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Private Credit im Rating-Dickicht: Zwischen Orientierung und „Rating Shopping“

Von Dr. Oliver Everling | 8.April 2026

Die Welt der privaten Kreditfinanzierungen wächst rasant, doch mit ihr nehmen auch die Zweifel an der Verlässlichkeit von Bewertungen zu. Gerade im Markt für Private Credit geraten kleinere, weniger bekannte Ratinganbieter zunehmend in die Kritik. Vertreter der Finanzstabilität warnen davor, dass Emittenten gezielt nach wohlwollenderen Bonitätsnoten suchen könnten – ein Verhalten, das aus der strukturierten Finanzkrise vor mehr als einem Jahrzehnt nur allzu bekannt ist. Die Sorge: Wenn Ratings zu einem verhandelbaren Gut werden, leidet nicht nur die Transparenz, sondern auch das Vertrauen in die gesamte Anlageklasse.

Private Debt gilt vielen Investoren als attraktive Alternative zu traditionellen Anleihen, insbesondere in einem Umfeld schwankender Zinsen und erhöhter Unsicherheit an den Kapitalmärkten. Doch im Gegensatz zu liquiden Märkten fehlt es hier häufig an standardisierten Bewertungsmaßstäben. Genau diese Lücke nutzen spezialisierte Ratinganbieter, die mit eigenen Modellen versuchen, Orientierung zu schaffen. Kritiker bemängeln jedoch, dass die Vielzahl unterschiedlicher Ansätze die Vergleichbarkeit erschwert und Anreize für sogenanntes „Rating Shopping“ schafft.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die jüngste Initiative der europäischen Ratingagentur Scope an Bedeutung. Das Unternehmen hat eine neue Methodik zur Bewertung von Alternativen Investmentfonds im Bereich Private Debt vorgestellt und damit sein Ratingspektrum erweitert. Ziel ist es, mehr Struktur und Nachvollziehbarkeit in einen bislang heterogenen Markt zu bringen. Die Methodik fokussiert sich auf das Risiko-Rendite-Profil eines Fonds und berücksichtigt sowohl das zugrunde liegende Portfolio als auch die jeweilige Investitionsstrategie. Damit soll eine bessere Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Private-Debt-Fonds ermöglicht werden.

Bemerkenswert ist dabei die klare Abgrenzung: Das Rating trifft ausdrücklich keine Aussage über Ausfallwahrscheinlichkeiten oder erwartete Verluste einzelner Kredite oder Portfolios. Stattdessen versteht es sich als relatives Maß, das Fonds entlang einer Skala von aaaAIF bis dAIF einordnet. Diese Differenzierung könnte dazu beitragen, Missverständnisse über die Aussagekraft solcher Bewertungen zu vermeiden, die im Markt bislang nicht selten auftreten.

Gleichzeitig sucht Scope aktiv den Dialog mit Marktteilnehmern. Im Rahmen eines bis zum 22. April 2026 laufenden „Call for Comments“ können Investoren, Emittenten und andere Akteure ihre Einschätzungen zur neuen Methodik einbringen. Erst nach Auswertung dieser Rückmeldungen soll die finale Version in Kraft treten. Dieser offene Konsultationsprozess signalisiert den Anspruch, die Methodik nicht nur theoretisch fundiert, sondern auch praxisnah auszugestalten.

Ob dies ausreicht, um die grundsätzlichen Bedenken gegenüber Ratings im Private-Credit-Segment zu zerstreuen, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass mehr Transparenz und einheitlichere Standards dringend benötigt werden. Solange unterschiedliche Anbieter mit teils schwer vergleichbaren Modellen operieren, bleibt das Risiko bestehen, dass Ratings eher als Marketinginstrument denn als verlässliche Entscheidungsgrundlage wahrgenommen werden. Die Initiative von Scope könnte ein Schritt in Richtung Konsolidierung sein – doch der Markt wird genau beobachten, ob ihr Ansatz tatsächlich zu mehr Klarheit führt oder lediglich eine weitere Stimme im vielstimmigen Chor der Bewertungsanbieter hinzufügt.

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