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Deutschland nur mit AA bewertet: Warum Egan-Jones vom AAA-Urteil abweicht

Von Dr. Oliver Everling | 21.September 2026

Deutschland gilt an den internationalen Finanzmärkten traditionell als einer der solidesten Schuldner weltweit. Umso bemerkenswerter ist der Blick auf die Bewertung von Egan-Jones Ratings: Die Agentur stuft die Bundesrepublik derzeit mit AA ein und nicht mit dem dreifachen A, das mehrere andere Ratingagenturen Deutschland zugestehen. In der eigenen Übersicht zu den Staatsratings wird Deutschland mit AA geführt, während etwa die Schweiz, Norwegen, Schweden, die Niederlande und Dänemark jeweils mit AAA bewertet werden. Auch bei Deutschland zeigt sich damit eine Abweichung zwischen Egan-Jones und den anderen großen Ratingagenturen.

Die Besonderheit liegt allerdings nicht darin, dass Egan-Jones Deutschland als schwachen Schuldner betrachtet. Im Gegenteil: Die Agentur bestätigt ausdrücklich ihr AA-Rating und kommt zu dem Schluss, dass sich an der grundsätzlichen Einschätzung zuletzt wenig geändert habe. Auch das aus den quantitativen Kennzahlen abgeleitete Rating liegt bei AA. Egan-Jones erwartet demnach, dass die Ergebnisse zunächst ungefähr auf diesem Niveau bleiben.

Der Abstand zu AAA lässt sich vor allem vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und fiskalischen Entwicklung Deutschlands verstehen. Egan-Jones beschreibt die Erholung der deutschen Wirtschaft im Jahr 2026 als verhalten. Für das Gesamtjahr wird lediglich ein Wachstum von etwa 0,5 bis 0,6 Prozent erwartet, nachdem die Wirtschaft 2024 geschrumpft und 2025 nur minimal gewachsen war. Die Agentur sieht Deutschland damit zwar in einer Erholungsphase, zugleich aber weiterhin mit erheblichen strukturellen Belastungen konfrontiert.

Besonders ins Gewicht fallen aus Sicht der Ratingagentur die schwache industrielle Entwicklung, die nachlassende internationale Wettbewerbsfähigkeit und die hohen geopolitischen Unsicherheiten. Hinzu kommen die Belastungen durch die Energiepreise. Egan-Jones geht davon aus, dass die Energiepreisschocks die wirtschaftliche Erholung bremsen, die industrielle Produktion belasten und private Investitionen erschweren. Gleichzeitig dämpfe die höhere Inflation den privaten Konsum, weil sie Reallöhne und verfügbare Haushaltseinkommen beeinträchtige.

Auf der anderen Seite erkennt Egan-Jones ausdrücklich stabilisierende Faktoren. Die expansive Finanzpolitik mit hohen Investitionen und einem 500 Milliarden Euro umfassenden Infrastrukturfonds stütze die heimische Wirtschaft und verhindere nach Einschätzung der Agentur einen stärkeren Abschwung. Insbesondere die Ausgaben für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz sorgten für zusätzliche wirtschaftliche Impulse. Gleichzeitig wird jedoch darauf hingewiesen, dass diese Politik mit einer erheblichen Zunahme der Verschuldung verbunden ist. Für die kommenden Jahre erwartet Egan-Jones deshalb einen wachsenden Konsolidierungsbedarf.

Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied zur klassischen Wahrnehmung Deutschlands als nahezu risikofreier Schuldner. Egan-Jones betrachtet nicht nur die aktuelle Verschuldung, sondern auch deren Entwicklung und die damit verbundenen Finanzierungskosten. In den Projektionen steigt die Schuldenquote von 62,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2025 auf 64,1 Prozent 2026, 65,3 Prozent 2027 und 66,1 Prozent 2028. Gleichzeitig bleiben die öffentlichen Haushalte defizitär. Die Zinsausgaben werden zwar im Verhältnis zu den Steuereinnahmen nicht als unmittelbar problematisch dargestellt, doch die Kombination aus höherer Verschuldung, schwachem Wachstum und steigenden langfristigen Ausgaben bildet einen Teil des Hintergrunds für das AA-Rating.

Interessant ist dabei der Vergleich mit anderen europäischen Staaten. Egan-Jones weist für Deutschland eine deutlich niedrigere Schuldenquote aus als etwa für Frankreich, Belgien oder Italien. Frankreich liegt in der Vergleichstabelle bei mehr als 116 Prozent des BIP, Belgien bei knapp 109 Prozent und Italien sogar bei fast 149 Prozent. Deutschland steht mit rund 63 Prozent deutlich besser da. Gleichwohl zeigt die von Egan-Jones berechnete Rating-Systematik, dass eine vergleichsweise moderate Schuldenquote allein nicht automatisch zu AAA führt.

Das macht die Bewertung besonders interessant: Egan-Jones misst dem wirtschaftlichen Umfeld und den strukturellen Perspektiven offenbar eine erhebliche Bedeutung bei. Die eigene Methodik umfasst neben der Verschuldung und dem Haushaltsdefizit unter anderem das Wirtschaftswachstum, die Zinsbelastung, die Relation von Währungsreserven zur Verschuldung sowie mögliche Unterfinanzierungen des Bankensektors. Darüber hinaus fließen qualitative Faktoren ein, darunter die Flexibilität und Stabilität der Wirtschaft, die Wachstumsperspektiven, die Wettbewerbsfähigkeit, die wirtschaftliche Freiheit und die Rahmenbedingungen für Unternehmen.

Damit wird verständlich, weshalb Deutschland trotz seiner vergleichsweise niedrigen Staatsverschuldung gegenüber zahlreichen anderen Industriestaaten nicht automatisch die höchste Ratingstufe erhält. Die Agentur betrachtet die Bonität nicht ausschließlich als Momentaufnahme der öffentlichen Finanzen, sondern als Einschätzung der künftigen Fähigkeit eines Staates, seine Verpflichtungen vollständig und pünktlich zu erfüllen. Die gegenwärtige wirtschaftliche Schwäche und insbesondere die langfristigen Wachstumshürden spielen deshalb eine wichtige Rolle. Egan-Jones verweist unter anderem auf demografische Veränderungen und erwartet, dass das Produktionspotenzial Deutschlands gegen Ende des Jahrzehnts stagnieren könnte.

Auch der Blick auf die öffentlichen Finanzen zeigt, weshalb die Agentur genauer hinschaut. Der deutsche Haushalt vollzieht nach Darstellung von Egan-Jones einen deutlichen Kurswechsel. Für 2026 wird im Kernhaushalt ein Gesamtvolumen von rund 520,5 Milliarden Euro genannt; unter Einbeziehung zusätzlicher Sondervermögen ergibt sich ein Volumen von ungefähr 630 Milliarden Euro. Die hohen Investitionen werden unter anderem durch den 500 Milliarden Euro schweren Infrastruktur-Sonderfonds und eine verfassungsrechtliche Ausnahme für Verteidigungsausgaben ermöglicht.

Die AA-Bewertung ist deshalb weniger als Warnsignal für eine akute deutsche Schuldenkrise zu verstehen, sondern eher als Ausdruck einer vorsichtigeren Betrachtung der langfristigen Kreditqualität. Deutschland weist weiterhin eine im europäischen Vergleich relativ niedrige Schuldenquote auf, verfügt über einen großen und diversifizierten Wirtschaftsstandort und besitzt Zugang zu tiefen und liquiden Kapitalmärkten. Gleichzeitig sieht Egan-Jones Risiken, die aus der Kombination von schwachem Wachstum, hohen Energiepreisen, struktureller Wettbewerbsproblematik, demografischem Wandel und einer expansiveren Fiskalpolitik entstehen.

Bemerkenswert ist zudem, dass Egan-Jones selbst ausdrücklich darauf hinweist, dass die modellbasierten Kennzahlen nicht sämtliche Faktoren erfassen können. Die endgültige Ratingentscheidung beruhe deshalb auch auf qualitativen Einschätzungen. Die Agentur betont, dass sich ihre souveränen Ratings von den rein rechnerisch abgeleiteten Ergebnissen unterscheiden können. Im Fall Deutschlands ist diese Abweichung allerdings gering: Sowohl das zugewiesene Rating als auch das Verhältniskennzahlen-basierte Ergebnis liegen bei AA.

Dass Egan-Jones damit zu den wenigen Ratingagenturen gehört, die Deutschland nicht mit AAA bewerten, macht die Einschätzung vor allem als Kontrastfolie interessant. Sie zeigt, dass die höchste Ratingstufe nicht allein davon abhängt, wie hoch die aktuelle Staatsverschuldung ist. Entscheidend ist vielmehr die Kombination aus fiskalischer Ausgangslage, wirtschaftlicher Dynamik und langfristiger Tragfähigkeit. Egan-Jones setzt dabei andere Akzente als jene Agenturen, die Deutschland weiterhin die höchste Bonitätsstufe zugestehen.

Hinzu kommt, dass die Egan-Jones-Bewertung ausdrücklich als Non-NRSRO-Rating für den deutschen Staat ausgewiesen wird. Die Agentur weist darauf hin, dass sie für Staats- und Kommunalanleihen keine NRSRO-Zulassung besitzt. Auch deshalb sollte ihr AA-Rating nicht ohne Weiteres mit den Ratings der großen, für diesen Markt zugelassenen Agenturen gleichgesetzt werden. Es handelt sich um eine eigenständige Einschätzung mit einer eigenen Methodik.

Gerade darin liegt aber der analytische Wert des Berichts. Egan-Jones liefert eine Perspektive, die den Blick von der gegenwärtig noch vergleichsweise komfortablen deutschen Schuldenposition auf die kommenden Jahre lenkt. Die Frage lautet aus dieser Sicht weniger, ob Deutschland seine Schulden heute problemlos bedienen kann, sondern welche wirtschaftliche und fiskalische Entwicklung erforderlich ist, damit dies auch unter schwierigeren Bedingungen dauerhaft so bleibt. Das AA-Rating ist damit vor allem ein Hinweis darauf, dass die traditionelle Vorstellung von Deutschland als nahezu uneingeschränktem AAA-Schuldner nicht von allen Ratingagenturen geteilt wird.

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