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Neue Anleiheära und ihre Folgen für Credit Ratings
Von Dr. Oliver Everling | 21.April 2026
Die globalen Anleihemärkte befinden sich in einem strukturell veränderten Umfeld, das weitreichende Implikationen für Credit Ratings mit sich bringt. Die Rückkehr zu höheren Renditeniveaus, kombiniert mit einer zunehmenden Divergenz geldpolitischer und fiskalischer Entwicklungen, verschiebt die Bewertungsmaßstäbe für Kreditrisiken und verlangt eine differenziertere Analyse der Schuldentragfähigkeit sowohl auf Unternehmens- als auch auf Staatsebene. Wie Julien Houdain, Head of Global Unconstrained Fixed Income bei Schroders, betont, liegen „die Renditen nahe ihrem höchsten Stand seit mehreren Jahrzehnten“, was zwar attraktive Einstiegspunkte schafft, gleichzeitig aber die Sensitivität gegenüber makroökonomischen Faktoren erhöht und damit auch die Stabilität von Ratings stärker unter Druck setzen kann.
Der Wendepunkt im Jahr 2022 hat nicht nur die Ära der Niedrigzinsen beendet, sondern auch die Mechanik hinter der Kreditbewertung verändert. Die Kombination aus Inflationsschock und aggressiven Zinserhöhungen hat dazu geführt, dass sich die Finanzierungskosten nachhaltig erhöht haben. Für Ratingagenturen bedeutet dies eine Neubewertung der Zinsdeckungskennzahlen und Refinanzierungsprofile vieler Emittenten. Wenn, wie Houdain hervorhebt, „ein größerer Teil der Gesamtrendite von Unternehmensanleihen aus den Zinsen stammt“, rückt die Fähigkeit von Schuldnern, diese Zinslast dauerhaft zu tragen, stärker in den Mittelpunkt. Unternehmen mit bislang stabilen Ratings könnten unter Druck geraten, wenn ihre Margen die gestiegenen Finanzierungskosten nicht kompensieren können.
Gleichzeitig führen enge Kreditaufschläge bei attraktiven Gesamtrenditen zu einer gewissen Verzerrung der Risikowahrnehmung. Die Märkte preisen Risiken derzeit nur begrenzt ein, obwohl sich die fundamentalen Rahmenbedingungen verschärft haben. Für Credit Ratings bedeutet dies ein erhöhtes Risiko von abrupten Anpassungen, sollten sich makroökonomische Annahmen als zu optimistisch erweisen. Die Aussage Houdains, dass „eine rein ertragsorientierte Anleihestrategie heute nicht mehr existiert“, lässt sich direkt auf die Kreditanalyse übertragen: Ratings können nicht mehr isoliert auf Basis historischer Kennzahlen vergeben werden, sondern müssen stärker forward-looking und szenariobasiert sein.
Die zunehmende Divergenz zwischen Volkswirtschaften verstärkt diese Entwicklung. Unterschiedliche geldpolitische Zyklen und fiskalische Spielräume führen zu heterogenen Risiko-Profilen, die sich unmittelbar in den Ratings widerspiegeln dürften. Während einige Länder von sinkendem Inflationsdruck profitieren, sehen sich andere mit steigenden Renditen am langen Ende konfrontiert, etwa infolge expansiver Fiskalpolitik. Diese Dynamik erhöht die Bedeutung der geografischen Differenzierung in der Kreditbewertung. Für Emittenten bedeutet dies, dass ihr Rating nicht nur von unternehmensspezifischen Faktoren abhängt, sondern zunehmend auch vom makroökonomischen Umfeld ihres Sitzlandes und dessen fiskalischer Glaubwürdigkeit.
Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass fiskalische Risiken zunehmend in entwickelten Märkten konzentriert sind. Houdain weist darauf hin, dass „es tatsächlich die entwickelten Volkswirtschaften sind, in denen sich fiskalische Risiken zunehmend konzentrieren“. Für staatliche Credit Ratings impliziert dies einen potenziellen Paradigmenwechsel. Während Schwellenländer traditionell als risikoreicher galten, könnten sich deren relative Fundamentaldaten – insbesondere im Verhältnis von Verschuldung zu Realrenditen – stabilisierend auf ihre Bonität auswirken. Umgekehrt könnten hochverschuldete Industrieländer stärker unter Beobachtung geraten, was mittelfristig zu Ratingherabstufungen oder zumindest negativen Ausblicken führen kann.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Trennung von Zinssensitivität und Kreditrisiko, die laut Houdain „ein entscheidender Vorteil bei der Verwaltung globaler Portfolios“ ist. Für Ratingagenturen bedeutet dies, dass Marktbewegungen nicht mehr automatisch als Indikator für Kreditverschlechterungen interpretiert werden können. Steigende Renditen können sowohl Ausdruck höherer Zinsen als auch gestiegener Kreditrisiken sein. Die analytische Herausforderung besteht darin, diese Effekte sauber zu isolieren. Fehlinterpretationen könnten zu prozyklischen Ratinganpassungen führen, die die Marktvolatilität zusätzlich verstärken.
Schließlich fungieren die aktuell hohen Ausgangsrenditen als eine Art Puffer gegen negative Entwicklungen, was kurzfristig stabilisierend auf Credit Ratings wirken kann. Houdain spricht in diesem Zusammenhang von „Startrenditen als Sicherheitsnetz“, das in unterschiedlichen makroökonomischen Szenarien Schutz bieten kann. Dennoch ist dieses Sicherheitsnetz nicht gleichbedeutend mit struktureller Stabilität. Sollte es zu einer unerwartet starken Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kommen, könnten selbst hohe laufende Erträge die Bonitätseintrübung nicht vollständig kompensieren.
Insgesamt deutet sich eine Phase an, in der Credit Ratings volatiler und stärker differenziert ausfallen dürften. Die Kombination aus höheren Zinsen, fiskalischen Spannungen und global divergierenden Entwicklungen zwingt zu einer präziseren, dynamischeren Bewertung von Kreditrisiken. Die Zeit pauschaler Einschätzungen ist vorbei; entscheidend ist die Fähigkeit, komplexe Wechselwirkungen zwischen Makroökonomie, Marktstruktur und Emittentenprofilen zu erfassen und in belastbare Bonitätsurteile zu übersetzen.
Themen: Anleiherating | Kommentare deaktiviert für Neue Anleiheära und ihre Folgen für Credit Ratings
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