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Die (un)heimliche Enteignung

Von Dr. Oliver Everling | 12.September 2016

Die beiden mehrfach ausgezeichneten Wirtschaftsjournalisten Michael Rasch und Michael Ferber wollen in ihrem neuen Buch „Die (un)heimliche Enteignung“ im FinanzBuch Verlag eine Anleitung für ein krisenfestes Portfolio aufzeigen. „Besonders verdienstvoll ist das Buch, weil Ferber und Rasch ihre Leser anleiten, in Zukunftsszenarien zu denken: Sie geben Anlagehinweise für den Fall der Deflation (Szenario 1), der höheren Inflation (Szenario 2), der Stagflation (Szenario 3), der Hyperinflation (Szenario 4) und des ‚Durchwurstelns‘ (Szenario 5)“, schreibt Dr. Thorsten Polleit in seinem Vorwort zur Neuauflage.

„Seit Mitte der 1980er-Jahre bekämpften die internationalen Notenbanken, vor allem jene der USA, jede Krise an den Finanzmärkten – dies fing in den USA an, und zwar mit dem Crash im Jahr 1987, setzte sich in den Folgejahren nach der Rezession 1991/92 fort, ging über die Asien- und Russlandkrise 1998 bis hin zum Platzen der New-Economy-Blase im Jahr 2000 und zu den Anschlägen vom 11. September 2001 – mit der immer gleichen Medizin: mit der Senkung der Leitzinsen und der Ausweitung der Geldmenge. Seit Ausbruch der Finanzkrise werden diese Fehler einmal mehr wiederholt“, schreiben Ferber und Rasch.

Die Autoren widmen sich in ihrem Buch also keinem wirklich neuen Thema, sondern einem Problem, das eigentlich schon seit Ende der 1980er Jahre in Fachkreisen hinsichtlich seiner katastrophalen Auswirkungen auf die Stabilität der Finanzmärkte sowie auch auf die Wirtschaft bekannt ist. Wem Kritik an grenzenloser Kreditschöpfung und ausufernder Staatsverschuldung nicht ins politische Konzept passt, der legt das Buch möglicherweise gleich zur Seite. Das politisch motivierte Bündnis von Notenbankern von Japan über China und Europa bis in die USA zur Geldflutung der Märkte scheint so fest zu sein, dass weder staatlich kontrollierte Medienanstalten das Thema kritisch aufzugreifen wagen, noch Wissenschaftler Gehör finden, die ihre Sorge auf ein bis in das 19. Jahrhundert zurückreichendes, gesichertes theoretisches Fundament sowie zahlreiche empirische Erfahrungen stützen.

Sparer sehen sich weltweit mit einer großen Koalition von Politikern konfrontiert, die ihren kurzfristig bequemsten Weg des Machterhalts gegenüber jedem Weg den Vorzug geben, der das staatlich kontrollierte Zwangsgeldmonopol in Frage stellen könnte. Das Prinzip „Geld regiert die Welt“ wird von Machthabern rund um den Globus verstanden, so dass an einer neuen Art der Demokratisierung der Wirtschaft durch Aufgabe des staatlichen Zwangsgeldmonopols kein Interesse besteht. Ein Buch wie das von Rasch und Ferber droht daher an den Rand das medial gelenkten Leserinteresses gedrängt zu werden. Ein gefährlicher Gewöhnungseffekt an die Untätigkeit der Politik und an die Beharrlichkeit der Notenbanken, unverdrossen das zur unbegrenzten Staatsfinanzierung Notwendige zu tun, führt dazu, dass selbst in den betroffenen Kreisen an den europäischen Kapitalmärkten Meldungen über ein Wirtschaftswachstum von 1 oder 2 Prozent applaudiert und die Tatsache ignoriert wird, wie weit die Wirtschaftskräfte Europas hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.

Wer glaubt, sich der neuen Auflage des Buches von Rasch und Ferber nicht widmen zu müssen, weil er sich schon zu einem früheren Zeitpunkt der Thematik angenommen hatte, übersieht leichtfertig die inzwischen eingetretenen Entwicklungen, die mehr noch als je zuvor nach politischen Konsequenzen verlangen. Die „drögen“ Währungshüter avancierten nicht nur zu Hütern des Finanzsystems, sondern „zu den Rettern der Welt“, formulieren die beiden Autoren in ihrem Buch: „Dabei waren und sind ihre Massnahmen und Verdienste in der heissen Phase der Krise im Prinzip unbestritten. Das Problem ist nun jedoch seit Jahren die Beendigung der aussergewöhnlichen Hilfen und die Rückkehr zur Normalität. Dahingehende Schritte leiteten die Verantwortlichen bis heute nicht wirklich ein. Im Gegenteil: Es wurden immer neue, noch nie ausprobierte geldpolitische Experimente gemacht.“

Nicht nur in den USA und in Europa, sondern auch in Japan und in China werden Versäumnisse der Politik hinsichtlich dringend notwendiger Strukturanpassungen durch Bankkredite übertüncht. Die von Banken bereitgestellte Liquidität hat die Banken im Kontext verschärfter regulatorischer Anforderungen an die Grenzen ihrer Geldschöpfungsmöglichkeiten gebracht, so dass diese vom „Lender of last resort“, wie die Zentralbank schon seit Jahrzehnten schon in der Fachliteratur genannt werden, unlimitiert unterstützt werden, um Staatsanleihen mit niedrigem Rating wie auch Unternehmensanleihen aufzukaufen. Für den „Lender of last resort“ gibt es aber keine höhere Instanz, den Fall an der Vertrauenskrise mit gutem Geld einspringen könnte.

Denkt man über die Argumente der beiden Autoren länger nach, muss als wichtigste Ursache der heutigen Wirtschaftsprobleme die Selbstüberschätzung von Politikern wie auch von Notenbankern identifiziert werden, mit der Vielzahl ihrer Eingriffe Wirtschaftswachstum und Beschäftigung steuern zu können. So trägt beispielsweise der Glaube an die Alternativlosigkeit einer auf höhere Inflation zielenden Politik irrationale Züge. Die Autoren weisen auf die Meinung von Ökonomen, „der seit Jahren vorherrschende disinflationäre Druck sei gar nicht die Folge einer monetären Entwicklung, sondern eher der IT-Revolution in den vergangenen 20 Jahren, der starken Zunahme des Welthandels durch den Fall des Eisernen Vorhangs (Globalisierung) sowie der immer besseren Entwicklung der von Niedriglöhnen geprägten Schwellenländer als Produktionsstandorte. Sollte diese Einschätzung richtig sein, wäre das ein Indiz dafür, dass die Kunst der Zentralbanker, die Konjunktur zu steuern, in den letzten Jahren noch mehr überschätzt worden ist als ohnehin schon.“

Die mögliche Selbstüberschätzung von Politikern und Notenbankern ist insbesondere deshalb alarmierend, da die gegenwärtige Politik an das Versprechen geknüpft ist, bei Eintreten einer galoppierenden Inflation sofort geeignete Gegenmaßnahmen treffen zu können. Wenn schon die seit fast einem Jahrzehnt von den Notenbanken ergriffenen Maßnahmen zur Stützung des Finanzsystems und zur Erhöhung der Inflation nicht die gewünschten und von den Notenbankern erwarteten Ergebnisse lieferten, erscheint es wenig glaubwürdig, dass dieselben Politiker und Notenbanker in der Lage sein würden, mit ihren Maßnahmen eine Hyperinflation abzuwenden. Dementsprechend ist dieses Buch von Rasch und Ferber zu empfehlen, um sich eingehend mit den verschiedenen, alternativ möglichen Szenarien zu befassen.

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