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Blockchain und Künstliche Intelligenz als Treiber eines neuen, effizienteren Kapitalmarkts
Von Dr. Oliver Everling | 29.April 2026
Auf dem „Capital Markets Day 26“ an der Frankfurt School of Finance & Management wird im Impulsvortrag „How Blockchain and AI change our Capital Market“ deutlich, dass sich Kapitalmärkte in einer paradoxen Situation befinden: Sie sind schneller und technologisch fortschrittlicher geworden, gleichzeitig aber auch strukturell komplexer und nicht zwangsläufig effizienter. Dr. Ulli Spankowski, Chief Digital Officer der Boerse Stuttgart Group, beschreibt diese Entwicklung als Ergebnis historisch gewachsener Marktstrukturen, die durch eine Vielzahl von Intermediären, Systemen und Prozessen geprägt sind.
Der Status quo der Kapitalmarktinfrastruktur ist stark zentralisiert und fragmentiert. Unterschiedliche Systeme müssen miteinander kommunizieren, was häufig zu manuellen Abstimmungsprozessen, sogenannten Reconciliations, sowie zu Medienbrüchen führt, bei denen Informationen zwischen verschiedenen technischen Umgebungen übertragen werden müssen. Diese Ineffizienzen verursachen nicht nur Kosten, sondern auch Zeitverzögerungen und operationelle Risiken. Trotz hoher Handelsgeschwindigkeiten, etwa durch Hochfrequenzhandel, haben sich dadurch neue Komplexitäten aufgebaut, während klassische Arbitragemöglichkeiten, also das Ausnutzen von Preisunterschieden zwischen Märkten, deutlich zurückgegangen sind.
Die Kombination aus Blockchain-Technologie und Künstlicher Intelligenz eröffnet laut Spankowski jedoch die Möglichkeit, diese Strukturen grundlegend zu verändern. Blockchain ermöglicht eine dezentrale Infrastruktur, in der Transaktionen direkt zwischen Marktteilnehmern abgewickelt werden können, ohne dass zahlreiche Intermediäre erforderlich sind. Dies führt zu einer Reduktion von Kosten, einer Beschleunigung von Prozessen bis hin zur Echtzeitabwicklung sowie zu einer höheren Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Gleichzeitig erlaubt die Technologie eine durchgehende Verfügbarkeit von Märkten rund um die Uhr und eine globale Reichweite, die nationale Grenzen zunehmend irrelevant macht.
Tokenisierte Assets, also digital abgebildete Vermögenswerte wie Aktien oder Anleihen, spielen in diesem Kontext eine zentrale Rolle. Sie ermöglichen effizientere Prozesse, erhöhen den Wettbewerb und verbessern den Zugang zu Kapitalmärkten, da sie einfacher handelbar und programmierbar sind. Spankowski betont, dass intelligente Automatisierung, etwa durch Smart Contracts, also selbstausführende Programme auf der Blockchain, zusätzliche Effizienzgewinne ermöglicht. Schätzungen zufolge könnten bis zu acht Prozent der weltweiten Aktienmarktkapitalisierung künftig tokenisiert werden, was die potenzielle Reichweite dieser Entwicklung verdeutlicht.
Ein konkretes Beispiel für diese neue Infrastruktur ist Seturion, das als horizontale Abwicklungsplattform konzipiert ist. „Horizontal“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Plattform verschiedene Marktteilnehmer, Handelsplätze und Assetklassen integriert, anstatt isolierte Insellösungen zu schaffen. Die Philosophie von Seturion basiert auf Offenheit und Interoperabilität: Sowohl digitale als auch traditionelle Marktakteure sollen eingebunden werden können, und die Plattform soll sowohl mit privaten als auch öffentlichen Blockchain-Netzwerken kompatibel sein. Die Abwicklung kann dabei entweder über Zentralbankgeld oder über Stablecoins erfolgen, also digitale Währungen mit stabilem Wertbezug.
Neben Blockchain hebt Spankowski auch die Rolle der Künstlichen Intelligenz hervor, die insbesondere bei der Analyse von Daten, der Automatisierung von Prozessen und der Optimierung von Handelsstrategien zunehmend an Bedeutung gewinnt. Technologien wie Large Language Models, also große Sprachmodelle, ermöglichen neue Formen der Interaktion mit Daten und Systemen und können Entscheidungsprozesse im Kapitalmarkt unterstützen.
Ein weiterer wichtiger Trend ist die Entwicklung von DeFi, also Decentralized Finance, einem auf Blockchain basierenden Finanzsystem ohne zentrale Intermediäre. Anwendungen wie Borrowing und Lending, also das Verleihen und Aufnehmen von Kapital, wachsen in diesem Bereich exponentiell. Auch Staking, bei dem Kapital zur Sicherung von Blockchain-Netzwerken eingesetzt wird und dafür Erträge generiert, gewinnt an Bedeutung und erweitert das Spektrum für Asset Manager erheblich. Der DeFi-Markt verzeichnet seit 2020 ein starkes Wachstum mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 39 Prozent bis 2025.
Parallel dazu entwickeln sich Stablecoins zu einem globalen Zahlungsnetzwerk mit wachsender Bedeutung. Sie ermöglichen schnelle, kostengünstige und grenzüberschreitende Transaktionen und könnten langfristig eine zentrale Rolle in der Finanzmarktinfrastruktur einnehmen.
Spankowskis Fazit ist klar: Digitale Assets sind keine Zukunftsvision mehr, sondern bereits Realität. Die technologische Infrastruktur ist vorhanden, und auch das Interesse der Marktteilnehmer wächst kontinuierlich. Die entscheidende Frage ist nun, wie diese Technologien in konkrete, marktfähige Angebote übersetzt werden. Damit verschiebt sich der Fokus von der reinen Innovation hin zur praktischen Umsetzung und Integration in bestehende Systeme – ein Prozess, der maßgeblich darüber entscheiden wird, wie der Kapitalmarkt der Zukunft aussieht.
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