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Steigende US-Zinsen: Wenn aus dem Schneeball eine Lawine wird
Von Dr. Oliver Everling | 22.September 2026
Die globalen Anleihemärkte stehen unter erheblichem Druck. Der Anstieg der Renditen lässt sich dabei längst nicht mehr allein mit den Erwartungen an die Geldpolitik der US-Notenbank erklären. Vielmehr steigen die sogenannten Laufzeitprämien – also jener Teil der Rendite, der nicht unmittelbar von den erwarteten Leitzinsen bestimmt wird. Nach Einschätzung von Eyb & Wallwitz spielen dabei höhere Wachstumserwartungen, ein unsicherer Inflationsausblick, die expansive US-Fiskalpolitik und wachsende Zweifel internationaler Investoren an der Rolle von US-Staatsanleihen als sicherer Hafen eine zentrale Rolle.
„Wenn man die Bewegungen gerade der letzten Monate anschaut, dann ist es sehr eindeutig, dass es weniger die reine Zinserwartung für die kommenden Monate oder Jahre an die Notenbank ist, sondern eben der Anstieg der sogenannten Laufzeitprämie“, erläutert Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt von Eyb & Wallwitz. Bei stärkerem realem Wachstum könne die US-Wirtschaft zwar grundsätzlich ein höheres Kapitalmarktzinsniveau verkraften. Gleichzeitig sorgten jedoch die Inflationsunsicherheit und die Haushaltspolitik für zusätzliche Belastungen. „Wir haben ja nicht nur einen Renditeanstieg in den USA, sondern wir sehen ihn global.“
Hinzu kommen nach Einschätzung der Experten Zweifel internationaler Anleger an der Rolle des US-Dollars als globale Leitwährung und an US-Staatsanleihen als „Safe Haven“. Die erratische Wirtschafts- und Außenpolitik der Trump-Administration verstärke diese Unsicherheit. Internationale Investoren verlangten deshalb höhere Risikoprämien, was sich unmittelbar in den Renditen amerikanischer Staatsanleihen niederschlage.
Damit könnte sich der von Mayr beschriebene Schneeballeffekt schneller verstärken als bei einer ausschließlich geldpolitisch getriebenen Zinsbewegung. Denn verschlechtert sich die Bonität der USA beziehungsweise die Wahrnehmung ihrer fiskalischen Tragfähigkeit schneller, könnten die von den Finanzmärkten verlangten Risikoprämien weiter steigen. Höhere Renditen würden dann nicht nur die Finanzierungskosten des Staates erhöhen, sondern zugleich die Zweifel an dessen Schuldentragfähigkeit verstärken. Der Anstieg der Finanzierungskosten wäre damit nicht mehr bloß eine Frage der Geldpolitik und der Entscheidungen der Federal Reserve, sondern zunehmend eine Frage des Vertrauens der Kapitalmärkte in die fiskalische Stabilität der Vereinigten Staaten.
Genau an diesem Punkt setzt Mayrs Warnung vor einem möglichen Schneeballeffekt an. „Wenn die Kapitalmarktverzinsung für Staatsanleihen über das nominale Wirtschaftswachstum hinaus steigen würde, setzt ein Schneeball-Effekt ein. Dann stiege die Belastung für den Staatshaushalt durch die Zinszahlungen schneller als die Wirtschaftsleistung.“ Die Schuldenquote würde dadurch bildlich gesprochen „wie ein größer werdender Schneeball den Berg hinabrollen“. Entscheidend ist dabei, dass ein solcher Prozess durch steigende Risikoprämien zusätzlich beschleunigt werden könnte. Je höher die Rendite aus Sicht der Investoren sein muss, um das Risiko langfristiger US-Staatsanleihen zu kompensieren, desto stärker steigen die Zinsausgaben des Staates – und desto größer kann wiederum der Druck auf die Risikoprämien werden.
Neben dem Staat tritt zudem die Privatwirtschaft als großer Nachfrager nach Kapital auf. Insbesondere die großen Technologiekonzerne benötigen enorme Summen für ihre Investitionen in künstliche Intelligenz und greifen dafür auch auf den Anleihemarkt zurück. „Wenn das Angebot immer weiter steigt, dann führt das natürlich per se erstmal zu steigenden Zinsen“, sagt Andreas Fitzner, Leiter Portfoliomanagement bei Eyb & Wallwitz. Allein Alphabet habe seit November des vergangenen Jahres mehr als 80 Milliarden US-Dollar am Anleihemarkt emittiert.
Damit treffen mehrere Faktoren aufeinander: ein hohes Staatsdefizit, ein großer Finanzierungsbedarf der Unternehmen, Investitionen in den KI-Sektor, demografisch bedingt begrenzteres Kapitalangebot sowie wachsende Anforderungen der Investoren an die Risikoprämie. „Hier sind große Kräfte am Werk, die die Renditen tendenziell nach oben drücken“, sagt Mayr. Um diesen Trend zu brechen, brauche es entweder entschlossene Maßnahmen oder einen Wachstumseinbruch.
Nach Einschätzung von Eyb & Wallwitz liegt bei einem Renditeniveau von etwa fünf Prozent für US-Staatsanleihen eine ökonomisch nachvollziehbare Marke. Das nominale Wachstum der US-Wirtschaft liegt demnach ebenfalls bei ungefähr fünf Prozent. Steigen die Kapitalmarktrenditen jedoch dauerhaft über das nominale Wachstum hinaus, verschärft sich die fiskalische Belastung. Mayr sieht deshalb durchaus Grenzen: „Aktuell sehen wir noch 100 Basispunkte höhere Renditen für verkraftbar, danach wird es wirklich schmerzhaft.“
Gleichzeitig ist ein weiterer Renditeanstieg keineswegs zwangsläufig. Fitzner verweist auf die Entwicklung im Herbst 2023. Damals erreichte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen zeitweise 5,25 Prozent, während die Märkte zwischenzeitlich sogar Renditen von bis zu acht Prozent erwarteten. Als die befürchtete zweite Inflationswelle ausblieb, fiel die Rendite innerhalb eines Quartals unerwartet auf vier Prozent. Auch eine Veränderung der Erwartungen an den Aktienmärkten könne die Attraktivität von Anleihen erhöhen. Sollte sich das Gewinnwachstum der Unternehmen abschwächen, könnten Anleger wieder stärker auf festverzinsliche Wertpapiere setzen.
Für Anleger bedeutet die veränderte Lage, dass die höheren Renditen inzwischen auch Chancen eröffnen. „In jedem Fall kann man sagen, dass auf dem aktuellen Renditeniveau die Attraktivität der Anleihen zugenommen hat“, sagt Fitzner. Eyb & Wallwitz hat deshalb die Duration nach einer Phase unterdurchschnittlicher Laufzeiten wieder etwas angehoben. Renditen von fünf bis fünfeinhalb Prozent bei US-Treasuries beziehungsweise rund dreieinhalb Prozent bei Bundesanleihen könnten bei einer konjunkturellen Abschwächung Potenzial für Kursgewinne bieten.
Gleichzeitig bleibt das Risiko bestehen, dass sich die Entwicklung an den Anleihemärkten nicht allein über die erwartete Geldpolitik erklären lässt. Entscheidend wird vielmehr sein, wie die Investoren die fiskalische Tragfähigkeit der USA, die weitere Entwicklung der Inflation, den Kapitalbedarf der Unternehmen und die Rolle des Dollars als internationale Reservewährung einschätzen. Sollten Zweifel an der Bonität und Schuldentragfähigkeit der USA schneller zunehmen, könnten die verlangten Risikoprämien steigen und damit einen selbstverstärkenden Prozess in Gang setzen. Der Schneeballeffekt wäre dann nicht mehr lediglich das Ergebnis höherer Zinsen, sondern könnte durch steigende Finanzierungskosten, höhere Risikoprämien und eine zunehmende Belastung des Staatshaushalts zusätzlich beschleunigt werden.
Wie stark dieser Mechanismus tatsächlich zum Tragen kommt, hängt letztlich von mehreren gegenläufigen Faktoren ab. Eine glaubwürdige Konsolidierung der Staatsfinanzen könnte den Druck auf die Risikoprämien reduzieren. Ein stärkeres Wirtschaftswachstum könnte die höheren Zinsen teilweise auffangen. Umgekehrt könnten ein Wachstumseinbruch, anhaltende Inflationssorgen oder eine weitere Verschlechterung der fiskalischen Perspektiven den Druck auf die Renditen erhöhen. „Um diesen Trend zu brechen, bräuchte es entschlossene Maßnahmen oder einen Wachstumseinbruch“, fasst Mayr die grundsätzliche Situation zusammen. Für die Anleihemärkte bleibt damit entscheidend, ob die steigenden Renditen vor allem eine Anpassung an höhere Wachstums- und Inflationserwartungen darstellen – oder ob zunehmend eine höhere Kompensation für das wahrgenommene Risiko amerikanischer Staatsanleihen verlangt wird.
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