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Unabhängigkeit der FED auf der Watchlist
Von Dr. Oliver Everling | 29.August 2025
Die Debatte über die Unabhängigkeit von Zentralbanken begleitet die Märkte seit Jahrzehnten. Während die Theorie nahelegt, dass Notenbanken unabhängig von Regierungen handeln müssen, um Preisstabilität zu gewährleisten und politische Einflussnahmen zu verhindern, zeigt die Praxis, dass diese Unabhängigkeit nie absolut sein kann. Vielmehr spiegelt sie ein Spannungsfeld wider zwischen ökonomischer Expertise und politischer Macht, das sich im Falle der US-Notenbank Federal Reserve derzeit besonders zuspitzt.
Patrice Gautry, Chefvolkswirt der Union Bancaire Privée, weist in einem aktuellen Kommentar darauf hin, dass „die Märkte die Risiken einer Federal Reserve, die sich möglicherweise dem Willen der Trump-Regierung beugen könnte, noch nicht vollständig eingepreist“ haben. Hier zeigt sich die Fragilität der Institution: Formal unabhängig, faktisch aber eingebunden in ein Geflecht aus Interessen, das von den Gouverneuren der Fed bis hin zur politischen Exekutive reicht. Die Annahme, eine Notenbank könne völlig neutral agieren, übersieht, dass sie stets von Menschen geführt wird, die Werte, Überzeugungen und Karrieren haben – und diese stehen nie losgelöst von politischen Realitäten.
So sei es, wie Gautry schreibt, gar nicht im Interesse der Regierung, die Unabhängigkeit der Fed direkt zu zerstören: „Die Kosten wären zu hoch, da sie die Renditen in die Höhe treiben und den Dollar schwächen würden.“ Stattdessen liegt die Strategie darin, die institutionellen Mechanismen von innen heraus zu beeinflussen, indem „die Mehrheit der Fed-Gouverneure der geldpolitischen Doktrin der Regierung“ folgt. Damit wird die Illusion einer unabhängigen Fed gewahrt, während sie in Wirklichkeit Schritt für Schritt in die Logik politischer Macht eingebunden wird.
Die Überlegung, dass Notenbanken nie wirklich unabhängig sein können, ist keineswegs neu, gewinnt jedoch angesichts der aktuellen politischen Dynamik an Brisanz. Historisch haben Zentralbanken immer auch die Interessen jener vertreten, die sie führten. Sei es durch subtile Formen der Koordination mit Finanzministerien, durch den Druck von Regierungen in Krisenzeiten oder durch den Wunsch, wirtschaftliche Stabilität im Sinne der herrschenden Politik sicherzustellen – die Institutionen waren stets Teil eines Machtgefüges. Gautry macht deutlich, dass diese Entwicklung handfeste Folgen für die Märkte haben kann: „Bislang haben die Märkte das Risiko vorzeitiger Zinssenkungen durch eine der Regierung unterwürfige Fed nicht eingepreist.“ Die Vorstellung, dass der Markt rationale Erwartungen bildet, ist damit selbst ein fragiles Konstrukt, das auf Vertrauen in die institutionelle Unabhängigkeit angewiesen ist.
Für das Credit Rating von Staaten ist die Wahrnehmung dieser Unabhängigkeit von enormer Bedeutung. Sobald Zweifel aufkommen, ob die offiziellen Institutionen – sei es die Fed oder die Statistikbehörden – noch glaubwürdig handeln, entstehen Governance-Risiken, die weit über klassische ökonomische Indikatoren hinausgehen. Gautry warnt ausdrücklich davor: „Wenn Wirtschaftsdaten diskreditiert würden, weil sie nicht den Erwartungen der Regierung entsprechen, wenn diejenigen, die sie erstellen, abserviert würden oder wenn solche Daten gar nicht mehr veröffentlicht würden, könnte sich ein großes Governance-Risiko für die Kreditwürdigkeit der USA ergeben.“ Ratings leben von Vertrauen in Transparenz, Verlässlichkeit und Berechenbarkeit staatlicher Institutionen. Wenn dieses Vertrauen untergraben wird, entsteht ein Risikoaufschlag, der unmittelbar in die Refinanzierungskosten eines Landes einfließt.
Eine Fed, die „zu kaum mehr als einem Sprachrohr für politische Direktiven degradiert“ würde, so Gautry weiter, könnte kurzfristig zwar den politischen Zielen dienen – etwa durch niedrigere Zinsen –, langfristig jedoch den Dollar schwächen und die Stabilität der Märkte unterminieren. Genau hier liegt die Schnittstelle zwischen politischer Einflussnahme und Bonität: Ratings spiegeln nicht nur ökonomische Fundamentaldaten wider, sondern auch die Qualität der Institutionen, die diese Daten erzeugen und interpretieren. Eine Aushöhlung der Unabhängigkeit der Fed wäre daher nicht nur ein geldpolitisches Risiko, sondern ein strukturelles Risiko für die Kreditwürdigkeit der USA insgesamt.
Die Märkte haben sich laut Gautry bislang an die Unsicherheiten angepasst und suchen nach „Goldilocks“-Szenarien, die ein Gleichgewicht aus Wachstum und Stabilität suggerieren. Doch diese Stabilität ruht auf einem Fundament, das zunehmend von politischen Eingriffen erodiert wird. Für Investoren wie auch für Ratingagenturen stellt sich die Frage, ob die USA im Falle einer weiteren Machtverschiebung innerhalb der Institutionen den Charakter einer liberalen Marktwirtschaft beibehalten können oder ob Governance-Risiken zu einem dauerhaften Bestandteil der Risikoprämien werden.
Die Einsicht, dass Notenbanken nie völlig unabhängig sind, bedeutet daher nicht nur eine theoretische Relativierung eines Leitprinzips der modernen Ökonomie. Sie verweist vielmehr auf eine zentrale Variable für die Bewertung von Staaten und deren Anleihen: das Vertrauen in Institutionen. Für Credit Ratings ist es weniger entscheidend, ob Zinsen kurzfristig gesenkt oder erhöht werden, sondern ob die Institutionen, die diese Entscheidungen treffen, als glaubwürdig und unabhängig wahrgenommen werden. Genau diese Wahrnehmung steht in den USA zur Disposition – mit potenziell tiefgreifenden Konsequenzen für die Kreditwürdigkeit des Landes.
Themen: Länderrating | Kommentare deaktiviert für Unabhängigkeit der FED auf der Watchlist
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