von Banken geprägte Stablecoin namens USDF anzubieten. Stablecoins sind digitale Vermögenswerte oder eine Kryptowährung, die durch einen anderen Vermögenswert gedeckt sind und einen stabilen Wert haben sollen, z. B. eine Bindung an den US-Dollar.

Die US-amerikanische Ratingagentur Moody’s Investors Service kommentiert diese Entwicklung bemerkenswert positiv: „Die Gründung des Konsortiums ist für seine Gründungsbankmitglieder, zu denen die New York Community Bank (A3 Stable, baa22), die NBH Bank, die FirstBank, die Sterling National Bank und die Synovus Bank (A3 Stable, baa2) gehören, kreditpositiv, weil sie ihnen die Möglichkeit gewährt, Zahlungen und andere digitale Assets in Echtzeit zu senden und zu empfangen, was eine schnellere, billigere und sicherere Geldbewegung als herkömmliche Zahlungssysteme ermöglicht.“

Diese neue Funktion könnte neue Kunden und zusätzliche Einzahlungen anziehen, glauben die Analysten der Ratingagentur, da die Verwendung von Stablecoins in letzter Zeit rapide zugenommen hat. Es bietet Bankmitgliedern auch die Möglichkeit, alte zahlungsbezogene Einnahmen durch neue Einnahmequellen zu ersetzen, sofern neuere Zahlungssysteme in digitaler Währung den Anteil der bestehenden Zahlungssysteme der Banken verringern.

Der USDF wird auf der öffentlichen Provenance-Blockchain betrieben und kann auf 1:1-Basis gegen Bargeld von einem Mitglied der Konsortialbank mit Abwicklung in Echtzeit eingelöst werden. USDF kann ACH-, SWIFT- und Interchange-Zahlungen ergänzen und wird Bankmitgliedern Cross-Selling-Möglichkeiten bieten und neue Produkte unterstützen.

Das Konsortium könnte Zahlungssysteme in digitaler Währung innerhalb des regulierten Bankensystems weiter stabilisieren und akzeptieren, wodurch technologische Fortschritte gefördert und einige der Wettbewerbsbedrohungen gemildert werden, die von der derzeit unregulierten Stablecoin-Industrie und digitalen Zahlungsinitiativen von Nichtbanken ausgehen. USDF wird nach Prognose von Moody’s Investors Service eine von Banken geprägte Alternative zu Tethers USDT und Circles USD-Coin (USDC), den beiden größten Stablecoins nach Marktwert, sein.

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Zu wenige Fahrzeuge in China begründen Aufholung

Von Dr. Oliver Everling | 14.Januar 2022

Am 12. Januar veröffentlichte die China Association of Automobile Manufacturers (CAAM) Daten über Chinas Autoabsatz im Jahr 2021 im Vergleich zu 2020. Demnach ist der Absatz um 3,8 % gestiegen – was die Ratingagentur Moody’s Investors Service zu einem Kommentar veranlasst: „Das Wachstum war höher als unsere Erwartung von 1,0 % und spiegelt eine besser als erwartete Erholung der Automobilproduktion wider“.

Dies sei durch eine Verbesserung des Angebots an Halbleitern (auch bekannt als Chips) und eine stetige Nachfrage nach Automobilen in China unterstützt worden. Moody’s sieht die Entwicklung positiv für chinesische Autohersteller, Autoteilehersteller und Autohändler. Nun sei eine größere Wahrscheinlichkeit gegeben, dass China im Jahr 2022 höhere Autoverkäufe erzielen wird.

Die Autoproduktion in China wurde durch einen weltweiten Mangel an Halbleitern behindert. „Die Hauptursache für die Halbleiterknappheit war ein deutlicher Rückgang der Autoverkäufe im ersten Halbjahr 2020,“ analysiert Moody’s, „der zu einer starken Kürzung der Chipproduktion führte. Aufgrund der starken Nachfrage nach diesen Produkten verlagerten die Halbleiterhersteller ihre Kapazitäten auf die Unterhaltungselektronik.“

Nach dieser massiven Umverteilung von Chipproduktion und -verkauf erholte sich die weltweite Autonachfrage in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 und im Jahr 2021, und zwar stärker als erwartet, was zu einer ernsthaften Knappheit an Chips für Autohersteller führte.

„Wir prognostizieren ein Branchenwachstum von etwa 6 % im Jahr 2022 und erwarten eine allmähliche Verbesserung der Halbleiterversorgung,“ so Moody’s, „die eine weitere Erholung der weltweiten Autoverkäufe ermöglichen wird.“

Chinas Autoabsatz – definiert als der Absatz von in China hergestellten Personen- und Nutzfahrzeugen – war laut CAAM im Dezember 2021 um 1,6 % niedriger als im Dezember 2020. Dies folgt auf Rückgänge von 9,1 % im November; 9,4 % im Oktober; und 20 % im September im Vergleich zu den gleichen Monaten im Jahr 2020.

„Während die Verkäufe im Dezember niedriger waren als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, war der prozentuale Rückgang der geringste seit Mai 2021, als die Autoverkäufe in China erstmals zurückgingen; eine Folge einer weltweiten Verknappung des Chipangebots“, so Moody’s.

Moody’s Analysten erwarten, dass Chinas Absatzwachstum von Automobilen im Jahresvergleich im Jahr 2022 3 % erreichen wird, was eine anhaltende Erholung der Produktion widerspiegelt, die durch eine Verbesserung des Halbleiterangebots und eine stabile Nachfrage nach Automobilen unterstützt wird. Die Wahrscheinlichkeit, mehr Autoverkäufe zu erzielen, wird nach Ansicht der amerikanischen Ratingagentur steigen, wenn die Erholung der Produktion – unterstützt durch ein besseres Chipangebot – größer als erwartet ausfällt, während die Nachfrage weiterhin stabil bleibt.

Chinas Autoabsatz wird durch das Wirtschaftswachstum des Landes angetrieben, das Moody’s Erwartung nach 5,3 % im Jahr 2022 betragen wird. Chinas immer noch niedrige Fahrzeugdurchdringungsrate – etwa 199 Fahrzeuge pro 1.000 Einwohner im Jahr 2020, laut Daten des Ministeriums für öffentliche Sicherheit und des Nationalbüros of Statistics – werde das Umsatzwachstum längerfristig weiter unterstützen.

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Bonitätsbewertung in Echtzeit

Von Dr. Oliver Everling | 13.Januar 2022

Das französische Unternehmen TradeIn bringt eine kollaborative Plattform zur sofortigen Bewertung der Zahlungsfähigkeit von Unternehmen auf den Markt – als eine Lösung für KMU, den eigenen Cashflow besser zu kontrollieren.

Laut Angaben von TradeIn gehen allein in Frankreich 25 Prozent der KMU und Kleinstunternehmen aufgrund von Zahlungsausfällen in Konkurs. Genau diese Unternehmen will TradeIn nun mit seiner Lösung unterstützen. Das Tool soll helfen, potenzielle Kunden besser qualifizieren und auswählen zu können und vor Zahlungsausfällen zu schützen. Außerdem biete es eine Entschädigungsversicherung für unbezahlte Rechnungen an – eine All-in-One-Lösung, die die gesamte Wertschöpfungskette des Risikos abdeckt.

Auf Tradeinsights lassen sich mit einem Klick Finanzdaten von Interessenten und Kunden abrufen. Um loszulegen, erhalten Nutzer zehn kostenlose Credits, danach kostet jede Abfrage zwei Euro. TradeIn bietet verschiedene Abonnements, darunter das Premiumabo für 25 Euro pro Monat, mit dem Unternehmen Rabatte auf das Guthabenpaket ihrer Wahl erhalten.

TradeIn ermöglicht den Zugang zu einer in Echtzeit aktualisierten Finanzdatenbank mit 20 Millionen Unternehmen in ganz Europa. Jean-Cédric Bekale, CEO von TradeIn, führt aus: „Alle Mitglieder der Plattform können ihre Zahlungserfahrungen teilen und ihr Geschäft durch eine automatisierte Politik ausbauen, die auf ihre besonderen Bedürfnisse und Kunden zugeschnitten ist.“ Gleichzeitig werden die Zahlungsfristen auf jeden Interessenten zugeschnitten, verspricht der CEO.

Laut Jack-Hermann Ntoko, COO von TradeIn, fügt hinzu: „Heute ist TradeInsights ein unverzichtbarer, einfacher und erschwinglicher Service für jedes Unternehmen, das eine effektivere Geschäftsstrategie anstrebt. TradeIn begleitet seine Kunden langfristig, um ihre Liquidität zu sichern.

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Immobilienberatung JLL holt Christian Giesen an Bord

Von Dr. Oliver Everling | 12.Januar 2022

Christian Giesen (54) verstärkt seit Jahresbeginn das deutsche Kommunikationsteam der globalen Immobilienberatung JLL. Als Senior PR Manager bringt er seine mehr als 20-jährige Berufserfahrung als Mediensprecher in den Branchen Finanzen, Versicherung, Mobilität und Immobilien ein. Als Teil des Teams Corporate Communications unter der Führung von Peter Lausmann wird Giesen hauptsächlich in der JLL-Deutschlandzentrale in Frankfurt am Main tätig sein.

Zuletzt hatte Christian Giesen zweieinhalb Jahre als Pressesprecher für den Mobilitätsdienstleister der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden gearbeitet. Zuvor sammelte er gut zwei Jahre Immobilienerfahrung beim auf das Thema Logistik und Hallen spezialisierte Proptech IndustrialPort.

Internationale Erfahrung mit Kapitalmärkten, Investoren und Asset Managern sammelte Christian Giesen in mehr als zehn Jahren als Verantwortlicher für den Bereich Media Relations der internationalen Agentur Fitch Ratings. Darüber hinaus arbeitete Giesen als stellvertretender Sprecher der US Army in Deutschland sowie für einen französischen Spezialversicherer. Giesen ist Magister der Kommunikationswissenschaft und hat sowohl an der Universität Duisburg-Essen als auch im britischen Sunderland studiert.

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Aufstrebender „asiatischer Tiger“ Vietnam

Von Dr. Oliver Everling | 11.Januar 2022

Der vietnamesische Aktienmarkt war im vergangenen Jahr einer der performancestärksten der Welt und stieg um 35,7%. Die Dragon Capital Group, die größte unabhängige Vermögensverwaltungsgesellschaft in Vietnam, erwartet für das Land im Jahr 2022 ein starkes Wirtschaftswachstum.

Angetrieben von neuen Infrastrukturprojekten der Regierung, deren Wert zwischen 2021 und 2025 auf über 60 Milliarden Pfund geschätzt wird, und anderen makroökonomischen Faktoren wie einer stabil wachsenden Wirtschaft, positiven Export- und Lieferkettenverlagerungen, einer schnell wachsenden Mittelschicht und niedrigen Zinssätzen, prognostiziert Dragon Capital für Vietnam ein jährliches BIP-Wachstum von über 7 % im Jahr 2022, möglicherweise sogar über 9 % unter bestimmten Szenarien. Die Währung bleibt stabil und die Zahlungsbilanz wird durch ausländische Direktinvestitionen gestützt. Die Inflation sieht Dragon Capital Group für 2022 unter 3,5 %, verglichen mit 1,8 % für 2021.

Dr. Tuan Le Anh, stellvertretender CIO bei Dragon Capital, sagte: „Mit den verfügbaren Impfstoffen und Behandlungsmedikamenten wird Covid nicht mehr die oberste Priorität der Regierung sein. Das Ziel für die nächsten vier Jahre ihrer fünfjährigen Amtszeit ist die wirtschaftliche Entwicklung. Wir glauben, dass Vietnams Wirtschaft mit einer niedrigen Basis ab 2021 im Jahr 2022 ein Wachstum von 7-10 % erzielen kann, wenn die internationalen Flüge Anfang des ersten Quartals wieder aufgenommen und das Konjunkturpaket effektiv umgesetzt werden.“

„Der Beitrag von FDI-Unternehmen ist mit fast 70 % des Gesamthandels unbestreitbar und wird sich voraussichtlich in den kommenden Jahren dank stärkerer Verschiebungen in der Lieferkette zugunsten Vietnams fortsetzen. Da das Freihandelsabkommen der Regional Comprehensive Economic Partnership ab dem 1. Januar 2022 mit zahlreichen Vorzugskonditionen und -prinzipien in Kraft tritt, erwarten wir, dass sich der Wandel fortsetzt und möglicherweise beschleunigt.“

Er geht davon aus, dass der vietnamesische Bankensektor das Interesse an Fusionen und Übernahmen von ausländischen Instituten weckt, und dass Immobilienaktien ein weiteres herausragendes Jahr liefern können: „Auch im Einzelhandel erwarten wir eine kräftige Erholung.“

„Der Wert des durchschnittlichen Tagesumsatzes an den vietnamesischen Aktienmärkten liegt jetzt konstant bei über 1 Milliarde Pfund Sterling und ist damit höher als in einer Reihe von Schwellenländern, und die Marktkapitalisierung ist jetzt über 250 Milliarden Pfund Sterling, die den Wert mehrerer Schwellenländer, darunter die Türkei, Polen und Katar, in den Schatten stellt. Während der Vietnam Index 2021 ein Wachstum von 35,7% verzeichnete, fiel der MSCI Emerging Markets Index sogar um 4,6%“, zieht Dr. Tuan Le Anh einen Vergleich. „Wir glauben, dass Vietnam einige der aufregendsten Möglichkeiten zur Wertschöpfung für Investoren bietet, und wir gehen davon aus, dass dies noch einige Zeit so bleiben wird.“

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Aufholjagd in Japan?

Von Dr. Oliver Everling | 11.Januar 2022

Die wirtschaftliche Erholung Japans blieb im Jahr 2021 hinter der von anderen entwickelten Volkswirtschaften zurück. „Auch wenn die Krise uns wohl noch eine ganze Weile beschäftigen dürfte, ist davon auszugehen, dass sich die gesamtwirtschaftliche Situation des Landes im kommenden Jahr zum Besseren entwickeln sollte“, meint Richard Kaye, Portfoliomanager des Comgest Growth Japan.

„Trotz der großen Unsicherheit, die die Omikron-Variante des Coronavirus aktuell schürt, halten wir es für wahrscheinlich,“ so der Portfoliomanager weiter, „dass 2022 ein starkes Jahr für das Gewinnwachstum japanischer Unternehmen wird. Die meisten COVID-19-Einschränkungen in Japan wurden aufgehoben, sodass sich eine Erholung abzeichnet. Das betrifft insbesondere Unternehmen, die in den kommenden Monaten von Nachholeffekten in den Konsumausgaben sowie von der Rückkehr der Touristen profitieren können. Neue Infektionswellen oder andere unerwartete Entwicklungen lassen sich leider weiterhin nicht völlig ausschließen.“

Zu den Unternehmen, bei denen er mit einem erheblichen Gewinnwachstum rechnet, zählen Japan Airport Terminal, das den internationalen Flughafen Haneda in Tokio betreibt, und das Disneyland Tokio Resort, das von der Oriental Land Corporation betrieben wird: „Beide Unternehmen sollten gleichermaßen von den steigenden Touristenzahlen profitieren. Der Flugverkehr im Inland hat sich in Vergleich zum Stand von vor der Pandemie bereits wieder um 78 Prozent erholt1, während der internationale Flugverkehr, der am 7. November dereguliert wurde, aufgrund der Omikron-Mutation erneut für 30 Tage ausgesetzt wurde2. Wir gehen aber davon aus, dass der Auslands-Reiseverkehr zeitnah wiederaufgenommen wird, da die mächtige „Keidanren“-Industrielobby – einer der einflussreichsten Wirtschaftsverbände des Landes – ausländische Arbeitskräfte benötigt, um dem Fachkräftemangel in Japan entgegenzuwirken. Doch auch die Gastronomie wird im neuen Jahr ein Comeback erleben. Hiervon sollte u.a. Sushiro, Japans größte Sushi-Restaurantkette, besonders profitieren. Sushiro eröffnet laufend neue Restaurants, unter anderem in Großstädten und expandiert nach Übersee, was sich positiv auf die Erträge auswirken dürfte.“

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Wasserstoff bringt Energie ins Portfolio

Von Dr. Oliver Everling | 11.Januar 2022

Wasserstoff könnte das Versprechen einer klimaneutralen, leicht verfügbaren und breit einsetzbaren „grünen Energie“ einlösen und damit der Schlüssel zur erfolgreichen Dekarbonisierung der Wirtschaft sein. Damit die energetische Jahrhundert-Transformation gelingt, muss jedoch zunächst eine zukunftsfähige Wasserstoff-Infrastruktur aufgebaut werden. Das sind die zentralen Ergebnisse der Studie „Wasserstoff als Energiequelle der Zukunft – Grundlagen, Konzepte und mögliche Anwendungsbereiche“, die das FERI Cognitive Finance Institute gemeinsam mit dem Labor für Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften an der Hochschule RheinMain veröffentlicht hat.

Dabei behandelt die Studie die zentralen naturwissenschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen sowie geopolitischen Fragen rund um das Thema und gibt eine Einordnung bezüglich des Potenzials für Investoren. „Wasserstoff wird in den Industrieländern zunehmend eine systemische Rolle einnehmen und birgt enorme Chancen auch für Deutschland. Da massive Investitionen und starkes Wachstum in diesem Bereich zu erwarten sind, ist Wasserstoff eines der spannendsten Kapitalmarktthemen der Zukunft“, sagt Dr. Heinz-Werner Rapp, Gründer und Leiter des FERI Cognitive Finance Institute.

Aufgrund der vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten sei Wasserstoff der ideale Energieträger für eine klimaneutrale Wirtschaft: „Wasserstoff kann als Zwischenspeicher für den aus Sonne und Windkraft erzeugten Strom eingesetzt werden und in Verbindung mit der Brennstoffzelle den Verkehr dekarbonisieren. Langfristiges Ziel ist die Umstellung auf den klimaneutralen Grünen Wasserstoff, der vollständig unter Einsatz erneuerbarer Energien gewonnen wird“, erläutert Prof. Dr. Birgit Scheppat, Professorin für Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie an der Hochschule RheinMain und Mit-Autorin der Studie. Obwohl die etablierten Verfahren zur Wasserstoffproduktion nicht ohne fossile Brennstoffe auskämen und deshalb Treibhausgase in Form von Kohlendioxid und Methan verursachten, solle darauf vorerst nicht verzichtet werden. Bis grüne Technologien und Kapazitäten den steigenden Wasserstoffbedarf decken könnten, würden für eine Übergangszeit alle heute vorhandenen Wasserstoffquellen benötigt, so die Studie.

Der strategische Rahmen für die Energiewende unter Einsatz von Wasserstoff sei international bereits abgesteckt. So habe die EU mit der „Hydrogen Roadmap Europe“ den Weg für die großtechnische Nutzung von Wasserstoff vorgezeichnet. Leuchtturmprojekte in Städten wie Rotterdam, Hamburg, Bordeaux oder Marseille seien erste Ansätze, um einen langfristigen Rollout der Technologie in Europa zu ermöglichen. In Deutschland solle die „Nationale Wasserstoffstrategie“ der Bundesregierung Grünen Wasserstoff gegenüber den noch günstigeren fossilen Energieträgern wirtschaftlicher machen. Länder wie Deutschland seien allerdings nicht in der Lage, ihre Grundversorgung mit klimaneutraler Elektrizität vollständig aus heimischen regenerativen Energiequellen sicher zu stellen und daher für längere Zeit auf umfangreiche Importe angewiesen. Als Energielieferanten kämen wind- und sonnenreiche Länder in Nordafrika und dem Mittleren Osten in Frage. Dabei bestehe jedoch das Risiko, dass ein globaler Verteilungswettkampf um grüne Energie den „Kampf ums Öl“ ablösen könnte. Ob und wie stark dieser Faktor die europäische Wasserstoff-Strategie beeinträchtigen werde, sei derzeit laut Studie noch nicht abzusehen.

Das Jahrhundertprojekt einer Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bringe eine Vielzahl attraktiver Investmentthemen mit sich. Neben spezialisierten Herstellern von Elektrolyseuren und Brennstoffzellen zählten Anlagenbauer, Unternehmen im Bereich Solarenergie und Windkraft, Betreiber von Gasnetzen oder Tankerflotten, technische Systemintegratoren sowie Anbieter neuartiger Mobilitätskonzepte zu möglichen Gewinnern. „Die aufkommende Wasserstoffindustrie bietet vielfältige und attraktive Anlagethemen. Dabei sollten Investoren jedoch stets die politischen Rahmenbedingungen im Blick behalten und auch das Risiko von ‚Hype Cycles‘, also temporärer euphorischer Überschätzung zukünftiger Wachstumsaussichten, berücksichtigen“, ergänzt Dr. Heinz-Werner Rapp.

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DEXTRO mit neuer Risikoklassenmethodik

Von Dr. Oliver Everling | 10.Januar 2022

Eine neue Risikoklassenmethodik mit sieben Risikoklassen (RK1 bis RK7 ähnlich MiFiD II bzw. SRRI) und zugleich Emanzipation vom Dogma „historische Volatilität“ sollen die Risikoeinstufungen der DEXTRO Group künftig bestimmen und weiterhin auf den Säulen Prognoserisiko / Renditevolatilität, Kapitalverlustwahrscheinlichkeit und Totalverlustwahrscheinlichkeit beruhen.

Das aktuelle Konzept der SRRI (Synthetic Risk and Reward Indicator) sieht sieben Risikoklassen vor. Der SRRI gibt den Risiko- und Ertragsindikator für Investmentfonds an und ist eine hilfreiche Kennzahl für Anleger.

Nach den Vorgaben des Kleinanlegerschutzes und den europäischen gesetzlichen Regelungen müssen Fondsgesellschaften den Risikoindikator ausweisen. In Deutschland geschieht dies in der Regel im Verkaufsprospekt oder weiteren Verkaufsunterlagen eines Fonds, insb. in den sog. „Wesentlichen Anlegerinformationen“ („WAI“ bzw. „KIID“).

Dieser Ansatz wird als sinnvoll betrachtet und begrüßt durch die DEXTRO Group. Entsprechend passt die DEXTRO Group die Risikoklassifizierung an. Das neue Regime ab Januar 2022 bietet mit sieben Stufen eine differenzierte Betrachtung gegenüber dem bisherigen WpHG Standard mit fünf Risikoklassen.

Der Prozess der Risikoeinstufung von Finanzanlageprodukten (bspw. AIF-Beteiligung, Aktien-ETF, Anleihe oder Nachrangdarlehen) gestaltet sich analog dem Ratingprozess und basiert auf dessen Ergebnissen. Abweichend von der Ratingfeststellung konzentriert sich die Risikoeinstufung allerdings auf der Betrachtung der Risikokomponenten eines Anlageproduktes und unterwirft diese dem Vergleich mit den typischen Finanzanlageprodukten der jeweiligen Risikoklassen.

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Moral Hazard – Finanzielle, rechtliche und wirtschaftliche Perspektiven

Von Dr. Oliver Everling | 7.Januar 2022

Es ist das erste Buch, das eine interdisziplinäre Analyse von Moral Hazard bietet und erklärt, warum die Auseinandersetzung mit diesem Thema heute so wichtig ist. Als solches wird es das Interesse von Wissenschaftlern aus verschiedenen Bereichen, einschließlich Wirtschaftswissenschaftlern, Politikwissenschaftlern und Rechtsanwälten, wecken: Moral Hazard: A Financial, Legal, and Economic Perspective (Routledge International Studies in Money and Banking).

Die Herausgeber des Buches: Juan Flores Zendejas ist außerordentlicher Professor am Institut für Geschichte, Wirtschaft und Gesellschaft der Universität Genf. Norbert Gaillard ist Ökonom und unabhängiger Berater. Rick Michalek ist ein in New York ansässiger unabhängiger Rechts- und Finanzberater.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Teil I umfasst zwei Kapitel und ist konzeptioneller Natur. Es befasst sich mit der Ethik und anderen grundlegenden Fragen im Zusammenhang mit Moral Hazard. Teil II liefert historische und empirische Beweise zum Moral Hazard im internationalen Finanzwesen. Hier werden die Exportkreditindustrie, die internationalen „Kreditgeber der letzten Instanz“ und der IWF untersucht. Teil III schließlich befasst sich mit Moral Hazard im Finanz- und Unternehmensbereich. Kapitel 10 bietet globale Schlussfolgerungen und gibt Empfehlungen.

In Kapitel 2 befasst sich Rutger Claassen mit der ethischen Perspektive und analysiert die Verflechtung von Moral mit dem Begriff „Moral Hazard“. Er zeigt, dass der Begriff „moralisches Risiko“ historisch gesehen eine starke moralische Konnotation hatte, da denen, die Versicherungssysteme missbrauchten, moralische Schuld zugeschrieben wurde. Ökonomen haben Moral Hazard jedoch als neutralen Fachbegriff genommen und sehen das Risikoanpassungsverhalten des Einzelnen einfach als rational kalkulierte Reaktion auf Versicherungs- und Versicherungssituationen. Aber die Frage bleibt nach Ansicht des Autors bestehen: Ist moralisch gefährliches Verhalten – manchmal oder immer – unmoralisch? Moral Hazard sei pro tanto moralisch falsch. Seine Analyse basiert auf der Tatsache, dass Versicherungen Menschen in ein Treuhandverhältnis einbringen. Sie sind dann moralisch verpflichtet, für die anderen in ihrem Versicherungspool zu handeln und zu versuchen, ein optimales soziales Risikoniveau zu erreichen. Es gibt jedoch entlastende Gründe, die die moralische Verantwortung mindern. Schließlich werden die politischen Implikationen diskutiert, die am Moral Hazard von Großbanken in der Finanzkrise veranschaulicht werden.

In Kapitel 3 bestreitet Stefano Ugolini die allgemein akzeptierte Vorstellung, dass die Kreditvergabe als letztes Mittel notwendigerweise dem Moral Hazard förderlich ist. Sein Kapitel hinterfragt diese Behauptung, indem es die Entwicklung der monetären Theorie und Praxis über einen sehr langen Zeitraum verfolgt. Während die meisten Ökonomen den Zusammenhang zwischen Kreditvergabe als letztem Mittel und moralischem Risiko für unvermeidlich halten, haben andere (insbesondere Walter Bagehot) behauptet, dass die beiden unter bestimmten Bedingungen voneinander getrennt werden können. Er gibt einen kurzen Überblick über die Praktiken der Währungsbehörden im Laufe der Jahrhunderte sieht hier Bestätigungen seiner These.

In Kapitel 4 zeigen Gaillard und Darbellay, wie die Maßnahmen von Exportkreditagenturen (ECA) und Export-Importbanken (EIBs) Moral Hazard gefördert und Risikoverhalten ausgelöst haben. Sie untersuchen, wie und warum die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen von ECAs und EIBs dazu beigetragen haben, Moral Hazard zu verstärken. Sie erklären, dass Moral Hazard aus einer Kombination des harten internationalen Wettbewerbs und der Informationsasymmetrie zwischen Versicherern/Kreditgebern, Exporteuren und Importeuren resultiert. Gaillard und Darbellay verfolgen die Praktiken der US-amerikanischen Exim Bank in den 1970er Jahren. Ihr Bericht deutet darauf hin, dass diese Institution im Kontext massiver Kreditvergabe an Entwicklungsländer auf die Verwendung eines zuverlässigen Länderrisiko-Ratingsystems verzichtet und den ausländischen Kreditnehmern Priorität einräumt, die am ehesten in der Lage sind, eine Vorzugsbehandlung von ihrer Regierung zu erhalten. Ein wichtiges, aber nicht überraschendes Ergebnis dieser Situation war, dass der Prozentsatz notleidender Kredite zwischen 1975 und 1982 in die Höhe schoss und die Glaubwürdigkeit der US-amerikanischen Exim Bank untergrub.

Kapitel 5 gibt einen Überblick über die Bemühungen um die internationale Zusammenarbeit im Streben nach Finanzstabilität. Flores Zendejas und Gaillard argumentieren, dass sowohl der Gläubiger- als auch der Schuldner-Moral-Hazard die Handlungen eines internationalen Kreditgebers der letzten Instanz (International Lender Of Last Resort, ILOLR) untergraben haben. Sie unterscheiden historische Perioden und zeigen, wie die Bank of England und die Bank of France in den Jahren der Pax Britannica de facto ILOLR waren und es schafften, beide Arten von Moral Hazard einzudämmen. In den Zwischenkriegsjahren entwickelte der Völkerbund neue Formen von Krediten der letzten Instanz, konnte die Weltwirtschaftskrise jedoch nicht verhindern, weil die wichtigsten kapitalexportierenden Länder nicht zusammenarbeiteten. Schließlich gewährte der IWF seit seiner Gründung im Jahr 1944 verschiedene Kreditfazilitäten unter der Bedingung, dass die Empfängerländer eine makroökonomische Stabilisierung akzeptieren. Flores Zendejas und Gaillard behaupten, dass der Prozess der finanziellen Globalisierung, der in den 1980er Jahren begann, das Moral Hazard der Gläubiger verschärfte. Für sie wurde dieses Thema vom IWF weitgehend übersehen, sollte aber allen politischen Entscheidungsträgern Anlass zur Sorge geben.

Kapitel 6 untersucht, wie es dem IWF gelingt, Moral Hazard zu bekämpfen. Giuseppe Bianco beschreibt, wie die Schuldentragfähigkeitsanalyse und die Konditionalität zwei wichtige politische Instrumente sind, die das moralische Risiko von Schuldnern begrenzen. Bei Bedarf muss ein Land seine Schulden umstrukturieren, bevor es Hilfen erhalten kann. Als nächstes muss sich ein Land im Austausch für die IWF-Hilfe zu wirtschaftlichen Reformen verpflichten: Diese Konditionalität soll sicherstellen, dass die Regierung „ihre Hausaufgaben macht“. Die Politik der Kreditvergabe in Zahlungsverzug (während der Übernahme einer Position eines vorrangigen Gläubigers) und das Erfordernis von Finanzierungszusicherungen sind darauf ausgerichtet, das Moral Hazard der Gläubiger einzudämmen. Sie drängen private Gläubiger zu einer ausgehandelten Vereinbarung mit ihrem Staatsschuldner, um die Schuldenkrise zu lösen und das Eingreifen des IWF zu erleichtern. Der bevorzugte Gläubigerstatus des Fonds mindert beide Arten von Moral Hazard. In diesem Kapitel werden die Stärken und Inkonsistenzen bei der Verwendung und Anwendung dieser Richtlinien aufgezeigt.

In Kapitel 7 argumentieren Gaillard und Michalek, dass die zwischen 1970 und 1984 häufig beobachteten Rettungsaktionen den Weg in die gegenwärtige Ära des Moral Hazard geebnet haben. 1971 wurde die Rettungsaktion von Lockheed vom Kongress mit knapper Mehrheit verabschiedet, was die Bedenken der politischen Entscheidungsträger über den staatlichen Interventionismus widerspiegelte. Gaillard und Michalek zeigen jedoch, dass Rettungsaktionen zwischen 1974 und 1981 zu einem gängigen Instrument der Politik wurden. Die Größe des Unternehmens war eindeutig ein entscheidender Faktor bei der Entscheidung der Behörden, ob sie gerettet werden sollten oder nicht. Die Institutionalisierung der „“Too Big To Fail“ bzw. TBTF-Politik wurde 1982–1984 abgeschlossen. 1982 forderte die Reagan-Regierung zusätzliche IWF-Quoten zur Unterstützung der von den Staatsschuldenturbulenzen betroffenen US-Banken. 1984 stellte der Comptroller of the Currency fest, dass große Banken jetzt TBTF sind. Für Gaillard und Michalek förderte dieses neue Paradigma die Risikobereitschaft und brachte eine heimtückische Form der „großen Regierung“ hervor.

In Kapitel 8 behaupten Gotoh und Sinclair, dass die Automobilindustrie aufgrund ihres hochgradig politisierten Charakters verschiedene Beispiele von Moral Hazard erlebt hat. Dieses Kapitel beleuchtet zwei gegensätzliche Arten von Moral Hazard: die liberale Kritik des Staatsinterventionismus und die kritische Sicht des kurzfristigen Finanzkapitalismus. Für Gotoh und Sinclair wird die erstgenannte Form des Moral Hazard vor allem in koordinierten Marktwirtschaften gesehen, wo die Regierung durch Industriepolitik und Rettungspakete interveniert. Die Autoren präsentieren eindrucksvolle Beispiele anhand der Fälle Nissan und Renault, in die von der japanischen und französischen Regierung eingegriffen wurde. Sie argumentieren, dass die letztgenannte Art von Moral Hazard vor allem in liberalen Marktwirtschaften beobachtet wird, die den kurzfristigen Shareholder Value und die finanziellen Renditen betonen. Das aufschlussreichste Beispiel war der Fall von General Motors, wo unzureichende Investitionen in Forschung und Entwicklung und die Abhängigkeit von firmeneigenen Finanzmitteln dazu dienten, hohe Dividenden und Rentnerleistungen aufrechtzuerhalten.

Kapitel 9 von Cheryl Block befasst sich mit einzigartigen Design- und Kostenschätzungsherausforderungen in Bezug auf die US-Notfallreaktionen in der Finanzkrise 2007-2009 und die COVID-19-Pandemie 2020. Insbesondere zeigt sie, dass die fragmentierte und unzureichende US-Notfallinfrastruktur oft überstürzte Ad-hoc-Lösungen für Krisen erfordert, was zu ineffizienten und schlampigen Lösungen führt. In diesem Kapitel werden Hilfsmaßnahmen und rettungsähnliche Interventionskonzepte verglichen, die von der Federal Reserve, anderen Regierungsbehörden und dem Kongress als Reaktion auf beide Krisen umgesetzt wurden, und konzentriert sich insbesondere auf den Emergency Economic Stabilization Act (EESA) von 2008 und den Coronavirus Aid, Relief, and Economic Security Act (CARES-Gesetz). Berücksichtigt werden auch nicht ohne weiteres quantifizierbare spezifische Budgetkosten, darunter potenzielle Moral Hazards, indirekte Entlastungen durch besondere Steuererleichterungen und Abbau von Regulierungen.

Im abschließenden Kapitel fassen Gaillard und Michalek die wichtigsten Argumente und Ergebnisse der Kapitel 2–9 zusammen und unterbreiten dann Empfehlungen zur Beseitigung der Wurzeln von Moral Hazard, die über die „Feinabstimmung“ der makroprudenziellen und mikroprudenziellen Politik hinausgehen. Erstens sollte nach Meinung der Autoren die Federal Reserve die Entwicklung der Preise von Finanzanlagen in ihre Geldpolitik einbeziehen. Zweitens wird die strikte Trennung der Einlagenfunktion der Universalbanken von ihren Kapitalmarktaktivitäten befürwortet. Drittens könnten TBTF-Banken gezwungen sein, einen bestimmten Prozentsatz der von ihnen stammenden Wertpapiere zu halten. Viertens sollte die Häufigkeit, mit der ein Wertpapier als Sicherheit verwendet werden kann, drastisch reduziert werden. Fünftens könnte eine Mikrosteuer auf alle elektronischen Zahlungen eingeführt werden, um spekulative Transaktionen mit asymmetrischen Renditen im Verhältnis zu ihrem maximalen Risiko zu bestrafen. Sechstens müssen nach Ansicht der Autoren bestimmte Arten von Finanzprodukten verboten werden. Siebtens sollten einige „sichere Häfen“, die in Gesetze und Vorschriften eingebettet sind, die moralisch gefährliches Verhalten ermöglichen, überdacht werden.

Das Buch liefert Denkanstöße, auf die niemand in der Ratingbranche verzichten sollte.

 

Themen: Bankenrating, Ethisches Rating, Governancerating, Kommunalrating, Kreditrating, Länderrating, Rezensionen, Unternehmensrating, Verbriefungsrating, Versicherungsrating | Kein Kommentar »

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