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Die Macht der Finfluencer ist das Symptom einer fehlenden Ratingkultur

Von Dr. Oliver Everling | 15.Juli 2026

Die wachsende Bedeutung von Finanz-Influencern in sozialen Medien wird häufig als Folge der Digitalisierung oder veränderter Mediengewohnheiten interpretiert. Tatsächlich weist sie jedoch auf ein tiefer liegendes Problem hin: Es hat sich bis heute keine gesunde Ratingkultur entwickelt, in der unabhängige, verlässliche und miteinander im Wettbewerb stehende Ratingagenturen Anlegern die Informationen bereitstellen, die sie für fundierte Finanzentscheidungen benötigen. Wo vertrauenswürdige Orientierung fehlt, entstehen Informationslücken, die von Influencern gefüllt werden.

Nach einer aktuellen Untersuchung beziehen heute Millionen Menschen ihre Finanzkenntnisse über kurze Videos auf Plattformen wie TikTok. Besonders junge Erwachsene nutzen soziale Medien als wichtigste Informationsquelle zu Themen wie Vermögensaufbau, Investitionen oder Budgetplanung. Ursache hierfür sei unter anderem, dass Schulen finanzwirtschaftliche Themen vielfach nur unzureichend vermitteln und viele Menschen deshalb nach leicht zugänglichen Alternativen suchen.

Die Studie zeigt zugleich, dass der Einfluss vieler sogenannter Finfluencer in bemerkenswertem Gegensatz zu ihrer fachlichen Qualifikation steht. Bei fast drei Viertel der untersuchten Inhalte seien keine nachvollziehbaren beruflichen Qualifikationen oder finanzwirtschaftlichen Ausbildungen der Autoren erkennbar gewesen. Gleichzeitig würden Risiken häufig ausgeblendet, während mögliche Gewinne überbetont würden. Darüber hinaus würden viele Beiträge zugleich der Vermarktung von Finanzprodukten, Handelsplattformen oder kostenpflichtigen Schulungsangeboten dienen, ohne dass wirtschaftliche Eigeninteressen stets ausreichend offengelegt würden.

Die Erklärung für den Erfolg solcher Influencer liegt jedoch nicht allein in den Algorithmen sozialer Netzwerke. Zwar bevorzugen diese kurze, emotional ansprechende und selbstbewusst vorgetragene Inhalte, die komplexe Zusammenhänge stark vereinfachen und dadurch hohe Reichweiten erzielen. Doch entscheidend ist, dass vielen Anlegern gleichzeitig verlässliche, allgemein akzeptierte Orientierungsmaßstäbe fehlen.

Genau hier offenbart sich das Defizit einer fehlenden Ratingkultur. Ratings erfüllen in funktionierenden Kapitalmärkten die Aufgabe, Informationsasymmetrien zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern abzubauen. Sie sollen Risiken transparent machen, unterschiedliche Informationsstände ausgleichen und nachvollziehbare Urteile ermöglichen. Eine lebendige Ratingkultur setzt dabei voraus, dass mehrere voneinander unabhängige Ratingagenturen im Wettbewerb stehen, ihre Methoden offenlegen und ihre Glaubwürdigkeit dauerhaft unter Beweis stellen müssen. Wettbewerb fördert Qualität, Transparenz und Vertrauen.

Wo eine solche Kultur nicht ausreichend ausgeprägt ist, entsteht ein Vakuum. Anleger orientieren sich dann nicht an nachvollziehbaren Analysen, sondern an Personen mit hoher Reichweite. Die Autorität des Influencers ersetzt die Qualität einer systematischen Bewertung. Reichweite wird mit Kompetenz verwechselt, Popularität mit Glaubwürdigkeit.

Hinzu kommt, dass soziale Medien Erfolgsgeschichten besonders stark verbreiten. Nach den Ergebnissen der Untersuchung werden spektakuläre Renditen, passives Einkommen oder außergewöhnliche Anlageerfolge wesentlich häufiger dargestellt als Fehlschläge oder Verlustrisiken. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild der Finanzmärkte, das psychologische Effekte wie die Angst, Chancen zu verpassen, zusätzlich verstärkt.

Die Aufsichtsbehörden reagieren inzwischen zunehmend auf diese Entwicklung. Sowohl in den USA als auch im Vereinigten Königreich und in Australien wird verstärkt gegen irreführende Finanzwerbung und nicht lizenzierte Anlageberatung in sozialen Medien vorgegangen. Plattformen selbst versuchen zwar, bezahlte Inhalte besser zu kennzeichnen, doch die Abgrenzung zwischen unabhängiger Information, Werbung und Anlageempfehlung bleibt schwierig.

Letztlich verweist die Studie auf einen grundlegenden Zusammenhang zwischen Finanzbildung und Informationsqualität. Weltweit verfügt nach den zitierten Untersuchungen lediglich rund ein Drittel der Erwachsenen über grundlegende Finanzkompetenzen. Wo diese Kenntnisse fehlen, gewinnen einfache Botschaften, scheinbar eindeutige Empfehlungen und charismatische Persönlichkeiten an Einfluss.

Die Antwort auf den Aufstieg finanzwirtschaftlich oftmals unqualifizierter Influencer kann deshalb nicht allein in einer besseren Regulierung sozialer Medien liegen. Erforderlich ist vielmehr der Aufbau einer gesunden Ratingkultur. Anleger benötigen unabhängige, methodisch nachvollziehbare und im Wettbewerb stehende Ratingagenturen, die vertrauenswürdige Informationen bereitstellen und Risiken transparent bewerten. Erst wenn solche Institutionen als selbstverständlicher Bestandteil der Finanzmärkte wahrgenommen werden, verliert die bloße Reichweite eines Influencers ihre Bedeutung als Ersatz für fachliche Kompetenz. Eine funktionierende Ratingkultur stärkt damit nicht nur die Qualität von Investitionsentscheidungen, sondern auch die Stabilität und Glaubwürdigkeit der Kapitalmärkte insgesamt.

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