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Energiespeicher als Bonitätsfaktor der Energiewende
Von Dr. Oliver Everling | 18.Februar 2026
Mit dem steigenden Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung verändern sich nicht nur die technischen Anforderungen an das Energiesystem, sondern auch die Maßstäbe der Kapitalmärkte bei der Bonitätsbeurteilung von Energieunternehmen und Infrastrukturprojekten. Wenn – wie Kay van der Kooi, Senior Anlageexperte bei Triodos Investment Management, feststellt – „der Anteil von Wind- und Solarenergie an der europäischen Stromerzeugung 2025 auf 30 % gestiegen ist und fossile Energieträger erstmals überholt hat“, verschiebt sich der Fokus von der bloßen Kapazitätsausweitung hin zur Integration und Systemstabilität. Genau an diesem Punkt werden Energiespeicher, insbesondere Batteriespeicher, zunehmend kreditrelevant.
Credit Rating bedeutet im Kern die Bewertung der Fähigkeit eines Emittenten oder Projekts, seinen finanziellen Verpflichtungen dauerhaft nachzukommen. Für Energieunternehmen hängt diese Fähigkeit immer stärker davon ab, wie resilient ihre Geschäftsmodelle gegenüber Preisvolatilität, regulatorischen Eingriffen, Netzengpässen und technologischen Umbrüchen sind. Kay van der Kooi beschreibt die Ausgangslage so: „Netzengpässe nehmen zu, erneuerbare Anlagen müssen zeitweise abgeschaltet werden, Netzanschlüsse verzögern sich.“ Solche Faktoren wirken sich unmittelbar auf Cashflows aus – etwa durch Abregelungen oder verspätete Inbetriebnahmen – und erhöhen damit das Geschäftsrisiko. Energiespeicher können hier als Risikopuffer fungieren, indem sie Produktionsspitzen aufnehmen, Flexibilität bereitstellen und die „zeitliche Entkopplung von Erzeugung und Verbrauch“ ermöglichen, wie van der Kooi betont. Für Ratingagenturen verbessert dies die Planbarkeit und Stabilität der Erlösströme.
Die strategische Bedeutung von Speichern ergibt sich zudem aus ihrer Systemfunktion. Van der Kooi hebt hervor, dass „Batteriespeicher zunehmend als zentrale Lösung gelten“ und „strategisch ins Zentrum der Energiewende rücken“. Damit verändern sie die Risikostruktur ganzer Wertschöpfungsketten. Projekte im Bereich Offshore-Wind, grüner Wasserstoff oder Elektromobilität sind in wachsendem Maß auf flexible Speicherinfrastruktur angewiesen. Fehlt diese, steigt das Systemrisiko – und damit auch das Kreditrisiko der beteiligten Akteure. Für Emittenten mit integrierten Speicherlösungen kann dies hingegen positiv wirken, weil sie systemische Engpässe reduzieren und ihre Marktposition stärken.
Aus Ratingperspektive besonders relevant ist die Frage nach der Erlösqualität. Kay van der Kooi weist darauf hin, dass Batteriespeicher „– abhängig vom Geschäftsmodell – stabile bis marktbasierte Ertragsstrukturen bieten, die nicht primär subventionsabhängig sind“. Für Kreditprüfer ist die Unabhängigkeit von kurzfristigen Förderregimen ein zentrales Bonitätskriterium. Subventionsbasierte Cashflows unterliegen politischen Risiken; marktbasierte Modelle wie Arbitrage, Netzdienstleistungen oder „Behind-the-Meter“-Lösungen können dagegen – bei ausreichender Diversifizierung – robustere Einnahmequellen darstellen. Gleichzeitig erhöhen marktorientierte Modelle die Exponierung gegenüber Preisvolatilität, was eine differenzierte Risikobewertung erfordert.
Für institutionelle Investoren eröffnet sich laut Kay van der Kooi ein „attraktives Marktsegment“. Der Markt entwickle sich „von der Pionierphase in die Skalierung“, wodurch „infrastrukturelle Stabilität und strukturelles Wachstumspotenzial“ mit einem klaren systemischen Nutzen zusammenkämen. Aus Sicht des Credit Ratings ist genau diese Kombination entscheidend: Infrastrukturtypische Merkmale wie langfristige Nutzung, planbare Erlöse und systemische Relevanz treffen auf ein dynamisches Wachstumsfeld. Gleichzeitig bleiben technologische und operative Risiken zu berücksichtigen, insbesondere in frühen Projektphasen.
Insgesamt verschiebt sich die Rolle von Energiespeichern im Credit Rating von einem ergänzenden Technologieaspekt hin zu einem zentralen Stabilitätsfaktor. In einem Energiesystem, das zunehmend von Volatilität geprägt ist, werden Speicher zu einem Instrument zur Glättung von Cashflows, zur Reduktion systemischer Risiken und zur Stärkung nachhaltiger Geschäftsmodelle. Damit sind sie nicht nur technologische Enabler der Energiewende, sondern auch kreditrelevante Assets, die Bonität, Refinanzierungskosten und Investorenwahrnehmung maßgeblich beeinflussen können.
Themen: Technologierating | Kommentare deaktiviert für Energiespeicher als Bonitätsfaktor der Energiewende
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