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Geopolitische Eskalation und Energiepreisschock: Mögliche Folgen für Credit Ratings von Staaten und Unternehmen
Von Dr. Oliver Everling | 10.März 2026
Die Eskalation des militärischen Konflikts zwischen den USA, Israel und dem Iran hat nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf Energiepreise und Finanzmärkte, sondern könnte auch mittel- bis langfristige Implikationen für Credit Ratings von Staaten und Unternehmen haben. Besonders im Fokus stehen dabei steigende Energiepreise, erhöhte Inflationsrisiken sowie zunehmende Volatilität an den Kapitalmärkten.
Auslöser der aktuellen Marktreaktionen ist die rasche Ausweitung der militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Nach gezielten Angriffen auf politische und militärische Ziele in Teheran reagierte der Iran mit einer Reihe von Vergeltungsschlägen. „Besonders schwerwiegend waren Angriffe auf US-Militärstützpunkte, touristische Einrichtungen und vor allem Energieinfrastruktur“, erklärt Laurent Denize, Co-CIO von ODDO BHF und Global CIO von ODDO BHF Asset Management. Die Blockade der Straße von Hormus verschärft die Situation zusätzlich, da damit eine zentrale Route für den globalen Transport von Öl und LNG beeinträchtigt ist. Die unmittelbare Marktreaktion ließ nicht lange auf sich warten: „Der sofortige Preissprung bei Öl und Gas zeigte, wie sensibel die Märkte auf die Möglichkeit von Versorgungsausfällen reagieren.“ Zum Ende der ersten Kriegswoche notierte Brent-Öl bereits über der Marke von 100 US-Dollar.
Für die Bonitätseinschätzung von Staaten und Unternehmen könnten vor allem dauerhaft hohe Energiepreise relevant werden. Höhere Energiekosten wirken wie eine Steuer auf die Weltwirtschaft und können Wachstum dämpfen, während gleichzeitig Inflationsrisiken steigen. Denize betont: „Höhere Energiepreise belasten die Weltwirtschaft zweifellos. Ob sie eine Rezession auslösen können, hängt maßgeblich davon ab, wie lange sie auf wirtschaftlich schädlichen Niveaus verharren.“ Eine länger anhaltende Phase hoher Energiepreise würde in vielen Volkswirtschaften zu steigenden Finanzierungskosten, schwächeren Haushaltspositionen und damit potenziell zu negativeren Ratingperspektiven führen.
Bereits jetzt reagieren die Finanzmärkte sensibel auf die veränderten Rahmenbedingungen. Die Nachfrage nach sicheren Anlagen ist gestiegen, während Anleihemärkte unter Druck geraten sind. Laut Denize „wertete der US-Dollar auf und die Renditen globaler Staatsanleihen stiegen infolge neuer Inflationssorgen“, wodurch Staatsanleihen die erste Kriegswoche mit deutlichen Verlusten beendeten. Für Staaten mit hoher Verschuldung könnte ein dauerhaft höheres Zinsniveau zu steigenden Schuldendienstkosten führen – ein Faktor, der von Ratingagenturen genau beobachtet wird.
Auch für Unternehmen ergeben sich unterschiedliche Konsequenzen für ihre Kreditprofile. Im Anleihemarkt zeigen sich bereits erste Divergenzen zwischen verschiedenen Ratingsegmenten. „Die Spreads von High-Yield-Anleihen haben begonnen sich auszuweiten. Das Investment-Grade-Segment zeigt sich resilienter“, erklärt Denize. Eine solche Entwicklung deutet darauf hin, dass Investoren in unsicheren Zeiten verstärkt zwischen Bonitätsklassen differenzieren. Während Emittenten mit hoher Kreditqualität weiterhin relativ stabilen Zugang zu Kapital haben, könnten schwächer geratete Unternehmen mit steigenden Refinanzierungskosten konfrontiert werden. Besonders bei langlaufenden Hochzinsanleihen sieht Denize derzeit erhöhte Risiken: Die Volatilität habe zugenommen und „die Risikoprämien kompensieren die Risiken kaum“.
Gleichzeitig hängt die langfristige Bewertung der Kreditrisiken stark davon ab, ob der Konflikt regional begrenzt bleibt oder sich weiter ausweitet. Sollte es bei einer regionalen Eskalation bleiben, könnten grundlegende wirtschaftliche Treiber weiterhin stabil wirken. Denize verweist darauf, dass „die entscheidenden Treiber der Kapitalmärkte – technologischer Fortschritt, solide Unternehmensgewinne und eine unterstützende Geldpolitik – weitgehend intakt bleiben“ dürften. Auch fiskalische Impulse, etwa durch öffentliche Investitionsprogramme in Europa oder Steuersenkungen in den USA, könnten wachstumsstützend wirken und damit auch die Kreditqualität vieler Emittenten stabilisieren.
Ein weiterer Faktor für Ratingentwicklungen ist die Geldpolitik. Der aktuelle Energiepreisschock könnte den Spielraum für Zinssenkungen zunächst begrenzen. „Die US-Notenbank Federal Reserve dürfte dennoch vorerst mit weiteren Zinssenkungen warten“, sagt Denize, auch mit Blick auf mögliche inflationäre Effekte neuer Handelszölle. Dennoch bleibt die grundsätzliche Ausrichtung der Geldpolitik unterstützend, was die Refinanzierungsbedingungen für Staaten und Unternehmen mittelfristig stabilisieren könnte.
Historische Erfahrungen legen nahe, dass die direkten Auswirkungen militärischer Konflikte auf Finanzmärkte oft zeitlich begrenzt sind. „In vielen Fällen normalisieren sich die Märkte etwa drei Monate nach Beginn eines kriegerischen Konflikts wieder“, so Denize. Sollte sich dieses Muster erneut bestätigen, könnten auch die Auswirkungen auf Kreditrisikoprämien und Ratings begrenzt bleiben. Entscheidend wird jedoch sein, ob Energiepreise und geopolitische Risiken dauerhaft hoch bleiben. Ein anhaltender Konflikt im Golf mit strukturell höheren Energiepreisen würde die makroökonomischen Rahmenbedingungen spürbar verändern und damit auch die Bonitätsprofile vieler Staaten und Unternehmen unter Druck setzen.
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