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Knappheit kehrt zurück – Chancen für XR in einer energieabhängigen Welt
Von Dr. Oliver Everling | 26.März 2026
Geopolitische Spannungen treiben die Energiepreise – und erinnern daran, dass Knappheit zurückkehrt. Europa bleibt verwundbar, physische Ressourcen gewinnen an Wert, und Energie wird zum entscheidenden Faktor für Märkte und Portfolios. In dieser Situation verschiebt sich der Blick vieler Investoren auf eine grundlegende Realität der Wirtschaft. Wie Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz, erklärt, gibt es eine unbequeme Konstante moderner Volkswirtschaften: „Sie beruhen auf etwas, das sie nicht kontrollieren.“ Energie sei „kein skalierbares Gut, keine Plattform, kein Netzwerk mit steigenden Grenzerträgen. Sie ist physisch, begrenzt, ortsgebunden.“
Diese Einsicht wirkt zunächst wie ein Rückgriff auf alte ökonomische Gewissheiten, doch sie gewinnt in einer digitalisierten Welt neue Bedeutung. Jahrzehntelang schien es, als könnten Innovation, Globalisierung und Digitalisierung materielle Grenzen überwinden. Schieferöl schwächte die Marktmacht traditioneller Förderländer, erneuerbare Energien versprachen Autonomie, und Plattformökonomien vermittelten das Bild einer Wirtschaft, in der Wachstum vor allem aus Software, Daten und Netzwerkeffekten entsteht. Doch geopolitische Konflikte führen diese Vorstellung regelmäßig an ihre Grenzen. Sobald Spannungen eskalieren, steigen Ölpreise nicht mehr wegen Konjunkturzyklen, sondern wegen politischer Risiken. Dann wird sichtbar, dass die physische Grundlage der Wirtschaft nie verschwunden war, sondern nur in den Hintergrund gerückt ist.
Die Geografie spielt dabei weiterhin eine entscheidende Rolle. Seit der Industrialisierung des Öls sind Ressourcen ungleich verteilt, während der Bedarf global ist. Diese Asymmetrie prägt internationale Beziehungen bis heute. Konflikte um Förderländer, Transportwege und politische Einflusszonen sind Ausdruck dieser strukturellen Spannung. Besonders deutlich wird dies an Engpässen wie der Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels fließt. Solche geografischen Knotenpunkte haben eine Wirkung weit über ihre physische Größe hinaus, weil sie das globale Energiesystem verwundbar machen.
Europa befindet sich in dieser Konstellation in einer strukturell exponierten Position. Während die USA durch Schieferöl größere energiepolitische Autonomie gewonnen haben und China seine Bezugsquellen strategisch diversifiziert, bleibt der europäische Kontinent auch nach der Abkehr von russischen Lieferungen stark importabhängig. Diese Situation macht Energiepolitik zugleich zu Wirtschafts- und Sicherheitspolitik. Die Energiewende ist daher nicht nur klimapolitisch motiviert, sondern auch geopolitisch notwendig. Doch sie ist ein langfristiger Prozess. In der Übergangsphase bleiben Abhängigkeiten bestehen oder nehmen sogar zu, wodurch externe Schocks – etwa durch Konflikte im Nahen Osten – unmittelbare wirtschaftliche Auswirkungen entfalten können.
Der aktuelle Konflikt verdeutlicht damit die Rückkehr der Knappheit als strukturelles Prinzip der Ökonomie. Der steigende Energiebedarf von Rechenzentren, Elektromobilität und Industrie zeigt, dass auch die digitale Wirtschaft stark von physischen Ressourcen abhängt. Netze, Speicher und Energiequellen lassen sich nicht beliebig skalieren. Innovation kann Effizienz steigern, doch sie hebt die materiellen Grenzen nicht auf. In diesem Sinne verschiebt sich der wirtschaftliche Fokus: Neben technologischem Fortschritt rückt wieder stärker der Zugang zu begrenzten Ressourcen in den Mittelpunkt. Knappheit wird damit erneut zu einer Quelle wirtschaftlicher Macht und politischer Einflussnahme.
Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen für Kapitalmärkte. Für Investoren verändert sich die Rolle von Energie und Infrastruktur in Portfolios. Energie ist nicht mehr nur eine kurzfristige Wette auf den Ölpreis, sondern ein strukturelles Element zur Absicherung gegen Knappheit und Inflation. Physische Assets – etwa Netze, Infrastruktur oder Rohstoffe – generieren ökonomische Renten gerade deshalb, weil sie nicht beliebig vermehrbar sind. Ihr Wert entsteht weniger aus Innovation als aus Exklusivität und begrenzter Verfügbarkeit.
Vor diesem Hintergrund entsteht jedoch ein interessantes Spannungsfeld mit neuen digitalen Technologien wie Extended Reality und virtuellen Welten. XR-Anwendungen – von Virtual Reality bis Augmented Reality – beruhen zwar ebenfalls auf energieintensiver Rechenleistung, doch ihre ökonomische Logik unterscheidet sich fundamental von der traditioneller Industrien. Virtuelle Güter, digitale Räume oder immersive Dienstleistungen sind nicht durch physische Produktionsketten begrenzt. Sobald die notwendige Infrastruktur existiert, lassen sich viele dieser Inhalte nahezu beliebig replizieren. Während physische Güter unter steigenden Rohstoff- und Energiepreisen leiden, profitieren digitale Ökosysteme davon, dass ihr Grenzkostenprofil sehr niedrig bleibt.
In einer Welt zunehmender Knappheit könnte dieser Unterschied strategisch wichtiger werden. Wenn physische Ressourcen teurer und politisch sensibler werden, steigt der relative Wert von Geschäftsmodellen, die weniger stark an materielle Lieferketten gebunden sind. Virtuelle Konzerte, digitale Arbeitsräume oder XR-basierte Trainingsumgebungen ersetzen zwar nicht vollständig physische Aktivitäten, können sie jedoch teilweise substituieren. Dadurch verschieben sich Wertschöpfungsketten von materiellen Gütern hin zu digitalen Erlebnissen.
Gleichzeitig bleibt auch die XR-Ökonomie indirekt von Energie abhängig. Rechenzentren, Netzwerke und Hardware benötigen Strom, und gerade die KI-gestützten Systeme hinter immersiven Plattformen erhöhen den Energiebedarf erheblich. Doch im Vergleich zu klassischen Industrien ist ihre physische Intensität deutlich geringer. Der wirtschaftliche Hebel liegt weniger im Besitz von Rohstoffen als in Software, Plattformen und Netzwerkeffekten. Diese Struktur kann XR-Unternehmen in einer Welt knapper Ressourcen einen relativen Vorteil verschaffen.
Für Kreditmärkte und Ratingagenturen ergibt sich daraus eine neue Dimension der Risikobewertung. Wenn Energiepreise und geopolitische Risiken wieder stärker über wirtschaftliche Stabilität entscheiden, müssen Kreditratings verstärkt berücksichtigen, wie stark Geschäftsmodelle von physischen Ressourcen abhängig sind. Unternehmen mit energieintensiver Produktion oder komplexen globalen Lieferketten könnten anfälliger für Preis- und Versorgungsschocks werden. Digitale Plattformunternehmen oder Anbieter virtueller Dienstleistungen hingegen weisen häufig eine andere Risikostruktur auf, weil ihre Wertschöpfung stärker immateriell ist.
Das bedeutet nicht, dass XR-Unternehmen automatisch bessere Kreditprofile besitzen. Auch sie benötigen Infrastruktur, Kapital und stabile Nachfrage. Doch ihre Abhängigkeit von Rohstoffen, Transportwegen oder industriellen Vorprodukten ist in vielen Fällen geringer. In einem Umfeld, in dem Energiepreise zu einem zentralen makroökonomischen Risikofaktor werden, kann dies ein wichtiger Unterschied sein. Ratingagenturen könnten daher stärker zwischen physischen und digitalen Geschäftsmodellen differenzieren, insbesondere wenn Energievolatilität langfristig hoch bleibt.
Für Investoren ergibt sich daraus ein doppelter Perspektivwechsel. Einerseits gewinnen physische Assets an Bedeutung, weil Knappheit ihre Preise stützt. Andererseits entstehen neue Chancen in digitalen Ökosystemen, deren Skalierbarkeit gerade in einer Welt materieller Grenzen attraktiv wird. Die Herausforderung besteht darin, beide Dimensionen zusammenzudenken: die Realität begrenzter Ressourcen und die Dynamik virtueller Innovation.
Die Rückkehr der Knappheit bedeutet daher nicht das Ende der digitalen Wirtschaft, sondern verändert ihre Rolle. Technologien wie XR könnten gerade deshalb an Bedeutung gewinnen, weil sie Wertschöpfung teilweise von physischer Produktion entkoppeln. Gleichzeitig erinnert die geopolitische Lage daran, dass selbst die virtuellste Ökonomie letztlich auf Energie angewiesen bleibt. In diesem Spannungsfeld entsteht eine neue ökonomische Balance zwischen materiellen Grundlagen und digitalen Möglichkeiten. Und wie Dr. Johannes Mayr betont, bleibt Öl zumindest in der Übergangsphase „die Währung, in der sich Verwundbarkeit bemisst“. In einer Welt, in der diese Verwundbarkeit wieder sichtbarer wird, gewinnen sowohl physische Ressourcen als auch virtuelle Alternativen an strategischer Bedeutung.
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