Die Macht der Finfluencer ist das Symptom einer fehlenden Ratingkultur

Von Dr. Oliver Everling | 15.Juli 2026

Die wachsende Bedeutung von Finanz-Influencern in sozialen Medien wird häufig als Folge der Digitalisierung oder veränderter Mediengewohnheiten interpretiert. Tatsächlich weist sie jedoch auf ein tiefer liegendes Problem hin: Es hat sich bis heute keine gesunde Ratingkultur entwickelt, in der unabhängige, verlässliche und miteinander im Wettbewerb stehende Ratingagenturen Anlegern die Informationen bereitstellen, die sie für fundierte Finanzentscheidungen benötigen. Wo vertrauenswürdige Orientierung fehlt, entstehen Informationslücken, die von Influencern gefüllt werden.

Nach einer aktuellen Untersuchung beziehen heute Millionen Menschen ihre Finanzkenntnisse über kurze Videos auf Plattformen wie TikTok. Besonders junge Erwachsene nutzen soziale Medien als wichtigste Informationsquelle zu Themen wie Vermögensaufbau, Investitionen oder Budgetplanung. Ursache hierfür sei unter anderem, dass Schulen finanzwirtschaftliche Themen vielfach nur unzureichend vermitteln und viele Menschen deshalb nach leicht zugänglichen Alternativen suchen.

Die Studie zeigt zugleich, dass der Einfluss vieler sogenannter Finfluencer in bemerkenswertem Gegensatz zu ihrer fachlichen Qualifikation steht. Bei fast drei Viertel der untersuchten Inhalte seien keine nachvollziehbaren beruflichen Qualifikationen oder finanzwirtschaftlichen Ausbildungen der Autoren erkennbar gewesen. Gleichzeitig würden Risiken häufig ausgeblendet, während mögliche Gewinne überbetont würden. Darüber hinaus würden viele Beiträge zugleich der Vermarktung von Finanzprodukten, Handelsplattformen oder kostenpflichtigen Schulungsangeboten dienen, ohne dass wirtschaftliche Eigeninteressen stets ausreichend offengelegt würden.

Die Erklärung für den Erfolg solcher Influencer liegt jedoch nicht allein in den Algorithmen sozialer Netzwerke. Zwar bevorzugen diese kurze, emotional ansprechende und selbstbewusst vorgetragene Inhalte, die komplexe Zusammenhänge stark vereinfachen und dadurch hohe Reichweiten erzielen. Doch entscheidend ist, dass vielen Anlegern gleichzeitig verlässliche, allgemein akzeptierte Orientierungsmaßstäbe fehlen.

Genau hier offenbart sich das Defizit einer fehlenden Ratingkultur. Ratings erfüllen in funktionierenden Kapitalmärkten die Aufgabe, Informationsasymmetrien zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern abzubauen. Sie sollen Risiken transparent machen, unterschiedliche Informationsstände ausgleichen und nachvollziehbare Urteile ermöglichen. Eine lebendige Ratingkultur setzt dabei voraus, dass mehrere voneinander unabhängige Ratingagenturen im Wettbewerb stehen, ihre Methoden offenlegen und ihre Glaubwürdigkeit dauerhaft unter Beweis stellen müssen. Wettbewerb fördert Qualität, Transparenz und Vertrauen.

Wo eine solche Kultur nicht ausreichend ausgeprägt ist, entsteht ein Vakuum. Anleger orientieren sich dann nicht an nachvollziehbaren Analysen, sondern an Personen mit hoher Reichweite. Die Autorität des Influencers ersetzt die Qualität einer systematischen Bewertung. Reichweite wird mit Kompetenz verwechselt, Popularität mit Glaubwürdigkeit.

Hinzu kommt, dass soziale Medien Erfolgsgeschichten besonders stark verbreiten. Nach den Ergebnissen der Untersuchung werden spektakuläre Renditen, passives Einkommen oder außergewöhnliche Anlageerfolge wesentlich häufiger dargestellt als Fehlschläge oder Verlustrisiken. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild der Finanzmärkte, das psychologische Effekte wie die Angst, Chancen zu verpassen, zusätzlich verstärkt.

Die Aufsichtsbehörden reagieren inzwischen zunehmend auf diese Entwicklung. Sowohl in den USA als auch im Vereinigten Königreich und in Australien wird verstärkt gegen irreführende Finanzwerbung und nicht lizenzierte Anlageberatung in sozialen Medien vorgegangen. Plattformen selbst versuchen zwar, bezahlte Inhalte besser zu kennzeichnen, doch die Abgrenzung zwischen unabhängiger Information, Werbung und Anlageempfehlung bleibt schwierig.

Letztlich verweist die Studie auf einen grundlegenden Zusammenhang zwischen Finanzbildung und Informationsqualität. Weltweit verfügt nach den zitierten Untersuchungen lediglich rund ein Drittel der Erwachsenen über grundlegende Finanzkompetenzen. Wo diese Kenntnisse fehlen, gewinnen einfache Botschaften, scheinbar eindeutige Empfehlungen und charismatische Persönlichkeiten an Einfluss.

Die Antwort auf den Aufstieg finanzwirtschaftlich oftmals unqualifizierter Influencer kann deshalb nicht allein in einer besseren Regulierung sozialer Medien liegen. Erforderlich ist vielmehr der Aufbau einer gesunden Ratingkultur. Anleger benötigen unabhängige, methodisch nachvollziehbare und im Wettbewerb stehende Ratingagenturen, die vertrauenswürdige Informationen bereitstellen und Risiken transparent bewerten. Erst wenn solche Institutionen als selbstverständlicher Bestandteil der Finanzmärkte wahrgenommen werden, verliert die bloße Reichweite eines Influencers ihre Bedeutung als Ersatz für fachliche Kompetenz. Eine funktionierende Ratingkultur stärkt damit nicht nur die Qualität von Investitionsentscheidungen, sondern auch die Stabilität und Glaubwürdigkeit der Kapitalmärkte insgesamt.

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KI-Infrastruktur im Fokus des Credit Ratings: Wenn der Kapitalzyklus zur Bonitätsgefahr wird

Von Dr. Oliver Everling | 14.Juli 2026

Der enorme Boom rund um die künstliche Intelligenz treibt einen historischen Ausbau von Rechenzentren, Halbleitern und Energienetzen voran, der gigantische Summen verschlingt. Während Aktienmärkte vor allem das Wachstumspotenzial feiern, blicken Fremdkapitalgeber und Ratingagenturen mit einer ganz anderen Perspektive auf die Entwicklung: Für sie steht die langfristige Solvenz und das Kreditrisiko der involvierten Akteure im Vordergrund. Aus Sicht des Credit Ratings geht es bei der Bewertung dieser gigantischen Infrastrukturinvestitionen weniger um die Brillanz der Technologie als um die nackten Zahlen der Bilanzen, die Schuldentragfähigkeit und die Frage, ob der künftige Cashflow ausreicht, um die Zins- und Tilgungsverpflichtungen zu bedienen. Jörg Held, Head of Portfolio Management bei ETHENEA Independent Investors S.A., liefert in seiner aktuellen Analyse wertvolle Ansatzpunkte, die auch für die Einschätzung der Kreditwürdigkeit der Branche von zentraler Bedeutung sind.

Ein wesentlicher Faktor für das Credit Rating ist die Kapitalstruktur der Unternehmen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die aktuelle KI-Welle positiv von früheren Technologieblasen, wie etwa der Telekommunikationskrise zur Jahrtausendwende. Die großen Technologiekonzerne, auch Hyperscaler genannt, verfügen über eine enorme eigene Finanzkraft. Wie Jörg Held einordnet, investieren die dominierenden Akteure überwiegend aus ihrem laufenden Cashflow und sind somit weniger stark von einer kurzfristigen Kreditaufnahme über die Rentenmärkte abhängig. Das ist der wichtigste Unterschied zu 1999: Der Kern ist heute robuster, so die Einschätzung des Experten. Für Ratingagenturen bedeutet dies, dass die Kernunternehmen der KI-Infrastruktur über erstklassige Investment-Grade-Ratings verfügen, die durch solide operative Margen in ihren traditionellen Geschäftsfeldern abgesichert sind.

Allerdings zeigen sich an den Rändern des Marktes bereits Entwicklungen, die Kreditprüfer hellhörig machen. Um das rasante Tempo des KI-Ausbaus zu halten, stieg die Verschuldung im Jahr 2025 spürbar an. Die fünf größten Hyperscaler nahmen in diesem Zeitraum mehr als das Dreifache ihres üblichen Fremdkapitals auf, während gleichzeitig ihr freier Cashflow schrumpfte und sich die Investitionen nahezu verdoppelten. Wenn der freie Cashflow sinkt und zeitgleich die Verschuldung steigt, verschlechtern sich klassische Bonitätskennzahlen wie der Verschuldungsgrad (Debt-to-Equity) oder das Verhältnis von Schulden zu EBITDA. Für das Credit Rating birgt diese Dynamik das Risiko von Herabstufungen, sollte sich die Umsatzentwicklung der neuen Infrastruktur verzögern.

Besonders kritisch bewerten Kreditanalysten die zunehmende Nutzung von Zweckgesellschaften außerhalb der Bilanzen, um die massiven Investitionen zu strukturieren. Über solche Konstrukte wurden bereits mehr als 120 Milliarden US-Dollar an Infrastruktur-Schulden ausgelagert. Ratingagenturen versuchen in ihren Analysen stets, diese „versteckten“ Verbindlichkeiten aufzuspüren und wieder in die konsolidierte Bilanz einzurechnen, um das tatsächliche Ausfallrisiko zu ermitteln. Held warnt diesbezüglich eindringlich vor den Risiken dieser Schattenverschuldung: Noch sind das Einzelfälle, aber genau an solchen Stellen reißt in Kapitalzyklen oft zuerst die Kette.

Ein weiterer Risikofaktor für die Kreditqualität ist die Qualität der generierten Umsätze. Ein stabiles Credit Rating setzt voraus, dass Umsätze auf nachhaltigen, unabhängigen Kundenbeziehungen basieren. Im aktuellen KI-Ökosystem lässt sich jedoch eine enge gegenseitige Verflechtung beobachten, bei der Chiphersteller, KI-Entwickler und Cloud-Anbieter wechselseitige Verträge schließen. Wenn Investitionen von Chipherstellern, KI-Laboren und Cloud-Anbietern vor allem gegenseitig Umsätze erzeugen, reicht das nicht, gibt Held zu bedenken. Entscheidend ist, ob am Ende ein profitabler Kunde außerhalb dieses Kreislaufs steht. Für Kreditanalysten ist diese zirkuläre Umsatzstruktur ein Warnsignal, da sie das reale Marktvolumen künstlich aufbläht und die tatsächliche Schuldentragfähigkeit verschleiert.

Zudem rückt die Frage des Wertverzehrs in den Fokus der Bonitätsbewertung. Viele Marktteilnehmer stützen ihre Bewertungen auf das EBITDA, welches Abschreibungen ignoriert. Bei extrem kurzlebigen Wirtschaftsgütern wie modernen KI-Chips, die technologisch oft schon nach wenigen Jahren veraltet sind, ist dieser Ansatz gefährlich. Wenn die Chips schnell an Wert verlieren und ersetzt werden müssen, handelt es sich um reale, wiederkehrende Investitionskosten. Für die Kreditwürdigkeit bedeutet dies, dass Unternehmen kontinuierlich hohe Summen reinvestieren müssen, was den für den Schuldendienst verfügbaren freien Cashflow dauerhaft schmälert.

Am Ende entscheidet die reale Nachfrage darüber, ob die vergebenen Kreditratings stabil bleiben oder ob der Branche eine Welle von Bonitätsherabstufungen droht. Sollten die Kapazitäten ab 2027 die tatsächliche Nachfrage übersteigen, drohen Preisverfälle und ungedeckte Abschreibungen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob KI sich durchsetzt, resümiert Held. Die Frage ist, ob Anleger die Phase überstehen, in der der Markt erkennt, dass er zu viel Nachfrage zu früh eingepreist hat. Für die Stabilität der Kreditmärkte ist diese Erkenntnis essenziell. Denn während Technologiebrüche langfristig die Produktivität steigern, zeigt die Geschichte der Infrastrukturzyklen, dass die ersten Kapitalgeber häufig auf uneinbringlichen Forderungen sitzen bleiben. Wer an den Kreditmärkten investiert, sollte daher genau prüfen, welche Akteure über die Liquidität verfügen, um eine temporäre Durststrecke zu überstehen. Denn wie Held treffend zusammenfasst: Mit der Technologie recht zu behalten, ist nicht dasselbe, wie mit ihr Geld zu verdienen. Die Technologie ist real, aber der Kapitalzyklus ist die Gefahr.

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EthiFinance und ESG Book sehen sich schon als Europas neuen Rating-Champion

Von Dr. Oliver Everling | 9.Juli 2026

EthiFinance und ESG Book schließen sich zusammen und schaffen nach eigenen Angaben eine der größten unabhängigen europäischen Agenturen für Kredit- und Nachhaltigkeitsratings. Mit der Fusion entsteht unter der Marke EthiFinance ein Anbieter, der Nachhaltigkeits- und Kreditratings aus einer Hand bereitstellt und sich als europäische Alternative zu den etablierten US-Anbietern positionieren will.

Die Unternehmen sehen den Zusammenschluss als Reaktion auf die wachsenden Anforderungen im Markt für Sustainable Finance. Hintergrund sind der steigende Bedarf an belastbaren Nachhaltigkeitsdaten, regulatorische Vorgaben und die zunehmende Bedeutung von ESG-Analysen für Investoren, Banken und Unternehmen. Die neue Unternehmensgruppe soll Finanzinstituten, Investoren und Emittenten ein integriertes Angebot aus Daten, Analysen und Ratings bieten.

Carol Sirou, CEO von EthiFinance, bezeichnet den Zusammenschluss als wichtigen Schritt für den Markt: „Wir stehen an einem entscheidenden Moment für Sustainable Finance. Durch die Bündelung unserer Stärken schaffen wir eine Plattform, die den Anforderungen von Finanzinstituten, Investoren und Emittenten in einem dynamischen Markt gerecht wird.“

Auch Justin Fitzpatrick, CEO von ESG Book, sieht in der Fusion eine strategische Weichenstellung. „In einem Markt, der zunehmend von datenbasierter Materialität geprägt ist, braucht Europa einen starken, unabhängigen Champion, der lokales Marktverständnis mit globaler Leistungsfähigkeit verbindet“, erklärt er.

Nach Angaben der Unternehmen beschäftigt die neue Gruppe mehr als 300 Expertinnen und Experten in Europa, den USA, Indien und Japan. Sie betreut über 500 Kunden und verfügt über eine globale Abdeckung von mehr als 76.000 Unternehmen. Zum Leistungsangebot gehören ESG- und Kreditratings, Nachhaltigkeits- und Kreditdaten, Portfolioanalysen, regulatorisches Reporting, Benchmarking sowie Lösungen für das Management von Lieferkettenrisiken. Ergänzt wird das Portfolio durch eine integrierte Technologieplattform, die den Zugang zu Daten und Analysen bündeln soll.

Die Unternehmen betonen zudem ihre Kompetenzen bei der Modellierung von Nachhaltigkeits- und Finanzrisiken. Dazu zählen unter anderem Kennzahlen zu physischen Klimarisiken, Transitionsrisiken und Biodiversität. Ziel sei es, finanzielle und nichtfinanzielle Risikobetrachtungen enger miteinander zu verbinden und insbesondere bestehende Datenlücken in öffentlichen und privaten Märkten zu schließen.

EthiFinance wurde 2004 in Paris gegründet und ist als europäische Ratingagentur auf Kredit- und Nachhaltigkeitsratings spezialisiert. Das Unternehmen ist bei der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA registriert und wird unter anderem von EIOPA und EBA anerkannt. ESG Book mit Hauptsitz in Frankfurt wurde 2018 gegründet und bietet Finanzinstituten weltweit ESG-Daten, Nachhaltigkeitsanalysen sowie Softwarelösungen für Datenmanagement und regulatorische Anforderungen. Mit dem Zusammenschluss wollen beide Unternehmen ihre Marktposition im europäischen Sustainable-Finance-Sektor deutlich ausbauen.

Mit dem Zusammenschluss von EthiFinance und ESG Book wächst der Druck auf die Berliner Scope Group erheblich. Während Scope in den vergangenen Jahren den Anspruch erhoben hat, sich als führende europäische Alternative zu den großen US-Ratingagenturen zu etablieren, sind ihre Marktanteile in mehreren Geschäftsbereichen zuletzt unter Druck geraten. Der neue Wettbewerber vereint nun Kredit- und Nachhaltigkeitsratings, umfangreiche ESG-Daten sowie eine globale Technologieplattform unter einem Dach und verfügt nach eigenen Angaben über mehr als 300 Experten, mehr als 500 Kunden und eine Abdeckung von bis zu 76.000 Unternehmen. Damit dürfte es für Scope schwieriger werden, ihre führende Stellung im europäischen Ratingmarkt zu behaupten – insbesondere im wachstumsstarken Sustainable-Finance-Segment, in dem Größe, Datenverfügbarkeit und internationale Reichweite zunehmend zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren werden.

Rückblickend zeigt sich, dass die Scope Group möglicherweise eine strategische Chance verpasst hat. Während Wettbewerber ihre Geschäftsmodelle frühzeitig um Nachhaltigkeitsratings sowie die Analyse ökologischer, sozialer und Governance-bezogener (ESG-)Risiken erweitert und diese eng mit der klassischen Kreditanalyse verzahnt haben, blieb Scope in diesem Bereich vergleichsweise zurückhaltend positioniert. Der Zusammenschluss von EthiFinance und ESG Book verdeutlicht nun, wie stark der Markt auf integrierte Lösungen setzt. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Scope den Zeitpunkt verpasst haben könnte, sich frühzeitig als führender europäischer Anbieter für die Bewertung ethischer, ökologischer und sozialer Kriterien zu etablieren – ein Segment, das heute als zentraler Wachstumstreiber im Sustainable-Finance-Markt gilt.

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Wirtschaft unter Druck: Coface senkt globale Wachstumsprognose und stuft acht Länder herab

Von Dr. Oliver Everling | 30.Juni 2026

Die globale Wirtschaft steht im Sommer 2026 weiterhin unter erheblichem Druck, da sich die wirtschaftlichen Nachwirkungen des Nahost-Konflikts weltweit bemerkbar machen. Obwohl ein Abkommen zwischen den USA und dem Iran vorübergehend zu einer fragilen Entspannung am Persischen Golf geführt hat, sind die globalen Lieferketten nachhaltig gestört, was den finanziellen Druck auf Unternehmen massiv erhöht. Vor diesem Hintergrund hat der internationale Kreditversicherer Coface reagiert und seine globale Wachstumsprognose für das Jahr 2026 auf 2,3 Prozent herabgesenkt. Laut Coface-Volkswirt Markus Kuger ist eine schnelle Normalisierung derzeit nicht in Sicht, da insbesondere die Straße von Hormus ein zentraler Engpass für den Transport von Öl, Gas und wichtigen Vorprodukten bleibt. Die Blockade dieser Route verdeutlicht das Ausmaß der Krise: Im Mai 2026 passierten lediglich 145 Schiffe die Straße von Hormus, während es im Vorjahreszeitraum noch über 3.300 waren.

Dieser logistische Stress führt in Kombination mit hohen Energiepreisen, die im Jahresdurchschnitt bei schätzungsweise 85 US-Dollar pro Barrel Öl liegen, zu einer spürbaren Belastung der Produktions- und Transportkosten. Kuger führt dazu aus, dass Unternehmen bereits von längeren Lieferzeiten, steigenden Kosten und ersten Engpässen berichten, worauf viele mit einem vorsorglichen Lageraufbau reagieren, der wiederum Liquidität bindet und die Margen zusätzlich belastet. In der Folge rechnet Coface mit einem weltweiten Anstieg der Unternehmensinsolvenzen um 6 Prozent, wovon unter anderem die USA, Frankreich und Japan besonders stark betroffen sein dürften.

Die Auswirkungen treffen die verschiedenen Regionen der Erde mit unterschiedlicher Intensität. Während in Europa hohe Energiepreise und Unsicherheiten die Binnenkonjunktur dämpfen, sodass für die Eurozone nur ein Wachstum von 0,7 Prozent prognostiziert wird, kämpfen die USA mit einer wieder ansteigenden Inflation, die im Mai 4,2 Prozent erreichte und die Kaufkraft einkommensschwächerer Haushalte schmälert. In den Schwellenländern Lateinamerikas, wie beispielsweise in Brasilien mit einem Leitzins von 14,5 Prozent, führen eine restriktivere Geldpolitik und die Teuerung zu weiteren Erschwernissen. In Asien zeigt sich ein gespaltenes Bild, bei dem das verarbeitende Gewerbe und konsumnahe Branchen unter erheblichem Margendruck stehen, wohingegen die Halbleiterindustrie und andere technologiegetriebene Sektoren weiterhin robust wachsen.

Wegen dieser veränderten Rahmenbedingungen hat Coface in seinem aktuellen Risk Review die Länderrisikobewertung für acht Staaten nach unten korrigiert. Besonders heftig trifft es stark importabhängige Volkswirtschaften in Südostasien. Die Länder Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Vietnam wurden jeweils von der Stufe A4 auf B herabgestuft. Als Hauptursachen nennt Markus Kuger höhere Energieimportkosten, wachsende Inflation und einen zunehmenden Druck auf den Außenhandel, welche die wirtschaftliche Stabilität dieser Länder belasten, wobei in Vietnam zusätzlich noch steigende Produktionskosten und Lieferkettenprobleme hinzukommen. Ebenfalls in Asien wurde Kambodscha aufgrund seiner hohen Abhängigkeit von Energieimporten von C auf D herabgestuft.

Auch andere Kontinente und rohstoffabhängige Staaten bleiben von den Korrekturen nicht verschont. In Afrika verschlechterte sich das Risikoumfeld merklich, was zu einer Herabstufung von Tansania von B auf C sowie von Madagaskar von C auf D führte, da dort Inflation, eine schwächere Nachfrage und strukturelle Verwundbarkeiten den Ausschlag gaben. Sogar der Golfstaat Kuwait wurde von A4 auf B zurückgestuft. Die Begründung hierfür liegt in der ausgeprägten Abhängigkeit des Landes vom Öltransport durch die blockierte Straße von Hormus, was das Emirat im aktuellen Marktumfeld besonders anfällig für maritime Handelsstörungen macht.

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„Tech Money“ und seine Bedeutung für das Credit Rating

Von Dr. Oliver Everling | 22.Juni 2026

Mit „Tech Money – A Guide to the New Game of Technology Investing“ legt Igor Pejic ein umfangreiches Sachbuch vor, das sich mit den Zusammenhängen zwischen technologischen Innovationen, Kapitalmärkten und langfristigen Investitionsstrategien beschäftigt. Anhand von hundert Kapiteln und zahlreichen Diagrammen untersucht der Autor, wie technologische Trends entstehen, welche Faktoren ihren wirtschaftlichen Erfolg beeinflussen und welche Schlussfolgerungen Investoren daraus ziehen können. Dabei greift Pejic auf historische Entwicklungen, Experteninterviews und quantitative Daten zurück und verbindet diese zu einer gut lesbaren und praxisorientierten Darstellung.

Das Buch überzeugt insbesondere durch seine breite Perspektive auf Technologiezyklen, Netzwerkeffekte, Innovationsprozesse und die Bedeutung von Forschung, Patenten und Kapitalströmen. Auch Fragen des Risikomanagements, der Diversifikation, regulatorischer Risiken und der Volatilität werden ausführlich behandelt. Der Autor betont wiederholt die Unsicherheit von Prognosen und plädiert für langfristiges Denken sowie für die Berücksichtigung unterschiedlicher Zukunftsszenarien.

Hinsichtlich des Credit Ratings und der Kreditrisikoanalyse ist jedoch festzustellen, dass dieser Bereich nur eine untergeordnete Rolle spielt. Zwar behandelt Pejic die Bedeutung von Unternehmensqualität, Marktposition, Wachstumsperspektiven und finanziellen Risiken, doch klassische Fragestellungen des Credit Ratings werden kaum angesprochen. Weder die Methodik von Ratingagenturen noch Bonitätskennzahlen, Ausfallwahrscheinlichkeiten oder die Bewertung von Unternehmensanleihen stehen im Mittelpunkt des Werkes. Der Fokus liegt eindeutig auf Eigenkapitalinvestitionen, Technologieunternehmen und der Erzielung von Überrenditen gegenüber dem Gesamtmarkt.

Damit eignet sich „Tech Money“ vor allem für Leser, die sich für Aktienmärkte, technologische Entwicklungen und langfristige Anlagestrategien interessieren. Für Spezialisten im Bereich Credit Research oder für Leser, die eine vertiefte Auseinandersetzung mit Bonitätsanalysen und Ratingverfahren erwarten, bietet das Buch hingegen nur wenige direkte Anknüpfungspunkte. Indirekt können die Ausführungen über Wettbewerbsvorteile, Innovationsfähigkeit, Marktstellung und regulatorische Risiken zwar auch für die Beurteilung der Kreditwürdigkeit von Technologieunternehmen von Bedeutung sein, eine systematische Behandlung des Credit Ratings findet jedoch nicht statt.

Insgesamt handelt es sich um ein gut recherchiertes und datenorientiertes Sachbuch, das einen breiten Überblick über die Dynamik des Technologiesektors vermittelt. Seine Stärke liegt in der Analyse technologischer und kapitalmarktbezogener Entwicklungen, während Fragen der Bonitätsbewertung und des Credit Ratings allenfalls am Rande berührt werden.

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Knapper Wahlsieg in Kolumbien stellt Credit Rating auf den Prüfstand

Von Dr. Oliver Everling | 22.Juni 2026

Die Präsidentschaftsstichwahl in Kolumbien hat den erwarteten politischen Kurswechsel gebracht, allerdings deutlich knapper als von vielen Beobachtern prognostiziert. Nach Auszählung von 99,9 Prozent der Stimmen kam Abelardo de la Espriella auf 49,7 Prozent der Stimmen, während Iván Cepeda 48,7 Prozent erreichte. Für die Finanzmärkte ist damit weniger der Wahlsieg selbst von Bedeutung als vielmehr die Frage, welche politischen Handlungsspielräume sich aus diesem engen Ergebnis ergeben.

Viktor Szabo, Investment Director EMD bei Aberdeen Investments, verweist darauf, dass „die Märkte weitgehend eingepreist hatten“, dass de la Espriella die Wahl gewinnen würde. Entscheidend sei nun, „was dieses knappe Mandat für die Regierbarkeit und die Umsetzung der Politik bedeutet“.

Aus Sicht der Investoren verbindet sich mit der neuen Regierung die Erwartung eines wirtschaftspolitischen Kurswechsels. Nach Einschätzung von Szabo dürfte eine Regierung unter de la Espriella Kolumbien „von der derzeitigen Kombination aus sehr lockerer Fiskalpolitik und sehr straffer Geldpolitik wegführen“. Insbesondere die Staatsfinanzen stehen dabei im Fokus. „Eine Haushaltskonsolidierung ist dringend erforderlich: Die Verschuldung steigt, die Finanzpolitik hat an Glaubwürdigkeit verloren“, betont der Experte.

Die neue Regierung hat bislang marktfreundliche Signale ausgesendet. Nach Angaben von Szabo habe das Wirtschaftsteam de la Espriellas „Anzeichen für eine straffere Fiskalpolitik, eine stärkere Achtung der makroökonomischen Institutionen sowie einen offeneren Ansatz bei Investitionen in Kohlenwasserstoffe und den Rohstoffsektor im Allgemeinen signalisiert“. Sollten diese Vorhaben umgesetzt werden, könnten sie das Vertrauen internationaler Investoren stärken, den Zugang zu Kapitalmärkten erleichtern und die mittelfristigen Wachstumsperspektiven verbessern.

Für die Bonitätsbewertung des Landes sind diese Entwicklungen von erheblicher Bedeutung. Ratingagenturen dürften genau beobachten, ob die neue Regierung ihre Ankündigungen tatsächlich in konkrete Maßnahmen umsetzt. Szabo weist darauf hin, dass die Agenturen „Nachweise dafür sehen wollen, dass die neue Regierung den Schuldenkurs wieder auf eine tragfähige Grundlage stellen kann“. Gelingt eine glaubwürdige Konsolidierung der Staatsfinanzen, könnte dies den Druck auf das aktuelle Credit Rating verringern und mittelfristig die Grundlage für einen stabileren Rating-Ausblick schaffen. Umgekehrt würde ein Ausbleiben von Reformen die Zweifel an der fiskalischen Tragfähigkeit verstärken und das Risiko negativer Ratingmaßnahmen erhöhen.

Allerdings bleibt die politische Ausgangslage schwierig. Der zentrale Unsicherheitsfaktor sei laut Szabo das verfügbare politische Kapital des künftigen Präsidenten. De la Espriella habe seinen Wahlkampf stark auf Fragen der inneren Sicherheit ausgerichtet, die nun voraussichtlich auch die politische Agenda der ersten Regierungsmonate prägen werden. Gleichzeitig offenbare das knappe Wahlergebnis „ein Land, das tief gespalten ist zwischen Kontinuität und Wandel“.

Diese Polarisierung könnte die Umsetzung wirtschaftspolitischer Reformen erschweren. Szabo warnt, dass „die Haushaltskonsolidierung, die Energiereformen und investitionsfreundliche Maßnahmen auf gesellschaftlichen und parlamentarischen Widerstand stoßen“ könnten. Gerade für Ratingagenturen ist daher nicht nur die wirtschaftspolitische Ausrichtung relevant, sondern auch die Fähigkeit der Regierung, stabile politische Mehrheiten zu organisieren und Reformen nachhaltig durchzusetzen.

Vor diesem Hintergrund werden Investoren und Bonitätsprüfer die Entwicklung in den kommenden Monaten genau verfolgen. Entscheidend wird sein, ob die neue Regierung eine strengere Sicherheitspolitik mit fiskalischer Disziplin und einer tragfähigen Koalitionsstrategie verbinden kann. Erst dann dürfte sich zeigen, ob der politische Wechsel tatsächlich zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Fundamentaldaten und damit auch der Kreditwürdigkeit Kolumbiens führt.

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ESG und Quality Economy treffen den Zeitgeist

Von Dr. Oliver Everling | 18.Juni 2026

Die bemerkenswerte Resonanz auf das Buch „ESG als Treiber von M&A – Unternehmenskäufe und -zusammenschlüsse erfolgreich managen“ mit mehr als 230.000 Downloads ist kein Zufall. Der Erfolg spiegelt eine Entwicklung wider, die inzwischen tief im institutionellen Kapitalmarkt verankert ist: Nachhaltigkeit wird nicht mehr als ideologisches Zusatzthema verstanden, sondern als integraler Bestandteil von Unternehmensstrategie, Risikomanagement, Bewertung und Wertschöpfung.

Eine aktuelle Untersuchung von Union Investment unter 130 institutionellen Investoren in Deutschland bestätigt genau jene Thesen, die das Buch in seinen zahlreichen Fachbeiträgen behandelt. Danach berücksichtigen heute 85 Prozent der institutionellen Anleger ESG-Kriterien bei ihren Investments. Gleichzeitig sind 68 Prozent überzeugt, dass Nachhaltigkeit langfristig einen hohen ökonomischen Nutzen erzeugt.

Harald Rieger, Leiter des institutionellen Kundengeschäfts bei Union Investment, bringt die Entwicklung auf den Punkt: „Bei den meisten institutionellen Investoren ist Nachhaltigkeit im Investmentprozess fest etabliert. Sie lassen sich durch öffentliche Debatten wenig beeindrucken und konzentrieren sich stattdessen auf die Qualität ihrer Anlagestrategie und den Anlageerfolg.“

Genau diese Verbindung von Nachhaltigkeit und Qualität macht den Kern des Erfolgs des Buches aus. Die Autoren betrachten ESG nicht als regulatorische Pflichtübung, sondern als Instrument zur Verbesserung der Entscheidungsqualität im gesamten M&A-Prozess – von der Due Diligence über die Unternehmensbewertung bis zur Integration nach der Transaktion.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Investoren Nachhaltigkeit keineswegs als Gegensatz zu wirtschaftlichem Erfolg betrachten. Vielmehr sehen die meisten Anleger nachhaltige und konventionelle Anlagen hinsichtlich Rendite und Risiko auf vergleichbarem Niveau. Für 40 Prozent besitzt Nachhaltigkeit sogar eine hohe Bedeutung für das Risikomanagement ihrer Kapitalanlagen.

Rieger betont daher ausdrücklich: „Nachhaltigkeit bleibt bei institutionellen Investoren in der Breite etabliert. Die nachhaltige Kapitalanlage ist jedoch kein Selbstzweck, sondern muss auch ökonomisch sinnvoll sein.“

Damit wird ein Gedanke bestätigt, der weit über ESG hinausreicht und unmittelbar zur Bedeutung des Buches Quality Economy führt.

Während ESG die ökologischen, sozialen und Governance-bezogenen Aspekte wirtschaftlichen Handelns strukturiert erfasst, geht die Idee der Quality Economy einen Schritt weiter. Sie fragt nach der Qualität wirtschaftlicher Entscheidungen insgesamt. Qualität bedeutet dabei nicht nur Produktqualität. Sie umfasst die Qualität von Managemententscheidungen, Unternehmensführung, Risikobewertung, Transparenz, Daten, Prozessen, Ratings und langfristiger Wertschöpfung.

Die Ergebnisse der Investorenbefragung zeigen, dass genau diese Qualitätsdimensionen heute über den Erfolg von Kapitalanlagen entscheiden. Nachhaltigkeit wird von den Investoren nicht deshalb berücksichtigt, weil sie politisch gefordert wird, sondern weil sie als Qualitätsmerkmal wirtschaftlicher Entscheidungen verstanden wird.

Besonders deutlich wird dies an der Kritik der Investoren an der Regulierung. 92 Prozent fordern eine praktikablere ESG-Regulierung. Gleichzeitig geben 60 Prozent an, bereits über gute oder sehr gute Kenntnisse nachhaltiger Kapitalanlagen zu verfügen. Die Investoren wünschen sich also nicht weniger Nachhaltigkeit, sondern bessere Qualität in der Umsetzung.

Auch hierzu liefert die Studie eine bemerkenswerte Aussage. Laut Rieger sehen institutionelle Anleger Nachhaltigkeit inzwischen als „integrales Instrument ihres Investmentprozesses und Risikomanagements“. Genau diese Integration verschiedener Qualitätsdimensionen steht im Zentrum der Quality Economy.

Die Studie zeigt zudem eine hohe Realitätsnähe der Investoren. So glauben 91 Prozent nicht daran, dass die Pariser Klimaziele in ihrer heutigen Form erreicht werden können. Gleichzeitig halten 87 Prozent an nachhaltigen Anlagestrategien fest. Diese Kombination aus Ambition und Pragmatismus ist charakteristisch für eine Qualitätsorientierung. Es geht nicht um Symbolpolitik oder reine Absichtserklärungen, sondern um wirksame Verfahren zur Steuerung von Risiken und Chancen.

Auch die Diskussion um Künstliche Intelligenz bestätigt diesen Trend. Die große Mehrheit der Investoren erwartet Auswirkungen der KI auf Nachhaltigkeit. Während 56 Prozent positive Effekte sehen, befürchten 44 Prozent steigenden Ressourcenverbrauch und zusätzliche Belastungen für das Klima. Die Debatte wird also nicht ideologisch geführt, sondern entlang von Chancen, Risiken und Qualität der Ergebnisse.

Der Erfolg von „ESG als Treiber von M&A“ beruht letztlich darauf, dass das Werk einen Paradigmenwechsel frühzeitig aufgegriffen hat. Nachhaltigkeit wird darin als Bestandteil langfristiger Wertschöpfung verstanden. Die aktuelle Investorenbefragung bestätigt diese Sichtweise eindrucksvoll. Nachhaltigkeit ist für professionelle Anleger weder Modeerscheinung noch Selbstzweck. Sie ist Teil eines umfassenden Qualitätsverständnisses wirtschaftlicher Entscheidungen.

Genau deshalb gewinnt auch die Idee der Quality Economy an Bedeutung. In einer Zeit wachsender Unsicherheit, komplexer Regulierung, technologischer Umbrüche und steigender Anforderungen an Transparenz wird Qualität zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Die mehr als 230.000 Downloads des ESG-Buches zeigen, dass Wirtschaft, Finanzmärkte und Wissenschaft nach Orientierung suchen. Die Quality Economy liefert den übergeordneten Rahmen dafür: Sie verbindet Nachhaltigkeit, Governance, Risiko- und Qualitätsmanagement zu einem gemeinsamen Ziel – der Schaffung langfristiger, belastbarer und verantwortungsvoller Wertschöpfung.

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Immersive Analytics und Credit Ratings

Von Dr. Oliver Everling | 12.Juni 2026

Das Buch „Immersive Analytics“ (ISBN 978-3-030-01388-2) gilt als eines der grundlegenden Werke auf diesem noch jungen Forschungsgebiet und beschreibt die Vision, moderne Datenanalyse durch Virtual Reality, Augmented Reality und andere immersive Technologien grundlegend weiterzuentwickeln.

Immersive Analytics und Credit Ratings haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Während sich Credit Ratings mit der Bewertung der Kreditwürdigkeit von Staaten, Unternehmen oder Finanzinstrumenten befassen, beschäftigt sich Immersive Analytics mit neuen Formen der Datenanalyse unter Einsatz von Virtual Reality, Augmented Reality und anderen interaktiven Technologien. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass beide Bereiche durch eine gemeinsame Herausforderung miteinander verbunden sind: die Verarbeitung immer größerer und komplexerer Datenmengen zur Unterstützung fundierter Entscheidungen.

Die Ratingbranche steht seit Jahren vor einem stetigen Anstieg der verfügbaren Informationen. Ratinganalysten müssen nicht nur Finanzkennzahlen auswerten, sondern auch makroökonomische Entwicklungen, geopolitische Risiken, regulatorische Veränderungen, Nachhaltigkeitsaspekte und branchenspezifische Trends berücksichtigen. Die Menge an Daten übersteigt dabei häufig die Fähigkeit einzelner Analysten, sämtliche Zusammenhänge intuitiv zu erfassen. Genau an diesem Punkt setzt die Idee der Immersive Analytics an. Sie entstand aus der Erkenntnis, dass die „amount and complexity of data available to us far surpass our ability to understand or to utilise them in decision-making“. Ziel ist es, Menschen dabei zu unterstützen, komplexe Informationen besser zu verstehen und in Entscheidungsprozesse einzubeziehen.

Traditionell erfolgt die Analyse von Rating-relevanten Daten auf Desktop-Computern mithilfe von Tabellen, Diagrammen und Berichten. Die Autoren des grundlegenden Werkes zur Immersive Analytics weisen jedoch darauf hin, dass „the affordances of the display and input devices used for analysing data strongly affect the experience of the users of such systems and, thereby, their degree of engagement and productivity“. Für Ratingagenturen bedeutet dies, dass die Art der Datenpräsentation einen direkten Einfluss auf die Qualität der Analyse haben kann. Wenn Risiken, Abhängigkeiten und Szenarien räumlich visualisiert und interaktiv erkundet werden können, lassen sich möglicherweise Muster erkennen, die in klassischen Darstellungen verborgen bleiben.

Besonders interessant ist dies bei der Analyse komplexer Unternehmensgruppen oder globaler Lieferketten. Kreditrisiken entstehen häufig nicht isoliert, sondern durch ein Netzwerk von Beziehungen zwischen Tochtergesellschaften, Banken, Zulieferern, Kunden und staatlichen Institutionen. Immersive Analytics könnte es Analysten ermöglichen, diese Beziehungen in dreidimensionalen Umgebungen zu betrachten und verschiedene Stressszenarien in Echtzeit zu simulieren. Die Auswirkungen einer Rezession, eines geopolitischen Konflikts oder eines Anstiegs der Finanzierungskosten könnten unmittelbar sichtbar gemacht werden. Dadurch würde die Analyse nicht nur effizienter, sondern auch intuitiver.

Ein weiterer Berührungspunkt liegt in der Zusammenarbeit von Experten. Ratingentscheidungen werden selten von einzelnen Personen getroffen. Vielmehr arbeiten Teams aus Branchenexperten, Volkswirten und Kreditanalysten zusammen. Die Vision der Immersive Analytics besteht darin, „barriers between people, their data, and the tools they use for analysis“ zu beseitigen und Analysewerkzeuge zu entwickeln, die „support data understanding and decision-making everywhere and by everyone, either working individually or collaboratively“. Für Ratingagenturen könnte dies bedeuten, dass internationale Analystenteams gemeinsam in virtuellen Datenräumen arbeiten, Risiken diskutieren und unterschiedliche Annahmen unmittelbar visualisieren.

Auch die zunehmende Bedeutung von künstlicher Intelligenz verstärkt die Relevanz dieser Entwicklung. Moderne Ratingmodelle generieren immer komplexere Ergebnisse, deren Nachvollziehbarkeit eine zentrale Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit von Ratings bleibt. Immersive Analytics kann dazu beitragen, die Ergebnisse algorithmischer Modelle transparenter zu machen. Statt lediglich eine Kennzahl oder eine Ratingnote zu präsentieren, könnten Analysten die zugrunde liegenden Einflussfaktoren und deren Wechselwirkungen visuell erkunden. Dies würde die Transparenz gegenüber Investoren, Aufsichtsbehörden und Emittenten erhöhen.

Langfristig könnte Immersive Analytics die Arbeitsweise von Ratingagenturen ähnlich stark verändern, wie die Einführung digitaler Datenbanken oder moderner Analyseplattformen in der Vergangenheit. Die Verbindung aus menschlicher Expertise, leistungsfähigen Algorithmen und immersiven Visualisierungstechnologien eröffnet neue Möglichkeiten, komplexe Kreditrisiken besser zu verstehen und fundiertere Entscheidungen zu treffen. In einer Welt, in der die verfügbaren Datenmengen weiter exponentiell wachsen, könnte gerade diese Fähigkeit zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil für Ratingagenturen und andere Akteure der Finanzmärkte werden.

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Erleichtertes Downlisting in Scale und die Folgen für die Ratingpraxis

Von Dr. Oliver Everling | 12.Juni 2026

In Zeiten steigender Regulierungskosten und zunehmender Transparenzanforderungen stellt sich für viele börsennotierte Unternehmen die Frage, ob die Zugehörigkeit zum regulierten Markt langfristig noch den optimalen Rahmen für ihre Kapitalmarktstrategie bietet. Gleichzeitig suchen Gesetzgeber und Börsenbetreiber nach Wegen, den Kapitalmarkt attraktiver zu gestalten und Unternehmen den Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten zu erleichtern. Vor diesem Hintergrund gewinnen sogenannte Downlistings – also der Wechsel von einem streng regulierten Börsensegment in ein weniger reguliertes Marktsegment – zunehmend an Bedeutung. Die jüngsten Änderungen der Frankfurter Wertpapierbörse zum Wechsel in das KMU-Wachstumssegment Scale sind daher weit mehr als eine technische Anpassung des Börsenrechts. Sie spiegeln einen grundlegenden Trend wider, der auch für Ratingagenturen von erheblicher Bedeutung ist.

Mit den Auswirkungen dieser Entwicklung befassen sich die Kapitalmarktrechtsexperten Dr. Andreas Meyer, Dr. Anne de Boer und Dr. Mirko Sickinger in ihrem Fachbeitrag „Erleichtert die Börse das Downlisting in Scale? Ja, aber …“. Die Autoren verfügen über langjährige Erfahrung in der Beratung börsennotierter Unternehmen sowie bei kapitalmarktrechtlichen Transaktionen und regulatorischen Fragestellungen. Ihre Analyse beleuchtet die jüngsten Anpassungen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen für den Freiverkehr an der Frankfurter Wertpapierbörse und bewertet, inwieweit die neuen Regelungen den Wechsel vom regulierten Markt in das Segment Scale tatsächlich erleichtern. Die Untersuchung ist nicht nur für Emittenten relevant, sondern bietet auch Ratingagenturen wichtige Erkenntnisse über zukünftige Entwicklungen bei Transparenzanforderungen, Offenlegungspflichten und der Qualität kapitalmarktrelevanter Informationen.

Ausgangspunkt der Analyse ist die durch das Standortfördergesetz geschaffene Möglichkeit für Emittenten, ihre Aktien ohne Delisting-Erwerbsangebot vom regulierten Markt in das Segment Scale zu überführen. Mit Wirkung zum 12. Juni 2026 hat die Frankfurter Wertpapierbörse zudem weitere Erleichterungen eingeführt. Besonders hervorzuheben sind der Wegfall der bisherigen Mindestmarktkapitalisierung von 30 Millionen Euro sowie die Reduzierung der Streubesitzanforderungen auf grundsätzlich zehn Prozent. Diese Änderungen senken die Hürden für einen Segmentwechsel erheblich und eröffnen auch kleineren oder weniger liquiden Unternehmen neue Optionen für ihre Kapitalmarktpräsenz.

Für Ratingagenturen ist diese Entwicklung aus mehreren Gründen relevant. Zum einen können erleichterte Downlisting-Möglichkeiten dazu führen, dass künftig mehr Unternehmen den regulierten Markt verlassen, um von geringeren regulatorischen Anforderungen und niedrigeren Kosten zu profitieren. Damit stellt sich die Frage, ob sich die Verfügbarkeit und Qualität der für Ratinganalysen benötigten Informationen verändern. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass wesentliche Transparenzanforderungen weiterhin bestehen bleiben. Auch nach dem Wechsel in das Segment Scale müssen Unternehmen Jahres- beziehungsweise Konzernabschlüsse veröffentlichen, Angaben zu ihrer Finanzlage machen und bestimmte kapitalmarktrechtliche Folgepflichten erfüllen. Dadurch bleibt eine wichtige Informationsbasis für die Beurteilung von Bonitäts- und Ausfallrisiken erhalten.

Gleichzeitig weist der Fachbeitrag auf Entwicklungen hin, die aus Sicht von Ratingagenturen kritisch betrachtet werden sollten. So werden die Anforderungen an das Einbeziehungsdokument für Downlisting-Fälle zwar vereinfacht, jedoch entfällt künftig die systematische Darstellung emittentenspezifischer Risikofaktoren. Stattdessen müssen vor allem die für die Wertpapiere wesentlichen Risiken beschrieben werden. Für Ratingagenturen bedeutet dies potenziell einen Verlust an strukturiert aufbereiteten Informationen über operative, strategische oder branchenspezifische Risiken eines Unternehmens. Zwar können solche Informationen weiterhin aus Geschäftsberichten, Lageberichten oder anderen Veröffentlichungen gewonnen werden, doch erhöht sich damit der Analyseaufwand und die Vergleichbarkeit zwischen einzelnen Emittenten kann erschwert werden.

Von besonderem Interesse ist zudem die weiterhin erforderliche Einbindung eines Capital Market Partners. Dieser muss die Geeignetheit des Emittenten für das Segment Scale bestätigen und verschiedene Erklärungen hinsichtlich der Einhaltung kapitalmarktrechtlicher Anforderungen abgeben. Aus Sicht von Ratingagenturen stellen diese Prüfungs- und Bestätigungsprozesse einen zusätzlichen Qualitätsindikator dar. Die Einschaltung eines externen, qualifizierten Marktteilnehmers kann Hinweise auf die Governance-Strukturen, die Compliance-Kultur und die organisatorische Verlässlichkeit eines Unternehmens liefern. Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass die damit verbundenen Haftungsrisiken und Kosten erheblich sein können und teilweise nicht mit den Deregulierungszielen der Reform harmonieren.

Auch die weiterhin vorgeschriebene Betreuung durch einen Capital Market Partner während der ersten beiden Jahre nach der Einbeziehung in Scale ist für die Ratingpraxis nicht ohne Bedeutung. Diese Regelung soll sicherstellen, dass Emittenten ihre kapitalmarktrechtlichen Pflichten ordnungsgemäß erfüllen und eine angemessene Investor-Relations-Arbeit betreiben. Für Ratingagenturen kann dies ein zusätzliches Signal für die Kontinuität und Qualität der Kapitalmarktkommunikation sein. Allerdings stellen die Autoren die Frage, ob eine solche Begleitung bei Unternehmen, die bereits über langjährige Erfahrung im regulierten Markt verfügen, tatsächlich erforderlich ist.

Der Fachbeitrag verdeutlicht insgesamt die Herausforderung, Deregulierung und Markttransparenz in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Für Ratingagenturen ist diese Balance von zentraler Bedeutung. Einerseits können vereinfachte Börsensegmente und niedrigere Marktzugangshürden die Attraktivität des Kapitalmarktes erhöhen und neuen Emittenten den Zugang zu Investoren erleichtern. Andererseits darf die Reduzierung regulatorischer Anforderungen nicht zu einer Verschlechterung der Informationsqualität führen, da die Aussagekraft von Ratings maßgeblich von der Verfügbarkeit verlässlicher und vergleichbarer Informationen abhängt.

Die Analyse von Meyer, de Boer und Sickinger macht deutlich, dass die jüngsten Reformen zwar zu einer spürbaren Erleichterung des Downlistings beitragen, die bestehenden Anforderungen jedoch weiterhin einen erheblichen Prüfungs- und Dokumentationsaufwand verursachen. Für Ratingagenturen ergibt sich daraus die Notwendigkeit, die Entwicklung des Scale-Segments und die damit verbundenen Veränderungen der Transparenzstandards aufmerksam zu beobachten. Der Beitrag liefert damit wertvolle Impulse für die Diskussion über die Zukunft des deutschen Kapitalmarktes und zeigt zugleich, welche Bedeutung regulatorische Rahmenbedingungen für die Qualität von Unternehmensbewertungen und Ratingprozessen besitzen.

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Das Ende der einfachen Daumenregeln und die Zukunft der Immersive Analytics

Von Dr. Oliver Everling | 11.Juni 2026

Lange Zeit funktionierten Wirtschaft und Kapitalmärkte nach vergleichsweise einfachen Orientierungsmustern. Anleger, Manager und Analysten konnten sich auf etablierte Zusammenhänge verlassen: Hohe Bewertungen galten als Warnsignal, steigende Zinsen als Belastung für Wachstumsunternehmen und breite Diversifikation als wirksamer Schutz gegen Risiken. Doch mit dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz geraten diese bewährten Daumenregeln zunehmend ins Wanken. Die Dynamik technologischer Entwicklungen ist inzwischen so hoch, dass traditionelle Denk- und Analysemodelle immer häufiger an ihre Grenzen stoßen.

Laurent Denize, Chief Investment Officer von ODDO BHF Asset Management, beschreibt die aktuelle Situation als eine Phase außergewöhnlichen Wachstums, in der historische Vergleichswerte immer weniger Orientierung bieten. Angesichts von Umsatzsteigerungen von bis zu 80 Prozent und einer Verdopplung oder Verdreifachung der Gewinne bei führenden Halbleiterunternehmen seien die bisherigen Maßstäbe zur Bewertung von Unternehmen nur noch eingeschränkt anwendbar. Wie Denize formuliert, „sprengt das Wachstum der KI die üblichen kognitiven Modelle“.

Diese Feststellung reicht weit über die Finanzmärkte hinaus. Sie verweist auf eine Entwicklung, die zunehmend alle Bereiche datengetriebener Entscheidungen betrifft. Wenn sich Märkte, Technologien und Geschäftsmodelle schneller verändern als die Werkzeuge, mit denen Menschen sie analysieren, entsteht ein Bedarf an neuen Formen der Informationsverarbeitung. Genau an dieser Stelle gewinnt Immersive Analytics an Bedeutung.

Immersive Analytics verbindet Datenanalyse mit virtuellen und erweiterten Realitäten sowie interaktiven Visualisierungstechnologien. Ziel ist es, komplexe Zusammenhänge nicht nur abstrakt darzustellen, sondern räumlich erfahrbar zu machen. Während klassische Dashboards und Tabellen auf zweidimensionalen Bildschirmen operieren, erlaubt Immersive Analytics die Navigation durch multidimensionale Datenräume. Dadurch werden Muster, Beziehungen und Dynamiken sichtbar, die mit herkömmlichen Methoden oft verborgen bleiben.

Die Notwendigkeit solcher Ansätze zeigt sich besonders deutlich im Technologiesektor. Denize warnt davor, die Technologiebranche als homogenen Block zu betrachten. Es sei „irreführend von der Tech-Branche als einem homogenen Block zu sprechen“. Tatsächlich habe sich die Performance zwischen Unternehmen der KI-Infrastruktur und traditionellen Softwareanbietern innerhalb von drei Jahren um rund 300 Prozent auseinanderentwickelt. Wer unterschiedslos in einen Technologieindex investiere, gehe damit eine Wette auf sehr unterschiedliche Entwicklungen ein. Denize zufolge liegt der Schlüssel vielmehr in „strenger Selektivität und einer durchdachten Diversifizierung“.

Diese Aussage verdeutlicht ein grundsätzliches Problem moderner Entscheidungsfindung: Die relevanten Unterschiede liegen heute häufig nicht mehr zwischen Branchen, sondern innerhalb einzelner Sektoren, Plattformen oder Wertschöpfungsketten. Die Analyse solcher Strukturen überfordert einfache Kategorien und Standardmodelle. Immersive Analytics könnte hier helfen, indem Zusammenhänge zwischen Technologien, Märkten, Unternehmen und regulatorischen Einflüssen visuell und interaktiv dargestellt werden.

Nach Einschätzung von Denize verändern die Investitionen in Technologie und künstliche Intelligenz die Marktstrukturen grundlegend. Selbst Risiken wie hohe Energiepreise, geopolitische Spannungen oder erste Anzeichen einer Verlangsamung der US-Wirtschaft würden durch die außergewöhnliche Dynamik der KI-Investitionen mehr als ausgeglichen. Der CIO betont, dass der Technologiesektor inzwischen rund 40 Prozent des US-Wachstums ausmache und den Großteil der künftigen Produktivitätsgewinne liefere. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die enorme Streuung innerhalb des Sektors naive Indexstrategien mit erheblichen asymmetrischen Risiken verbinde.

Auch für die Analyse solcher Entwicklungen reichen traditionelle Instrumente immer weniger aus. Wenn technologische Innovationen ganze Branchen umgestalten, entstehen komplexe Netzwerke aus Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Der Ausbau von Rechenzentren beeinflusst beispielsweise die Energieversorgung, steigert die Nachfrage nach Infrastruktur, verändert regionale Wirtschaftsstrukturen und wirkt sich gleichzeitig auf regulatorische Debatten über Datenhoheit und KI-Governance aus. Solche Wechselwirkungen lassen sich in immersiven Analyseumgebungen deutlich besser erfassen als in statischen Tabellen oder Berichten.

Denize beschreibt die neue Logik der Märkte mit einem Satz, der exemplarisch für den Wandel des Denkens steht: „Ein Unternehmen, das jährlich um +50 % wächst, mag heute teuer erscheinen und in zwei Jahren günstig sein.“ Die traditionelle Bewertung eines Unternehmens auf Basis aktueller Kennzahlen werde dadurch zunehmend relativiert. Nach seiner Einschätzung rechtfertigt genau diese Logik die Widerstandsfähigkeit der Aktienmärkte trotz des anhaltenden Zinsdrucks.

Damit verweist er indirekt auf ein weiteres Problem klassischer Daumenregeln: Menschen denken meist linear, während technologische Entwicklungen häufig exponentiell verlaufen. Immersive Analytics könnte dazu beitragen, solche exponentiellen Prozesse verständlicher zu machen, indem Wachstumspfade, Szenarien und Wechselwirkungen visuell erfahrbar werden.

Hinzu kommt, dass die Geschwindigkeit technologischer Disruption die Titelauswahl selbst für professionelle Investoren erschwert. Denize weist darauf hin, dass eine Anlagethese durch technologische Veränderungen von heute auf morgen entwertet werden könne. Vor diesem Hintergrund stellt er die Frage, wie sich eine robuste Positionierung überhaupt noch strukturieren lasse. Seine Antwort lautet Momentum. Der Momentum-Ansatz basiere auf der empirischen Beobachtung, dass sich erfolgreiche Werte häufig weiterhin besser entwickeln als der Gesamtmarkt. Über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten habe der Momentum-Faktor andere Faktoren wie Value, Quality oder Growth übertroffen.

Für Denize ist die zunehmende Polarisierung der Märkte keine Störung, sondern eine Realität, die erfasst werden müsse. „In einem Trendmarkt wie diesem ist die Polarisierung eine Realität, die es zu erfassen und zu steuern gilt – nicht zu beseitigen“, erklärt er. Wer das Gewicht von Unternehmen wie Nvidia künstlich reduziere, riskiere, die zentralen Wachstumstreiber des Marktes zu übersehen.

Gerade dieser Gedanke besitzt eine hohe Relevanz für die Zukunft der Analytics. An die Stelle statischer Gleichgewichtsmodelle treten zunehmend dynamische Systeme, deren Struktur sich fortlaufend verändert. Immersive Analytics bietet die Möglichkeit, solche Systeme in Echtzeit zu beobachten und ihre Entwicklung interaktiv nachzuvollziehen. Statt vergangene Zustände auszuwerten, rückt die Analyse von Trends, Bewegungen und Wechselwirkungen in den Mittelpunkt.

Darüber hinaus betont Denize, dass die KI-Revolution weit über die eigentliche Technologiebranche hinausreichen werde. Nach seiner Einschätzung werden Versorger von dem durch Rechenzentren ausgelösten Energieboom profitieren, Banken und Versicherungen durch den Einsatz von KI-Agenten erhebliche Effizienzsteigerungen erzielen und das Gesundheitswesen von Fortschritten bei Diagnostik, Forschung und Verwaltung profitieren. Auch der chinesische Markt werde häufig unterschätzt, obwohl dort technologische Innovationen zunehmend gefördert würden und China mittlerweile in mehreren Hochtechnologiesegmenten mit den USA konkurriere.

Besonders wichtig erscheint seine Einschätzung, dass künftig nicht mehr allein Unternehmensdaten über den Erfolg von Investitionen entscheiden werden. Fragen der Datenhoheit, der Regulierung künstlicher Intelligenz sowie geopolitische Entwicklungen dürften die Bewertungen ganzer Sektoren beeinflussen. Deshalb, so Denize, reiche die reine Titelauswahl nicht mehr aus. Vielmehr müssten „geopolitische, regulatorische und gesellschaftliche Faktoren“ in die Portfoliokonstruktion einbezogen werden.

Genau hierin liegt möglicherweise die größte Zukunftschance für Immersive Analytics. Je stärker wirtschaftliche Entscheidungen von einer Vielzahl miteinander vernetzter Einflussfaktoren abhängen, desto wichtiger werden Werkzeuge, die diese Komplexität sichtbar machen. Die Herausforderung der kommenden Jahre wird nicht darin bestehen, mehr Daten zu sammeln. Die Herausforderung wird darin bestehen, die richtigen Zusammenhänge zu erkennen.

Die RATING EVIDENCE GmbH nutzt Ansätze der Immersive Analytics, um komplexe Unternehmens-, Markt- und Risikodaten nicht nur auszuwerten, sondern in ihren Wechselwirkungen sichtbar und intuitiv erfassbar zu machen. Gerade in einem Umfeld, in dem klassische Kennzahlen und lineare Bewertungsmodelle zunehmend an Aussagekraft verlieren, ermöglicht die Verbindung von Datenanalyse, interaktiver Visualisierung und KI-gestützter Mustererkennung einen deutlich tieferen Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge. Statt isolierte Finanzkennzahlen zu betrachten, können Analysten, Investoren und Entscheidungsträger bei RATING EVIDENCE mehrdimensionale Datenräume erkunden, in denen finanzielle, regulatorische, geopolitische und technologische Einflussfaktoren miteinander verknüpft werden. Dadurch lassen sich Risiken, Chancen und strukturelle Veränderungen früher erkennen und fundiertere Entscheidungen treffen. Immersive Analytics wird so zu einem Instrument, das die traditionelle Unternehmensanalyse um eine neue Dimension erweitert: die Fähigkeit, Komplexität nicht nur zu berechnen, sondern auch visuell und interaktiv zu verstehen.

Das Ende der einfachen Daumenregeln bedeutet daher nicht das Ende rationaler Entscheidungen. Es markiert vielmehr den Übergang in eine Ära, in der menschliche Urteilskraft durch neue Formen der Visualisierung und Interaktion erweitert werden muss. Wenn das Wachstum der künstlichen Intelligenz tatsächlich die bisherigen kognitiven Modelle sprengt, wie Laurent Denize feststellt, dann könnte Immersive Analytics zu jener Technologie werden, die Menschen dabei hilft, in einer zunehmend komplexen Welt den Überblick zu behalten.

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