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Verschiebung eines Gleichgewichts? Credit- und Ratingmärkte im Umbruch 2026

Von Dr. Oliver Everling | 13.Januar 2026

Der von LGT Private Banking veröffentlichte „Globale Ausblick 2026: Verschiebung des Gleichgewichts“ beschreibt eine Kapitalmarktlandschaft, in der sich die klassischen Bewertungs- und Risikologiken grundlegend verändern. Steigende Staatsverschuldung, höhere Kapitalkosten und zunehmende geopolitische Eingriffe wirken sich nicht nur auf Aktienmärkte aus, sondern verändern vor allem die Rahmenbedingungen für Credit, Ratingeinschätzungen und die Stabilität von Schuldnerprofilen. In einer Welt, in der verlässliche Korrelationen schwinden, gewinnt die Qualität von Kreditnehmern ebenso an Bedeutung wie die Fähigkeit von Investorinnen und Investoren, Risiken über verschiedene Emittenten, Regionen und Strukturen hinweg zu streuen.

Das Jahr 2026 markiert laut LGT einen Wendepunkt, da erstmals eine Investorengeneration aktiv wird, die die globale Finanzkrise nicht mehr bewusst erlebt hat. Mika Kastenholz, Global Head Investment Solutions bei LGT Private Banking, ordnet dies ein: „2026 erreicht erstmals eine Generation das Investorenalter, die die globale Finanzkrise nicht mehr aktiv erlebt hat – in einer Ära, deren Konturen noch nicht definiert sind.“ Gerade im Credit-Bereich bedeutet dies, dass historische Ausfallraten, Spread-Niveaus und Ratingmigrationen an Aussagekraft verlieren können. Ratingagenturen stehen vor der Herausforderung, neue Risikofaktoren wie politische Eingriffe, Lieferkettenbrüche oder klimabedingte Ressourcenknappheit stärker in ihre Modelle zu integrieren, während Investoren Ratings kritischer hinterfragen müssen.

Die LGT betont, dass disziplinierte Diversifikation die wirksamste Absicherung bleibt, insbesondere in einem Umfeld, in dem sich die Finanzierungsbedingungen verschärfen. Für Anleiheninvestoren rückt damit die Frage in den Vordergrund, wo Liquidität auch in Stressphasen verfügbar bleibt und welche Emittenten über ausreichend robuste Cashflows verfügen, um höhere Zinslasten zu tragen. Credit-Qualität wird weniger durch kurzfristige Konjunkturzyklen bestimmt als durch strukturelle Faktoren wie Energieverfügbarkeit, Infrastrukturstabilität oder regulatorische Verlässlichkeit, was sich mittel- bis langfristig auch in Ratinganpassungen niederschlagen dürfte.

Die im Ausblick hervorgehobenen Schlüsselthemen unterstreichen diese Entwicklung. Der Übergang der Künstlichen Intelligenz von einer softwaregetriebenen Wachstumsstory hin zu einer kapitalintensiven Infrastrukturfrage verändert die Kreditprofile ganzer Branchen. Unternehmen entlang der Energie- und Rechenzentrumswertschöpfung benötigen hohe Vorabinvestitionen, was ihre Verschuldungskennzahlen belastet, gleichzeitig aber stabile, langfristige Cashflows verspricht. Für Credit-Investoren entsteht hier ein Spannungsfeld zwischen erhöhtem Leverage und potenziell hoher Planbarkeit, das Ratings differenzierter machen dürfte.

Auch die zunehmende Wasserknappheit stellt einen bislang unterschätzten Risikofaktor für Kreditmärkte dar. Regionen und Unternehmen, die stark von Wasserstress betroffen sind, könnten langfristig höhere Finanzierungskosten tragen, da operative Risiken und Investitionsbedarf steigen. Umgekehrt können Emittenten aus den Bereichen Wassereffizienz, Wiederaufbereitung und Entsalzung von stabileren Ratings profitieren, wenn ihre Geschäftsmodelle als systemrelevant wahrgenommen werden. Für global ausgerichtete Portfolios bedeutet dies, dass geografische Diversifikation im Credit-Bereich nicht nur Rendite-, sondern auch Ratingstabilität sichern kann.

Digitale Vermögenswerte schließlich spielen im klassischen Credit-Universum zwar noch eine untergeordnete Rolle, beeinflussen jedoch zunehmend die Wahrnehmung von Risiko und Diversifikation. Die LGT weist darauf hin, dass trotz gesunkener Volatilität die Anlageklasse historisch anfällig für starke Kursrückgänge bleibt und daher nur diszipliniert beigemischt werden sollte. Für traditionelle Kreditmärkte ergibt sich daraus vor allem indirekt eine Wirkung, etwa über die Bilanzierung bei institutionellen Investoren oder über neue Finanzierungsformen, deren Ratinglogik noch nicht abschließend geklärt ist.

Insgesamt macht der Ausblick deutlich, dass Investieren in Zeiten des Umbruchs eine stärkere Fokussierung auf Qualität, Agilität und Belastbarkeit erfordert. Für Credit-Investoren bedeutet dies, Ratings nicht als statische Kennzahlen zu betrachten, sondern als dynamische Einschätzungen in einem sich neu ordnenden globalen System. Mika Kastenholz bringt diesen Anspruch auf den Punkt: „Wenn historische Referenzpunkte an Aussagekraft verlieren und Märkte zunehmend durch Politik und Geopolitik getrieben werden, muss eine umsichtige Diversifikation zur zentralen Disziplin für Investorinnen und Investoren werden.“ In einem solchen Umfeld entscheidet weniger die Jagd nach Renditeaufschlägen als vielmehr ein tiefes Verständnis von Kreditqualität darüber, ob Portfolios auch langfristig stabil bleiben.

Themen: Ratings | Kommentare deaktiviert für Verschiebung eines Gleichgewichts? Credit- und Ratingmärkte im Umbruch 2026

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