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Capital Markets in Transition – zwischen geoökonomischen Herausforderungen und technologischem Fortschritt
Von Dr. Oliver Everling | 29.April 2026
Der „Capital Markets Day 26″ des „Frankfurt School Forum“ zeichnet ein umfassendes Bild eines Kapitalmarkts im Umbruch, in dem sich makroökonomische Spannungen, regulatorische Neuausrichtungen und technologische Innovationen überlagern. Bereits in den einleitenden Beiträgen wird deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen für institutionelle Investoren und Finanzmarktakteure strukturell verändern. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich Kapitalmärkte in einem Umfeld behaupten können, das nicht mehr primär durch Effizienzüberlegungen, sondern zunehmend durch geopolitische Interessen, sicherheitspolitische Erwägungen und technologische Souveränität geprägt ist.
Vor diesem Hintergrund positioniert Thorben Lüthge, Leiter des Geschäftsfelds Kapitalmarkt bei der DekaBank, seinen Vortrag mit dem Titel „Paradigmenwechsel im Kapitalmarkt: Geoökonomie und Machtpolitik statt ökonomischer Effizienztheorie“. Er beschreibt eine fundamentale Verschiebung im ökonomischen Denken: Während die klassische Kapitalmarkttheorie lange Zeit auf Effizienz, freien Handel und globale Arbeitsteilung ausgerichtet war, treten nun geopolitische Interessen und strategische Abhängigkeiten in den Vordergrund. Zur Einordnung verweist er auf das von David Ricardo entwickelte Gesetz der komparativen Kostenvorteile, das argumentiert, dass Länder durch Spezialisierung und Handel ihren Wohlstand maximieren können. Genau dieses Prinzip wird laut Lüthge zunehmend durch politische Eingriffe, Handelsbarrieren und sicherheitsorientierte Industriepolitik unterlaufen.
Die aktuellen Entwicklungen in Europa illustrieren diese Verschiebung besonders deutlich. Die Zins- und Kreditmärkte stehen unter dem Einfluss steigender Staatsverschuldung, einer alternden Bevölkerung und wachsender Stagflationssorgen. Diese Faktoren führen zu einem strukturell veränderten Zinsumfeld, in dem traditionelle Annahmen über Wachstum, Inflation und Kapitalallokation an ihre Grenzen stoßen. Kapitalmärkte müssen sich daher nicht nur an neue makroökonomische Realitäten anpassen, sondern auch an eine Welt, in der politische Entscheidungen direkten Einfluss auf Finanzströme und Risikobewertungen haben.
Ein weiterer zentraler Aspekt des Vortrags ist die Rolle technologischen Fortschritts, der sowohl als Herausforderung als auch als Chance im geoökonomischen Wettbewerb verstanden wird. Technologien wie Large Language Models und Anwendungen wie ChatGPT stehen exemplarisch für eine neue Phase der Digitalisierung, in der Datenverarbeitung, Automatisierung und künstliche Intelligenz die Funktionsweise von Kapitalmärkten grundlegend verändern. Lüthge betont, dass technologische Kompetenz zunehmend zu einem strategischen Faktor wird, der über Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität von Finanzplätzen entscheidet.
Um in diesem komplexen Umfeld handlungsfähig zu bleiben, skizziert er drei wesentliche Schritte. Erstens müsse die Situation möglichst realistisch verstanden werden, ein Ansatz, den er mit Bezug auf Ray Dalio beschreibt. Es gehe darum, ideologische Verzerrungen zu vermeiden und die tatsächlichen Macht- und Einflussstrukturen klar zu analysieren. Zweitens sei es entscheidend, die zentralen Treiber dieser Entwicklung zu identifizieren, also die Faktoren, die geopolitische, wirtschaftliche und technologische Veränderungen vorantreiben. Drittens müsse man die eigenen Handlungsspielräume erkennen, um innerhalb dieses Spannungsfelds strategische Optionen zu entwickeln und gezielt zu nutzen.
Der Vortrag fügt sich damit nahtlos in die Gesamtlogik der Konferenz ein, die den Kapitalmarkt nicht mehr isoliert als ökonomisches System betrachtet, sondern als Teil eines komplexen Gefüges aus Politik, Technologie und Gesellschaft. Lüthges Analyse macht deutlich, dass sich Marktteilnehmer auf eine neue Realität einstellen müssen, in der wirtschaftliche Effizienz nicht mehr das alleinige Leitprinzip ist, sondern durch Fragen von Macht, Sicherheit und technologischer Kontrolle ergänzt – und teilweise ersetzt – wird.
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