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Strukturelle Kräfte prägen das Anlagejahr 2026
Von Dr. Oliver Everling | 27.Januar 2026
2026 zeichnet sich als ein Jahr ab, in dem sich tiefgreifende strukturelle Kräfte stärker überlagern als in den Vorjahren. Die geopolitische Ordnung befindet sich im Umbruch, während der globale Wettbewerb um die Vorherrschaft im Bereich der künstlichen Intelligenz zunehmend die wirtschaftliche und strategische Richtung vorgibt. Nach Einschätzung der Schweizer Privatbank Union Bancaire Privée (UBP) bewegt sich die Weltwirtschaft dabei von einer Phase fragmentierter Widerstandsfähigkeit hin zu einem wieder synchronisierten Wachstum. „Die anhaltende Veränderung der globalen geopolitischen Ordnung in Verbindung mit dem strategischen Wettlauf um die Vorherrschaft im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) bildet für uns den Ausgangspunkt für die Portfoliokonstruktion in diesem Jahr“, erläutert Michaël Lok, Group CIO und Co-CEO UBP Asset Management, im Investment Outlook für 2026.
Makroökonomisch erwartet die UBP ein globales Wachstum von rund 3,1 Prozent. Die USA bleiben dabei der wichtigste Wachstumstreiber, während Asien insgesamt eine robuste Dynamik zeigt und sich in China eine schrittweise wirtschaftliche Erholung abzeichnet. Auch die Eurozone profitiert von fiskalischen Impulsen aus Deutschland sowie von einer starken wirtschaftlichen Entwicklung in der Peripherie. Zwar dürfte das erste Quartal noch durch Zolleffekte und notwendige Anpassungen der Lieferketten belastet werden, doch ab dem Frühjahr sollte die Konjunktur wieder an Fahrt aufnehmen. Der von US-Zöllen ausgehende Inflationsdruck dürfte nach Einschätzung der UBP im Jahresverlauf nachlassen, sodass die Inflation in den Vereinigten Staaten wieder in Richtung eines Trendwerts von etwa 2,5 Prozent zurückkehren könnte.
Vor diesem Hintergrund identifiziert die Privatbank mehrere zentrale Themen, die das Anlagejahr 2026 prägen dürften. Künstliche Intelligenz bleibt dabei der wichtigste strukturelle Wachstumsmotor. Trotz hoher Bewertungen steht der Investitionszyklus nach Einschätzung der UBP erst am Anfang einer mehrjährigen Phase, die durch steigende Rechenleistung, eine tiefere Verankerung in den Unternehmen und reale Produktivitätsgewinne gekennzeichnet sein dürfte. KI fungiert dabei nicht nur als isolierter Trend, sondern als technologischer Beschleuniger für nahezu alle Wirtschaftsbereiche. In diesem Kontext rückt auch der chinesische Technologiesektor in den Fokus. China gilt weiterhin als einziger ernstzunehmender globaler Konkurrent der USA im KI-Rennen. Seit der Einführung von DeepSeek habe sich die Innovationsgeschwindigkeit nochmals erhöht, chinesische KI-Modelle würden zunehmend technologisch wettbewerbsfähig und zugleich ökonomisch skalierbar.
Ein weiterer struktureller Trend zeigt sich in der stark steigenden globalen Stromnachfrage, die so hoch ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Ausbau von KI-Rechenzentren, die fortschreitende Elektrifizierung sowie energieintensive Industrien treiben diese Entwicklung voran und eröffnen Versorgern, Netzbetreibern und Energietechnologieunternehmen neue Wachstumschancen. In einem Umfeld geopolitischer Unsicherheit gewinnt Strom zudem an Bedeutung als strategischer Makro-Hedge. Parallel dazu rücken Grundstoffe und der Bergbausektor stärker in den geopolitischen Fokus. Exportkontrollen, strategische Lagerhaltung und der Wettlauf um kritische Metalle wie Kupfer oder Seltene Erden erhöhen das Risiko von Angebotsschocks, wovon Anleger in langfristig engen Märkten mit strukturellem Preisdruck profitieren könnten. Auch Edelmetalle spielen weiterhin eine wichtige Rolle. Obwohl Silber seit Jahresbeginn deutlich zugelegt und Rekordstände erreicht hat, bleibt der langfristige Aufwärtstrend von Gold nach Einschätzung der UBP intakt und überzeugt weiterhin als Absicherung gegen geopolitische Spannungen. Ergänzend dazu bieten Schwellenländeranleihen im Jahr 2026 attraktive Renditen, gestützt durch eine erwartete Schwäche des US-Dollars und strukturelle Verbesserungen in vielen Staats- und Unternehmenshaushalten.
Trotz der insgesamt positiven Perspektiven stellt sich für viele Anleger die Frage, ob angesichts hoher Bewertungen ein investiertes Engagement weiterhin sinnvoll ist. „Die Aktienbewertungen liegen zwar am oberen Ende ihrer historischen Bandbreite, doch gibt es zum jetzigen Zeitpunkt kaum Anzeichen für eine Spekulationsblase“, erklärt Nicolas Laroche, Global Head of Advisory & Asset Allocation bei UBP. Er verweist auf ein weiterhin stabiles fundamentales Umfeld und ein erwartetes globales Gewinnwachstum von rund 15 Prozent, getragen von einer breiten Erholung zyklischer Sektoren. US-Technologiewerte bleiben demnach strukturelle Treiber, ergänzt durch Chancen in Versorgern, Rohstoffen und chinesischer Technologie. Investiert zu bleiben sei sinnvoll, allerdings unter der Voraussetzung eines aktiven Risikomanagements.
Gleichzeitig mahnt die UBP zur Aufmerksamkeit gegenüber möglichen Risiken im Jahr 2026. „Das unmittelbarste Risiko ist eine erneute Verschärfung der Finanzierungsbedingungen in den USA aufgrund höherer Zinsen und eines möglicherweise stärkeren Dollars“, warnt Laroche. Eine anhaltende Inflation, möglicherweise verstärkt durch erhöhte Zölle und deren Folgewirkungen, könnte die US-Notenbank dazu zwingen, länger als von den Märkten erwartet an einer restriktiven Geldpolitik festzuhalten oder den Spielraum für künftige Zinssenkungen zu begrenzen. Darüber hinaus besteht das Risiko, dass die Märkte den Fundamentaldaten vorauslaufen. Die Investitionen in Chips, Cloud-Infrastruktur, Rechenzentren und Energie seien zwar außerordentlich hoch, doch Zeitpunkt und Umfang der Monetarisierung blieben unsicher, während sich die Akzeptanz durch die Unternehmen langsamer entwickeln könnte als von Optimisten erwartet.
Nicht zuletzt bleiben geopolitische und politische Tail-Risiken bestehen. Eine mögliche Eskalation zwischen China und Taiwan sowie zunehmende politische Unsicherheit in den USA im Vorfeld der Zwischenwahlen 2026 könnten erhebliche Auswirkungen haben. „Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit eines schwerwiegenden Szenarios als gering ein, aber die Folgen für die globalen Märkte wären erheblich, insbesondere für die technologischen und industriellen Lieferketten aufgrund der Rolle Taiwans in der fortschrittlichen Halbleiterfertigung“, so Laroche. Insgesamt zeigt sich damit ein komplexes Bild für 2026, das von strukturellem Wachstum, aber auch von erhöhten Anforderungen an die strategische Ausrichtung und das Risikomanagement geprägt ist.
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