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Zwischen Bullenmarkt und Bonitätsrisiken

Von Dr. Oliver Everling | 27.Januar 2026

Die Kapitalmärkte haben ein außergewöhnliches Jahr hinter sich, doch der Optimismus wird zunehmend von Vorsicht begleitet. Trotz geopolitischer Spannungen und politischer Unsicherheiten zeigten sich die globalen Aktienmärkte robust. „Trotz geopolitischer Spannungen, erratischer Zollpolitik und dem konfrontativen Regierungsstil von Donald Trump präsentierten sich die globalen Aktienmärkte erstaunlich robust“, schreibt Laurent Denize, Co-CIO von ODDO BHF und Global CIO von ODDO BHF Asset Management. Vor allem Schwellenländerbörsen und Unternehmensanleihen profitierten, während der steigende Goldpreis und ein schwächerer US-Dollar als Warnsignale interpretiert werden können. Sie deuten darauf hin, dass Investoren politische Risiken stärker einpreisen und „Anlagealternativen jenseits der USA gefragt“ bleiben.

Für die USA zeichnet Denize ein ambivalentes Bild. Einerseits kühlt sich der Arbeitsmarkt ab, andererseits bleibt das Inflationsrisiko begrenzt, was Zinssenkungen wahrscheinlich macht. Fiskalische Impulse wie die „One Big Beautiful Bill“ könnten Konjunktur und Aktienmärkte zusätzlich stützen. Hohe Bewertungen im Technologiesektor werden durch starke Cashflows und Eigenkapitalrenditen teilweise gerechtfertigt. Für Credit Ratings bedeutet dies kurzfristig Stabilität: Solide Ertragskraft und günstige Refinanzierungsbedingungen stützen die Bonität vieler US-Unternehmen, insbesondere im Investment-Grade-Bereich. Gleichzeitig erhöhen hohe Bewertungen die Sensitivität gegenüber geldpolitischen Überraschungen, was sich bei einer restriktiveren Notenbank schnell negativ auf Ausblicke und Ratings niederschlagen könnte.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Finanzierungsstrukturen im Technologiesektor. Zwar spricht laut Denize kurzfristig vieles für ein Festhalten an KI-Investments, denn „anders als in früheren Bewertungsblasen ist die Marktstimmung heute weniger euphorisch, eher vorsichtig“. Dennoch warnt er vor Risiken aus Kreisfinanzierungen zwischen Anbietern und Nutzern von KI-Rechenkapazität. „Diese Modelle sind anfällig, sobald sich Rahmenbedingungen ändern und interne Zinsfüße korrigiert werden müssen – Kursverluste können die Folge sein, selbst wenn die Unternehmen operativ solide bleiben.“ Für Ratingagenturen ist dies ein zentraler Punkt: Künstlich aufgeblähte Umsätze und komplexe Finanzierungsstrukturen erschweren die Beurteilung der nachhaltigen Schuldentragfähigkeit. Das Risiko negativer Ratingaktionen steigt, falls Transparenz oder Cashflow-Qualität leiden.

In Europa verschiebt sich der Fokus hin zu binnenmarktorientierten Sektoren. Schuldenfinanzierte Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung könnten das Wachstum beleben. „Sollte die Umsetzung stocken und das ohnehin verhaltene Wachstum weiter abkühlen, hätte die EZB weiterhin Spielraum für unterstützende Zinssenkungen“, schreibt Denize. Für europäische Staaten und staatsnahe Emittenten sind dies gemischte Signale: Einerseits verbessern Investitionen langfristig das Wachstumspotenzial, andererseits erhöhen sie kurzfristig die Verschuldung. Sovereign Ratings könnten stabil bleiben, solange Wachstumseffekte und günstige Finanzierungsbedingungen überwiegen; Verzögerungen oder politische Blockaden würden jedoch den fiskalischen Spielraum und damit die Bonität belasten.

In Südostasien sieht Denize langfristige Wachstumschancen, betont jedoch die Risiken. „Südostasien bleibt für global orientierte Investoren unverzichtbar“, doch höhere Volatilität, politische Unsicherheit und Währungsschwankungen bleiben zentrale Faktoren. Für Credit Ratings in Schwellenländern bedeutet dies eine stärkere Differenzierung: Länder und Unternehmen mit soliden Leistungsbilanzen und stabilen Institutionen könnten profitieren, während anfälligere Emittenten bei globalen Schocks schnell unter Druck geraten.

Im Anleihebereich mahnt Denize zur Vorsicht. Enge Spreads bei Unternehmensanleihen stehen hohen Emissionsvolumina und steigender Staatsverschuldung gegenüber. „In Bezug auf Unternehmensanleihen insgesamt und insbesondere High-Yield-Titel bleiben wir vorsichtig: Die Spreadausweitung reicht kaum aus, um die höheren Risiken auszugleichen.“ Für Ratings impliziert dies ein asymmetrisches Risiko: Während Investment-Grade-Emittenten durch kurze Laufzeiten und stabilen Cashflow geschützt sind, könnten High-Yield-Ratings bei konjunkturellen Rückschlägen rasch unter Abwärtsdruck geraten.

Insgesamt rechnet Denize nicht mit einem abrupten Ende des Bullenmarkts. „Wir rechnen nicht mit einer platzenden Blase, sondern mit einer Fortsetzung des Bullenmarkts.“ Für Credit Ratings bedeutet dieses Umfeld keine Entwarnung, sondern erhöhte Wachsamkeit. Solange Geld- und Fiskalpolitik unterstützend wirken, bleiben viele Ratings stabil. Doch steigende Verschuldung, komplexe Finanzierungsmodelle und geopolitische Risiken erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Ausblicke schneller drehen als in früheren Zyklen. Ratingstabilität wird damit stärker als bisher von Transparenz, nachhaltigem Cashflow und politischer Verlässlichkeit abhängen.

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