« | Home

KI schwächt die Rolle des Venture Capitals

Von Dr. Oliver Everling | 4.Oktober 2026

„Cheaper Money“ – billigeres Geld – ist eine der bemerkenswerten Konsequenzen der künstlichen Intelligenz, die bislang weit weniger Aufmerksamkeit erhält als die spektakulären Produktivitätsversprechen von KI. Die Ratingagentur Egan-Jones Ratings weist darauf hin, dass Start-ups heute schneller und mit weniger Kapital eine relevante Größenordnung erreichen können. Was früher vor allem durch die Finanzierung von Mitarbeitern ermöglicht wurde, verändert sich grundlegend: Venture Capital diente dazu, Ingenieure, Vertriebsmitarbeiter und andere Fachkräfte zu gewinnen, die ein Produkt entwickeln und vermarkten. Wenn künstliche Intelligenz einen wachsenden Teil dieser Arbeit übernehmen kann, verliert Kapital gegenüber Technologie an Bedeutung.

Damit verändert sich die ökonomische Funktion von Geld. Kapital bleibt zwar notwendig, aber seine Knappheit wird relativ geringer, wenn mit einem gegebenen Kapitaleinsatz wesentlich mehr Wertschöpfung organisiert werden kann. Egan-Jones spricht deshalb von einer stillen Deflation des Wertes von Geld. Gemeint ist nicht zwingend eine Deflation im klassischen volkswirtschaftlichen Sinn, sondern eine Veränderung der Verhandlungsmacht des Kapitals gegenüber den Unternehmen, die Kapital aufnehmen.

Für die Venture-Capital-Industrie könnte dies erhebliche Folgen haben. Wenn ein Unternehmen mit zehn hochqualifizierten Mitarbeitern und leistungsfähigen KI-Systemen Aufgaben bewältigen kann, für die früher vielleicht fünfzig oder hundert Mitarbeiter erforderlich gewesen wären, sinkt der Kapitalbedarf für den Aufbau eines Unternehmens. Ein Gründer muss dann möglicherweise nicht mehr Millionenbeträge aufnehmen, um eine Organisation aufzubauen, die Entwicklung, Marketing, Vertrieb und Kundenbetreuung gleichzeitig bewältigen kann. Ein größerer Teil der Wertschöpfung kann bereits mit einer kleinen Mannschaft entstehen.

Damit verändert sich auch die Stellung des Investors. Venture Capital hatte traditionell eine besondere Hebelwirkung, weil Kapital der Zugang zu knappen Ressourcen war. Wer über Kapital verfügte, konnte Unternehmen ermöglichen, schneller Personal einzustellen, Märkte zu erschließen und Wettbewerber zu überholen. Wenn KI bestimmte Ressourcen substituiert, wird diese Hebelwirkung schwächer. Kapital konkurriert dann nicht mehr nur mit anderem Kapital, sondern mit Software, Automatisierung und künstlicher Intelligenz.

Egan-Jones vermutet vor diesem Hintergrund, dass die Renditen von Venture-Capital-Investoren unter Druck geraten könnten und viele Limited Partners diese Entwicklung bislang noch nicht ausreichend eingepreist haben. Die Konsequenz wäre eine Neubewertung nicht nur einzelner Start-ups, sondern des gesamten Geschäftsmodells institutioneller Kapitalgeber. Wenn weniger Kapital erforderlich ist, um ein Unternehmen aufzubauen, kann die Beteiligung eines Investors zwar weniger verwässernd und weniger umfangreich sein, zugleich sinkt aber die Bedeutung der Fähigkeit, große Finanzierungsrunden zu arrangieren.

Diese Entwicklung könnte auch die Bewertung von Unternehmen verändern. Ein Start-up, das für den Aufbau seines Geschäftsmodells bislang 50 Millionen Euro benötigte, könnte in einer KI-dominierten Wirtschaft möglicherweise mit einem Bruchteil dieser Summe auskommen. Das verändert die Beziehung zwischen Unternehmenswert, Kapitalbedarf und Finanzierung. Bewertungsmodelle, die Wachstum vor allem über den Zufluss von Kapital und die Skalierung der Mitarbeiterzahl erklären, verlieren möglicherweise an Aussagekraft.

Für die Banken ist die Entwicklung ambivalent. Einerseits können Unternehmen mit geringerer Kapitalintensität kreditfähiger werden, weil sie schneller Cashflows erreichen und weniger Fremdkapital benötigen. Andererseits kann gerade diese geringere Kapitalintensität das klassische Kreditgeschäft verkleinern. Wenn Unternehmen weniger Gebäude, Maschinen und Personal finanzieren müssen, sinkt der Bedarf an traditionellen Investitionskrediten. Die Bank muss sich stärker auf die Finanzierung immaterieller Vermögenswerte, auf Working Capital, Transaktionsfinanzierung und neue Formen von Wachstum konzentrieren.

Besonders interessant wird dies für die Bewertung von Kreditrisiken. Ein Unternehmen, das mit sehr wenigen Mitarbeitern einen hohen Umsatz erzielt, kann auf den ersten Blick extrem produktiv erscheinen. Gleichzeitig können seine wichtigsten Vermögenswerte aus Daten, Software, Modellen, Kundenbeziehungen und geistigem Eigentum bestehen. Für Kreditgeber stellt sich damit die Frage, wie diese Vermögenswerte im Krisenfall bewertet und verwertet werden können. Die klassische Bilanzanalyse stößt hier an Grenzen.

Für Ratingagenturen eröffnet sich deshalb ein neues Feld. Wenn künstliche Intelligenz die Produktionsfunktion eines Unternehmens verändert, müssen auch Ratingmodelle die Relation zwischen Kapital, Personal, Umsatz, Cashflow und Risiko neu betrachten. Ein Unternehmen mit sehr wenigen Beschäftigten ist nicht automatisch riskanter als ein Unternehmen mit einer großen Belegschaft. Umgekehrt ist eine hohe Mitarbeiterzahl auch kein verlässlicher Indikator mehr für die Substanz eines Geschäftsmodells.

Die eigentliche Frage lautet zunehmend, welche Kombination aus Daten, Technologie, menschlichem Kapital und finanziellen Ressourcen einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil erzeugt. Damit verschiebt sich die Bedeutung von „Hard Facts“ in der Unternehmensanalyse. Finanzielle Kennzahlen bleiben unverzichtbar, reichen aber möglicherweise nicht mehr aus, um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Unternehmens zu erfassen.

Hier entsteht eine direkte Verbindung zwischen künstlicher Intelligenz und der Zukunft der Finanzanalyse. Wenn Daten selbst zum zentralen Produktionsfaktor werden und KI aus Daten wirtschaftlich verwertbare Erkenntnisse erzeugt, muss auch die Finanzwirtschaft ihre Informationen anders organisieren. Geschäftsberichte, Ratings, Marktinformationen und Unternehmensdaten liegen heute überwiegend in zweidimensionalen Dokumenten und Tabellen vor. Für die Analyse komplexer Zusammenhänge könnte eine räumliche Darstellung von Daten einen neuen Zugang schaffen.

Data2Space steht für genau diese Perspektive: Daten werden nicht lediglich gespeichert oder visualisiert, sondern in einen räumlichen Kontext gebracht. Finanzielle Informationen, Unternehmensstrukturen, Risiken, Abhängigkeiten und Szenarien könnten in einer gemeinsamen Umgebung dargestellt werden. Gerade für Investitions- und Finanzierungsentscheidungen entsteht dadurch die Möglichkeit, nicht nur einzelne Kennzahlen zu betrachten, sondern Zusammenhänge unmittelbar wahrzunehmen.

Die von Egan-Jones beschriebene „Deflation des Wertes von Geld“ könnte damit eine noch weitergehende Entwicklung ankündigen. Wenn Kapital weniger knapp wird, steigt der relative Wert der Fähigkeit, Kapital intelligent einzusetzen. Nicht die Menge des verfügbaren Geldes entscheidet allein über den Erfolg einer Investition, sondern die Qualität der Informationen, auf deren Grundlage Kapital eingesetzt wird.

Für Limited Partners bedeutet dies, dass die bisherige Frage „Wie viel Kapital braucht ein Unternehmen?“ zunehmend durch die Frage ergänzt werden muss: „Welche Wertschöpfung kann ein Unternehmen mit diesem Kapital, seinen Daten und seiner KI-Infrastruktur erzeugen?“ Für Venture-Capital-Fonds könnte das zu kleineren Finanzierungsrunden, veränderten Beteiligungsquoten und einer stärkeren Konzentration auf technologische und datenbezogene Fähigkeiten führen.

Auch für Banken und Ratingagenturen verändert sich damit die Informationsökonomie. Wer Unternehmen schneller und besser beurteilen kann, benötigt möglicherweise weniger Kapitalpuffer für Informationsunsicherheit. Gute Daten und leistungsfähige Analysemodelle werden selbst zu einem Instrument der Risikoreduzierung.

Die vielleicht wichtigste Konsequenz liegt deshalb nicht darin, dass Geld seinen Wert verliert. Vielmehr verändert sich die Knappheit, die dem Geld seinen wirtschaftlichen Einfluss verleiht. Wenn KI menschliche Arbeitsleistung in immer mehr Bereichen ergänzt oder ersetzt, wird Kapital weniger benötigt, um menschliche Kapazitäten einzukaufen. Dafür werden Daten, Modelle, Rechenleistung, Technologie und die Fähigkeit, daraus belastbare Entscheidungen abzuleiten, wertvoller.

Die Finanzwirtschaft steht damit vor einer Verschiebung ihrer bisherigen Wertschöpfungskette. Kapital bleibt notwendig. Aber Kapital allein wird weniger differenzierend. Die entscheidende Ressource könnte zunehmend die Fähigkeit sein, aus großen Mengen heterogener Informationen ein verständliches Bild von Chancen und Risiken zu erzeugen.

Aus „Cheaper Money“ könnte deshalb eine neue Ära der Finanzwirtschaft entstehen: eine Wirtschaft, in der nicht die Knappheit des Kapitals, sondern die Qualität der Information über seine Verwendung zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird. Rating, Investment und Finanzierung würden damit von der Frage „Wie viel Geld steht zur Verfügung?“ stärker zur Frage „Was wissen wir über die Verwendung dieses Geldes?“ verschoben. Die nächste Generation der Finanzanalyse könnte deshalb weniger von größeren Datenmengen als von ihrer räumlichen, visuellen und interaktiven Erschließung geprägt sein.

Themen: Existenzgründerrating, Technologierating | Kommentare deaktiviert für KI schwächt die Rolle des Venture Capitals

Kommentare geschlossen.

  • http://everling.de

    Seit dem Start des Blogs im Jahr 1998 wurden hier mehr als 5.000 Fachbeiträge veröffentlicht. Die seit 2006 nahezu unveränderte Grundstruktur der Website ist Ausdruck einer bewussten editorischen Entscheidung: Statt einer regelmäßigen gestalterischen Neuausrichtung steht die langfristige Dokumentation im Vordergrund. Dadurch bleibt der zeitgeschichtliche Kontext der Veröffentlichungen erhalten. Die Website fungiert damit nicht nur als umfangreiches digitales Facharchiv, sondern zugleich als Zeugnis der Entwicklung wissenschaftlicher Online-Kommunikation seit den Anfängen des Internets im Finanzbereich.
  • ^^^

    RATING EVIDENCE GmbH

    E-Mail:

    info@rating-evidence.com

    Telefon:

    +49 69 772677

    Internet:

    www.rating-evidence.com

    Legal Entity Identifier (LEI):

    529900H7U10QMQQ4CU62

    Amtsgericht:

    Frankfurt am Main, HRB 58721

    Umsatzsteuer-Identifikationsnummer:

    DE286772649

    Geschäftsführer:

    Dr. Oliver Everling

    Büro:

    Ditmarstraße 1
    60487 Frankfurt am Main
    Deutschland