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ESMA meldet Marktanteilsverlust von Scope Ratings von 1,83 % auf 1,23 %

Von Dr. Oliver Everling | 19.Dezember 2025

Scope Ratings positioniert sich seit Jahren als europäische Alternative zu den dominierenden US-Ratingagenturen S&P, Moody’s und Fitch. Die aktuellen Marktdaten der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) zeigen jedoch eine deutlich gegenteilige Entwicklung: Der Marktanteil von Scope ist innerhalb eines Jahres massiv gesunken. Vor einem Jahr lag er noch um rund die Hälfte höher als heute.

Nach dem CRA Market Share Report 2025 von ESMA fiel der Marktanteil von Scope Ratings von 1,83 % auf 1,23 %. Das entspricht einem relativen höherem Marktanteil noch vor einem Jahr von rund 48,8 %. Damit gehört Scope zu den Agenturen mit dem stärksten Marktanteilsverlust im europäischen Ratingmarkt. Es handelt sich nicht um eine statistische Randbewegung, sondern um einen substanziellen Einschnitt in der wirtschaftlichen Stellung des Unternehmens.

Dieser Rückgang wiegt umso schwerer, als sich das Marktumfeld insgesamt kaum zugunsten kleinerer Anbieter verschoben hat. Zwar bleibt der europäische Ratingmarkt hochkonzentriert, doch während S&P seinen Marktanteil weiter ausbauen konnte und Moody’s sowie Fitch ihre dominanten Positionen weitgehend stabil hielten, verlor Scope deutlich an Boden. Vor einem Jahr war der Marktanteil noch um etwa die Hälfte höher – heute ist Scope weiter von der kritischen Größe entfernt, die nötig wäre, um strukturell an Bedeutung zu gewinnen.

Bemerkenswert ist der zeitliche Zusammenhang mit den ambitionierten Zukunftsplänen des Unternehmens. In Medienberichten wurde zuletzt bekannt, dass Scope eine Expansion in die USA plant und langfristig einen Börsengang anstrebt. Gründer und Vorstandschef Florian Schoeller betont dabei regelmäßig den Anspruch, den „US-zentrierten“ Blick der großen drei Ratingagenturen um eine europäische Perspektive zu ergänzen.

Die ESMA-Zahlen setzen diese strategische Erzählung jedoch unter Druck. Marktanteile werden auf Basis realer Umsätze aus Rating- und Nebenleistungen berechnet und sind damit ein harter ökonomischer Indikator. Ein massiver Rückgang innerhalb eines Jahres deutet darauf hin, dass Scope aktuell weder von regulatorischen Anreizen noch von seiner Positionierung als europäische Alternative ausreichend profitieren kann – selbst im eigenen Kernmarkt.

Hinzu kommt die finanzielle Dimension. Rund 25 Jahre nach der Gründung hat Scope die Gewinnschwelle offenbar noch nicht nachhaltig erreicht. Verluste werden weiterhin durch Kapitalerhöhungen und den Einstieg neuer Gesellschafter ausgeglichen. Zwar signalisiert dies fortgesetztes Vertrauen von Investoren, zugleich unterstreicht es aber die fehlende Eigenfinanzierungskraft – ein kritischer Punkt mit Blick auf einen späteren Börsengang.

In der Gesamtschau zeigt sich ein deutliches Spannungsfeld: Auf der einen Seite stehen große strategische Ambitionen wie US-Expansion und IPO, auf der anderen Seite ein Marktanteil, der vor einem Jahr noch um die Hälfte höher lag und seither stark geschrumpft ist. Die aktuellen ESMA-Daten legen nahe, dass Scope Ratings vor allem eine Aufgabe hat: verlorenes Vertrauen und wirtschaftliche Relevanz im europäischen Heimatmarkt zurückzugewinnen. Ohne eine klare Trendwende bei Marktanteilen und Profitabilität drohen die großen Pläne auf einem zunehmend schmalen Fundament zu stehen.

Ein besonders belastender Punkt in der jüngeren Geschichte von Scope Ratings ist das Rating der später insolventen Greensill Bank und die damit verbundene strafrechtliche und regulatorische Aufarbeitung. Scope hatte der Greensill Bank bis Anfang März 2021 ein Investment-Grade-Rating (BBB+) erteilt, obwohl sich das Geschäftsmodell der Bank bereits in einer hochriskanten Schieflage befand. In den Monaten vor der Insolvenz folgten Herabstufungen, ehe die Ratings schließlich zurückgezogen wurden. Nach dem Zusammenbruch der Greensill-Gruppe rückte Scope in den Fokus von Aufsichtsbehörden und Politik, insbesondere wegen möglicher Interessenkonflikte: Eine zur Scope-Gruppe gehörende Einheit hatte gleichzeitig Beratungsleistungen für Greensill erbracht, während Scope Ratings die Bonitätsbeurteilung vornahm. Die europäische Aufsichtsbehörde ESMA verhängte daraufhin eine Millionenstrafe wegen unzureichender organisatorischer Vorkehrungen zur Vermeidung von Interessenkonflikten. Parallel dazu dauern die strafrechtlichen Ermittlungen und Anklagen gegen frühere Verantwortliche der Greensill Bank an. Auch wenn sich diese Verfahren nicht direkt gegen Scope richten, hat der Fall dem Ruf der Agentur nachhaltig geschadet und wirft bis heute Fragen zur Qualität, Unabhängigkeit und Governance ihrer Ratingprozesse auf.

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