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Warum ELTIFs ohne Rating zur Orientierungsillusion werden
Von Dr. Oliver Everling | 20.Januar 2026
Die Diskussion um ELTIFs zeigt exemplarisch, warum der Markt heute stärker denn je auf belastbare Ratings angewiesen ist. Stephan Appel beschreibt im CHECK-Standpunkt „Die Branche im D-Zug – die KI im ICE – Vertriebsgipfel 2026“ die aktuelle Situation der Finanz- und Versicherungsbranche treffend als eine Bewegung mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten: Die Marktteilnehmer säßen „wie in einer Fahrt in einem D-Zug, neben dem auf dem Nebengleis ein Hochgeschwindigkeits-ICE in gleicher Richtung vorbeifegt“. Dieses Bild verdeutlicht, dass sich Produktinnovation, Regulierung, Vertrieb und Analyse längst nicht mehr synchron entwickeln. Gerade bei komplexen, langfristig ausgerichteten Anlagevehikeln wie ELTIFs entsteht daraus ein erhebliches Orientierungsproblem.
Mit der Liberalisierung des ELTIF wurde der Zugang für Privatanleger erleichtert, zugleich aber die Produktvielfalt massiv ausgeweitet. Appel verweist darauf, dass in der Diskussion um den eigentlichen Zweck des ELTIF deutlich wurde, dass es „im Kern um die private Finanzierung des Green Deal und nicht um eine Neuverpackung für Private Equity-, Infrastruktur- oder Immobilienprojekte ohne Nachhaltigkeitsbezug“ gehen solle – eine Sichtweise, die ausdrücklich strittig blieb. Genau diese Uneinigkeit über Zielsetzung, Nachhaltigkeitsqualität und wirtschaftliche Substanz macht deutlich, dass Anleger und Vermittler ohne strukturierte Bewertung kaum in der Lage sind, Anspruch und Wirklichkeit auseinanderzuhalten.
Hinzu kommt, dass der Vertrieb zunehmend von KI getrieben wird und Entscheidungen immer schneller getroffen werden. Gleichzeitig mahnt Appel, dass es entscheidend sei, „ScienceFacts against FakeNews“ zu erkennen und „von der Wissenschaft zu profitieren“. Ein Rating erfüllt hier eine zentrale Übersetzungsfunktion: Es bringt wissenschaftlich fundierte Analyse in eine Form, die im Vertrieb und in der Anlageentscheidung tatsächlich nutzbar ist. Ohne diese Einordnung droht der ELTIF zum Projektionsschirm für Marketingversprechen zu werden, statt ein nachvollziehbares Finanzierungsinstrument zu bleiben.
Besonders brisant wird dies vor dem Hintergrund der Haftungsrisiken im Vertrieb. Appel schildert eindrücklich, wie die vermeintliche Sicherheit der Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung im Ernstfall häufig nicht greift, weil Anlagen rückwirkend als unzulässig eingestuft werden. Wenn der Versicherungsschutz faktisch leerläuft, gewinnt die Frage an Bedeutung, auf welcher Grundlage eine Produktauswahl erfolgt ist. Ein transparentes, unabhängiges Rating kann hier dokumentieren, dass die Entscheidung nicht auf Bauchgefühl oder Verkaufsargumenten beruhte, sondern auf nachvollziehbaren Kriterien.
Schließlich verweist Appel selbst auf die Ambivalenz von Ratings, wenn er deren „Aussagekraft“ kritisch beleuchtet und die Frage stellt, ob sie Orientierung oder Illusion bieten. Gerade daraus ergibt sich jedoch nicht die Überflüssigkeit, sondern die Verantwortung für qualitativ hochwertige Ratings bei ELTIFs. In einem Markt, in dem Produkte durch KI schneller verglichen, gewechselt und neu kombiniert werden, braucht es stabile analytische Bezugspunkte. Ein fundiertes ELTIF-Rating wird damit zum notwendigen Gegenpol zur Beschleunigung: Es schafft Transparenz, reduziert Fehlanreize und hilft, den Hochgeschwindigkeits-ICE der Innovation mit der notwendigen analytischen Kontrolle zu begleiten.
Themen: ELTIF-Rating, Ratings | Kommentare deaktiviert für Warum ELTIFs ohne Rating zur Orientierungsillusion werden
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