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Ratinganalysten diskutieren das Rating Griechenlands

Von Dr. Oliver Everling | 23.November 2012

Prof. Dr. Helmut Roland setzt als Vorsitzender des Bundesverbandes der Ratinganalysten und Rating Advisor e.V. (www.bdra.de) neue Akzente für die Arbeit des 1998 gegründeten Verbandes. Neben der jährlichen Mitgliederversammlung findet nun eine Jahresversammlung statt mit namhaften Referenten und Vertretern anderer Vereine und Verbände. Die Jahresversammlung ist auch für Teilnehmer offen, die (noch) nicht im mehr als 400 Mitglieder zählenden Verband dabei sind.

In der Jahresversammlung skizzierte u.a. Rainer Langen, Vorsitzender des Bundesverbandes der Kreditmediatoren e.V., die Rolle und Funktionen der Kreditmediatoren in Deutschland und deren Zusammenwirken im Verband. Langen stellt den Bezug zum Thema „Rating“ her, dass oft der Schlüssel zur Lösung von Konflikten zwischen Unternehmen und Banken liefert. Sein Vortrag und anschließende Diskussion machten die „Schnittmengen“ zwischen Kreditmediation und Rating Advisory offensichtlich.

Der Euro im Stresstest: Ist das „Geschäftsmodell Europa“ noch zukunftsfähig? Auf diese Frage geht Axel Angermann, Mitglied der Geschäftsleitung und Head of Economics der Feri EuroRating Services AG aus Bad Homburg, in seinem viel beachteten Vortrag auf der Jahresversammlung des BdRA nach. Angermann führt mit einem Hinweis auf das Bewusstsein um die besondere Rolle als Vertreter einer in Europa anerkannten Ratingagenturen in das Thema ein. Die Feri EuroRating Services ist von der European Securities and Markets Authority (ESMA) nach der EU-Verordnung über Ratingagenturen eine für ihre Länderratings anerkannte Ratingagentur.

Angermann verdeutlicht im Kreis der versammelten Ratinganalysten und Rating Advisors, dass die Zukunft der Europäischen Währungsunion nicht nur von ökonomischen, sondern insbesondere auch von politischen Aspekten beeinflusst werde, Faktoren also, die nicht aus rein ökonomischen Wachstums- oder Stabilitätszielen abgeleitet werden können. Angermann skizziert die Geschichte und Politik Europas seit Adenauer, die der Sicherung des Friedens gewidmet ist.

„Eigentlich muss man sich wundern, dass wir seit über 20 Jahren einen einheitlichen Binnenmarkt haben, aber man jetzt erst auf die Idee kommt, auch die Banken einheitlich zu regulieren“, überlegt Angermann. Die Krise habe nun eine Entwicklung angestoßen, die insgesamt wohl zu einer homogeneren Entwicklung Europas führen könnte. Vor diesem Hintergrund sei auch zu analysieren, wie sich „das Geschäftsmodell Europäische Währungsunion“ weiterentwickle.

Angermann lässt keinen Zweifel daran, dass Griechenland weiterhin nicht die von diesem Staat erwarteten Hausaufgaben erledigen kann. Insbesondere sei der erhoffte Abbau der Schulden jenseits jeder Realität. So seien die pessimistischen Prognosen der Feri EuroRating Services noch übertroffen worden, der Schuldenabbau also noch langsamer, als von der Ratingagentur vorhergesehen. Für das Erreichen der von der Politik verkündeten Ziele für Griechenland sieht Angermann keine Chance und sieht sich daher mit anderen Agenturen einig, dass es bei Griechenland weiterhin um einen hoch riskanten, extrem ausfallgefährdeten Schuldner handelt.

Fitch Ratings sei im Frühjahr 2012 einmal mit einer etwas optimistischeren Einschätzung duch ein Upgrading (immer noch tief im spekulativen Bereich) ausgeschert, sei aber zum CCC wie S&P’s zurückgekehrt. Sowohl die Feri EuroRating Services als auch Moody’s sehen Griechenland jedoch noch kritischer auf niedrigster Ratingstufe, also mit höchster Ausfallgefährdung.

„Sie sitzen in einem Topf heißen Wassers“, kommentiert ein Mitglied des BdRA, „denn bei den Politikern sind Sie gern gesehen, wenn Ihre Aussagen passen, und wenn nicht, kann es sehr heiß werden“. Angermann bleibt bei der Analyse der Situation in den verschiedenen verschuldungskritischen Staaten, auch Spanien. Die Situation werde erschwert durch das insgesamt auch belastete wirtschaftliche Umfeld in den anderen Staaten.

Angermann zerstreut die Hoffnung, dass die sinkenden Lohnstückkosten z.B. in Spanien damit zu tun hätten, dass Reformmaßnahmen bereits greifen würden. Vielmehr sei dies ein Effekt einer schrumpfenden Volkswirtschaft, denn durch Entlassungen, die zunächst die weniger produktiven Teile Wirtschaftssektoren betreffe, würde quasi automatisch die rechnerische Produktivität der restlichen Arbeitskräfte gesteigert.

„Wir sind aber für Spanien deutlich optimistischer als andere, die weiterhin mit einer starken Schrumpfung ausgehen. Die Akteure an den Finanzmärkten glauben Spanien noch nicht, dass die Reformen kommen, denn sie verlangen immer noch hohe Zinsen. Bis sich der Erfolg der Reformen zeigt, Ende 2013 oder 2014, bleiben Risiken“, warnt Angermann. Die Feri EuroRating Services stufte Spanien schon vor 12 Jahren vom AAA herunter, mit weiteren Ratingschritten bis kurz vor dem spekulativen Bereich ab 2007. Einige Jahre später kamen auch die US-amerikanischen Ratingagenturen zu denselben Erkenntnissen, so dass sich die führenden Agenturen aus den USA heute weitgehend einig in ihren Klassifizierungen sind.

„Sorgen muss man sich aktuell um Frankreich machen“, gibt Angermann zu denken. „Das Land wächst nicht mehr. Hintergrund sind gravierende Probleme hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit. Bis ins Frühjahr hatte das Land einen Präsidenten, der das Land auf internationale Wettbewerbsfähigkeit einstimmen wollte. Der jetzige Präsident wolle dies aber explizit nicht.“ Für das Jahr 2012 will Angermann dennoch auch Frankreich noch 0,3 % Wachstum zubilligen. „Was jetzt von anderen Ratingagenturen diskutiert  worden ist, haben wir vor zwei Jahren bereits in unserer Herabstufung Frankreichs berücksichtigt.“ Seit 2012 hatte die Feri EuroRating Services kein AAA-Rating für Frankreich mehr, während S&P’s noch bis ins Frühjahr 2012 und Moody’s bis in den Herbst 2012 am AAA bzw. Aaa festhielten. So bleibt Frankreich nur noch das AAA der Fitch Ratings, der Agentur mit französischem Hauptaktionär.

Die in der Jahresversammlung versammelten Analysten diskutieren die Gründe, warum nicht nur Herabstufungen, sondern auch Heraufstufungen von Ratings durch die Feri EuroRating Services früher erfolgen als bei US-amerikanischen Agenturen. Insbesondere wird der Frage nachgegangen, warum die Ratings der Feri EuroRating Services auch keiner zwischenzeitlichen Korrekturen bedurften. Angermann führt dieses Phänomen auf die Eigenarten des zugrundeliegenden ökonometrischen Modells zurück, dass stärker an den ökonomischen Fakten der jeweiligen Länder orientiert sei.

Die allmähliche Entschärfung der Schuldenkrise durch Funktionstüchtigkeit des ESM, Bankenunion und Maßnahmen der EZB mit einem Vertrauensgewinn könne schließlich in einem allmählichen Aufschwung münden. Dieses Szenario hält Angermann am wahrscheinlichsten. Zunächst verharre aber die Wirtschaft der Länder in der Währungsunion in der Rezession.

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