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Qualität statt KI-Hype: Was langfristige Fundamentalanalyse für das Credit Rating lehrt
Von Dr. Oliver Everling | 22.Januar 2026
Der aktuelle KI-Hype prägt die Kapitalmärkte auch 2026 und geht mit hohen Erwartungen sowie einer erhöhten Risikobereitschaft vieler Investoren einher. Dabei droht aus dem Blick zu geraten, was langfristig Wert schafft. Wie es in der Pressemitteilung „Zeit für Qualität: Was der KI-Hype verdeckt“ von Comgest heißt, konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Märkte „zunehmend auf rein KI-bezogene Themen“, während Unternehmen mit „robusten Geschäftsmodellen, planbaren Cashflows und nachhaltigem Wachstum“ weniger Beachtung finden. Genau diese Verschiebung der Wahrnehmung liefert wichtige Erkenntnisse für das Credit Rating, das seinem Anspruch nach gerade nicht kurzfristigen Moden folgen darf, sondern die dauerhafte Schuldentragfähigkeit eines Unternehmens beurteilt.
Besonders aufschlussreich ist die Beobachtung, dass sich die Bewertungen von Qualitätsunternehmen „deutlich von ihren Fundamentaldaten entkoppelt haben – in einem Ausmaß, das wir seit Langem nicht mehr erlebt haben“, wie Wolfgang Fickus, Produktspezialist bei Comgest, feststellt. Für das Credit Rating ist dies ein Warnsignal: Marktpreise und populäre Narrative sind kein verlässlicher Indikator für Kreditqualität. Ratingprozesse müssen sich bewusst von Euphorie und Momentum lösen und sich konsequent auf Fundamentalfaktoren stützen.
Der Text macht deutlich, dass in einem von KI-Euphorie geprägten Umfeld „gerade jene Qualitätswachstumsmerkmale in den Hintergrund geraten, die langfristig entscheidend sind – etwa die Fähigkeit zur freien Cashflow-Generierung, eine disziplinierte Kapitalallokation, Diversifikation und eine starke Unternehmenskultur“. Für das Credit Rating folgt daraus, dass qualitative Faktoren systematisch und gleichgewichtig in die Analyse einbezogen werden müssen. Governance, Unternehmenskultur und Kapitalallokation sind aus Kreditsicht zentrale Determinanten für Ausfallrisiken, werden aber in trendgetriebenen Marktphasen häufig unterschätzt.
Ein weiterer, für Ratings besonders relevanter Befund betrifft die veränderten Marktmechaniken. Die durchschnittliche Haltedauer von Aktien ist laut den im Text zitierten Studien von JPMorgan Chase & Co. und der NYSE auf „weniger als sechs Monate“ gesunken. Diese zunehmende Kurzfristigkeit vieler Marktteilnehmer steht im Kontrast zum Anspruch des Credit Ratings, Risiken über vollständige Konjunktur- und Geschäftszyklen hinweg zu beurteilen. Der langfristige Ansatz von Comgest, Portfoliounternehmen im Schnitt länger als fünf Jahre zu halten und Investitionsentscheidungen nicht an kurzfristigen makroökonomischen Schwankungen auszurichten, unterstreicht die Bedeutung von Stabilität und Kontinuität – Prinzipien, die auch für belastbare Ratings zentral sind.
Die im Text genannten Unternehmensbeispiele wie Inditex, Visa und Intuit verdeutlichen, wie Substanz jenseits von Indexlogiken und Modethemen aussieht. Agilität bei gleichzeitiger operativer Berechenbarkeit, skalierbare Infrastruktur mit stabilen Transaktionserträgen oder hohe Markteintrittsbarrieren auf Basis von Daten und Kundenbeziehungen wirken aus Credit-Sicht als Stabilitätsanker. Sie tragen zu planbaren Cashflows und robuster Ertragskraft bei und erhöhen damit die Widerstandsfähigkeit gegenüber technologischen und konjunkturellen Umbrüchen.
Wenn Wolfgang Fickus resümiert, man investiere „nicht in kurzfristige Stories – sondern in Unternehmen, von deren Geschäftsmodellen wir überzeugt sind, dass sie auch in zehn Jahren noch relevant sein werden“, lässt sich daraus eine zentrale Lehre für das Credit Rating ableiten. Gute Ratings entstehen nicht aus der Fortschreibung aktueller Markttrends, sondern aus einer nüchternen, evidenzbasierten Analyse von Geschäftsmodellqualität, Ertragsvisibilität und finanzieller Solidität. Gerade in Phasen, in denen der Markt Qualität übersieht, kommt dem Credit Rating eine wichtige ordnende Funktion zu: Es macht langfristige Substanz sichtbar, wo kurzfristige Narrative dominieren.
Quelle: Comgest / GFD – Gesellschaft für Finanzkommunikation mbH, Pressemitteilung „Zeit für Qualität: Was der KI-Hype verdeckt“, Stand 30. September 2025, mit Marktreferenzen u. a. nach Reuters (Rao, 30.11.2025), Financial Times (Sharma, 01.12.2025), JPMorgan Chase & Co. (Wheat/Eckerd, 27.08.2025) und NYSE.
Themen: Ratings | Kommentare deaktiviert für Qualität statt KI-Hype: Was langfristige Fundamentalanalyse für das Credit Rating lehrt
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