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Märkte begehen, Fondsgeschichten erleben: Das Immersive Finance Forum zeigt neue Wege der Finanzkommunikation

Von Dr. Oliver Everling | 13.Oktober 2026

Wie lassen sich komplexe Finanzdaten so darstellen, dass Zusammenhänge nicht nur sichtbar, sondern räumlich erfahrbar werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Immersive Finance Forums am 13. Oktober 2026. Unter dem Titel „Märkte begehen, Fondsgeschichten erzählen“ erlebten die Teilnehmer in der virtuellen Umgebung von Arthur, wie sich Finanzmarktinformationen, Risikostrukturen und die Entwicklung eines Fonds in dreidimensionale Räume übertragen lassen. Was ursprünglich als gut einstündige Veranstaltung geplant war, entwickelte sich zu einem intensiven Austausch, der bis 20:10 Uhr dauerte. Die Diskussionen zeigten, dass immersive Finanzkommunikation weit mehr sein kann als eine spektakuläre Alternative zu klassischen Präsentationsfolien.

Verantwortlich für den Vortrag war Christian Salow, Geschäftsführer der altii GmbH. altii stellt auch die technische Infrastruktur des Immersive Finance Forums bereit. Zu den Partnern des Forums gehören Alice to Bob mit Gerald Kottmann, RATING EVIDENCE mit Dr. Oliver Everling sowie WeAre3D mit Christian Spiekermann. Die virtuelle Veranstaltungsumgebung wurde von Arthur bereitgestellt.

Im ersten Teil standen vier Modelle im Mittelpunkt, die unterschiedliche Aspekte der Finanzmärkte räumlich erfahrbar machen: das Zinsgebirge, das Creditgebirge, das Volagebirge und die Erwartungslandschaft. Jedes Modell folgt einem eigenen Prinzip, doch alle verfolgen dasselbe Ziel: Daten so anzuordnen, dass ihre Beziehungen intuitiv erschlossen und aus verschiedenen Perspektiven untersucht werden können.

Das Zinsgebirge überträgt die Entwicklung europäischer Staatsanleiherenditen in eine dreidimensionale Landschaft. Grundlage sind die Zinsstrukturkurven der Europäischen Zentralbank, die täglich fortgeschrieben werden. Die Darstellung macht Entwicklungen sichtbar, die sich in einer gewöhnlichen Grafik zwar ablesen lassen, deren zeitlicher Verlauf und wirtschaftliche Bedeutung jedoch erst durch die räumliche Perspektive besonders anschaulich werden. Das lang anhaltende niedrige beziehungsweise negative Zinsniveau bis 2021, der abrupte Wandel im Zuge des Inflationsschocks 2022 und die anschließenden Veränderungen der Zinsstruktur erscheinen als unterschiedliche Geländeformationen. Ergänzende Tafeln ordnen die Entwicklung wichtigen Ereignissen zu. Gerade für die Erklärung von Zinsänderungsrisiken und deren Auswirkungen auf Anleiheportfolios eröffnet diese Darstellungsform neue Möglichkeiten.

Das Creditgebirge überträgt das Prinzip auf Kreditaufschläge unterschiedlicher Ratingstufen. Die räumliche Höhe und die Farbgebung vermitteln, wie sich Kreditrisiken und die Streuung der Aufschläge zwischen verschiedenen Bonitätsklassen verändern. Auf diese Weise werden Unterschiede zwischen sehr guten und schwächeren Bonitäten nicht nur als Zahlenwerte präsentiert, sondern als zusammenhängende Struktur sichtbar.

Beim Volagebirge stehen Optionsmarktdaten im Mittelpunkt. Das Modell basiert auf einer Momentaufnahme der Optionsbörse Deribit vom 22. September 2026. Die Grundfläche bildet Moneyness und Restlaufzeit ab, die Höhe repräsentiert die implizite Volatilität, während die Farbe das Open Interest kennzeichnet. Dadurch lässt sich untersuchen, ob besonders hohe implizite Volatilitäten tatsächlich mit entsprechend hohen offenen Positionen einhergehen. Die Präsentation verdeutlichte anhand dieser Daten, dass extreme Werte in der Volatilität nicht zwangsläufig dort auftreten, wo zugleich die größte Konzentration offener Positionen liegt. Erst die gemeinsame Betrachtung mehrerer Dimensionen macht diese Beziehung unmittelbar erkennbar.

Die Erwartungslandschaft richtet den Blick auf die vom Optionsmarkt implizierten Erwartungen. Sie visualisiert risikoneutrale Wahrscheinlichkeitsdichten, die aus Optionspreisen abgeleitet werden können, und stellt deren Entwicklung über unterschiedliche Restlaufzeiten dar. Mit zunehmender Laufzeit wird die dargestellte Verteilung breiter und flacher. Was in mathematischen Modellen durch Formeln und Wahrscheinlichkeitsverteilungen beschrieben wird, erhält damit eine räumliche Gestalt. Die Teilnehmer können die Veränderung der Verteilung als Form erleben und sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sich Unsicherheit in Markterwartungen widerspiegelt.

Der zweite Schwerpunkt des Abends war die Fonds-Helix. Dieses begehbare Spiralgebäude stellt die Entwicklung eines Fonds als räumlichen Weg durch die Zeit dar. Das vorgestellte Beispiel basierte auf einem fiktiven Fonds, dessen Geschichte sich über elf Jahre und drei Windungen erstreckt. Im Inneren der Spirale markieren dreizehn Stationen wichtige Ereignisse der Fondsgeschichte, darunter die Auflage, das erste Rating, Mittelabflüsse und das Erreichen eines verwalteten Vermögens von einer Milliarde. Auf der Außenseite stehen 21 Ereignisse aus dem Marktumfeld, darunter der Brexit, die Marktturbulenzen im März 2020 und die Zinswende.

Die Gegenüberstellung beider Ebenen ist das entscheidende Merkmal des Konzepts. Die Entwicklung des Fonds wird nicht isoliert betrachtet, sondern in Beziehung zu den Ereignissen gesetzt, die während derselben Zeit an den Kapitalmärkten stattgefunden haben. Fondsinterne Meilensteine und externe Einflüsse stehen sich an den jeweils entsprechenden Zeitpunkten gegenüber. So wird aus einer chronologischen Darstellung eine räumliche Erzählung, die es ermöglicht, Entwicklungen gemeinsam nachzuvollziehen und an wichtigen Stationen innezuhalten.

Auch das Wachstum des verwalteten Vermögens erhält eine konkrete räumliche Dimension. Die Wegstrecken zwischen einzelnen Schwellen verdeutlichen, wie lange es gedauert hat, bestimmte Größenordnungen zu erreichen. Dadurch entsteht eine andere Wahrnehmung von Zeit, Wachstum und Marktphasen, als sie eine herkömmliche Präsentation vermitteln kann. Als mögliche Einsatzfelder wurden unter anderem Investorentage, Fondsjubiläen und Messestände diskutiert. Nach Angaben von altii lässt sich eine solche Helix für einen bestehenden Fonds innerhalb weniger Tage mit realen Daten ausstatten. In Arthur oder RAUM können bis zu 36 Gäste gleichzeitig das Modell erkunden.

Eine besonders grundsätzliche Frage behandelte der dritte Teil des Forums: Wie muss ein virtueller Raum gestaltet sein, damit er zu seinem Inhalt passt? Der hierfür vorgestellte Helikoid ist eine räumliche Ausstellung auf einer Wendelfläche. Auf zwanzig Tafeln werden siebzehn unterschiedliche Architekturen vorgestellt, mit denen sich herkömmliche Präsentationen in begehbare virtuelle Umgebungen übertragen lassen.

Die verschiedenen Raumformen unterscheiden sich nicht nur optisch, sondern auch hinsichtlich ihrer Funktion. Manche führen die Besucher auf einem vorgegebenen Weg durch eine Geschichte, andere ermöglichen einen freien Wechsel zwischen Themen. Eine Doppelhelix kann beispielsweise zwei unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderstellen, während eine Kolonnade den unmittelbaren Vergleich zahlreicher Inhalte ermöglicht. Ein Amphitheater schafft einen Gesamtüberblick, verzichtet dafür aber auf eine feste Dramaturgie. Eine Zeitachse kann Abstände zwischen Ereignissen proportional abbilden, während ein Datenrelief Informationen unmittelbar in die Gestaltung des Bodens integriert.

Der Helikoid macht damit deutlich, dass die Architektur eines virtuellen Raums selbst eine kommunikative Aussage enthält. Eine Spirale kann Entwicklung und Fortschritt vermitteln, eine Gegenüberstellung unterschiedliche Sichtweisen sichtbar machen und eine räumliche Übersicht die Gleichzeitigkeit verschiedener Informationen betonen. Die Entscheidung für eine bestimmte Darstellungsform ist deshalb nicht bloß eine Frage des Designs. Sie beeinflusst, wie Besucher Inhalte wahrnehmen, welche Beziehungen sie erkennen und in welcher Reihenfolge sie sich mit Informationen auseinandersetzen.

Bemerkenswert war, dass die vorgestellten Konzepte auch ihre praktischen Grenzen offenlegten. Nicht jede Architektur eignet sich gleichermaßen für jede Anwendung. Die Bewegungsfreiheit im Headset, die zuverlässige Wiedergabe von Animationen und die technische Umsetzung bestimmter Interaktionen müssen bei der Gestaltung berücksichtigt werden. Auch die Akkulaufzeit bleibt eine praktische Rahmenbedingung. Die Diskussion zeigte damit nicht nur das Potenzial immersiver Finanzkommunikation, sondern auch, welche gestalterischen und technischen Entscheidungen für ihren erfolgreichen Einsatz erforderlich sind.

Für Asset Manager, Vermögensverwalter und andere Finanzdienstleister liegt der Nutzen solcher Anwendungen vor allem in der Möglichkeit, komplexe Inhalte anders zu vermitteln. Fondsentwicklungen, Marktprognosen, Kreditrisiken und Volatilitätsstrukturen lassen sich nicht nur darstellen, sondern als räumlich zusammenhängende Modelle gestalten. Das kann Gespräche mit Investoren unterstützen, die Vermittlung von Anlagekonzepten verbessern und neue Formate für Schulungen, Produktpräsentationen und Veranstaltungen ermöglichen.

Der Abend machte zugleich deutlich, dass der Mehrwert nicht allein in der dreidimensionalen Darstellung liegt. Entscheidend ist die bewusste Wahl der Form, die zur jeweiligen Information und zum Kommunikationsziel passt. Eine immersive Präsentation sollte nicht einfach eine klassische Folienfolge in einen virtuellen Raum übertragen. Sie sollte die besonderen Möglichkeiten des Raums nutzen, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, Vergleiche zu erleichtern und eine aktive Auseinandersetzung mit den Inhalten zu fördern.

Ob solche Formate künftig auch außerhalb technikaffiner Teilnehmerkreise breite Anwendung finden, wird von der Zugänglichkeit der Technologie und der Qualität der konkreten Anwendungen abhängen. Für Veranstaltungen, bei denen komplexe Sachverhalte erklärt, diskutiert und gemeinsam erschlossen werden sollen, zeigte das Immersive Finance Forum jedoch eindrucksvoll, dass virtuelle Räume mehr leisten können als die bloße Inszenierung von Informationen.

Die vorgestellten Modelle eröffnen eine Perspektive auf Finanzkommunikation, in der Daten nicht länger ausschließlich auf Bildschirmen und Folien erscheinen. Sie können zu Landschaften, Wegen und räumlichen Strukturen werden, die Menschen gemeinsam erkunden. Damit erweitert Immersive Finance das Spektrum der Möglichkeiten, finanzwirtschaftliche Zusammenhänge verständlich zu machen und den Austausch über komplexe Entscheidungen zu fördern.

Weitere Informationen zum Immersive Finance Forum und zu kommenden Veranstaltungen finden sich unter [https://immersive-finance-forum.de/events/](https://immersive-finance-forum.de/events/). Ein weiteres wichtiges Ereignis für die XR-Branche ist IMMERSIVE X, das vom 10. bis 12. November 2026 unter dem Motto „Reclaim the Future“ stattfindet.

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