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Finanzcoaching für Unternehmer

Von Dr. Oliver Everling | 26.August 2012

Kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch des Neuen Marktes erschien ein Buch für jedermann mit dem Wort „Finanzcoaching“ im Titel. Mit dem damaligen Buch erhob der Autor den Anspruch, den Weg zum Millionär aufzuzeigen. Inzwischen ist es bei Amazon gebraucht für ab 1 Cent erhältlich.

Ganz anders das Buch von Monika Müller, das auf 213 Seiten erstmals das Finanzcoaching für Unternehmer thematisiert. Anders als der damalige Titel wird hier nicht das Rezept zum Millionär verkauft, sondern „Finanzpsychologie: Erfolgreich mit Geld & Risiko umgehen“ – so lautet der Untertitel des bei SpringerMedizin im Springer-Verlag Berlin Heidelberg erschienen Buches (ISBN 978-3-642-29917-9). Monika Müller von FCM Coaching, ist Finanzpsychologin und Coach – sie begleitet seit vielen Jahren Menschen, die in verantwortungsvoller Position Finanzentscheidungen unter Risiko treffen.

„Geld hat eine psychoaktive Wirkung“, schreibt die Autorin im Vorwort, und hat leichtes Spiel, sich als erfahrene Finanzpsychologin in die Grundfragen unternehmerischer Tätigkeit einzuschalten: Es geht um Entscheidungen über Geld und Risiko, rationale, intuitive und emotionale Entscheidungen, in der Regel aber Entscheidungen, bei denen Verstand, Gefühle und Eingebung zugleich einwirken. Folgerichtig sind Ratio, Intuition und Emotion die drei Entscheidungsbausteine des FCM-Modells, das im Buch vorgestellt wird.

Im ersten Kapitel „Unternehmen und Finanzentscheidungen“ geht es um die Verortung von Gründern, Unternehmern und Unternehmen, die Rollen im Unternehmen, Entwicklungsphasen und die Bedeutung von Geld, einem Lieblingsthema der Autorin, die immer wieder der Frage nachgeht, welchen Vorstellungen Menschen von Geld entwickeln, was mit dem Begriff „Geld“ assoziiert wird. Müller zeigt auf, wie Geld Entscheidungen beeinflusst und das innere Spiel mit Gefühlen und Einstellungen Entscheidungen unter Sicherheit oder Unsicherheit prägen. Sie skizziert die Bedeutung der finanziellen Risikobereitschaft sowie Geld als Projektionsfläche. Zentralstück ihres Buches sind Experteninterviews, um Finanzentscheidungen in der Praxis nachzuvollziehen. Monika Müller gelingt es, mit einer Reihe namhafter Unternehmer, Vorstände, Geschäftsführer, Finanzverantwortlicher, Personalleiter, Interimsmanager, Leiter Firmenkundenberatung einer Bank sowie einem ehemaligen Unternehmer zu sprechen und ihre Erfahrungsberichte wortgetreu wiederzugeben.

Mit der aus der empirischen Sozialforschung bekannten Methode, die sich auf einen Interviewleitfaden stützt, geht Müller Fragen nach dem jeweiligen Unternehmen, nach Finanzentscheidungen unter Unsicherheit, über finanzielle Risikobereitschaft und Risikokultur sowie die Rolle von Geld im Unternehmen nach. Die Befragten bekennen sich in ihren Antworten zur Phase der Unternehmensentwicklung, in der sie ihre Firma sehen, zum Risikomanagement bei den finanziellen Entscheidungsprozessen sowie zur finanziellen Risikobereitschaft und -kompetenz, meist namentlich, teils aber auch nur anonym. In jedem Fall profitiert der Leser von den Einblicken und den teils erstaunlich offenherzigen Antworten, die die Autorin den Befragten abringt. Manches Klischee – auch von Bankern, die hier zu Wort kommen – vermag durch den Blick hinter die Kulissen ausgeräumt zu werden.

Der Selektion und Zusammenfassung von Erkenntnissen und Botschaften aus den Interviews widmet die Autorin das dritte Kapitel, das kurz und prägnant beispielsweise Phasen der Gründung, des Wachstums, der Stabilisierung und des Wandels aus finanzpsychologischer Sicht erklärt. Müller hebt das Bekenntnis eines IT-Unternehmers zur Intuition hervor, die noch immer mit der Angst verbunden sei, „nicht ganz für voll genommen zu werden“. Doch allmählich verlasse die Intuition ihr Schattendasein und rücke ins Zentrum guter Entscheidungsprozesse. „In dieser Einschätzung waren sich alle Interviewpartner eindrucksvoll und erfreulich einig. Es gilt,“ schreibt Müller, „mit noch mehr Mut seiner eigenen Entscheidungskraft auf der Basis von Intuition zu trauen, und dies auch bei allen Mitarbeitern zu fördern und zu fordern.“

Im vierten Kapitel erhält der Leser einen tiefgehenden Einblick in die Grundlagen besserer Entscheidungen, wie sie durch Finanzcoaching unterstützt werden. Auch in diesem Kapitel bleibt die Autorin nicht lange bei abstrakten Überlegungen, sondern geht bald zu Fallbeispielen aus der Praxis über. Die Beispiele beziehen sich insbesondere auch auf solche aus der Finanzdienstleistung, so dass hier das Thema „Geld“ in gleich mehrfacher Hinsicht eine Rolle spielt.

Das Buch schließt im fünften Kapitel mit einem „Workbook zum Selbstcoaching“, um mehr über sich, Geld und Risiko zu erfahren. Rollen im eigenen Unternehmen, Entwicklungsphasen, Beziehung zum Risiko und zum Geld werden hier mit zahlreichen Fragen zur Selbstreflexion durchleuchtet und münden in der Auflösung positiver und negativer Projektionen. „Wenn Sie Ihre Identität mit Geld und Ihr Bewusstsein auf diese Weise verändern,“ schreibt Müller, „nehme Sie dem Geld die Bedeutung, die Sie ihm einmal zugewiesen haben. Sie schaffen Platz in Ihrem Denken für neue Lösungen – mit und ohne Geld!“

Themen: Bücher, Rezensionen, Risikoprofiling | Kein Kommentar »

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