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Data2Space: Warum komplexe Finanzinformationen einen neuen Raum brauchen
Von Dr. Oliver Everling | 21.August 2026
Die Finanzwirtschaft verfügt heute über mehr Informationen als je zuvor. Geschäftsberichte, Marktdaten, Unternehmensregister, Beteiligungsinformationen, Transaktionsdaten, Research und interne Analysen lassen sich digital nahezu unbegrenzt miteinander kombinieren. Doch mit der Menge der verfügbaren Informationen wächst auch ein Problem: Je komplexer die Daten werden, desto schwieriger wird es, ihre Zusammenhänge auf einem gewöhnlichen Bildschirm zu erkennen.
Data2Space setzt genau an diesem Problem an. Der neue Dienst entwickelt einen Ansatz, bei dem komplexe Finanz- und Unternehmensinformationen nicht nur visualisiert, sondern in interaktive räumliche Informationswelten überführt werden.
Der Unterschied zu einer klassischen Datenvisualisierung liegt dabei in der Rolle des Nutzers. Ein gewöhnliches Diagramm wird betrachtet. Ein Dashboard wird gelesen und gefiltert. Ein Bericht wird durchsucht. In einer räumlichen Informationswelt kann der Nutzer dagegen navigieren. Er kann sich einem Bereich nähern, Zusammenhänge verfolgen, Informationen ausblenden oder hervorheben und zwischen verschiedenen Ebenen wechseln.
Damit wird aus der Visualisierung ein Interaktionsmodell.
Das ist besonders relevant, weil viele finanzwirtschaftliche Fragestellungen nicht aus einzelnen Datenpunkten bestehen. Ein Unternehmen hat Eigentümer, Tochtergesellschaften, Geschäftsbereiche und Finanzierungsstrukturen. Ein Investmentportfolio enthält verschiedene Anlageklassen und Positionen, die unterschiedliche Risiken und Abhängigkeiten aufweisen. Ein Finanzprodukt verbindet Assets, Zahlungsströme, Laufzeiten und Szenarien. Eine Transaktion verändert bestehende Eigentums- und Wirtschaftsbeziehungen.
Die eigentliche Information liegt deshalb häufig nicht in den einzelnen Objekten, sondern in den Beziehungen zwischen ihnen.
Genau diese Beziehungen können in einer räumlichen Umgebung zum zentralen Bestandteil der Darstellung werden. Unternehmen können mit ihren Beteiligungen verbunden werden, Investments mit ihren zugrunde liegenden Assets, Finanzprodukte mit ihren Komponenten und Transaktionen mit den betroffenen Gesellschaften.
Dadurch entsteht eine andere Form von Übersicht. Eine klassische Übersicht versucht, möglichst viele Informationen auf einer Fläche zusammenzufassen. Eine räumliche Übersicht kann dagegen unterschiedliche Informationsdichten und Detailebenen miteinander kombinieren. Aus der Entfernung ist die Gesamtstruktur erkennbar. Bei näherer Betrachtung werden einzelne Elemente und Beziehungen sichtbar.
Dieser Wechsel zwischen Überblick und Detail ist für analytische Aufgaben besonders wertvoll. Ein Nutzer kann zunächst die Struktur eines Portfolios betrachten und anschließend einzelne Positionen untersuchen. Er kann eine Unternehmensgruppe als Ganzes sehen und anschließend zu einer bestimmten Tochtergesellschaft navigieren. Er kann eine Transaktion aus der Gesamtperspektive betrachten und danach einzelne Beteiligungsbeziehungen analysieren.
Das entspricht einer anderen Logik als der klassischen Dokumentenanalyse. Dort springt der Nutzer zwischen verschiedenen Dateien, Seiten und Anwendungen. Im räumlichen Modell bleibt er innerhalb derselben Informationsumgebung.
Dadurch kann auch die kognitive Belastung reduziert werden. Das bedeutet nicht, dass komplexe Daten plötzlich einfach werden. Die Komplexität bleibt bestehen. Sie wird jedoch anders organisiert. Statt Informationen ausschließlich nacheinander zu lesen, kann der Nutzer ihre Struktur unmittelbar erforschen.
Gerade für Due Diligence eröffnet dies interessante Möglichkeiten. Eine Due Diligence erfordert häufig die Auswertung einer großen Zahl von Dokumenten und Datenquellen. Die entscheidende Herausforderung besteht jedoch darin, aus den einzelnen Informationen ein konsistentes Gesamtbild zu entwickeln.
Ein räumlicher Datenraum kann dabei als zusätzliche analytische Ebene dienen. Eigentumsverhältnisse, finanzielle Kennzahlen, Assets, Geschäftsbereiche und Transaktionen können miteinander verbunden werden. Auffälligkeiten und Beziehungen werden damit nicht nur in einzelnen Dokumenten gesucht, sondern können Bestandteil eines gemeinsamen Modells werden.
Auch für die Bewertung von Unternehmen könnte dies relevant sein. Eine Unternehmensbewertung basiert nicht ausschließlich auf einer Kennzahl. Umsatz, Cashflow, Verschuldung, Marktposition, Eigentumsstruktur, Geschäftsbereiche und zukünftige Entwicklungen stehen miteinander in Beziehung. Ein räumliches Modell kann solche Dimensionen gemeinsam darstellen und damit eine zusätzliche Perspektive auf das Unternehmen schaffen.
Noch interessanter wird der Ansatz, wenn sich Daten über die Zeit verändern. Eine Unternehmensstruktur ist nicht statisch. Beteiligungen werden erworben oder verkauft, Unternehmen fusionieren, Portfolios werden umgeschichtet und Marktwerte verändern sich. Ein interaktiver Datenraum kann deshalb nicht nur einen Zustand darstellen, sondern auch Entwicklungen und Szenarien abbilden.
Damit nähert sich die räumliche Visualisierung dem Charakter eines Simulations- und Analysemodells an.
Für Investoren kann daraus ein neues Instrument entstehen, um Anlageentscheidungen vorzubereiten. Ein Portfolio könnte nicht nur hinsichtlich Rendite und Risiko betrachtet werden, sondern auch hinsichtlich seiner Beziehungen und Konzentrationen. Welche Unternehmen hängen voneinander ab? Wo entstehen Cluster? Welche Positionen sind miteinander verbunden? Welche Veränderungen ergeben sich bei einer Umschichtung?
Eine solche Perspektive kann klassische Kennzahlen ergänzen. Sie ersetzt quantitative Analyse nicht, sondern macht deren strukturellen Kontext sichtbarer.
Dasselbe gilt für die Kommunikation von Finanzprodukten. Ein Investmentprodukt lässt sich nicht immer überzeugend über einen Prospekt oder eine Präsentation vermitteln. Insbesondere bei Immobilien, Infrastruktur, Private Equity oder komplexen strukturierten Produkten bestehen zahlreiche Komponenten, die miteinander verbunden sind.
Data2Space kann diese Komponenten in einer gemeinsamen digitalen Umgebung darstellen. Der Nutzer kann sich beispielsweise zunächst einen Überblick verschaffen und anschließend einzelne Assets, Standorte, Finanzinformationen oder Beziehungen untersuchen.
Damit verändert sich auch die Customer Journey. Der potenzielle Kunde erhält nicht nur Informationen, sondern kann selbst entscheiden, welche Informationen er als Nächstes erkunden möchte.
Aus Marketing wird dadurch teilweise Exploration.
Auch Präsentationen können diesem Prinzip folgen. Anstatt eine vorgegebene Reihe von Folien abzuspielen, kann ein Präsentierender durch einen Informationsraum führen. Fragen des Publikums können unmittelbar aufgegriffen werden. Der Präsentierende kann zu einem bestimmten Bereich wechseln, Details anzeigen oder Beziehungen hervorheben.
Die Präsentation wird dadurch dynamischer und weniger linear.
Noch weiter geht der Ansatz bei gemeinsamer Nutzung. Mehrere Personen können sich in derselben Informationsumgebung bewegen und miteinander diskutieren. Ein Investmentkomitee kann ein Portfolio untersuchen, ein M&A-Team eine Unternehmensstruktur analysieren oder ein Managementteam verschiedene Szenarien betrachten.
Der Informationsraum wird damit zum gemeinsamen Arbeitsobjekt.
Dies ist ein wichtiger Unterschied zu klassischer Videokonferenztechnik. Wenn ein Bildschirm geteilt wird, betrachten alle Teilnehmer grundsätzlich dieselbe Darstellung. In einer kollaborativen räumlichen Umgebung können die Teilnehmer dagegen selbstständig mit den Informationen interagieren.
Das bedeutet auch, dass räumliche Datenwelten nicht zwingend an einen bestimmten Arbeitsplatz gebunden sind. Data2Space ist auf Desktop, Web und immersive XR-Geräte ausgerichtet. Derselbe Informationsraum kann damit über unterschiedliche technische Zugänge genutzt werden.
Diese Plattformunabhängigkeit ist für die praktische Anwendung entscheidend. Ein Finanzanalyst wird nicht immer ein Headset verwenden wollen. Ein Kunde möchte möglicherweise über den Browser auf eine Produktvisualisierung zugreifen. Ein Team kann dagegen eine immersive XR-Sitzung bevorzugen.
Die räumliche Informationswelt bleibt dabei das verbindende Element.
Damit wird Extended Reality in einen größeren Zusammenhang gestellt. XR ist nicht mehr zwangsläufig das Produkt selbst. Es kann vielmehr eine besonders immersive Zugangsmöglichkeit zu einer Datenwelt sein, die auch über andere Geräte erreichbar ist.
Das könnte für die Entwicklung professioneller XR-Anwendungen entscheidend werden. Die Frage lautet dann nicht mehr: „Welche VR-Anwendung können wir entwickeln?“ Sie lautet: „Welche Informationen werden durch räumliche Interaktion besser verständlich?“
Für Finance ist die Antwort auf diese Frage besonders interessant, weil die Branche von Beziehungen und Strukturen geprägt ist.
Data2Space versucht deshalb, eine Lücke zwischen Daten und menschlicher Wahrnehmung zu schließen. Datenbanken können Milliarden von Datensätzen speichern. Algorithmen können diese Daten analysieren. Doch Entscheidungen werden weiterhin von Menschen getroffen, die Zusammenhänge verstehen müssen.
Eine räumliche Informationsumgebung kann hier als Übersetzungsebene dienen. Sie überführt abstrakte Daten in Strukturen, die betrachtet, navigiert und gemeinsam diskutiert werden können.
Der langfristige Wert liegt damit möglicherweise weniger in der spektakulären Wirkung von 3D als in einer neuen Informationslogik. Der Computer liefert nicht mehr nur eine Oberfläche, auf der Informationen angezeigt werden. Er stellt einen Raum bereit, in dem Informationen organisiert und erkundet werden können.
Data2Space steht damit für einen Wandel von der Visualisierung zur räumlichen Informationsverarbeitung. Die zentrale Frage ist nicht mehr nur, wie Daten aussehen. Entscheidend wird, wie Menschen sich durch Daten bewegen können.
Für die Finanzwirtschaft könnte daraus eine neue Form der Analyse, Präsentation und Zusammenarbeit entstehen: nicht mehr Daten auf dem Bildschirm, sondern Daten als Raum, in dem Zusammenhänge sichtbar und Entscheidungen gemeinsam vorbereitet werden können.
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