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Das Ende der einfachen Daumenregeln und die Zukunft der Immersive Analytics
Von Dr. Oliver Everling | 11.Juni 2026
Lange Zeit funktionierten Wirtschaft und Kapitalmärkte nach vergleichsweise einfachen Orientierungsmustern. Anleger, Manager und Analysten konnten sich auf etablierte Zusammenhänge verlassen: Hohe Bewertungen galten als Warnsignal, steigende Zinsen als Belastung für Wachstumsunternehmen und breite Diversifikation als wirksamer Schutz gegen Risiken. Doch mit dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz geraten diese bewährten Daumenregeln zunehmend ins Wanken. Die Dynamik technologischer Entwicklungen ist inzwischen so hoch, dass traditionelle Denk- und Analysemodelle immer häufiger an ihre Grenzen stoßen.
Laurent Denize, Chief Investment Officer von ODDO BHF Asset Management, beschreibt die aktuelle Situation als eine Phase außergewöhnlichen Wachstums, in der historische Vergleichswerte immer weniger Orientierung bieten. Angesichts von Umsatzsteigerungen von bis zu 80 Prozent und einer Verdopplung oder Verdreifachung der Gewinne bei führenden Halbleiterunternehmen seien die bisherigen Maßstäbe zur Bewertung von Unternehmen nur noch eingeschränkt anwendbar. Wie Denize formuliert, „sprengt das Wachstum der KI die üblichen kognitiven Modelle“.
Diese Feststellung reicht weit über die Finanzmärkte hinaus. Sie verweist auf eine Entwicklung, die zunehmend alle Bereiche datengetriebener Entscheidungen betrifft. Wenn sich Märkte, Technologien und Geschäftsmodelle schneller verändern als die Werkzeuge, mit denen Menschen sie analysieren, entsteht ein Bedarf an neuen Formen der Informationsverarbeitung. Genau an dieser Stelle gewinnt Immersive Analytics an Bedeutung.
Immersive Analytics verbindet Datenanalyse mit virtuellen und erweiterten Realitäten sowie interaktiven Visualisierungstechnologien. Ziel ist es, komplexe Zusammenhänge nicht nur abstrakt darzustellen, sondern räumlich erfahrbar zu machen. Während klassische Dashboards und Tabellen auf zweidimensionalen Bildschirmen operieren, erlaubt Immersive Analytics die Navigation durch multidimensionale Datenräume. Dadurch werden Muster, Beziehungen und Dynamiken sichtbar, die mit herkömmlichen Methoden oft verborgen bleiben.
Die Notwendigkeit solcher Ansätze zeigt sich besonders deutlich im Technologiesektor. Denize warnt davor, die Technologiebranche als homogenen Block zu betrachten. Es sei „irreführend von der Tech-Branche als einem homogenen Block zu sprechen“. Tatsächlich habe sich die Performance zwischen Unternehmen der KI-Infrastruktur und traditionellen Softwareanbietern innerhalb von drei Jahren um rund 300 Prozent auseinanderentwickelt. Wer unterschiedslos in einen Technologieindex investiere, gehe damit eine Wette auf sehr unterschiedliche Entwicklungen ein. Denize zufolge liegt der Schlüssel vielmehr in „strenger Selektivität und einer durchdachten Diversifizierung“.
Diese Aussage verdeutlicht ein grundsätzliches Problem moderner Entscheidungsfindung: Die relevanten Unterschiede liegen heute häufig nicht mehr zwischen Branchen, sondern innerhalb einzelner Sektoren, Plattformen oder Wertschöpfungsketten. Die Analyse solcher Strukturen überfordert einfache Kategorien und Standardmodelle. Immersive Analytics könnte hier helfen, indem Zusammenhänge zwischen Technologien, Märkten, Unternehmen und regulatorischen Einflüssen visuell und interaktiv dargestellt werden.
Nach Einschätzung von Denize verändern die Investitionen in Technologie und künstliche Intelligenz die Marktstrukturen grundlegend. Selbst Risiken wie hohe Energiepreise, geopolitische Spannungen oder erste Anzeichen einer Verlangsamung der US-Wirtschaft würden durch die außergewöhnliche Dynamik der KI-Investitionen mehr als ausgeglichen. Der CIO betont, dass der Technologiesektor inzwischen rund 40 Prozent des US-Wachstums ausmache und den Großteil der künftigen Produktivitätsgewinne liefere. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die enorme Streuung innerhalb des Sektors naive Indexstrategien mit erheblichen asymmetrischen Risiken verbinde.
Auch für die Analyse solcher Entwicklungen reichen traditionelle Instrumente immer weniger aus. Wenn technologische Innovationen ganze Branchen umgestalten, entstehen komplexe Netzwerke aus Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Der Ausbau von Rechenzentren beeinflusst beispielsweise die Energieversorgung, steigert die Nachfrage nach Infrastruktur, verändert regionale Wirtschaftsstrukturen und wirkt sich gleichzeitig auf regulatorische Debatten über Datenhoheit und KI-Governance aus. Solche Wechselwirkungen lassen sich in immersiven Analyseumgebungen deutlich besser erfassen als in statischen Tabellen oder Berichten.
Denize beschreibt die neue Logik der Märkte mit einem Satz, der exemplarisch für den Wandel des Denkens steht: „Ein Unternehmen, das jährlich um +50 % wächst, mag heute teuer erscheinen und in zwei Jahren günstig sein.“ Die traditionelle Bewertung eines Unternehmens auf Basis aktueller Kennzahlen werde dadurch zunehmend relativiert. Nach seiner Einschätzung rechtfertigt genau diese Logik die Widerstandsfähigkeit der Aktienmärkte trotz des anhaltenden Zinsdrucks.
Damit verweist er indirekt auf ein weiteres Problem klassischer Daumenregeln: Menschen denken meist linear, während technologische Entwicklungen häufig exponentiell verlaufen. Immersive Analytics könnte dazu beitragen, solche exponentiellen Prozesse verständlicher zu machen, indem Wachstumspfade, Szenarien und Wechselwirkungen visuell erfahrbar werden.
Hinzu kommt, dass die Geschwindigkeit technologischer Disruption die Titelauswahl selbst für professionelle Investoren erschwert. Denize weist darauf hin, dass eine Anlagethese durch technologische Veränderungen von heute auf morgen entwertet werden könne. Vor diesem Hintergrund stellt er die Frage, wie sich eine robuste Positionierung überhaupt noch strukturieren lasse. Seine Antwort lautet Momentum. Der Momentum-Ansatz basiere auf der empirischen Beobachtung, dass sich erfolgreiche Werte häufig weiterhin besser entwickeln als der Gesamtmarkt. Über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten habe der Momentum-Faktor andere Faktoren wie Value, Quality oder Growth übertroffen.
Für Denize ist die zunehmende Polarisierung der Märkte keine Störung, sondern eine Realität, die erfasst werden müsse. „In einem Trendmarkt wie diesem ist die Polarisierung eine Realität, die es zu erfassen und zu steuern gilt – nicht zu beseitigen“, erklärt er. Wer das Gewicht von Unternehmen wie Nvidia künstlich reduziere, riskiere, die zentralen Wachstumstreiber des Marktes zu übersehen.
Gerade dieser Gedanke besitzt eine hohe Relevanz für die Zukunft der Analytics. An die Stelle statischer Gleichgewichtsmodelle treten zunehmend dynamische Systeme, deren Struktur sich fortlaufend verändert. Immersive Analytics bietet die Möglichkeit, solche Systeme in Echtzeit zu beobachten und ihre Entwicklung interaktiv nachzuvollziehen. Statt vergangene Zustände auszuwerten, rückt die Analyse von Trends, Bewegungen und Wechselwirkungen in den Mittelpunkt.
Darüber hinaus betont Denize, dass die KI-Revolution weit über die eigentliche Technologiebranche hinausreichen werde. Nach seiner Einschätzung werden Versorger von dem durch Rechenzentren ausgelösten Energieboom profitieren, Banken und Versicherungen durch den Einsatz von KI-Agenten erhebliche Effizienzsteigerungen erzielen und das Gesundheitswesen von Fortschritten bei Diagnostik, Forschung und Verwaltung profitieren. Auch der chinesische Markt werde häufig unterschätzt, obwohl dort technologische Innovationen zunehmend gefördert würden und China mittlerweile in mehreren Hochtechnologiesegmenten mit den USA konkurriere.
Besonders wichtig erscheint seine Einschätzung, dass künftig nicht mehr allein Unternehmensdaten über den Erfolg von Investitionen entscheiden werden. Fragen der Datenhoheit, der Regulierung künstlicher Intelligenz sowie geopolitische Entwicklungen dürften die Bewertungen ganzer Sektoren beeinflussen. Deshalb, so Denize, reiche die reine Titelauswahl nicht mehr aus. Vielmehr müssten „geopolitische, regulatorische und gesellschaftliche Faktoren“ in die Portfoliokonstruktion einbezogen werden.
Genau hierin liegt möglicherweise die größte Zukunftschance für Immersive Analytics. Je stärker wirtschaftliche Entscheidungen von einer Vielzahl miteinander vernetzter Einflussfaktoren abhängen, desto wichtiger werden Werkzeuge, die diese Komplexität sichtbar machen. Die Herausforderung der kommenden Jahre wird nicht darin bestehen, mehr Daten zu sammeln. Die Herausforderung wird darin bestehen, die richtigen Zusammenhänge zu erkennen.
Die RATING EVIDENCE GmbH nutzt Ansätze der Immersive Analytics, um komplexe Unternehmens-, Markt- und Risikodaten nicht nur auszuwerten, sondern in ihren Wechselwirkungen sichtbar und intuitiv erfassbar zu machen. Gerade in einem Umfeld, in dem klassische Kennzahlen und lineare Bewertungsmodelle zunehmend an Aussagekraft verlieren, ermöglicht die Verbindung von Datenanalyse, interaktiver Visualisierung und KI-gestützter Mustererkennung einen deutlich tieferen Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge. Statt isolierte Finanzkennzahlen zu betrachten, können Analysten, Investoren und Entscheidungsträger bei RATING EVIDENCE mehrdimensionale Datenräume erkunden, in denen finanzielle, regulatorische, geopolitische und technologische Einflussfaktoren miteinander verknüpft werden. Dadurch lassen sich Risiken, Chancen und strukturelle Veränderungen früher erkennen und fundiertere Entscheidungen treffen. Immersive Analytics wird so zu einem Instrument, das die traditionelle Unternehmensanalyse um eine neue Dimension erweitert: die Fähigkeit, Komplexität nicht nur zu berechnen, sondern auch visuell und interaktiv zu verstehen.
Das Ende der einfachen Daumenregeln bedeutet daher nicht das Ende rationaler Entscheidungen. Es markiert vielmehr den Übergang in eine Ära, in der menschliche Urteilskraft durch neue Formen der Visualisierung und Interaktion erweitert werden muss. Wenn das Wachstum der künstlichen Intelligenz tatsächlich die bisherigen kognitiven Modelle sprengt, wie Laurent Denize feststellt, dann könnte Immersive Analytics zu jener Technologie werden, die Menschen dabei hilft, in einer zunehmend komplexen Welt den Überblick zu behalten.
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