Europas strategische Weichenstellung im globalen Wettbewerb mit China
Von Dr. Oliver Everling | 4.August 2026
Der jüngste Börsengang des chinesischen Halbleiterherstellers CXMT markiert einen erneuten Wendepunkt in der globalen Wirtschaftsarchitektur und führt der europäischen Öffentlichkeit mit aller Deutlichkeit vor Augen, dass technologische Dynamik und Marktführerschaft im Zweifel aus Fernost und nicht aus Europa erwachsen. Aus Sicht der Pekinger Führung bilden Halbleiter wie auch andere Hochtechnologiebereiche fundamentale Schlüsselbereiche für das angestrebte Erreichen der weltweiten Spitze, wofür der chinesische Staat immense Ressourcen bündelt. Vor diesem Hintergrund geraten europäische Unternehmen zunehmend unter Druck, indem sie Marktanteile in China einbüßen, auf Drittmärkten ins Hintertreffen geraten und gleichzeitig auf dem eigenen Heimatmarkt einer immer stärker werdenden Präsenz chinesischer Produkte gegenüberstehen. In der europäischen Politik- und Wirtschaftsdebatte wird angesichts dieser Verwerfungen verstärkt über illegitime Subventionen und Dumpingpraktiken geklagt, woraus rasch der Ruf nach Gegenmaßnahmen wie Strafzöllen oder massiven eigenen Subventionen laut wird.
Eine Replikation dieser protektionistischen Ansätze verfehlt jedoch den Kern des europäischen Problems und offenbart eine grundlegende Fehleinschätzung der geopolitischen wie auch ökonomischen Kräfteverhältnisse. Eine generelle Abschottungs- und Konfrontationsstrategie gegenüber China erweist sich für die Europäische Union als ungeeignetes Mittel. Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt der FERI Gruppe, bringt diesen Umstand auf den Punkt, wenn er warnt, dass eine solche Strategie „keine gute Idee“ sei, „schon allein deshalb, weil China aufgrund seiner Größe und seines Rohstoffreichtums der EU größeren wirtschaftlichen Schaden zufügen kann, als es selbst davonträgt.“ Die chinesische Führung verfügt zudem über eine signifikant höhere Entschlossenheit und institutionelle Handlungsfähigkeit, solche wirtschaftspolitischen Druckmittel strategisch einzusetzen. Ein klarer Blick auf die Ursachen verdeutlicht zudem, dass chinesische Anbieter keineswegs ausschließlich durch staatliche Alimentierung erfolgreich sind, sondern in zahlreichen ehemals dominierten europäischen Domänen aus eigener Kraft aufschließen, was den gravierenden Verlust an globaler Wettbewerbsfähigkeit hiesiger Unternehmen im vergangenen Jahrzehnt widerspiegelt.
Parallel dazu etabliert sich China zügig in den essenziellen Zukunftsfeldern der kommenden Jahrzehnte – wie etwa der künstlichen Intelligenz, der Robotik, der Biotechnologie, der Raumfahrt sowie der Mikrotechnologie –, während Europa in vielen dieser Märkte eine allenfalls marginale Rolle einnimmt. Diese strukturelle Schwäche entspringt einer tief verwurzelten gesellschaftlichen Risikoaversion, die durch die gegenwärtige Wirtschaftspolitik eher noch verstärkt als abgebaut wird. Auch der Versuch, dem chinesischen Modell mit einer zentral gesteuerten europäischen Industriepolitik nach französischem Vorbild zu begegnen, verspricht keinen nachhaltigen Erfolg. Wie Angermann betonte, gelte vielmehr: „Es spricht viel dafür, dass China mit seinem politischen System in dieser Disziplin besser ist, als es die Europäer je sein könnten.“
Die einzige tragfähige Antwort für die Europäische Union liegt daher in einer konsequenten Rückbesinnung auf die eigenen historisch gewachsenen und ordnungspolitischen Fundamente. Anstatt sich in aussichtslosen Handelskonflikten aufzureiben oder in wirkungslosen Protektionismus zu flüchten, bedarf es einer gezielten Stärkung der heimischen Rahmenbedingungen. Dazu gehören ein erstklassiges Ausbildungs- und Qualifikationssystem, die Erhaltung der grundlegenden Innovationskraft, eine leistungsfähige Infrastruktur, hohe politische Stabilität sowie der verlässliche Schutz von Eigentumsrechten. Ein wesentlicher Hebel liegt zudem im konsequenten Abbau der verbliebenen Schranken innerhalb des europäischen Binnenmarktes, im Verzicht auf unnötige bürokratische Regulierungen und im zügigen Aufbau eines vollendeten europäischen Kapitalmarktes. Durch die Schaffung dieser Grundlagen lässt sich eine Position der Stärke aufbauen, die für künftige Verhandlungen unabdingbar ist. Angermann resümiert folgerichtig, dass ein solcher Zuwachs an europäischer Stärke die EU überhaupt erst in die Lage versetzen würde, „mit der chinesischen Führung auf Augenhöhe zu verhandeln und beispielsweise offensiv einen gleichberechtigten Zugang zum chinesischen Markt für europäische Anbieter einzufordern.“ Die Vermeidung einer falschen Prioritätensetzung wird damit zur entscheidenden Weichenstellung für die wirtschaftliche Zukunft Europas.
Themen: Länderrating | Kommentare deaktiviert für Europas strategische Weichenstellung im globalen Wettbewerb mit China
Kommentare geschlossen.
Börse hören. Interviews zu Ratingfragen im Börsen Radio Network. Hier klicken für alle Aufzeichnungen mit Dr. Oliver Everling seit 2006 als Podcasts.












