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Die neue Kunst Geld anzulegen

Von Dr. Oliver Everling | 12.September 2016

​Die besten Bücher werden von den selbstkritischsten Autoren geschrieben. So verhält es sich auch mit dem neuesten Werk von Prof. Dr. Thomas Mayer. Nach seinem Buch zu einer neuen Geldordnung (manager magazin Bestseller und Gewinner des getabstract International Book Award) schreibt der frühere Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe in den letzten Zeilen seines Buches „Die neue Kunst Geld anzulegen“ im FinanzBuch Verlag recht nachdenklich: „Ich schließe dieses Buch mit dem Gefühl, eine unfertige Arbeit abzugeben. Doch schien es mir nicht möglich, die Arbeit aus eigener Kraft zu beenden. Die Grenzproduktivität meiner eigenen weiteren Überlegungen beginnt, gegen null zu gehen. Nun hoffe ich auf eine weitere Diskussion durch interessierte Leser dieses Buches. Nur durch frische und kritische Überlegungen kann sich die Arbeit an einer Austrian-Finance-Theorie auf produktive Art fortsetzen.“

Thomas Mayer zeigt auf, wie man mit Austrian Finance zu einem besseren Portfoliomanagement gelangen kann. Seine selbstkritischen Bemerkungen sind bei aller Perfektion seines Werkes möglicherweise auf sein Bewusstsein darüber zurückzuführen, dass er eventuell für den Geschmack mancher Leser etwas weit ausholt, um die letztlich interessierenden Empfehlungen für die Anlagestrategie zu skizzieren. Er zeigt den Weg von der Geldhortung zur Geldanlage, erläutert den Zeitwert des Geldes und geht auf grundsätzliche Fragen von Schuld und Eigentum ein.

Der Absolvent der CFA Ausbildung Thomas Mayer macht den Leser mit den Elementen der modernen Finanztheorie vertraut, zu denen die Analysen von Erwartungswerten und Standardabweichungen, Thesen über die Informationseffizienz von Märkten, das Capital Asset Pricing Model und die Optionspreistheorie gehören. Während die unverdrossenen Lehrer dieser Theorien zum Beispiel auch in Frankfurt am Main sogar mit Plakatwerbung weitere Schüler suchen und die Hoffnungen zahlender Teilnehmer ihrer Seminare ausnutzen, nach viel Mathematik und Quantifizierung auch viel Geld an den Finanzmärkten zu verdienen, sieht Mayer die Grundfesten dieser Theorien auf Sand gebaut. Weder sind die wesentlichen Modellannahmen beziehungsweise Prämissen in der Realität erfüllt, noch lassen sich Rationalität der Marktteilnehmer und Markteffizienz in dem von diesen Modellen postulierten Maße beobachten.

Professor Mayer scheut nicht den Tabubruch, durch Schuldzuweisung das geschützte Nest der Wissenschaft zu „beschmutzen“, denn er zeigt durch sorgfältige Dokumentation auf, wie die moderne Finanztheorie zu Finanzkrisen beigetragen hat. So mag es der Öffentlichkeit entgangen sein, dass dieselben Wissenschaftler bis hin zu Nobelpreisträgern, die durch zahlreiche Auszeichnungen geehrt und mit Preisgeldern belohnt wurden, zugleich auch in den Unternehmen Verantwortung trugen, die durch ihre Modelle Milliardenverluste erlitten und schließlich auf externe, auch staatliche Hilfe angewiesen waren.

Die Schäden der modernen Finanztheorie beschränken sich keineswegs nur auf Verluste bei Aktien und Optionen, sondern erstrecken sich auch auf Anleihen und viele andere Finanzinstrumente. So erinnert Mayer auch an den Reputationsschaden, der den führenden Ratingagenturen entstanden ist, da sie in einem Teilbereich ihrer Geschäftstätigkeit, nämlich dem Rating strukturierter Finanzierungen, den Ihnen von theoriebeladenen Investmentbankern präsentierten Modellen Glauben schenkten.

Ratingagenturen und Verbriefungsagenturen arbeiteten Hand in  Hand, um „Collateralised Debt  Obligations“ (CDOs) so zu gestalten, dass immer höchstbewertete (AAA) Anleihen in  der Familie der Tranchen zu diesem Zweck gegründeter Gesellschaften (SIVs) vertreten waren. „Die  verschiedenen Tranchen der  CDOs konnten nun direkt an  Endinvestoren verkauft oder in  Teilen oder  ganz von den SIVs  übernommen werden“, berichtet Mayer.

Mayer zeigt Widersprüche zur herrschenden Lehre auf, nach der Banken Institutionen der Transformation von Losgrößen, Fristen und Risiken sind. Wie war es möglich, fragt Mayer, dass die Banken kein Interesse mehr daran hatten, die Kreditzinsen zu erhöhen, als die Zentralbanken die Geldmarktsätze höher schraubte? „Meine  Antwort zu dieser Zeit, die ich auch  heute  noch  für richtig halte, war, dass die Banken statt ‚Fristentransformationen‘ ‚Ratingtransformationen‘ betrieben.  Sie vergaben Hypothekenkredite von oft zweifelhafter Qualität, verbrieften diese, brachten sie in Collaterised Mortgage Obligations (CMOs) ein und verkauften die von den Ratingagenturen als sicher bewerteten Tranchen an eher risikoscheue institutionelle Investoren wie beispielsweise deutsche Landesbanken oder Versicherungen.“

Mayer führt dem Leser im Zeitalter des digitalen Geldes die neuen, modernen Formen der mittelalterlichen Münzverschlechterung vor Augen. Die Münzverschlechterung erwies sich schon im Mittelalter als eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Einnahmequelle für viele Fürsten. „So verdoppelte  zum Beispiel eine Verschlechterung der Münzen  im Jahr 1299 die Einnahmen der französischen  Krone von rund 1 auf  2 Millionen Pfund. Im Jahr 1349 generierte die Münzverschlechterung drei Viertel aller Einnahmen des Königs. Diese Art der Geldbeschaffung war so lukrativ, dass es in  Frankreich allein zwischen 1285 und 1490 zu  nicht weniger als 123 Münzverschlechterungen  kam. Vermutlich ist es kein Zufall, dass der durch die Differenz zwischen dem Nennwert und  dem Warenwert entstandene Gewinn der staatlichen  Geldemission mit dem französischen  Wort ‚Seigniorage‘ bezeichnet wird.“

„Die von den Ratingagenturen begleitete Veredelung riskanter Hypothekenkredite durch ihre Einbringung in CMOs erwies sich lukrativer  als ursprüngliche Seigniorage durch die Giralgeldschaffung. Es lohnte sich, die Kreditzinsen  niedrig zu  halten und auf Gewinne  aus Seigniorage zu verzichten, wenn dadurch die Kreditnachfrage angekurbelt wurde, so dass hohe Mengen von Rohmaterial zur Kreditveredelung zusammenkamen.“

Das Buch von Mayer macht den Leser nicht nur mit den realitätsfremden Modellen und Theorien vertraut, die die Krisen möglich machten, sondern auch mit weniger beachteten, alternativen Ideen, die beginnend schon im 19. Jahrhundert in Österreich entwickelt und im Zuge des Zweiten Weltkriegs von ihren führenden Köpfen in die USA getragen wurden. Mit Austrian Finance erhält der Leser ein völlig neues Grundgerüst für das Portfoliomanagement. Wenn auch noch nicht jedes Fenster dieses neuen Hauses geschmückt sein mag, so wird der Leser nach Lektüre des Buches in jedem Fall die Konturen des Rohbaus deutlich erkennen.

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