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Reform der Renten- und Altersvorsorgesysteme im Zuge der „Savings and Investments Union“

Von Dr. Oliver Everling | 29.April 2026

Auf dem „Capital Markets Day 26“ an der Frankfurt School of Finance & Management wird deutlich, dass die Transformation der Kapitalmärkte nicht nur durch institutionelle Investoren und technologische Innovationen vorangetrieben wird, sondern zunehmend auch durch strukturelle Reformen im Bereich der Altersvorsorge. In seiner Keynote „Reform der Renten- und Altersvorsorgesysteme im Zuge der ‚Savings and Investments Union‘“ ordnet Martin Weirich, Partner und Financial Services Sustainability Consulting Lead bei PwC Deutschland, diese Entwicklung in einen größeren europäischen Kontext ein und beschreibt sie als einen der zentralen Hebel zur Mobilisierung bislang ungenutzter Kapitalmarktpotenziale.

Ausgangspunkt seiner Analyse ist der sogenannte Competitiveness Compass der Europäischen Kommission, der als Reaktion auf den Bericht von Mario Draghi zentrale wirtschaftspolitische Prioritäten neu definiert. Im Fokus stehen dabei eine strategische Neuausrichtung Europas sowie eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten, die Beschleunigung von Innovationen und die gezielte Verknüpfung von Dekarbonisierung mit Industriepolitik. Ergänzt wird dies durch das Ziel, die Souveränität und Resilienz Europas zu stärken sowie regulatorische Komplexität zu reduzieren, den Binnenmarkt zu vertiefen und Finanzierung, Kompetenzen und Koordination effizienter zu gestalten.

In diesem Kontext positioniert Weirich die „Savings and Investments Union“ als zentrales Integrationsprojekt, das drei Dimensionen vereint: die stärkere Einbindung der Bürger und ihrer Ersparnisse in den Kapitalmarkt, die Skalierung und Integration europäischer Finanzmärkte sowie die Verbesserung von Investitions- und Finanzierungsstrukturen bei gleichzeitig effizienterer Aufsicht. Der Kern des Ansatzes besteht darin, bislang nicht investiv genutzte Spargelder systematisch in produktive Kapitalmarktanlagen zu lenken und so Wachstum, Innovation und Altersvorsorge gleichzeitig zu stärken.

Besondere Dynamik entsteht laut Weirich durch einen doppelten Reformimpuls auf nationaler und europäischer Ebene, der auf ein gemeinsames Ziel einzahlt: die Kapitalmarktfähigkeit der Altersvorsorge. In Deutschland umfassen die Reformüberlegungen unter anderem ein neues Altersvorsorgereformgesetz im Sinne eines „Riester 2.0“, die Einführung einer Frühstartrente sowie ein zweites Betriebsrenten-Stärkungsgesetz zur Weiterentwicklung der betrieblichen Altersversorgung. Parallel dazu werden auf europäischer Ebene Instrumente wie das Pan-European Personal Pension Product und die Savings and Investments Union vorangetrieben, um grenzüberschreitende Lösungen zu ermöglichen und Skaleneffekte zu heben.

Gleichzeitig macht Weirich deutlich, dass die deutsche Reform zwar in die richtige Richtung weist, jedoch zentrale Bausteine noch nicht ausreichend adressiert. Dazu zählt insbesondere ein flächendeckendes Auto-Enrolment, also die automatische Einbindung von Beschäftigten in Vorsorgesysteme mit Opt-out-Option, das international als entscheidender Erfolgsfaktor für hohe Teilnahmequoten gilt. Ebenso fehlt es an einer vollständig integrierten Transparenzlösung in Form eines umfassenden Vorsorge-Dashboards, auch wenn mit der digitalen Rentenübersicht erste Schritte unternommen wurden. Weitere Defizite sieht er bei standardisierten Default-Optionen für Kapitalanlagen, einer klaren Kapitalmarktorientierung sowie einer konsistenten und nutzerfreundlichen Customer Experience, die in Deutschland bislang durch Fragmentierung, Medienbrüche und komplexe Prozesslogiken geprägt ist.

Zur Einordnung verweist Weirich auf internationale Beispiele aus den Niederlanden, Schweden und dem Vereinigten Königreich, die zeigen, wie durch klare Systemarchitekturen, automatisierte Teilnahme und standardisierte Produkte sowohl Effizienz als auch Akzeptanz gesteigert werden können. Diese Modelle illustrieren, dass erfolgreiche Altersvorsorgesysteme nicht nur auf regulatorischen Rahmenbedingungen beruhen, sondern maßgeblich von Nutzerorientierung, Skalierbarkeit und Integration abhängen.

Sein Fazit ist entsprechend deutlich: Die Reform der Altersvorsorge stellt eine der größten Chancen für die Entwicklung eines breiten, retailgetriebenen Kapitalmarkts in Europa dar. Gleichzeitig betont er die Dringlichkeit, da das Zeitfenster für wirksame Maßnahmen begrenzt ist. Ohne eine konsequente Umsetzung zentraler Reformelemente droht Europa, sowohl im internationalen Wettbewerb als auch bei der langfristigen Finanzierung von Wachstum und Wohlstand zurückzufallen.

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