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England von der Europakarte gelöscht

Von Dr. Oliver Everling | 28.Juni 2016

„Diesen Geldschein wird es bald nicht mehr geben“, leitet Volker Schilling von der GREIFF capital management AG seine Moderation der Podiumsdiskussion „Inside the Market“ auf der „funds execellence“ im Kap Europa von Frankfurt am Main ein. Schilling borgte sich von einem Teilnehmer der Veranstaltung einen Geldschein, bei dem es sich zufällig um eine 500 €-Note handelte. Diesen Geldschein werde es nicht nur deshalb bald nicht mehr geben, weil es sich um eine 500 €-Note handelt, deren Abschaffung beschlossene Sache sei, sondern auch, weil er Großbritannien noch als Teil von Europa zeige. Mit einem (Zauber-) Trick stach Schilling dann Großbritannien aus der Europakarte von den Augen der Teilnehmer heraus.

Der Brexit war somit gleich auch das Einleitungsthema des hochkarätig besetzten Panels mit Dr. Sebastian Klein, Fürstlich Castell’sche Bank, Credit-Casse AG, Thomas Herbert, Oddo Meriten Asset Management GmbH, Patrick Picenoni, Conren, Peter Dreide, TBF Global Asset Management GmbH, und Dr. Christian Jasperneite, M.M. Warburg & Co. Patrick Picenoni glaubt kaum an Ansteckungsgefahren des Brexit, der ohnehin erst nach vielen Jahren Realität werden könnte. Außerdem würden rechtliche Änderungen kaum die ökonomischen Realitäten rasch verändern.

Dr. Christian Jasperneite von der M.M. Warburg & Co ist überzeugt, dass die Stimmen für den Brexit eigentlich Stimmen gegen das gewesen sei, was in der Europäischen Union derzeit laufe. Ein Referendum sei eine Art Empfehlung, so dass das Parlament nicht zwingend daran gebunden sei. Jasperneite verweist auf die Schotten und auf die kuriose Bewegung in London, die Hauptstadt des Königreiches aus diesem herauszulösen, um in der Europäischen Union zu bleiben.

Peter Dreide von TBF Global Asset Management GmbH macht klar, dass Großbritannien nun still stehe. „Keiner wird mehr in England investieren. Selbst die Engländner werden auch keine Immobilien mehr kaufen, da jeder abwarten wird, wie es weitergeht.“ Amerikaner hätten jetzt gar keinen Anlass mehr, in Europa zu investieren. In den USA seien aber die Anleger auch nicht auf Investitionen aus, da die USA selbst die Unsicherheit über den Ausgang der Präsidentenwahl vor sich haben. „Das Risiko des Brexit war überhaupt nicht eingepreist, der Markt hat fahrlässig gedacht.“ Es werde noch lange dauern, bis „wir wieder billige Aktien sehen“.

Klein sieht eine Krise der politischen Institutionen. „Die Briten sind doch völlig dysfunktional. Da ist keiner da.“ Aber auch in Kontinentaleuropa sei nicht klar, wie jetzt verhandelt werden könne. „Das ist doch Woodoo, das hat nichts mit einer geordneten Welt zu tun.“ Klein stellt heraus, dass es im Kern um einen Generationenkonflikt gehe – Junge gegen die ältere Generation. Die Älteren seien völlig verunsichert.

„Anleihen sind nicht tot“, widerspricht Klein der Vorstellung, Negativzinsen würden das Ende der Rentenmärkte bedeuten. Wer sich eine zehnjährige Bundesanleihe kaufe, habe nach einem Jahr eine neunjährige und immerhin einen Zins, denn die Zinskurve werde sich kaum verändern. „Die Inflation ist kaum merklich.“

Herbert will nicht davon sprechen, aufgrund des französischen Hintergrunds mit „Freude“ auf das Votum aus England zu schauen. Herbert sorgt sich um die Desintegrationstendenzen und die Fliehkräfte in Europa. „Es handelt sich nicht um eine Little England Problem“, warnt Herbert. Die Verhältnisse in Japan und die Rezessionsbefürchtungen in den USA würden nicht zur Beruhigung beitragen.

Als Schweizer sei er über die Entwicklungen nicht verwundert, sagt Picenoni, denn schon in Griechenland habe die klare Führung in Europa gefehlt. Jasperneite sieht die Lösung eher darin, wieder zu reduzieren. „Es gibt Aufgaben, die logischerweise zentral angegangen werden müssen. Aber der Glaube, man könne für 28 Länder alles perfekt zentral koordinieren, hat sich erledigt.“ Jasperneite befürchtet, dass sich Deutschland ohne England in Europa nicht mehr gegen Spanien, Frankreich und Italien durchsetzen kann. „Wir sehen möglicherweise den Anfang vom Ende der EU, in jedem Fall den Beginn ganz harter Jahre.“

Themen: Aktienrating, Länderrating | Kein Kommentar »

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