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Geld macht doch glücklich

Von Dr. Oliver Everling | 24.August 2012

Rating des Glücks – wenn der Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft, Recht, Steuern einen Titel zum Thema „Glück“ anbietet, kann es sich praktisch nur um eine fundierte Darstellung handeln mit Interesse für die Wirtschaftswissenschaften und die Wirtschaftspraxis. Wer das neue Buch von Joachim Weimann, Andreas Knabe und Ronnie Schöb aufschlägt, sieht diesen Anspruch schnell befriedigt. Schon mit ihrem Titel des Buches „Geld macht doch glücklich. Wo die ökonomische Glücksforschung irrt“ (ISBN 978-3-7910-3194-1) machen die Autoren erfreulich deutlich klar, welche Position sie beziehen.

Das Buch ist für zahlreiche Fragestellungen im Rating interessant: Unternehmensratings, wenn es um die Beurteilung von Kunden-, Mitarbeiter- und Lieferantenzufriedenheit geht; bei Länderratings, wenn Indikatoren für die soziale und politische Stabilität eines Landes gefunden werden sollen; bei Nachhaltigkeitsratings, wenn es um die Klassifikation der Konsequenzen wirtschaftlichen Handelns unter ethischen, ökologischen und sozialen Aspekten geht; bis hin zum Bankenrating, wenn es um die grundsätzliche Frage geht, ob Banken mit ihrer Geldversorgung Menschen glücklicher machen können.

Die Autoren teilen ihr Buch in zwei Teile, nämlich zum einen in eine Darstellung der ökonomischen Glücksforschung und ihrer wichtigsten Resultate, zum anderen in eine kritische Auseinandersetzung über „was ist dran an der Glücksforschung“. Das „Ende des Materialismus“ zu beschwören, wurzelt in Deutschland z.B. in den Studentenrevolten von 1968, die sich der auf Wiederaufbau und Sicherheit fixierten Kriegsgeneration entgegen stemmten. Weimann, Knabe und Schöb machen skizzieren das Denken der Ökonomen, „Mehr ist besser als Weniger“. Detailliert setzen sie sich dann mit der „Easterlin-Attacke“ auseinander. RIchard Easterlin hatte 1974 ein Rating des Glücks ausgewertet, bei dem Menschen auf einer Skala von 0 bis 10 ihre Lebenszufriedenheit klassifizieren sollten.

Die Ergebnisse dieser wie auch zahlreicher weiterer Studien deuten immer wieder in dieselbe Richtung: Obwohl Menschen mit höherem Einkommen glücklicher sind als solche mit niedrigerem, führt der Anstieg der Einkommen aller nicht dazu, dass die durchschnittliche Lebenszufriedenheit steigt. Diesen Widerspruch bezeichnet man nach seinem „Entdecker“ als „Easterlin-Paradoxon“. Steigert ein Land ein Bruttoinlandsprodukt, würde die Bevölkerung also nicht zufriedener. Politiker bemühen sich nach der Logik der Glücksforschung vergeblich: Im Durchschnitt bleibt die Bevölkerung mehr oder weniger gleich zufrieden und unzufrieden.

Bei der Frage nach der Zufriedenheit würde es demnach nur um die relative Positionierung gehen: „Der, der sein Einkommen steigert und dadurch in der Hierarchie aufsteigt, drückt andere in der Rangordnung nach unten. Der Erfolg des Einen ist der Verlust des Anderen. Auch Menschen, die mit dem Erreichten eigentlich zufrieden sind, geraten auf diese Weise in den Wettbewerb, weil sie mithalten müssen, wollen sie nicht abrutschen und relative Einbußen erleiden“, heißt es im Buch. Arthur R. Momand malte schon vor 100 Jahren einen Comicstrip, mit dem dieses Prinzip des „keeping up with the Joneses“ karikiert wurde. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass die relative Position zu einer Referenzgruppe für die Zufriedenheit von Menschen wichtiger erscheint als ihr absoluter Stand mit Blick auf Einkommen und Vermögen.

Weimann, Knabe und Schöb befassen sich mit den vielen Studien, die praktisch immer wieder die gleiche Botschaft bringen in verschiedenem Gewand: Lottogewinner sind weniger später wieder unglücklich (Hamsterradeffekt bzw. „hedonic treatmill“). Professoren streiten sich um einen angeseheneren Titel, selbst wenn es kein Geld bringt. Behinderte klassifizieren sich selbst nicht als unzufriedener als gesunde Menschen. Alte Menschen sind oft sogar glücklicher als junge Menschen, was nicht mit Kohorteneffekten erklärt werden kann. Eheleute sind nicht grundsätzlich zufriedener als Singles, insbesondere sind Eltern, insbesondere von Teenagern, nicht glücklicher als kinderlose Paare. In allen Fällen wird die klassische Annahme der Ökonomie in Frage gestellt, dass „mehr“ besser wäre als „weniger“.

Dem Leser erschließen sich die ökonomischen Determinanten des Glücks: Arbeitslosigkeit, die Arbeitslosigkeit der Anderen (Arbeitslosenquote), Inflationsrate, Einkommens(un)gleichheit, Bildung. „Wir können sicher sein, dass Arbeitslosigkeit die Lebenszufriedenheit daramtisch senkt. Weiterhin sind Gesundheit und ein stabiles soziales Umfeld entscheidende Voraussetzungen für eine hohe Lebenszufriedenheit. Soziale Kontakte, insbesondere die Ehe und die Familie, spielen eine wichtige Rolle. Der Verlust des Partners ist ähnlich verheerend wie der Verlust der Arbeit und gesundheitliche Einschränkungen trüben die Lebensqualität.“

Der Dissenz von Weimann, Knabe und Schöb mit der ökonomischen Glücksforschung bezieht sich weniger auf die behaupteten Fakten, sondern vielmehr auf ihre Interpretation. „Messen wir eigentlich richtig?“ Das fragen die Autoren im 7. Abschnitt, und verneinen schon die Frage nach der grundsätzlichen Verlässlichkeit der Befragungsdaten. „Was messen wir eigentlich?“ Die Autoren werfen interessante Überlegungen zum Faktor Zeit auf (lieber länger glücklich als kürzer glücklich) und rufen das Weber-Fechner-Gesetz in Erinnerung. Schon im 19. Jahrhundert stellten Ernst-Heinrich Weber und den Gedanken fortführend Gustav Theodor Fechner fest, dass menschliche Wahrnehmungen logarithmisch skaliert sind – und nicht linear, wie es die Ratingskala der Glücksforscher impliziert.

Selbst bei dem auf Aristoteles zurückzuführenden eudämonischen Glücksempfinden, dass der rein hedonistischen Definition von Glück konträr ist, lässt sich signifikante Abhängigkeit vom Einkommen identifizieren. Das affektive Glück, dem Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman mit Barack Obamas Wirtschaftsberater Alan Krueger nachging, definiert sich als Summe von Nutzenerfahrungen, die ein Mensch im Laufe der Zeit macht. Dime-Effekt, Kontextabhängigkeit und zu großes Gewicht des letzten Eindrucks lassen Menschen bei Bewertungen, die sie in der Rückschau vornehmen, oft ihr Erleben falsch bewerten (Peak-End-Bewertungsregel). Mit zahlreichen Beispielen und Studienergebnissen erschüttern die Autoren das Easterlin-Paradoxon, das doch ein so wichtiges Fundament der ökonomischen Glücksforschung darstellt. Schon als Impuls für skalentheoretische Überlegungen ist das Buch daher für alle eine Empfehlung, die sich mit Ratingnotationen befassen.

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