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Kontrahentenrisiko

Von Dr. Oliver Everling | 15.Juni 2012

Die Bewertung, Steuerung und Unterlegung des Kontrahentenrisikos nach Basel III und IFRS sind Gegenstand des Herausgeberwerkes mit dem Titel „Kontrahentenrisiko“ von Sven Ludwig, Marcus R.W. Martin und Casten S. Wehn im Schäffer Poeschel Verlag (ISBN 978-3-7910-3176-7). Der Begriff des „Kontrahentenrisikos“ ist durch die Finanzkrise zu ungeahntem „Ruhm“ gelangt, denn wo zuvor selbstverständlich von Sicherheit ausgegangen wurde, zeigten sich schlagende Risiken: Banken und auch Großbanken, einst Inbegriffe der Liquidität und Sicherheit, wurden zu riskanten Geschäftspartnern.

Das Kontrahentenrisiko ist u.a. vom Marktrisiko, dem Kreditrisiko, dem Liquiditätsrisiko und den operationellen Risiken zu unterscheiden. Das Kreditrisiko betrifft im engeren Sinne nur potenzielle Verluste, welche durch eine Änderung der Bonitätseinschätzung (z.B. Ratingänderung) bis hin zum Ausfall eines Kreditnehmers entsteht. Man kann das Kontrahentenrisiko allerdings auch als Spezialfall des Kreditrisikos definieren, wenn mit „Kredit“ nicht das Kreditgeschäft, sondern das Vertrauen (credere, lat. glauben) gemeint sein soll.

Das Buch reiht 16 Artikel namhafter Experten aus den Banken, der Bundesbank bzw. der Bankenaufsicht, aus der Wissenschaft, der Wirtschaftsprüfung und Beratung ohne Hauptkapitelzuordnung, aber teils tiefer Untergliederung der Beiträge aneinander. Es geht um die praxisorientiertem Steuerung von Kontrahentenrisiken, die methodische Umsetzung der Berechnung des Kontrahentenrisikos und des Credit-Valuation-Adjustments (CVA), die Reduzierung von Kontrahentenrisiken durch Collateral Management, Stresstests und den Einsatz von Derivaten zu Hedging.

Die technische Umsetzung einer integrierten Kontrahentenrisiko-Plattform wird ebenso diskutiert wie das Counterparty-Credit-Risk im neuen regulatorischen Rahmenwerk von Basel III und Interne-Modelle-Methoden (IMM), Monte-Carlo-Methoden für Nicht-Gauß-Verteilungen ebenso wie die semianalytische Approximation des Credit-Valuation-Adjustments.

Das Buch zeigt deutlich die Spuren der Finanzkrise in der Regulierung der Banken auf, z.B. die Änderungen im Collateral Management nach Basel III: „Da im Zuge der Finanzkrise erkannt wurde, dass Verbriefungen bei gleichem Rating eine wesentliche höhere Volatilität aufwiesen als Unternehmensanleihen, werden im Rahmen von Basel III neue Supervisory Haircuts eingeführt, welche für die ehemals gleichbehandelten Verbriefungen nun höhere Werte vorsieht.“

Es folgt im Beitrag von Dr. Thomas Nagel, seit 2008 Bankprüfer in der Oesterreichischen Nationalbank (Abteilung für Bankenrevision – Großbanken), beispielsweise eine Abbildung, die die nunmehr eingeführten Supervisory-Haircuts unter der Annahme von täglichem Mark-to-Market, täglichem Remargining und einer zehntägigen Haltedauer enthält. „Wiederverbriefungen sind künftig unabhängig von deren Rating nicht als risikominderndes Collateral anzusehen.“

Sowohl zum Stresstesting des Exposures als auch des CVA gibt es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine allgemeinen Marktstandards, schreiben Dr. Stefan Blochwitz, stellvertretender Leiter der Abteilung „Bankgeschäftliche Prüfungen, Säule 2″ in der Zentrale der Deutschen Bundesbank, sowie Dr. Marcus R.W. Martin, seit September 2008 Professor für Finanzmathematik und Stochastik an der Hochschule Darmstadt, in ihrem Beitrag über Stresstest für Kontrahentenexposures und CVAs: „Industrie Regulatoren als auch Wissenschaft befinden sich hier noch am Anfang der Erforschung pragmatischer, praktikabler und angemessener Methoden und Verfahren zum Stresstesting.“

Das Buch ist an der Schwelle zwischen Theorie und Praxis positioniert, d.h. die Autoren verlieren sich einerseits nicht in theoretischen Modellierungen und lassen es andererseits nicht mit dem „to do“ der Bankpraxis und Aufsicht bewenden. Das Buch geht jeden an, der Verantwortung für die Beurteilung und Steuerung von Kontrahentenrisken trägt.

Themen: Bankenrating, Bankinternes Rating, Verbriefungsrating | Kein Kommentar »

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