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Erster Erfahrungsbericht zum Start des immersive Finance Forums (iff)
Von Dr. Oliver Everling | 12.August 2026
Das European Finance Forum (EFF) zeigt seit seiner Gründung 1989, wie ein Forum funktionieren kann, das Wissen, Erfahrungsaustausch und persönliche Vernetzung miteinander verbindet. Der gemeinnützige Verein versteht sich heute als Netzwerk und Plattform für Führungskräfte aus der Finanzdienstleistungsindustrie, den Finanzbereichen von Unternehmen und deren Berater. Im Mittelpunkt stehen regelmäßige Veranstaltungen zu aktuellen und zukünftigen Fragen der Finanzwirtschaft, Vorträge ausgewiesener Fachleute, Diskussionen und Networking.
Genau dieses Grundprinzip kann zum Vorbild für ein immersive Finance Forum (iFF) werden: Nicht die digitale Nachbildung eines Konferenzraums wäre das Ziel, sondern die Übertragung des erfolgreichen Forumsgedankens in einen Raum, der neue Formen des Austauschs und des Erlebens ermöglicht.
Das EFF hat dabei etwas vorgemacht, das für das iFF besonders relevant ist: Ein Forum entsteht nicht allein durch die Bereitstellung von Informationen, sondern durch eine regelmäßige soziale Struktur. Die Veranstaltungen schaffen einen Anlass, Menschen mit gemeinsamen fachlichen Interessen zusammenzubringen, Wissen auszutauschen und Netzwerke zu erweitern. Heute organisiert das EFF an sechs Standorten regelmäßige EFF-Meetings mit Vorträgen und anschließendem Networking; hinzu kommen Online-Veranstaltungen und Mitglieder-Events.
Für ein immersive Finance Forum liegt darin eine klare Blaupause. Der Unterschied besteht darin, dass der gemeinsame Ort nicht mehr zwingend ein Hotel, ein Konferenzraum oder ein Büro sein muss. Er kann als immersiver Raum unabhängig vom tatsächlichen Aufenthaltsort der Teilnehmer entstehen.
Wie groß dieser Unterschied sein kann, zeigt der Erfahrungsbericht von Aoshi Chen über das erste iFF-Treffen. Schon die grundlegende Erfahrung war für ihn überraschend positiv: „Meine Erfahrung beim ersten iFF-Treffen hat meine Erwartungen übertroffen.“ Entscheidend ist dabei, dass Chen das iFF nicht lediglich als technische Spielerei beschreibt. Vielmehr kommt er zu einer grundsätzlichen Erkenntnis: „Ein immersives Treffen muss nicht lediglich eine digitale Kopie eines realen Treffens sein.“ Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Perspektive für ein immersive Finance Forum.
Das EFF lebt vom Austausch innerhalb einer fachlich interessierten Gemeinschaft. Ein iFF könnte dieses Prinzip räumlich neu interpretieren. Teilnehmer könnten sich in einem gemeinsamen virtuellen Finanzforum treffen, Vorträge erleben, miteinander diskutieren und sich anschließend in kleineren Gruppen oder persönlichen Gesprächen austauschen. Beim ersten iFF-Treffen funktionierten laut Chen sowohl die Gruppenbesprechung als auch individuelle Gespräche und kleinere Gruppen über Audiozonen problemlos. Damit wird aus der klassischen Idee des Networking ein räumlich erfahrbares Networking: Man bewegt sich nicht nur von einem Vortrag zu einem Gespräch, sondern tatsächlich durch einen gemeinsamen virtuellen Ort.
Gerade diese räumliche Dimension könnte für ein Finance Forum einen besonderen Mehrwert schaffen. Chen konnte beim ersten Treffen unter anderem eine 3D-Darstellung von „Zinsberge“, eine Bio-Animation und einen KI-Assistenten erleben.
Finanzwirtschaftliche Zusammenhänge könnten dadurch nicht nur präsentiert, sondern räumlich dargestellt und gemeinsam erkundet werden. Ein komplexes Modell, eine Marktstruktur, ein Unternehmen oder ein volkswirtschaftlicher Zusammenhang könnte als interaktives Objekt im Raum erscheinen. Der Vortrag würde damit nicht verschwinden, sondern um eine zusätzliche Dimension erweitert.
Noch weiter geht Chens Vorstellung von der „grenzlosen Skalierung von Makro und Mikro“. Immersive Räume könnten seiner Ansicht nach gleichzeitig sehr große und sehr kleine Dimensionen darstellen: Man könnte von einem gesamten Raum oder einer Landschaft bis in die kleinsten Strukturen eines Objekts oder eines biologischen Prozesses hineinzoomen. Für ein Finance Forum eröffnet das eine interessante Perspektive: Finanzmärkte könnten als große dynamische Landschaften erscheinen, während einzelne Unternehmen, Finanzinstrumente oder Transaktionen als detailliert erfahrbare Elemente darin untersucht werden könnten.
Auch die geografische Logik des EFF ließe sich auf diese Weise weiterentwickeln. Das European Finance Forum hat seine Aktivitäten über verschiedene Standorte organisiert und ermöglicht seinen Mitgliedern den Zugang zu Veranstaltungen an diesen Standorten.
Das iFF könnte aus dieser regional verteilten Struktur einen einzigen virtuellen Treffpunkt machen, ohne die regionale Identität aufzugeben. Frankfurt, Berlin, München, Hamburg, Düsseldorf oder Stuttgart müssten dann nicht mehr voneinander getrennte Veranstaltungsorte sein, sondern könnten als unterschiedliche Bereiche eines gemeinsamen Forums existieren.
Chen beschreibt genau dieses Potenzial als „Überwindung von Distanz“. Bereits beim ersten iFF-Treffen sei deutlich geworden, dass Teilnehmer unabhängig von ihrem tatsächlichen Aufenthaltsort in einem gemeinsamen virtuellen Raum zusammenkommen können. Dadurch entstehe die Möglichkeit einer Zusammenarbeit, die nicht mehr von der physischen Entfernung abhängig sei. Für ein europäisch ausgerichtetes Finance Forum ist das besonders interessant. Die Idee eines europäischen Netzwerks könnte räumlich konsequent umgesetzt werden: Ein Teilnehmer in Frankfurt und ein anderer in Paris, London, Wien oder Amsterdam könnten sich nicht nur per Videokonferenz sehen, sondern gemeinsam denselben virtuellen Raum betreten.
Dabei könnte das iFF sogar einen Schritt über die klassische Veranstaltungslogik hinausgehen. Chen beschreibt die Möglichkeit, virtuelle Räume miteinander zu verbinden und miteinander zu verschmelzen. Der iFF-Raum könnte als Hub zu anderen virtuellen Räumen dienen, ein Raum könnte direkt in einen anderen übergehen, seine Umgebung könnte sich dynamisch verändern oder ein realer Raum könnte mit einem virtuellen Raum verbunden werden. Für ein Finance Forum ließe sich daraus beispielsweise eine virtuelle Landschaft entwickeln, in der ein zentraler Forumshub zu verschiedenen Fachwelten führt: Banken, Kapitalmärkte, Versicherungen, FinTech, Sustainable Finance, Regulierung oder makroökonomische Themen könnten eigene Räume erhalten.
Damit würde auch die Veranstaltungsform selbst flexibler. Ein EFF-Meeting ist heute im Kern eine Veranstaltung an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, ergänzt durch Networking. Das immersive Pendant könnte dagegen dauerhaft bestehen. Der virtuelle Raum wäre nicht erst unmittelbar vor Beginn eines Vortrags geöffnet, sondern könnte als kontinuierlicher Treffpunkt der Community funktionieren. Veranstaltungen wären dann besondere Ereignisse innerhalb eines größeren wirklich europäischen Forums.
Chen geht in seinem Bericht sogar noch weiter und beschreibt die Möglichkeit eines „Erlebens von Raum-Zeit-Evolution“. Ein virtueller Raum könnte sich abhängig von der Zeit verändern, wachsen, transformieren oder auf die Aktivitäten seiner Besucher reagieren. „Damit würde der Raum selbst zu einem Bestandteil des Events“, schreibt er. Für ein immersive Finance Forum wäre das ein entscheidender konzeptioneller Schritt: Der Veranstaltungsort wäre nicht mehr bloß Kulisse, sondern selbst Teil der Kommunikation.
Der Erfahrungsbericht macht allerdings ebenso deutlich, dass aus dem Vorbild EFF nicht einfach eine technische VR-Version werden sollte. Die Erfahrungen beim ersten iFF zeigen, dass der Zugang so einfach wie möglich sein muss. Chen beschreibt Schwierigkeiten beim Browser-Zugang, beim Laden des Raumes und bei der Orientierung nach dem Eintritt. Er schlägt deshalb ein kurzes interaktives Tutorial vor, das Bewegung, Drehung, Teleportation, Menü, Raumwechsel und Interaktion mit Objekten erklärt.
Diese Beobachtung ist für die Übertragung des EFF-Modells auf ein immersives Finance Forum zentral. Das EFF hat über Jahrzehnte eine relativ einfache soziale Grundidee etabliert: anmelden, kommen, zuhören, diskutieren, Kontakte knüpfen. Ein iFF muss diese Einfachheit trotz technisch komplexerer Umgebung bewahren. Chen formuliert deshalb auch mit Blick auf die Teilnehmerzahl eine klare Priorität: „Aus meiner Sicht sollte deshalb die Einfachheit des ersten Zugangs eine besondere Priorität haben.“ Je niedriger die technische Einstiegshürde, desto eher kann aus einer interessanten Demonstration eine dauerhaft tragfähige Community entstehen.
Ebenso wichtig ist die Robustheit der technischen Infrastruktur. Chen berichtet von einem „Schwarzloch“-Unfall, bei dem nach einem Teleportationsversuch ein schwarzer Bildschirm mit der Meldung „Trying reconnection“ erschien und er die Anwendung schließlich nur durch das Ausschalten der Quest 3 verlassen konnte. Für ein professionelles Finance Forum wäre eine solche Erfahrung besonders kritisch. Ein immersives Forum muss deshalb nicht nur faszinierende Räume schaffen, sondern ebenso zuverlässige Mechanismen für Neustart, Wiederverbindung und Wiedereintritt anbieten.
Gerade darin zeigt sich, dass das EFF nicht nur als organisatorisches, sondern auch als kulturelles Vorbild dienen kann. Sein Kern ist der kontinuierliche Wissens- und Erfahrungsaustausch.
Das iFF kann diesen Kern übernehmen und um die Eigenschaften immersiver Räume erweitern. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie ein EFF-Meeting möglichst realistisch in VR kopiert werden kann. Die interessantere Frage ist, welche neuen Formen von Wissenstransfer, Begegnung und Zusammenarbeit möglich werden, wenn der gemeinsame Veranstaltungsort selbst programmierbar ist.
Chens Fazit weist genau in diese Richtung. Die kurzfristigen Aufgaben sieht er bei Einführung, Orientierung und Fehlerbehandlung. Langfristig erkennt er jedoch ein wesentlich größeres Potenzial: „Ein immersives Treffen muss nicht versuchen, eine reale Veranstaltung möglichst genau nachzubilden.“ Seine eigentliche Stärke liege darin, „Distanzen, Raumgrenzen und letztlich auch die Grenzen zwischen Raum und Zeit neu zu definieren.“
Das European Finance Forum liefert damit das organisatorische und soziale Vorbild, während das immersive Finance Forum die Möglichkeit eröffnet, dieses Modell räumlich und zeitlich weiterzudenken. Aus Vorträgen werden begehbare Wissensräume, aus Networking werden räumliche Begegnungen, aus Veranstaltungsorten werden miteinander verbundene Welten und aus einzelnen Events kann eine dauerhaft zugängliche Community entstehen. Die Stärke des iFF läge dann nicht darin, das bestehende Finance Forum digital zu imitieren, sondern darin, seinen bewährten Grundgedanken in eine neue Dimension zu überführen: Menschen zusammenzubringen, Wissen zu teilen und Zukunft zu diskutieren – unabhängig davon, wo sie sich physisch befinden.
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