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Causa Gerresheimer in neuem Licht
Von Dr. Oliver Everling | 25.August 2026
In einem Beitrag zur aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Board“ steckt ein neuer Ansatz eines Ratings, namentlich in dem Artikel „Die Causa Gerresheimer – was der Jahresabschluss verriet, bevor es alle wussten“ von Ariane Hofstetter, Vorständin cometis AG und Geschäftsführerin KOHORTEN Institut für Sozial- & Wirtschaftsforschung GmbH & Co. KG, sowie Michael Diegelmann, Vorstand cometis AG und Geschäftsführer CPT cometis publishing & technologies GmbH, erschienen in der Zeitschrift Board, herausgegeben vom Arbeitskreis deutscher Aufsichtsrat e.V. (AdAR), Ausgabe 4/2026. Die Autoren untersuchen darin, welche Hinweise sich bereits aus dem Gerresheimer-Geschäftsbericht 2024 ableiten ließen und welchen Beitrag eine KI-gestützte Analyse dabei leisten kann.
Der Fall Gerresheimer verdeutlicht, welche Signale sich aus einem veröffentlichten Geschäftsbericht gewinnen lassen, wenn die darin enthaltenen Informationen systematisch aus der Perspektive eines langfristig orientierten Investors analysiert werden. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Widersprüche und Auffälligkeiten sich aus den veröffentlichten Zahlen ergeben und welche Fragen daraus für Vorstand und Aufsichtsrat entstehen.
Gerresheimer veröffentlichte am 26. Februar 2025 den Jahresabschluss 2024. Die Jahresprognose wurde im April zunächst bestätigt. Wenige Wochen später folgte eine Gewinnwarnung. Im September leitete die BaFin eine Sonderprüfung ein, im selben Monat verließ der CFO das Unternehmen, Ende Oktober der CEO. Im Februar 2026 sprach der neue Vorstand von Verstößen gegen interne Richtlinien und IFRS. Der Aktienkurs, der im Jahresverlauf zeitweise über 100 Euro gelegen hatte, fiel später unter 20 Euro.
Die Autoren ordnen diese Entwicklung in ein grundlegendes Governance-Problem ein. Aufsichtsräte müssen umfangreiche Geschäftsberichte und Präsentationen in begrenzter Zeit beurteilen. Zugleich stammen wesentliche Informationen aus der Unternehmenskommunikation. Eine zusätzliche, unabhängige Analyseperspektive kann daher dazu beitragen, Auffälligkeiten zu identifizieren und Fragen für die Diskussion mit dem Vorstand zu formulieren.
Im Beitrag wird hierfür der KI-gestützte Analyseansatz „Warren Wise“ vorgestellt. Er untersucht Unternehmensreporting anhand von acht Bewertungsdimensionen, darunter Geschäftsmodellqualität, Ertragskraft und Cash-Konvertierung, Wachstumsqualität, finanzielle Resilienz, Kapitalallokation, Management-Glaubwürdigkeit, Innovationsfähigkeit und Risikotransparenz. Dabei werden insbesondere Zusammenhänge zwischen kommunizierter Strategie, veröffentlichten Kennzahlen und operativer Entwicklung betrachtet.
Die auf den Geschäftsbericht 2024 angewandte Analyse identifizierte sechs Signale. Dazu gehörte zunächst die deutliche Abweichung zwischen Nettogewinn und Free Cashflow: Einem Nettogewinn von 112,3 Millionen Euro stand ein Free Cashflow von minus 104,7 Millionen Euro gegenüber. Der Report formulierte dazu: „Free cash flow turned sharply negative at EUR –104.7m despite positive net income of EUR 112.3m. Cash conversion ratio of –93.2% – the company destroys cash despite positive earnings.“
Weitere Auffälligkeiten betrafen die Aktivierung von Entwicklungskosten, die Transparenz hinsichtlich Covenants, das Verhältnis von Investitionen und Wachstum sowie Management-Glaubwürdigkeit und Risikotransparenz. So wurde unter anderem festgestellt, dass 42,4 Prozent der Entwicklungskosten aktiviert wurden. Hinsichtlich der zwölf identifizierten Risiken wurde bemängelt, dass keine quantifizierten Risikoexposures ausgewiesen wurden: „Zero quantified risk exposures across all 12 identified risks.“
Aus den Kennzahlen leitete Warren Wise konkrete Fragen ab. Dazu gehörte etwa, wann die umfangreichen Kapazitätserweiterungen positive Renditen erwirtschaften und wann wieder ein positiver Free Cashflow erreicht werden sollte. Ebenso wurde die Differenz zwischen dem mittelfristigen organischen Wachstumsziel von 8 bis 10 Prozent und dem tatsächlich erreichten organischen Wachstum von 2,9 Prozent thematisiert.
Der Beitrag ordnet den Einsatz eines solchen Instruments als mögliche Ergänzung der Arbeit von Aufsichtsräten ein. Drei Herausforderungen werden genannt: die verfügbare Zeit für die Analyse umfangreicher Berichte, unterschiedliches finanzanalytisches Spezialwissen und begrenzte Möglichkeiten für eine unabhängige Tiefenanalyse. Eine KI-gestützte Analyse kann diese Faktoren teilweise adressieren, ohne die Aufgaben von Wirtschaftsprüfern, Rechtsberatern oder Unternehmensorganen zu ersetzen.
Für die weitere Entwicklung verweist der Beitrag zudem auf „Agentic Finance“: Spezialisierte KI-Agenten könnten künftig unterschiedliche Perspektiven auf Unternehmensinformationen systematisch einnehmen und ihre Ergebnisse mit weiteren automatisierten Finanzprozessen verbinden. Damit stellt sich für Unternehmen und ihre Kontrollorgane zunehmend die Frage, wie nicht nur menschliche Analysten, sondern auch KI-Systeme Unternehmensberichte lesen und bewerten.
Der Fall Gerresheimer zeigt damit, dass die systematische Analyse eines Geschäftsberichts nicht erst dann relevant wird, wenn Probleme bereits öffentlich geworden sind. Sie kann vielmehr dazu beitragen, aus vorhandenen Informationen frühzeitig Fragen abzuleiten und unterschiedliche Perspektiven auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens zu eröffnen.
Themen: Aktienrating, Governancerating, Informationrating, Soft Skill Rating | Kommentare deaktiviert für Causa Gerresheimer in neuem Licht
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