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Wie die EZB mit dem starken Euro umgeht – und warum Zinssenkungen trotz Markt­spekulationen unwahrscheinlich sind

Von Dr. Oliver Everling | 4.Februar 2026

Im Vorfeld der EZB-Sitzung am Donnerstag schauen die Finanzmärkte sehr genau darauf, wie die Europäische Zentralbank mit der zuletzt deutlich gestiegenen Stärke des Euro umgehen wird. Ein stärkerer Euro beeinflusst die wirtschaftliche Entwicklung, vor allem über die Preise von Importen und damit über die Inflation. Deshalb ist die Frage wichtig, ob die EZB diese Entwicklung zum Anlass nimmt, ihre Geldpolitik zu lockern, also etwa die Zinsen zu senken, oder ob sie gelassen bleibt. Einen Einblick in diese Überlegungen gibt ein aktueller Marktkommentar von Felix Feather, Economist bei Aberdeen Investments, der die Lage vor dem EZB-Meeting einordnet.

Feather weist zunächst darauf hin, dass die Ausgangslage ungewöhnlich ist. „Die EZB geht mit einem auf handelsgewichteter Basis historisch starken Euro in die Sitzung am Donnerstag.“ Das bedeutet, dass der Euro nicht nur gegenüber einer einzelnen Währung, sondern im Durchschnitt gegenüber den wichtigsten Handelspartnern sehr stark bewertet ist. Diese Entwicklung ist auch innerhalb der EZB nicht unbemerkt geblieben. „Einige geldpolitische Entscheidungsträger, darunter Kocher und Villeroy, haben ihre Besorgnis über diese Entwicklung geäußert.“ Solche öffentlichen Äußerungen haben an den Märkten Erwartungen geweckt. „Das hat Spekulationen darüber ausgelöst, dass die EZB mit einer Lockerung der Geldpolitik reagieren könnte.“

Ob es tatsächlich zu einer solchen Reaktion kommt, hängt laut Feather vor allem davon ab, welche Folgen der starke Euro für die Inflation hat. „Ob dies tatsächlich geschieht, hängt davon ab, wie sich die Euro-Stärke auf die Inflation auswirkt.“ Grundsätzlich gilt dabei eine einfache Faustregel, die Investoren und Notenbanker häufig heranziehen: „Als Faustregel gilt: Eine Aufwertung des Euro um 1 % ist mit einem Rückgang der Gesamtinflationsrate um vier Basispunkte verbunden.“ Ein stärkerer Euro verbilligt Importe, was tendenziell den Preisdruck senkt und damit die Inflation dämpft.

Allerdings ist die Situation aus Sicht der EZB komplexer. Feather erklärt, dass man argumentieren könnte, der jüngste Anstieg des Euro habe besondere Ursachen. „Allerdings könnten die Entscheidungsträger argumentieren, dass der jüngste Anstieg des Euro zum Großteil vom verbesserten makroökonomischen Ausblick für Europa getrieben wurde, und dass der disinflationäre Effekt daher geringer ausfallen könnte.“ Wenn der Euro stärker wird, weil sich die wirtschaftlichen Perspektiven in Europa verbessern, dann ist das aus Sicht der Notenbank weniger problematisch, als wenn die Aufwertung allein durch Kapitalzuflüsse oder Zinserwartungen entsteht.

Zudem relativiert Feather die tatsächliche Größenordnung der bisherigen Euro-Aufwertung. „Bis Mittwochmorgen ist der Euro um 0,17 % gegenüber einem handelsgewichteten Währungskorb gestiegen, verglichen mit den im Dezember von der EZB aktualisierten Prognosen.“ Dieser Anstieg ist sehr gering und hat entsprechend wenig Einfluss auf die Inflation. „Das würde auf einen nahezu vernachlässigbaren disinflationären Impuls hindeuten.“ Mit anderen Worten: Der Effekt auf die Preisentwicklung dürfte so klein sein, dass er geldpolitisch kaum ins Gewicht fällt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Haltung der EZB-Präsidentin. Feather erinnert daran, dass Christine Lagarde in der Vergangenheit eine gewisse Gelassenheit gegenüber einem stärkeren Euro gezeigt hat. „Unabhängig davon hat Lagarde in der Vergangenheit Bereitschaft gezeigt, einen stärkeren Euro zu tolerieren.“ Vor diesem Hintergrund erwartet Aberdeen Investments keine überraschende Kehrtwende der EZB. „Wir erwarten, dass sie diese Sichtweise bekräftigen und sich gegen die jüngsten Bewegungen an den Swap-Märkten stellt, die eine mögliche Zinssenkung der EZB als Reaktion auf die Euro-Stärke einpreisen.“ Die Märkte haben also aus Sicht von Feather zu früh auf Zinssenkungen gesetzt.

Am Ende kommt er zu einer klaren Einschätzung für das Gesamtjahr. „Wir gehen davon aus, dass die EZB den Leitzins im gesamten Jahr unverändert lässt.“ Für Anleger und Beobachter bedeutet das: Trotz des starken Euro dürfte die EZB ruhig bleiben und vorerst keine geldpolitischen Maßnahmen ergreifen, solange sich die Auswirkungen auf die Inflation als gering erweisen.

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