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Tracking Error und Fondsrating

Von Dr. Oliver Everling | 16.April 2026

Ein niedriger Tracking Error wird in der Praxis häufig als Hinweis auf mangelnde Überzeugung eines aktiven Portfoliomanagers interpretiert, doch diese Sichtweise greift zu kurz. „Ein niedriger Tracking Error bedeutet nicht automatisch eine geringe Überzeugung des Portfoliomanagers“, betont Paul Moghtader, Portfoliomanager im Advantage-Team von Lazard Asset Management, und verweist damit auf ein verbreitetes Missverständnis unter Investoren. Vielmehr sei diese Kennzahl lediglich ein Ergebnis des Investmentprozesses und nicht dessen Zielgröße. Entscheidend sei stattdessen, wie effizient Risiko eingesetzt wird, was sich besser in der Information Ratio widerspiegelt, also dem Verhältnis von Ertrag zu eingegangenem Risiko.

Der Tracking Error misst die Abweichung eines Portfolios von seiner Benchmark und wird deshalb oft als Ausdruck aktiver Entscheidungen gewertet. „Deshalb wird er oft als Maß für bewusst eingegangenes aktives Risiko interpretiert“, erklärt Moghtader. Daraus werde fälschlicherweise abgeleitet, dass ein hoher Tracking Error für starke Überzeugungen stehe, während ein niedriger Wert Zurückhaltung signalisiere. Tatsächlich hängt die Höhe dieser Kennzahl jedoch stark davon ab, wie ein Portfolio strukturiert ist und welche Art von Risiken eingegangen werden.

Besonders deutlich wird dies bei Strategien, die stark auf makroökonomische Entwicklungen oder Stilfaktoren setzen. Solche Ansätze führen häufig zu hohen Abweichungen von der Benchmark, bergen aber auch erhebliche Risiken. „Stilrotationen sind schwer vorherzusagen“, so Moghtader und verweist auf historische Beispiele wie die Dotcom-Blase, bei der viele Investoren zwar Überbewertungen erkannten, jedoch durch zu frühe Umschichtungen Renditechancen verpassten. Auch in jüngerer Zeit hätten Konzentrationseffekte an den Märkten diese Problematik verschärft. Die Dominanz großer Technologiewerte habe zu erheblichen Performance-Unterschieden zwischen Sektoren geführt, während in den Emerging Markets gegenläufige Entwicklungen einzelner Länder zusätzliche Herausforderungen darstellen. „Für Portfolios wäre eine Übergewichtung Indiens bei gleichzeitiger Untergewichtung Chinas seit Mitte 2024 entsprechend kostspielig gewesen“, erläutert er.

Vor diesem Hintergrund setzt das Advantage-Team bewusst nicht auf große makroökonomische Wetten, sondern auf eine Vielzahl kleiner, unabhängiger Entscheidungen auf Einzeltitelebene. „Wir strukturieren unsere Portfolios bewusst so, dass sie aus Länder-, Sektor- und Größensicht eng an der Benchmark ausgerichtet sind“, sagt Moghtader. Innerhalb dieses Rahmens konzentriere sich das Team auf fundamentale Faktoren wie Cashflow-Qualität, Bewertung, Marktstimmung und Wachstumsperspektiven einzelner Unternehmen. Dieser Bottom-up-Ansatz zielt darauf ab, unerwünschte makroökonomische Risiken zu minimieren und gleichzeitig konsistente Renditebeiträge zu generieren.

In der Konsequenz führt dieser Ansatz häufig zu einem niedrigeren Tracking Error, der jedoch keineswegs als Schwäche interpretiert werden sollte. „Ein niedriger Tracking Error steht nicht im Widerspruch zu aktivem Management – im Gegenteil: Er kann Ausdruck eines gezielten und effizienten Einsatzes von aktivem Risiko sein“, so Moghtader. Entscheidend ist, dass das eingegangene Risiko tatsächlich zu Mehrertrag führt und nicht durch schwer prognostizierbare Makroentwicklungen dominiert wird.

Gerade im Kontext von Fondsratings gewinnt diese Differenzierung an Bedeutung. Klassische Bewertungsansätze berücksichtigen neben der absoluten und relativen Performance zunehmend auch risikoadjustierte Kennzahlen wie die Information Ratio oder die Volatilität. Ein Fonds mit niedrigem Tracking Error kann in solchen Modellen durchaus besser abschneiden, wenn er stabile Überrenditen bei kontrolliertem Risiko erzielt. Strategien, die auf breit diversifiziertes Stock-Picking setzen und extreme Abweichungen von der Benchmark vermeiden, können somit über verschiedene Marktphasen hinweg konsistentere Ergebnisse liefern und dadurch in Ratingsystemen positiv hervorstechen.

Damit verschiebt sich der Fokus weg von der reinen Höhe der Benchmarkabweichung hin zur Qualität des Investmentprozesses. Ein niedriger Tracking Error ist dann kein Indiz für mangelnde Aktivität, sondern kann vielmehr ein Hinweis darauf sein, dass Risiken bewusst gesteuert und effizient genutzt werden – ein Aspekt, der im Fondsrating zunehmend an Gewicht gewinnt.

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