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Emerging-Markets-Aktien: Der Beginn eines neuen Zyklus?

Von Dr. Oliver Everling | 19.Mai 2026

Die Einschätzung von James Donald, Portfoliomanager/Analyst und Leiter der Emerging-Markets-Plattform bei Lazard Asset Management in New York, zu den Perspektiven der Schwellenländeraktien verweist nicht nur auf Marktzyklen, Währungsentwicklungen und Gewinnwachstum, sondern lässt sich auch aus Sicht des Credit Ratings interpretieren. Denn die Attraktivität von Emerging Markets hängt eng mit der Bonität von Staaten, Unternehmen und Finanzsystemen zusammen. Ratings spiegeln letztlich die Fähigkeit wider, wirtschaftliche Schocks zu absorbieren, Kapital effizient einzusetzen und Fremdkapital nachhaltig zu bedienen.

Wenn Donald feststellt: „Emerging-Markets-Aktien haben sich in den letzten zwölf Jahren in US-Dollar gerechnet schlechter entwickelt als andere Aktienmärkte“, verweist dies indirekt auf die enge Verbindung zwischen Währungsstabilität und Kreditwürdigkeit. Eine starke Dollarphase verschlechtert für viele Schwellenländer die Refinanzierungsbedingungen, weil ein erheblicher Teil der Staats- und Unternehmensverschuldung in US-Dollar denominiert ist. Aus Sicht der Ratingagenturen erhöht eine Dollaraufwertung deshalb häufig die externe Verwundbarkeit eines Landes. Sinkende Währungsreserven, steigende Schuldendienstquoten und Kapitalabflüsse wirken sich typischerweise negativ auf Sovereign Ratings aus. Dass Donald nun davon ausgeht, „dass der anhaltende Gegenwind durch den US-Dollar deutlich nachgelassen hat“, kann daher als Hinweis auf eine mögliche Stabilisierung der kreditrelevanten Fundamentaldaten vieler Emerging Markets interpretiert werden.

Besonders relevant ist seine Aussage: „Insgesamt sehen wir mittelfristig weiterhin einen stabilen bis schwächeren US-Dollar als den wahrscheinlicheren Kurs.“ Ein schwächerer Dollar reduziert in vielen Schwellenländern die Belastung aus Fremdwährungsschulden und verbessert gleichzeitig die Fähigkeit von Staaten und Unternehmen, internationale Verbindlichkeiten zu bedienen. Ratingagenturen bewerten solche Entwicklungen in der Regel positiv, weil sie Liquiditäts- und Refinanzierungsrisiken reduzieren. Gleichzeitig fördern stärkere Kapitalzuflüsse die Stabilität der Finanzmärkte und stärken die Devisenreserven, die für die Kreditwürdigkeit vieler EM-Staaten eine zentrale Rolle spielen.

Auch Donalds Verweis auf das hohe US-Zwillingsdefizit besitzt eine direkte Ratingdimension. Hohe Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite gelten langfristig als potenzielle Belastung für die fiskalische Stabilität und damit für die Bonität eines Staates. Sollte sich die relative Stärke der US-Wirtschaft tatsächlich abschwächen, wie Donald argumentiert, könnte dies zu einer Neubewertung globaler Kapitalströme führen. Für Emerging Markets wäre dies ratingtechnisch bedeutsam, weil Investoren dann verstärkt nach Märkten mit solideren Wachstumsperspektiven und attraktiveren Renditen suchen könnten.

Wenn Donald erklärt: „Wenn die Dominanz der US-Wirtschaft nachlässt, schwächt sich in der Regel auch der Dollar ab – was historisch positiv für EM-Aktien war“, verweist dies auf historische Phasen sinkender Risikoaufschläge. In solchen Zyklen verbessern sich häufig auch die Credit Spreads von Schwellenländeranleihen. Ratings profitieren insbesondere dann, wenn sich die wirtschaftliche Diversifizierung erhöht und die Abhängigkeit von kurzfristigen Kapitalzuflüssen sinkt.

Von zentraler Bedeutung für die Kreditqualität ist Donalds Hinweis auf die Unternehmensprofitabilität: „Viele Unternehmen in den Emerging Markets weisen heute eine Profitabilität auf, die mit der entwickelten Welt vergleichbar ist und teilweise sogar über der von Europa oder Japan liegt.“ Für das Credit Rating von Unternehmen ist nachhaltige Profitabilität ein Kernfaktor. Höhere Margen verbessern den operativen Cashflow, erhöhen die Zinsdeckungsfähigkeit und reduzieren das Ausfallrisiko. Gerade asiatische Technologieunternehmen profitieren inzwischen von global integrierten Wertschöpfungsketten und weisen teilweise Bilanzkennzahlen auf, die mit Investment-Grade-Emittenten aus Industrieländern konkurrieren können.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang Donalds Aussage: „Ein großer Teil des KI-bezogenen Geschäfts ist in den Emerging Markets beheimatet – insbesondere in Taiwan und Südkorea.“ Die technologische Führungsrolle von Taiwan und Südkorea stärkt nicht nur die Eigenkapitalstory dieser Märkte, sondern beeinflusst auch deren Kreditprofile positiv. Volkswirtschaften mit hoher technologischer Wertschöpfung verfügen tendenziell über resilientere Exportstrukturen, höhere Produktivität und bessere fiskalische Perspektiven. Diese Faktoren fließen regelmäßig in Sovereign- und Corporate-Ratings ein.

Die von Donald genannten Gewinnerwartungen für 2026 besitzen ebenfalls eine direkte Relevanz für die Bonitätsanalyse. Stark steigende Gewinne verbessern Kennzahlen wie Debt-to-EBITDA oder Interest Coverage Ratios. Besonders in Südkorea mit erwarteten Gewinnsteigerungen von rund 140 Prozent könnte dies zu einer Neubewertung von Unternehmensrisiken führen. Allerdings zeigt Donald zugleich ein wesentliches Merkmal professioneller Credit-Analyse, wenn er geopolitische Risiken klar adressiert. Seine Warnung, dass eine Eskalation im Nahen Osten „deutlich stärkere Folgen für Inflation, Weltwirtschaft und Kapitalmärkte haben“ könne, verweist auf die hohe Sensitivität von Ratings gegenüber geopolitischen Schocks.

Noch deutlicher wird dies bei seiner Aussage: „Dadurch würden die Ölpreise einen weiteren Schub in Richtung der 150-US-Dollar-Marke bekommen. In diesem Fall ist eine globale Rezession zu befürchten.“ Ein solcher Ölpreisschock hätte erhebliche Auswirkungen auf die Kreditqualität vieler Staaten und Unternehmen. Importabhängige Volkswirtschaften würden steigende Leistungsbilanzdefizite und höhere Inflationsraten erleben, während sich die Refinanzierungsbedingungen verschlechtern könnten. Gleichzeitig würden Rezessionsrisiken zu höheren Ausfallwahrscheinlichkeiten im Unternehmenssektor führen. Ratingagenturen reagieren in solchen Phasen häufig mit negativen Ausblicken oder Herabstufungen.

Donalds Hinweis auf strukturelle Veränderungen in Asien besitzt ebenfalls hohe Relevanz für Credit Ratings. Wenn Unternehmen in China, Südkorea und Taiwan künftig ihre Kapitalallokation stärker auf Effizienz und Profitabilität ausrichten, verbessert dies potenziell die Governance-Strukturen und die Kapitaldisziplin. Beides sind zentrale qualitative Faktoren in modernen Ratingmodellen. Unternehmen mit hoher Liquidität, disziplinierter Ausschüttungspolitik und effizientem Kapitaleinsatz erhalten in der Regel günstigeren Zugang zum Kapitalmarkt.

Auch die Aussage: „Wir möchten, dass sich Regionen unterschiedlich entwickeln und nicht alle Märkte gleichzeitig boomen oder schwächeln“, lässt sich ratingstrategisch interpretieren. Unterschiedliche Konjunkturzyklen reduzieren globale Klumpenrisiken und verbessern die Diversifikationsmöglichkeiten institutioneller Investoren. Für Kreditinvestoren bedeutet dies geringere Korrelationen zwischen Ausfallrisiken verschiedener Regionen und damit stabilere Portfolios.

Besonders aufschlussreich ist Donalds Beobachtung zum Anlegerverhalten: „Zum ersten Mal seit vielen Jahren stellen sich viele Investoren die Frage, ob sie zu stark in den USA und zu wenig in Schwellenländern investiert sind.“ Solche Kapitalumschichtungen beeinflussen unmittelbar die Finanzierungskosten von Staaten und Unternehmen. Sinkende Risikoaufschläge und höhere Nachfrage nach EM-Anleihen können die Kreditqualität stabilisieren, weil sich die Refinanzierungskosten verringern und die Kapitalmarktliquidität steigt.

Die historische Erinnerung Donalds an die Phase von 2001 bis 2007 unterstreicht schließlich, dass Emerging Markets in längeren Zyklen erhebliche Bonitätsverbesserungen durchlaufen können. Damals profitierten zahlreiche Länder von Rohstoffboom, Reformprogrammen und steigenden Devisenreserven. Viele Staaten erreichten erstmals Investment-Grade-Status oder verbesserten ihre Ratings signifikant. Sollte sich ein ähnlicher Zyklus erneut entwickeln, könnten sowohl Aktien- als auch Kreditmärkte der Schwellenländer von einer nachhaltigen Neubewertung profitieren.

Themen: Aktienrating, Anleiherating, Länderrating | Kommentare deaktiviert für Emerging-Markets-Aktien: Der Beginn eines neuen Zyklus?

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