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Rettet das Spiel!

Von Dr. Oliver Everling | 21.November 2016

„Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist“ – das ist der neueste Buchtitel aus dem Carl Hanser Verlag. Der Hirnforscher Gerald Hüther und der Philosoph Christoph Quarch wollen sich damit nicht abfinden. Sie erläutern, warum unser Gehirn zur Hochform aufläuft, sobald wir es spielerisch nutzen, erinnern an die Wertschätzung des Spiels in früheren Kulturen und zeigen, welche Spiele dazu angetan sind, Freiräume für Lebensfreude zu öffnen – damit spielerische Kreativität nicht verloren geht.

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Was Schiller einst dachte, bestätigt heute die Neurowissenschaft: Im Spiel entfalten Menschen ihre Potenziale, beim Spiel erfahren sie Lebendigkeit. Doch das Spiel ist bedroht – durch seine Kommerzialisierung ebenso wie durch suchterzeugende Online-Spiele“, warnen die Autoren.

Spiele werden auch in Deutschland mit Milliarden gefördert. Staatliche Glücksspiele wie Klassenlotterien spielen wöchentlich Millionen ein. Die Rundfunkbeiträge für die Medienanstalten werden dazu genutzt, Spiele des Spitzensports zu übertragen. Millionen von Zuschauern verfolgen Spiele in riesigen Stadien oder vor dem Fernseher. Die Autoren sprechen aber nicht in erster Linie von dieser Art das staatlich geförderten Spielekonsums, sondern es geht ihnen um das Spiel, bei dem der Mensch selbst aktiv als Spieler teilnimmt. Daher geht es auch nicht um das Schauspiel, bei dem der Zuschauer ebenfalls eine passive Rolle wahrnimmt. Das Buch befasst sich nicht mit den starren Regeln, nach denen ein Ball von rechts nach links und wieder von links nach rechts befördert wird usw., sondern nimmt den Leser mit zu einem tieferen Verständnis dessen, was „Spiel“ eigentlich ausmacht

„Dem Konsumenten ist das Spiel selbst gleichgültig. Er setzt sich nicht aufs Spiel, sondern vor den Monitor: mit dem lebendigen Geist des Spielens aber hat das nichts zu tun. Der ist dann tot: entweder man spielt oder man konsumiert. Beides zusammen geht nicht“, folgern Hüther und Quarch.

Die Autoren des Buches sind weder Fußballtrainer noch Lobbyisten für eine bestimmte Spielekonsole. Beide sind vielmehr bekannte Autoren und Referenten. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Christoph Quarch Philosoph. Entsprechend steigt das Buch auch mit dem Thema ein, wie schon nach der griechischen Mythologie die Götter mit Schicksalen spielten.

„Das Spiel ist aus. Der Nachbar“, kritisieren die Autoren, „ist uns nicht ein Spielgefährte, sondern eine Konkurrenz, gegen die wir uns durchsetzen müssen. Wir sind, so will es scheinen, aus dem Spiel genommen. Und eben das tut uns nicht gut – rettet das Spiel!“

In dem sich die Autoren mit griechischen Göttern und alten Philosophen beschäftigen, erhält der Leser mit diesem Buch eine völlig neue Sichtweise auf ihm möglicherweise schon bekannte Namen und Geschichten. „Allein, so unschuldig wie einst in den antiken Spielstätten zu Delphi und Olympia ließ sich in einer christlich dominierten Kultur nicht mehr spielen. Zwar blühte an den Adelshöfen der Renaissance, des Barock und Rokoko eine nie gewesene Spielkultur, doch gleichzeitig keimte – vor allem unter dem Einfluss der Reformation – ein diesem spielerischen Geist zutiefst feindlicher Groll, der sich mit der französischen Revolution entlud.“

Die Gegner jener neuen Ernsthaftigkeit sehen sie als Bedrohung des Humanen. Zitat Friedrich Schiller: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ 

„Die ganze Geisteshaltung der Renaissance war Spiel“, mit diesen Worten wird der Historiker Johan Huizinga zitiert und die Autoren zeigen auf, dass „die ganze Haltung der Reformation hingegen war eine dem Spiel feindliche. In ihr obsiegt der unbedingte Ernst – der Ernst des Gläubigen, der sich fortwährend um sein Seelenheil sorgt. Die Sorge aber ist der Tod des Spiels.“

Heute sind es oft gerade die Kirchen, die das unter ethischen, ökologischen und sozialen Aspekten fragwürdige Verhalten des „Homo oeconomicus“ in Unternehmen anprangern. Dabei liegen die Wurzeln für das kritisierte Verhalten genau in eben diesem Denksystem,  auf dass sich die Kirchen stützen. „Letztlich war es der sorgenvolle Ernst der Reformation, der sich auf Umwegen in den Geist der modernen Ökonomie schlich, wie Max Weber gezeigt hat, und so zur Entstehung desjenigen Menschentypus beitrug, der später als Homo oeconomicus Epoche machte. Der wirtschaftende Mensch sieht sich als rationalen Egoisten, der stets nach seinem Nutzen, seinem Vorteil fragt – der Ernst des Menschen, der darum bemüht ist, seine Interessen durchzusetzen.“

Das Buch ist weit mehr als eines der vielen Managementbücher, in denen Strategien zum schnellstmöglichen Erfolg vorgestellt werden. Der Mensch kann, überlegen die Autoren, “ zum Moralapostel werden und im Stil der Jakobiner die Moral mit Feuer und Schwert zur Geltung bringen. So macht er sich zum Sklaven der Vernunft und zum Despoten über Leib und Seele. Er kann aber auch zu sinnlicher Ausschweifungen neigen. Dann macht er sich zum Sklaven seines Leibes und diesen zum Despoten über seinen Geist -in etwa so, wie es der dekadente alte Adel getan hatte.“

In heutigen Demokratien ist die Mehrheit der Wähler kein Einkommensteuerzahler mehr. Es entscheidet vielmehr eine Mehrheit, welche Leistungen eine Minderheit aus Unternehmern und Berufstätigen zu erbringen hat. Die Autoren bringen der attischen Demokratie einiges Verständnis entgegen, nach der stimm- und wahlberechtigte Bürger ökonomisch unabhängig sein mussten. „Man glaubte in Athen, das es der Polis schaden würde, wenn Politik zu einer Profession verkommt – zum Gelderwerb.“

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