« | Home

Mit Primärdaten zu einer souveränen Datenstrategie

Von Dr. Oliver Everling | 25.Januar 2026

Im Sammelband „Digitale Dimensionen in der Finanzbranche“, herausgegeben von Dietmar Schmidt, Markus Hosen und Jürgen Moormann und erschienen 2026 im Frankfurt School Verlag, versammeln Expertinnen und Experten Einblicke in die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung im Finanzsektor. Das Buch beleuchtet Themen wie Datenmanagement, regulatorische Anforderungen, Künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit und innovative Geschäftsmodelle und richtet sich sowohl an Praktikerinnen und Praktiker aus Banken, Versicherungen und Finanzdienstleistungen als auch an Studierende und Wissenschaftlerinnen der Wirtschaftsinformatik und Finanzwirtschaft.

Durch die Kombination aus theoretischen Grundlagen, praxisnahen Fallbeispielen und strategischen Handlungsempfehlungen vermittelt der Sammelband ein umfassendes Bild davon, wie digitale Transformation erfolgreich gestaltet werden kann. Besonders interessant ist der Beitrag „Mit Primärdaten zu einer souveränen Datenstrategie“ von Dietmar Schmidt, Stefan Lütticke und Florian Schneider, der aufzeigt, wie Unternehmen durch gezielte Nutzung verlässlicher Primärquellen ihre Datenstrategie stärken, Compliance sicherstellen und neue Geschäftspotenziale erschließen können: Der Beitrag thematisiert die strategische Bedeutung von Primärquellen für Unternehmen und zeigt auf, wie eine datengetriebene Unternehmensstrategie durch den konsequenten Einsatz solcher Quellen unterstützt werden kann. Die Autoren verbinden regulatorische Entwicklungen mit praxisnahen Empfehlungen und verdeutlichen, warum Primärquellen künftig ein unverzichtbares Element der Unternehmensführung darstellen.

Der Beitrag beginnt mit einem Überblick über die regulatorische Landschaft und die Notwendigkeit der Harmonisierung der europäischen Datenlandschaft. Die Autoren betonen, dass „Regulatorische Initiativen wie der EU Data Act‘ sowie der EU AI Act verdeutlichen die Dringlichkeit, die fragmentierte europäische Datenlandschaft zu harmonisieren und klare, einheitliche Datenstandards zu schaffen.“ Ziel dieser Initiativen ist es, die Datensouveränität zu stärken und gleichzeitig den Zugang zu qualitativ hochwertigen Daten zu erleichtern. Schmidt et al. stellen die internationale Einordnung dar: Während die USA einen marktorientierten Ansatz verfolgen und China stark zentralisiert Daten erhebt, versucht die EU, durch harmonisierte Standards sowohl Integrität als auch Souveränität der Daten zu sichern. Die Autoren argumentieren, dass Unternehmen durch die Nutzung regulatorisch bereitgestellter Datenzugänge einen strategischen Vorteil erhalten, da die Daten direkt nutzbar, zuverlässig und rechtssicher sind.

Primärquellen werden im Beitrag klar definiert: „Als Primärquellen werden direkte, unverfälschte Datenquellen bezeichnet. Diese enthalten Daten zu Personen, Unternehmen, Gebäuden und anderen relevanten Objekten, die unmittelbar von zuständigen Behörden oder Institutionen stammen.“ Die Autoren betonen, dass Primärquellen gegenüber Sekundärquellen erhebliche Vorteile in Bezug auf Qualität, Verlässlichkeit und regulatorische Compliance bieten. So werden unter anderem das Kraftfahrt-Bundesamt, die Bundesdruckerei, der Deutsche Wetterdienst und das Deutsche Patent- und Markenamt als zentrale Primärquellen genannt. Auch europäische Initiativen wie das geplante Zugangsportal ESAP tragen zur Standardisierung und zur Steigerung der Datenqualität bei. Schmidt et al. heben hervor, dass „Die Nutzung der Primärquellen gewährleistet nicht nur die Einhaltung regulatorischer Anforderungen, sondern verspricht zugleich eine signifikante Verbesserung der Datenqualität und Transparenz.“ Primärquellen schaffen eine durchgängige Vertrauenslinie vom Ursprung der Daten bis zur unternehmerischen Entscheidung.

Der Beitrag zeigt auf, wie Unternehmen Primärquellen aktiv in ihre Datenstrategie integrieren können. Die Autoren schreiben: „Die aktuelle Praxis im Datenmanagement vieler europäischer Unternehmen zeigt deutliche Schwächen, vor allem in Bezug auf Datenintegrität, -qualität und Compliance.“ Traditionelle Ansätze seien häufig von isolierten Datensilos geprägt, die Redundanzen und Inkonsistenzen verursachen. Schmidt et al. schlagen einen chancenbasierten Ansatz vor, bei dem Unternehmen gezielt Primärquellen nutzen, um Effizienz, Datenqualität und regulatorische Sicherheit zu verbessern. Dabei wird betont, dass die Nutzung von Primärquellen „kein ‚IT-Projekt‘ ist, sondern eine Haltungsfrage. Und nicht jedes Detail muss von Beginn an perfekt sein. Es sollte mit klaren, spürbaren Anwendungsfällen gestartet werden, z.B. mit der verlässlichen Bestätigung der Unternehmensstammdaten oder einer schlanken Identitätsprüfung. Die gewonnenen Erfahrungen können dann Schritt für Schritt ausgebaut werden.“

Der Beitrag illustriert den praktischen Nutzen von Primärquellen anhand konkreter deutscher Institutionen. So liefert das Kraftfahrt-Bundesamt Fahrzeug- und Unfalldaten zu mehr als 70 Millionen Fahrzeugen. Die Autoren erklären: „Versicherer profitieren von diesen präzisen Informationen beim Rahmen ihrer Risikomodelle und Tarifangebote, was sowohl die Wirtschaftlichkeit der Tarife als auch die Kundenzufriedenheit erhöht.“ Besonders großes Potenzial entfaltet sich in Kombination mit Künstlicher Intelligenz und telematischen Daten. Durch die Verknüpfung von Fahrzeugstammdaten und Unfalldaten aus dem KBA mit Echtzeitinformationen aus Telematiksystemen können Versicherer granularere und dynamischere Risikomodelle entwickeln. Daraus entstehen neue Produktkategorien wie Pay-as-you-drive-Tarife, die ein faires, verhaltensbasiertes Pricing ermöglichen und zugleich eine präzisere Steuerung von Risiken erlauben. Der Nutzen dieser Primärquelle reicht über die Versicherungsbranche hinaus: Wenn Daten aus verlässlichen, hoheitlichen Quellen besser verstanden werden, lassen sich Produkte transparenter gestalten und Zielgruppen fairer ansprechen.

Der Beitrag unterstreicht außerdem die Bedeutung von Primärquellen für Nachhaltigkeitsthemen. Verlässliche Daten ermöglichen Unternehmen, ihre ESG-Strategien zu messen, Risiken entlang der Lieferkette zu bewerten und regulatorische Anforderungen, etwa im Rahmen der EU-Taxonomie, zu erfüllen. Auch im Bereich KYC werden Primärdaten zunehmend unverzichtbar, da sie eine zuverlässige Identitätsprüfung und die sichere Verifizierung von Vertragspartnern ermöglichen, wodurch Compliance-Risiken deutlich reduziert werden.

Für Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Handlungsempfehlung: Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten sie ihre Datenstrategie aktiv auf die Integration der Primärquellen ausrichten. Dazu gehört nicht nur die technische Anbindung solcher Quellen, sondern auch die Entwicklung klar definierter Prozesse und Verantwortlichkeiten im Datenmanagement. Zukünftig wird die Relevanz von Primärquellen weiter zunehmen, insbesondere im Kontext weiter steigender regulatorischer Anforderungen und neuer technologischer Möglichkeiten. Hinsichtlich der nächsten Jahre zeichnen sich drei wesentliche Veränderungen ab: Entscheidungswege werden kürzer, weil die Herkunft der Daten unstrittig ist; Zusammenarbeit wird einfacher, weil alle Beteiligten auf dieselben, anerkannten Quellen zugreifen; und der Dialog mit Kunden wird klarer, weil Aussagen auf nachvollziehbaren Fakten beruhen. Diese Veränderungen sollten mit einem chancenbasierten Ansatz verfolgt werden. Unternehmen, die dieses erkennen, profitieren langfristig von gesteigerter Effizienz, höherer Datenqualität und besseren strategischen Entscheidungen.

Insgesamt vermittelt der Beitrag einen umfassenden und praxisnahen Einblick in die strategische Nutzung von Primärquellen. Er zeigt sowohl regulatorische Hintergründe als auch konkrete Anwendungsfelder auf und bietet Unternehmen klare Handlungsempfehlungen, um Daten zu einem strategischen Vermögenswert zu entwickeln. Besonders hervorzuheben ist die Verbindung von Theorie, regulatorischen Anforderungen und konkreten Praxisbeispielen, die den Beitrag zu einem wertvollen Leitfaden für Unternehmen macht, die ihre digitale Datenstrategie zukunftsfähig gestalten wollen.

Themen: Rezensionen | Kommentare deaktiviert für Mit Primärdaten zu einer souveränen Datenstrategie

Kommentare geschlossen.