« Pfandbriefrating: Die besondere Bonität einer der sichersten Anlageklassen | Home
Moody’s wächst weiter – Scope Ratings muss Reife beweisen
Von Dr. Oliver Everling | 21.Oktober 2026
Die neuen Quartalsergebnisse von Moody’s unterstreichen den wirtschaftlichen Abstand zwischen dem etablierten US-amerikanischen Ratingkonzern und der Berliner Ratingagentur Scope. Während Moody’s auch im dritten Quartal 2026 Milliardenerlöse erzielt und hohe operative Margen erwirtschaftet, stehen bei Scope weiterhin Fragen nach der finanziellen Tragfähigkeit des Geschäftsmodells im Raum. Ein Vergleich ist allerdings nur eingeschränkt möglich: Die verfügbaren Zahlen beziehen sich auf unterschiedliche Berichtskreise, Geschäftsfelder und Zeiträume.
Moody’s Corporation meldete am 21. Oktober 2026 für das dritte Quartal einen Umsatz von 2,023 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Anstieg von einem Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum; währungs- und portfoliobereinigt betrug das Wachstum drei Prozent. Der operative Gewinn belief sich auf 906 Millionen Dollar. Die operative Marge lag bei 44,8 Prozent, die bereinigte operative Marge bei 52,6 Prozent. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg um sechs Prozent auf 4,14 Dollar; der unbereinigte Gewinn je Aktie legte um 18 Prozent zu, auch wegen Gewinnen aus Unternehmensverkäufen. Für die ersten neun Monate des Jahres summierte sich der Umsatz auf 6,287 Milliarden Dollar, nach 5,829 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum. In diesem Zeitraum erreichte der operative Cashflow 2,471 Milliarden Dollar und lag damit 21 Prozent über dem Vergleichswert. Der freie Cashflow stieg um 22 Prozent auf 2,2 Milliarden Dollar.
Die Zahlen zeigen, wie weit Moody’s über ein reines Ratinggeschäft hinausgewachsen ist. Das Unternehmen vereint mit Moody’s Investors Service (MIS) das klassische Ratinggeschäft und mit Moody’s Analytics ein umfangreiches Geschäft mit Daten, Software und analytischen Dienstleistungen. Im dritten Quartal erzielte MIS 1,087 Milliarden Dollar Umsatz, ein Prozent weniger als im Vorjahr. Moody’s Analytics kam dagegen auf 936 Millionen Dollar, drei Prozent mehr als im Vorjahr beziehungsweise acht Prozent Wachstum auf organischer Basis bei konstanten Wechselkursen. Der wiederkehrende Umsatz von Moody’s Analytics stieg um sechs Prozent auf 928 Millionen Dollar und machte damit 99 Prozent des Segmentumsatzes aus.
Innerhalb des Ratinggeschäfts verlief die Entwicklung unterschiedlich. Der Umsatz im Bereich Corporate Finance sank um acht Prozent auf 530 Millionen Dollar. Besonders ausgeprägt waren die Rückgänge bei High-Yield-Anleihen und Leveraged Loans, während das Investment-Grade-Geschäft von der Finanzierung großer Unternehmen, insbesondere aus dem Technologiesektor, profitierte. Strukturierte Finanzierungen legten um fünf Prozent zu; Public, Project and Infrastructure Finance wuchs um elf Prozent. Moody’s ist damit zwar weiterhin von der Entwicklung der Kapitalmärkte abhängig, kann Schwankungen im Emissionsgeschäft aber durch wiederkehrende Gebühren und das Geschäft mit Analysedaten teilweise abfedern.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die finanzielle Situation von Scope Ratings an Bedeutung. In meinem Beitrag „Die Reifeprüfung von Scope“ vom 11. September 2026 wurde die Recherche des Finanzjournalisten Jan F. Wagner für die September-Ausgabe des Bankmagazins aufgegriffen. Im Mittelpunkt standen die kumulierten Verluste der Scope-Gruppe, gemessen am Einzelabschluss der Holding Scope SE & Co. KGaA, die die Verluste ihrer operativen Töchter trägt. Nach der dort dargestellten Berechnung beliefen sie sich Ende 2024 auf 190,8 Millionen Euro (Verlustvortrag und Jahresfehlbetrag). Dem standen 155,4 Millionen Euro an Eigenkapital aus gezeichnetem Kapital und Kapitalrücklage gegenüber. Daraus leitete Wagner ein rechnerisches negatives Eigenkapital von 35,4 Millionen Euro ab; der Jahresabschluss weist es als „nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag“ aus. Wagner fasste seine Einschätzung mit den Worten zusammen: „Bilanziell gesehen bedeutet das: Scope ist überschuldet.“
Der Größenunterschied zu Moody’s ist erheblich. Moody’s erwirtschaftete allein im dritten Quartal 2026 mehr als zwei Milliarden Dollar Umsatz. Für Scope liegen in den hier herangezogenen Quellen keine in Umfang und Abgrenzung vergleichbaren aktuellen Quartalszahlen vor. Ein exakter Vergleich der Umsatzrenditen, der operativen Cashflows oder der Kapitalausstattung wäre deshalb nicht seriös. Die verfügbaren Daten zeigen vielmehr zwei unterschiedliche Entwicklungsstadien: hier einen global diversifizierten Konzern mit hoher Ertragskraft und umfangreichem wiederkehrendem Umsatz, dort eine europäische Ratingagentur, deren langfristiger Kapitalbedarf und Weg zur nachhaltigen Profitabilität weiterhin Gegenstand der Diskussion sind.
Die Entwicklung von Scope ist dabei nicht allein an der Gewinn- und Verlustrechnung zu messen. Die Europäische Zentralbank hatte Scope im November 2023 als Ratingagentur im Eurosystem Credit Assessment Framework zugelassen und integrierte die Ratings im Dezember 2024 in das System. Dadurch können entsprechend bewertete Schuldinstrumente grundsätzlich als Sicherheiten in geldpolitischen Geschäften des Eurosystems verwendet werden. Im März 2025 mandatierte zudem der Europäische Stabilitätsmechanismus Scope zur Bewertung seiner Kreditwürdigkeit; zuvor hatte Scope bereits unaufgeforderte Ratings des ESM veröffentlicht. Solche institutionellen Anerkennungen können die Marktstellung stärken und zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten eröffnen. Sie sind aber kein Ersatz für den Nachweis, dass die damit verbundenen Kosten dauerhaft durch Einnahmen gedeckt werden.
Auch die Beteiligung renommierter Finanzinstitutionen an Scope – darunter AXA, BPCE, Crédit Agricole Assurances, Deka, ABN Amro und die Vienna Insurance Group – ist in diesem Zusammenhang einzuordnen. Deka und die Vienna Insurance Group stiegen erst im Dezember 2025 ein, nach dem Bilanzstichtag der oben genannten Zahlen; Deka und ABN Amro halten nach Medienberichten jeweils unter fünf Prozent. Als Ankeraktionäre gelten der Gründer und Vorstandschef Florian Schoeller und der Investor Stefan Quandt, die RAG-Stiftung hält den Großteil der Wandelschuldverschreibungen. Die Beteiligungen signalisieren strategisches Interesse an einer europäischen Alternative zu den großen US-Ratingagenturen. Aus einer Beteiligung allein lässt sich jedoch weder die künftige Profitabilität noch die Bereitschaft zu weiteren Kapitalzuführungen ableiten. Entscheidend bleibt, ob Scope seine institutionelle Akzeptanz in nachhaltig wiederkehrende Erträge umsetzen kann.
Die neuen Zahlen von Moody’s bieten dafür einen aufschlussreichen, wenn auch nicht unmittelbar übertragbaren Referenzpunkt. Der US-Konzern profitiert von einer Kombination aus etabliertem Ratinggeschäft, hohen wiederkehrenden Gebühren und datenbasierten Dienstleistungen. Scope verfolgt ebenfalls das Ziel, seine Position im europäischen Kapitalmarkt auszubauen. Ob daraus ein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell entsteht, lässt sich jedoch nicht aus der Zahl institutioneller Mandate oder aus einzelnen Bilanzkennzahlen beantworten.
Für eine belastbare Beurteilung von Scope wären insbesondere aktuelle, konsolidierte Angaben zu Umsatz, operativem Ergebnis, Cashflow, kumulierten Verlusten, Eigenkapital und Finanzierungszusagen erforderlich. Hinzukommen müsste eine klare Abgrenzung zwischen der Ratinggesellschaft, der Holding, weiteren Gesellschaften der Gruppe und den jeweiligen Investorenfinanzierungen. Erst auf dieser Grundlage ließe sich beurteilen, wie groß der verbleibende Kapitalbedarf ist und ob das operative Geschäft perspektivisch aus eigener Kraft tragfähig werden kann.
Die „Reifeprüfung“ von Scope besteht damit nicht allein darin, als europäische Ratingagentur institutionell anerkannt zu werden. Sie besteht auch darin, die wirtschaftliche Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells transparent zu machen. Moody’s zeigt mit seinen jüngsten Ergebnissen, welche Ertragskraft ein etabliertes Rating- und Datenunternehmen entwickeln kann. Scope muss nicht dieselbe Größe erreichen, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Es muss aber nachvollziehbar belegen, dass seine europäische Marktposition auf Dauer finanziell tragfähig ist.
Themen: Ratings | Kommentare deaktiviert für Moody’s wächst weiter – Scope Ratings muss Reife beweisen
Kommentare geschlossen.
Börse hören. Interviews zu Ratingfragen im Börsen Radio Network. Hier klicken für alle Aufzeichnungen mit Dr. Oliver Everling seit 2006 als Podcasts.











