Wie die EZB mit dem starken Euro umgeht – und warum Zinssenkungen trotz Marktspekulationen unwahrscheinlich sind
Von Dr. Oliver Everling | 4.Februar 2026
Im Vorfeld der EZB-Sitzung am Donnerstag schauen die Finanzmärkte sehr genau darauf, wie die Europäische Zentralbank mit der zuletzt deutlich gestiegenen Stärke des Euro umgehen wird. Ein stärkerer Euro beeinflusst die wirtschaftliche Entwicklung, vor allem über die Preise von Importen und damit über die Inflation. Deshalb ist die Frage wichtig, ob die EZB diese Entwicklung zum Anlass nimmt, ihre Geldpolitik zu lockern, also etwa die Zinsen zu senken, oder ob sie gelassen bleibt. Einen Einblick in diese Überlegungen gibt ein aktueller Marktkommentar von Felix Feather, Economist bei Aberdeen Investments, der die Lage vor dem EZB-Meeting einordnet.
Feather weist zunächst darauf hin, dass die Ausgangslage ungewöhnlich ist. „Die EZB geht mit einem auf handelsgewichteter Basis historisch starken Euro in die Sitzung am Donnerstag.“ Das bedeutet, dass der Euro nicht nur gegenüber einer einzelnen Währung, sondern im Durchschnitt gegenüber den wichtigsten Handelspartnern sehr stark bewertet ist. Diese Entwicklung ist auch innerhalb der EZB nicht unbemerkt geblieben. „Einige geldpolitische Entscheidungsträger, darunter Kocher und Villeroy, haben ihre Besorgnis über diese Entwicklung geäußert.“ Solche öffentlichen Äußerungen haben an den Märkten Erwartungen geweckt. „Das hat Spekulationen darüber ausgelöst, dass die EZB mit einer Lockerung der Geldpolitik reagieren könnte.“
Ob es tatsächlich zu einer solchen Reaktion kommt, hängt laut Feather vor allem davon ab, welche Folgen der starke Euro für die Inflation hat. „Ob dies tatsächlich geschieht, hängt davon ab, wie sich die Euro-Stärke auf die Inflation auswirkt.“ Grundsätzlich gilt dabei eine einfache Faustregel, die Investoren und Notenbanker häufig heranziehen: „Als Faustregel gilt: Eine Aufwertung des Euro um 1 % ist mit einem Rückgang der Gesamtinflationsrate um vier Basispunkte verbunden.“ Ein stärkerer Euro verbilligt Importe, was tendenziell den Preisdruck senkt und damit die Inflation dämpft.
Allerdings ist die Situation aus Sicht der EZB komplexer. Feather erklärt, dass man argumentieren könnte, der jüngste Anstieg des Euro habe besondere Ursachen. „Allerdings könnten die Entscheidungsträger argumentieren, dass der jüngste Anstieg des Euro zum Großteil vom verbesserten makroökonomischen Ausblick für Europa getrieben wurde, und dass der disinflationäre Effekt daher geringer ausfallen könnte.“ Wenn der Euro stärker wird, weil sich die wirtschaftlichen Perspektiven in Europa verbessern, dann ist das aus Sicht der Notenbank weniger problematisch, als wenn die Aufwertung allein durch Kapitalzuflüsse oder Zinserwartungen entsteht.
Zudem relativiert Feather die tatsächliche Größenordnung der bisherigen Euro-Aufwertung. „Bis Mittwochmorgen ist der Euro um 0,17 % gegenüber einem handelsgewichteten Währungskorb gestiegen, verglichen mit den im Dezember von der EZB aktualisierten Prognosen.“ Dieser Anstieg ist sehr gering und hat entsprechend wenig Einfluss auf die Inflation. „Das würde auf einen nahezu vernachlässigbaren disinflationären Impuls hindeuten.“ Mit anderen Worten: Der Effekt auf die Preisentwicklung dürfte so klein sein, dass er geldpolitisch kaum ins Gewicht fällt.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Haltung der EZB-Präsidentin. Feather erinnert daran, dass Christine Lagarde in der Vergangenheit eine gewisse Gelassenheit gegenüber einem stärkeren Euro gezeigt hat. „Unabhängig davon hat Lagarde in der Vergangenheit Bereitschaft gezeigt, einen stärkeren Euro zu tolerieren.“ Vor diesem Hintergrund erwartet Aberdeen Investments keine überraschende Kehrtwende der EZB. „Wir erwarten, dass sie diese Sichtweise bekräftigen und sich gegen die jüngsten Bewegungen an den Swap-Märkten stellt, die eine mögliche Zinssenkung der EZB als Reaktion auf die Euro-Stärke einpreisen.“ Die Märkte haben also aus Sicht von Feather zu früh auf Zinssenkungen gesetzt.
Am Ende kommt er zu einer klaren Einschätzung für das Gesamtjahr. „Wir gehen davon aus, dass die EZB den Leitzins im gesamten Jahr unverändert lässt.“ Für Anleger und Beobachter bedeutet das: Trotz des starken Euro dürfte die EZB ruhig bleiben und vorerst keine geldpolitischen Maßnahmen ergreifen, solange sich die Auswirkungen auf die Inflation als gering erweisen.
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Crypto-Millionäre auf dem Papier: Wie eine Kurskorrektur 11.849 Bitcoin-Wallets unter die Millionengrenze drückte
Von Dr. Oliver Everling | 3.Februar 2026
Eine aktuelle Meldung von TechGaged.com sorgt in der Krypto-Community für Aufmerksamkeit, weil sie auf den ersten Blick einen dramatischen Rückgang sogenannter Bitcoin-Millionäre beschreibt. Laut der Analyse seien innerhalb weniger Wochen 11.849 Adressen unter die Schwelle von umgerechnet einer Million US-Dollar gefallen. Grundlage dafür seien öffentlich zugängliche On-Chain-Daten, aus denen hervorgeht, dass die Zahl der entsprechenden Wallets von 151.175 am 9. Januar 2026 auf 139.326 am 3. Februar 2026 gesunken sei. Die Autoren betonen allerdings selbst, dass dieser Rückgang nicht zwangsläufig auf massenhafte Verkäufe hindeute, sondern vor allem eine Folge der Preisbewegung sei.
Bitcoin hatte sich in diesem Zeitraum von Kursen nahe 90.000 US-Dollar in den mittleren 70.000-Dollar-Bereich zurückgezogen. Dadurch rutschten viele Adressen, die zuvor knapp über der Millionengrenze lagen, rechnerisch darunter. In der Studie heißt es sinngemäß, dass „die Drop in millionaire addresses appears more reflective of price compression than widespread capitulation“, also eher eine Bewertungskorrektur als ein struktureller Exodus vorliege. Auch die mittleren Wallet-Segmente zwischen 1 und 100 BTC hätten vergleichsweise geringe Veränderungen gezeigt, was laut TechGaged für eine gewisse Stabilität der Besitzverhältnisse spreche.
Gleichzeitig weisen die Forscher darauf hin, dass solche Kennzahlen stark von der Marktdynamik abhängen und daher mit Vorsicht zu lesen sind. „As Bitcoin moves through liquidity cycles, USD-denominated wealth brackets can change rapidly even when the underlying distribution of coins remains relatively stable“, erklärt Rokas Baltrusaitis, Senior Research Analyst bei TechGaged.com. Sichtbare Schwankungen in der Zahl der Millionärs-Wallets könnten also vor allem die Stimmung widerspiegeln, ohne zwangsläufig reale Umschichtungen im Netzwerk zu bedeuten.
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor liegt in der Methodik selbst. Die Daten stammen aus der Bitcoin Rich List von BitInfoCharts, verglichen wurde ein Archivstand vom 9. Januar mit den aktuellen Werten vom 3. Februar. „Millionaire wallets“ sind dabei schlicht als Adressen mit einem rechnerischen Gegenwert von mehr als einer Million Dollar definiert. Dass ein einzelner Akteur mehrere Wallets kontrollieren kann oder dass sich die Klassifizierung allein durch Kursschwankungen ändert, räumen die Autoren ausdrücklich ein. Vor diesem Hintergrund lässt sich der Schlagzeilenwert der „verlorenen“ 11.849 Bitcoin-Millionäre zwar leicht vermitteln, doch bleibt offen, wie viel Substanz hinter der Zahl steckt und wie genau sie die tatsächliche Vermögensverteilung im Netzwerk widerspiegelt.
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Marktausblick 2026: Warum Stabilität und Credit Ratings für Anleger entscheidend sind
Von Dr. Oliver Everling | 29.Januar 2026
Die Weltwirtschaft hat sich 2025 widerstandsfähiger gezeigt, als viele Marktteilnehmer erwartet hatten. Trotz außergewöhnlich hoher politischer und geopolitischer Risiken blieben ein starker Inflationsanstieg und eine Rezession aus. Desiree Sauer, Investment-Strategin bei Lazard Asset Management, bringt es auf den Punkt: „Die globale Konjunktur hat sich robuster gezeigt als vielfach erwartet.“ Auch für 2026 sieht sie eine grundsätzlich stabile Ausgangslage, warnt jedoch vor zunehmenden Unsicherheiten, die das Marktumfeld anspruchsvoller machen.
Ein wesentlicher Stabilitätsfaktor ist die Geldpolitik. Viele Zentralbanken haben ihre Leitzinsen gesenkt, was mit zeitlicher Verzögerung wachstumsunterstützend wirken dürfte. „Die geldpolitischen Impulse entfalten ihre Wirkung nicht sofort, sondern schrittweise“, betont Sauer. Hinzu kommt eine expansive Fiskalpolitik: In Deutschland greifen die Effekte eines großen Konjunkturprogramms, während in den USA ab 2026 umfangreiche Steuererstattungen an private Haushalte fließen sollen. Auch höhere Verteidigungsausgaben in Europa stützen die Nachfrage.
China sendet ebenfalls Signale der Stabilisierung. Nach einer längeren Schwächephase mehren sich Hinweise auf einen konjunkturellen Wendepunkt, getragen von Fortschritten in der Künstlichen Intelligenz und einem vergleichsweise stabilen Außenhandel. Gleichzeitig bleiben strukturelle Herausforderungen bestehen. Sauer warnt: „Zentrale strukturelle Herausforderungen bleiben jedoch ungelöst, darunter das schwächere Wachstum, die anhaltenden Belastungen im Immobiliensektor sowie zunehmend protektionistische Maßnahmen gegenüber chinesischen Technologien.“
In den USA rücken handelspolitische und migrationspolitische Fragen in den Fokus. Die rechtlich umstrittenen Zölle könnten Inflation und Wachstum beeinflussen, während eine restriktivere Einwanderungspolitik den Arbeitsmarkt belastet und Kosten erhöht. Auch Europa steht zwischen relativer Stabilität und strukturellem Gegenwind. Ein starker Euro, steigender Wettbewerbsdruck aus China und politische Unsicherheiten in einzelnen Ländern belasten die Perspektiven zusätzlich.
Für die Kapitalmärkte bedeutet dieses Umfeld erhöhte Volatilität. Aktien bleiben grundsätzlich attraktiv, auch wenn das kurzfristige Aufwärtspotenzial begrenzt ist. Rückschläge gehören zum Marktbild, ebenso wie die Notwendigkeit, genauer hinzuschauen. Gerade im Anleihemarkt zeigt sich, wie wichtig Differenzierung geworden ist. Enge Credit-Spreads erhöhen die Sensitivität gegenüber konjunkturellen Abschwüngen, weshalb eine sorgfältige Auswahl entscheidend ist. In einem Umfeld, das von politischen Risiken, hohen Staatsausgaben und Inflationsgefahren geprägt ist, wird deutlich, dass es sich lohnt, auf Credit Ratings zu achten, um die tatsächliche Bonität von Emittenten besser einschätzen zu können und unerwartete Verluste zu vermeiden.
Schwellenländer und ausgewählte Unternehmensanleihen bieten Chancen, profitieren von strukturellem Wandel und attraktiven Bewertungen, bleiben aber anfällig für geopolitische Spannungen. Sauer fasst die Gesamtlage so zusammen: „Insgesamt gilt: Wie sich die Kapitalmärkte 2026 entwickeln, hängt maßgeblich davon ab, ob die wichtigsten Risikofaktoren (geopolitisch und ökonomisch) unter Kontrolle bleiben.“ Für Anleger bedeutet das, Chancen zu nutzen, ohne die Risiken aus dem Blick zu verlieren, und in einem komplexen Umfeld bewusst auf Qualität und Bonität zu setzen.
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Implikationen geopolitischer und fiskalischer Risiken für das Credit Rating
Von Dr. Oliver Everling | 27.Januar 2026
Die aktuellen Entwicklungen an den internationalen Finanzmärkten haben auch für das Credit Rating von Staaten und Unternehmen bedeutsame Implikationen. Trotz der geopolitischen Spannungen, die durch die US-Intervention in Venezuela, die Proteste im Iran und den kurzlebigen Streit um Grönland ausgelöst wurden, zeigen die Märkte bisher bemerkenswerte Stabilität. Wie Dr. Eduard Baitinger im FERI Markets Update betont, rechtfertigen die Fundamentaldaten diese Stabilität: „Die Unternehmensgewinne bleiben auf Wachstumskurs, während Rezessionsrisiken derzeit kaum zu sehen sind.“
Für Ratingagenturen bedeutet dies, dass die kurzfristige Bonität von Unternehmen in den USA weiterhin solide eingeschätzt werden kann, auch wenn politische Turbulenzen den US-Dollar unter Druck setzen. Baitinger weist darauf hin, dass die US-Währung „empfindlich gegenüber einem weiter zunehmenden Vertrauensentzug internationaler Investoren“ ist, was das Risiko von Währungsstress für international investierende Unternehmen erhöht und somit indirekt auch Ratings beeinflussen kann.
In Japan werfen steigende Zinsen Fragen zur Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen auf. Mit einer Staatsverschuldung von deutlich über 200 Prozent der Wirtschaftsleistung besteht langfristig ein erhöhtes fiskalisches Risiko, auch wenn eine akute Krise derzeit nicht absehbar ist. Baitinger stellt klar: „Eine akute Fiskalkrise ist damit zwar nicht absehbar, die strukturelle Verwundbarkeit der öffentlichen Finanzen nimmt jedoch zu.“ Für Ratingagenturen bedeutet dies, dass die langfristige Bonität Japans möglicherweise unter Druck geraten könnte, insbesondere wenn sich die Zinskosten weiter erhöhen und die Notenbankinterventionen intensiver werden müssen.
Die Widerstandsfähigkeit der Märkte trotz geopolitischer und fiskalischer Unsicherheiten zeigt, dass Ratingbewertungen nicht ausschließlich auf kurzfristigen politischen Ereignissen basieren sollten. Vielmehr sollte der Fokus auf nachhaltigen Fundamentaldaten liegen. Die hohe Managementqualität und Profitabilität vieler US-Unternehmen sowie die günstige Zinsstruktur in Japan stützen weiterhin positive Bewertungen. Gleichzeitig muss die Verwundbarkeit gegenüber Währungsschwankungen und steigenden Zinskosten in die Risikobewertungen einfließen, um ein realistisches Bild der Bonität zu gewährleisten. Insgesamt zeigt sich, dass trotz politischer Unwägbarkeiten und geopolitischer Risiken die aktuelle Marktstabilität den Ratingprozess nicht fundamental gefährdet, wohl aber eine differenzierte Betrachtung erfordert, die sowohl kurzfristige Volatilität als auch langfristige strukturelle Risiken berücksichtigt.
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Bitcoin als diversifizierende Anlage: Chancen, Risiken und Mungers skeptische Haltung
Von Dr. Oliver Everling | 27.Januar 2026
Einst belächelt, gehören Kryptowährungen heute zum Instrumentarium der Vermögensanlage. Laut Nicolas Cohen-Addad, Head Investment Solutions APAC & Head Portfolio Management bei LGT Private Banking, „kann eine kleine Beimischung die Diversifikation verbessern – ist jedoch nicht für jedes Risikoprofil geeignet.“ In einem aktuellen Marktkommentar beschreibt er, wie digitale Vermögenswerte „eine diversifizierende Komponente in langfristig ausgerichteten und komplexen Portfolios darstellen können.“ Digitale Vermögenswerte gelten zunehmend als Bestandteil der Vermögensallokation, auch wenn sie keine laufenden Erträge generieren. Bitcoin und andere Kryptowährungen sind im Vergleich zu traditionellen Anlageklassen noch relativ jung, aber laut Cohen-Addad „stellt [Bitcoin] zunehmend ein legitimes Mittel zur Wertaufbewahrung dar, das in der langfristigen Vermögensallokation berücksichtigt werden sollte und zu resilienteren Portfolios beitragen kann.“ Dabei sei jedoch zu beachten, dass diese Anlagen nicht für jede Anlegerin oder jeden Anleger geeignet sind und ihre Berücksichtigung stets von der Risikotoleranz innerhalb eines diversifizierten Portfolios abhängt. Während traditionelle Vermögenswerte wie Aktien oder Anleihen laufende Erträge in Form von Dividenden oder Zinszahlungen liefern, „werfen Bitcoin, physische Währungen und Gold keine laufenden Erträge ab.“ Der theoretische „Fair Value“ von Bitcoin lässt sich daher schwer bestimmen, doch auch wenn solche Berechnungen oft umstritten seien, „dienen sie als Orientierung zur Bestimmung des Vermögenswerts – und damit als Basis für die Etablierung eines Mittels zur Wertaufbewahrung.“
Bitcoin hat sich in den letzten Jahren stärker im Mainstream etabliert, unterstützt durch neue gesetzliche Regelwerke in wichtigen Finanzmärkten wie den USA, den Markteintritt institutioneller Investoren und die Einführung börsengehandelter Fonds auf Bitcoin. Cohen-Addad betont, dass Anlegerinnen und Anleger sich der „starken historischen Volatilität von Bitcoin bewusst sein“ sollten, auch wenn sich diese Schwankungen in jüngerer Zeit verringert haben. Studien zeigen, dass bereits eine geringe Beimischung von Bitcoin „die Rendite eines diversifizierten Portfolios erhöhen kann.“ Digitale Vermögenswerte wie Bitcoin werden zwar kaum das Rückgrat von Portfolios bilden, können aber für langfristig orientierte Investoren mit entsprechender Risikoneigung interessante Chancen eröffnen.
Trotz dieser Perspektiven würde der verstorbene Charles Munger von Berkshire Hathaway wahrscheinlich weiterhin keine Anlageempfehlung für Bitcoin geben. Munger war bekannt für seine vorsichtige Haltung gegenüber spekulativen digitalen Assets und betonte wiederholt, dass er Kryptowährungen skeptisch gegenüberstand. Damit bleibt selbst bei der wachsenden Anerkennung von Bitcoin durch etablierte Finanzakteure seine Haltung ein mahnendes Beispiel für die Vorsicht, die Anleger bei dieser Anlageklasse walten lassen sollten.
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Implikationen der US-Geldpolitik und Datenqualität für Credit Ratings
Von Dr. Oliver Everling | 27.Januar 2026
Die geldpolitischen und makroökonomischen Entwicklungen, die von Allspring Global Investments beschrieben werden, haben erhebliche Implikationen für das Credit Rating von Staaten und Unternehmen. Die Einschätzung, dass die US-Notenbank den Leitzins vorerst nicht verändern wird, deutet zunächst auf ein stabiles Umfeld hin. Rushabh Amin betont, das aktuelle Zinsniveau sei „sehr neutral“, da es die Inflation stütze, „ohne zusätzlichen Inflationsdruck zu erzeugen“. Für Ratingagenturen bedeutet dies kurzfristig eine gewisse Planbarkeit der Refinanzierungsbedingungen und damit eine stabilisierende Wirkung auf die Schuldentragfähigkeit vieler Emittenten.
Gleichzeitig weist Amin auf strukturelle Risiken hin, die für die mittelfristige Bonitätsbewertung relevant sind. Der „mit KI verbundene Investitionsboom“ sowie „die dadurch stark gestiegenen Preise für Rohstoffe und Industriemetalle“ könnten seiner Einschätzung nach „2026 zu einer hartnäckigeren Inflation führen als bislang erwartet“. Diese Erwartung spiegelt sich bereits an den Kapitalmärkten wider, denn „der für Dezember 2026 erwartete Zinssatz ist in den vergangenen Wochen von 3 Prozent auf 3,2 Prozent gestiegen“. Für Credit Ratings bedeutet dies potenziell steigende Finanzierungskosten und höheren Druck auf Kennzahlen wie Zinsdeckungsgrad und Schuldendienstfähigkeit.
Zusätzliche Unsicherheiten ergeben sich aus politischen und institutionellen Faktoren. Amin verweist darauf, dass „im Fokus der Aufmerksamkeit zunehmend die Ernennung des nächsten Fed-Vorsitzenden“ steht und die Märkte eher „mit taubenhaften Tendenzen rechnen“. Auch Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs zu Zöllen beeinflussen das makroökonomische Umfeld. Solche Aspekte spielen bei Ratingagenturen eine wichtige Rolle, da sie das institutionelle Rahmenwerk und die wirtschaftspolitische Verlässlichkeit betreffen.
Von besonderer Bedeutung für ein evidenzbasiertes Rating ist jedoch die Qualität der verfügbaren Daten. Amin macht deutlich, dass „die jüngsten Wirtschaftsdaten … durch den langen Regierungsstillstand deutlich verzerrt“ wurden. So sei das Bureau of Labor Statistics gezwungen gewesen, „bei wichtigen Immobilienkennzahlen von unveränderten Werten auszugehen“. Für Ratingagenturen ist eine verlässliche Datenbasis essenziell, da sie die Grundlage für fundierte Analysen und nachvollziehbare Ratingentscheidungen bildet. Verzerrte oder lückenhafte Daten erhöhen die Unsicherheit und können zu vorsichtigeren oder weniger präzisen Bewertungen führen.
Vor diesem Hintergrund gewinnen robuste Indikatoren weiter an Bedeutung. Amin unterstreicht, dass „der Arbeitsmarkt für uns das wichtigste Kriterium zur Beurteilung der Zinsentwicklung in den kommenden Quartalen“ bleibt. Ob sich das erwartete „starke BIP-Wachstum von rund drei Prozent im ersten Quartal“ bestätigt und wie sich das über dem Trend liegende Wachstum anschließend normalisiert, wird entscheidend dafür sein, wie Ratingagenturen die langfristige Kreditwürdigkeit einschätzen. Nur auf Basis konsistenter, transparenter und verlässlicher Daten lassen sich die beschriebenen Inflations-, Zins- und Wachstumsrisiken sachgerecht bewerten und in ein belastbares Credit Rating übersetzen.
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Zwischen Bullenmarkt und Bonitätsrisiken
Von Dr. Oliver Everling | 27.Januar 2026
Die Kapitalmärkte haben ein außergewöhnliches Jahr hinter sich, doch der Optimismus wird zunehmend von Vorsicht begleitet. Trotz geopolitischer Spannungen und politischer Unsicherheiten zeigten sich die globalen Aktienmärkte robust. „Trotz geopolitischer Spannungen, erratischer Zollpolitik und dem konfrontativen Regierungsstil von Donald Trump präsentierten sich die globalen Aktienmärkte erstaunlich robust“, schreibt Laurent Denize, Co-CIO von ODDO BHF und Global CIO von ODDO BHF Asset Management. Vor allem Schwellenländerbörsen und Unternehmensanleihen profitierten, während der steigende Goldpreis und ein schwächerer US-Dollar als Warnsignale interpretiert werden können. Sie deuten darauf hin, dass Investoren politische Risiken stärker einpreisen und „Anlagealternativen jenseits der USA gefragt“ bleiben.
Für die USA zeichnet Denize ein ambivalentes Bild. Einerseits kühlt sich der Arbeitsmarkt ab, andererseits bleibt das Inflationsrisiko begrenzt, was Zinssenkungen wahrscheinlich macht. Fiskalische Impulse wie die „One Big Beautiful Bill“ könnten Konjunktur und Aktienmärkte zusätzlich stützen. Hohe Bewertungen im Technologiesektor werden durch starke Cashflows und Eigenkapitalrenditen teilweise gerechtfertigt. Für Credit Ratings bedeutet dies kurzfristig Stabilität: Solide Ertragskraft und günstige Refinanzierungsbedingungen stützen die Bonität vieler US-Unternehmen, insbesondere im Investment-Grade-Bereich. Gleichzeitig erhöhen hohe Bewertungen die Sensitivität gegenüber geldpolitischen Überraschungen, was sich bei einer restriktiveren Notenbank schnell negativ auf Ausblicke und Ratings niederschlagen könnte.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Finanzierungsstrukturen im Technologiesektor. Zwar spricht laut Denize kurzfristig vieles für ein Festhalten an KI-Investments, denn „anders als in früheren Bewertungsblasen ist die Marktstimmung heute weniger euphorisch, eher vorsichtig“. Dennoch warnt er vor Risiken aus Kreisfinanzierungen zwischen Anbietern und Nutzern von KI-Rechenkapazität. „Diese Modelle sind anfällig, sobald sich Rahmenbedingungen ändern und interne Zinsfüße korrigiert werden müssen – Kursverluste können die Folge sein, selbst wenn die Unternehmen operativ solide bleiben.“ Für Ratingagenturen ist dies ein zentraler Punkt: Künstlich aufgeblähte Umsätze und komplexe Finanzierungsstrukturen erschweren die Beurteilung der nachhaltigen Schuldentragfähigkeit. Das Risiko negativer Ratingaktionen steigt, falls Transparenz oder Cashflow-Qualität leiden.
In Europa verschiebt sich der Fokus hin zu binnenmarktorientierten Sektoren. Schuldenfinanzierte Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung könnten das Wachstum beleben. „Sollte die Umsetzung stocken und das ohnehin verhaltene Wachstum weiter abkühlen, hätte die EZB weiterhin Spielraum für unterstützende Zinssenkungen“, schreibt Denize. Für europäische Staaten und staatsnahe Emittenten sind dies gemischte Signale: Einerseits verbessern Investitionen langfristig das Wachstumspotenzial, andererseits erhöhen sie kurzfristig die Verschuldung. Sovereign Ratings könnten stabil bleiben, solange Wachstumseffekte und günstige Finanzierungsbedingungen überwiegen; Verzögerungen oder politische Blockaden würden jedoch den fiskalischen Spielraum und damit die Bonität belasten.
In Südostasien sieht Denize langfristige Wachstumschancen, betont jedoch die Risiken. „Südostasien bleibt für global orientierte Investoren unverzichtbar“, doch höhere Volatilität, politische Unsicherheit und Währungsschwankungen bleiben zentrale Faktoren. Für Credit Ratings in Schwellenländern bedeutet dies eine stärkere Differenzierung: Länder und Unternehmen mit soliden Leistungsbilanzen und stabilen Institutionen könnten profitieren, während anfälligere Emittenten bei globalen Schocks schnell unter Druck geraten.
Im Anleihebereich mahnt Denize zur Vorsicht. Enge Spreads bei Unternehmensanleihen stehen hohen Emissionsvolumina und steigender Staatsverschuldung gegenüber. „In Bezug auf Unternehmensanleihen insgesamt und insbesondere High-Yield-Titel bleiben wir vorsichtig: Die Spreadausweitung reicht kaum aus, um die höheren Risiken auszugleichen.“ Für Ratings impliziert dies ein asymmetrisches Risiko: Während Investment-Grade-Emittenten durch kurze Laufzeiten und stabilen Cashflow geschützt sind, könnten High-Yield-Ratings bei konjunkturellen Rückschlägen rasch unter Abwärtsdruck geraten.
Insgesamt rechnet Denize nicht mit einem abrupten Ende des Bullenmarkts. „Wir rechnen nicht mit einer platzenden Blase, sondern mit einer Fortsetzung des Bullenmarkts.“ Für Credit Ratings bedeutet dieses Umfeld keine Entwarnung, sondern erhöhte Wachsamkeit. Solange Geld- und Fiskalpolitik unterstützend wirken, bleiben viele Ratings stabil. Doch steigende Verschuldung, komplexe Finanzierungsmodelle und geopolitische Risiken erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Ausblicke schneller drehen als in früheren Zyklen. Ratingstabilität wird damit stärker als bisher von Transparenz, nachhaltigem Cashflow und politischer Verlässlichkeit abhängen.
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Strukturelle Kräfte prägen das Anlagejahr 2026
Von Dr. Oliver Everling | 27.Januar 2026
2026 zeichnet sich als ein Jahr ab, in dem sich tiefgreifende strukturelle Kräfte stärker überlagern als in den Vorjahren. Die geopolitische Ordnung befindet sich im Umbruch, während der globale Wettbewerb um die Vorherrschaft im Bereich der künstlichen Intelligenz zunehmend die wirtschaftliche und strategische Richtung vorgibt. Nach Einschätzung der Schweizer Privatbank Union Bancaire Privée (UBP) bewegt sich die Weltwirtschaft dabei von einer Phase fragmentierter Widerstandsfähigkeit hin zu einem wieder synchronisierten Wachstum. „Die anhaltende Veränderung der globalen geopolitischen Ordnung in Verbindung mit dem strategischen Wettlauf um die Vorherrschaft im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) bildet für uns den Ausgangspunkt für die Portfoliokonstruktion in diesem Jahr“, erläutert Michaël Lok, Group CIO und Co-CEO UBP Asset Management, im Investment Outlook für 2026.
Makroökonomisch erwartet die UBP ein globales Wachstum von rund 3,1 Prozent. Die USA bleiben dabei der wichtigste Wachstumstreiber, während Asien insgesamt eine robuste Dynamik zeigt und sich in China eine schrittweise wirtschaftliche Erholung abzeichnet. Auch die Eurozone profitiert von fiskalischen Impulsen aus Deutschland sowie von einer starken wirtschaftlichen Entwicklung in der Peripherie. Zwar dürfte das erste Quartal noch durch Zolleffekte und notwendige Anpassungen der Lieferketten belastet werden, doch ab dem Frühjahr sollte die Konjunktur wieder an Fahrt aufnehmen. Der von US-Zöllen ausgehende Inflationsdruck dürfte nach Einschätzung der UBP im Jahresverlauf nachlassen, sodass die Inflation in den Vereinigten Staaten wieder in Richtung eines Trendwerts von etwa 2,5 Prozent zurückkehren könnte.
Vor diesem Hintergrund identifiziert die Privatbank mehrere zentrale Themen, die das Anlagejahr 2026 prägen dürften. Künstliche Intelligenz bleibt dabei der wichtigste strukturelle Wachstumsmotor. Trotz hoher Bewertungen steht der Investitionszyklus nach Einschätzung der UBP erst am Anfang einer mehrjährigen Phase, die durch steigende Rechenleistung, eine tiefere Verankerung in den Unternehmen und reale Produktivitätsgewinne gekennzeichnet sein dürfte. KI fungiert dabei nicht nur als isolierter Trend, sondern als technologischer Beschleuniger für nahezu alle Wirtschaftsbereiche. In diesem Kontext rückt auch der chinesische Technologiesektor in den Fokus. China gilt weiterhin als einziger ernstzunehmender globaler Konkurrent der USA im KI-Rennen. Seit der Einführung von DeepSeek habe sich die Innovationsgeschwindigkeit nochmals erhöht, chinesische KI-Modelle würden zunehmend technologisch wettbewerbsfähig und zugleich ökonomisch skalierbar.
Ein weiterer struktureller Trend zeigt sich in der stark steigenden globalen Stromnachfrage, die so hoch ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Ausbau von KI-Rechenzentren, die fortschreitende Elektrifizierung sowie energieintensive Industrien treiben diese Entwicklung voran und eröffnen Versorgern, Netzbetreibern und Energietechnologieunternehmen neue Wachstumschancen. In einem Umfeld geopolitischer Unsicherheit gewinnt Strom zudem an Bedeutung als strategischer Makro-Hedge. Parallel dazu rücken Grundstoffe und der Bergbausektor stärker in den geopolitischen Fokus. Exportkontrollen, strategische Lagerhaltung und der Wettlauf um kritische Metalle wie Kupfer oder Seltene Erden erhöhen das Risiko von Angebotsschocks, wovon Anleger in langfristig engen Märkten mit strukturellem Preisdruck profitieren könnten. Auch Edelmetalle spielen weiterhin eine wichtige Rolle. Obwohl Silber seit Jahresbeginn deutlich zugelegt und Rekordstände erreicht hat, bleibt der langfristige Aufwärtstrend von Gold nach Einschätzung der UBP intakt und überzeugt weiterhin als Absicherung gegen geopolitische Spannungen. Ergänzend dazu bieten Schwellenländeranleihen im Jahr 2026 attraktive Renditen, gestützt durch eine erwartete Schwäche des US-Dollars und strukturelle Verbesserungen in vielen Staats- und Unternehmenshaushalten.
Trotz der insgesamt positiven Perspektiven stellt sich für viele Anleger die Frage, ob angesichts hoher Bewertungen ein investiertes Engagement weiterhin sinnvoll ist. „Die Aktienbewertungen liegen zwar am oberen Ende ihrer historischen Bandbreite, doch gibt es zum jetzigen Zeitpunkt kaum Anzeichen für eine Spekulationsblase“, erklärt Nicolas Laroche, Global Head of Advisory & Asset Allocation bei UBP. Er verweist auf ein weiterhin stabiles fundamentales Umfeld und ein erwartetes globales Gewinnwachstum von rund 15 Prozent, getragen von einer breiten Erholung zyklischer Sektoren. US-Technologiewerte bleiben demnach strukturelle Treiber, ergänzt durch Chancen in Versorgern, Rohstoffen und chinesischer Technologie. Investiert zu bleiben sei sinnvoll, allerdings unter der Voraussetzung eines aktiven Risikomanagements.
Gleichzeitig mahnt die UBP zur Aufmerksamkeit gegenüber möglichen Risiken im Jahr 2026. „Das unmittelbarste Risiko ist eine erneute Verschärfung der Finanzierungsbedingungen in den USA aufgrund höherer Zinsen und eines möglicherweise stärkeren Dollars“, warnt Laroche. Eine anhaltende Inflation, möglicherweise verstärkt durch erhöhte Zölle und deren Folgewirkungen, könnte die US-Notenbank dazu zwingen, länger als von den Märkten erwartet an einer restriktiven Geldpolitik festzuhalten oder den Spielraum für künftige Zinssenkungen zu begrenzen. Darüber hinaus besteht das Risiko, dass die Märkte den Fundamentaldaten vorauslaufen. Die Investitionen in Chips, Cloud-Infrastruktur, Rechenzentren und Energie seien zwar außerordentlich hoch, doch Zeitpunkt und Umfang der Monetarisierung blieben unsicher, während sich die Akzeptanz durch die Unternehmen langsamer entwickeln könnte als von Optimisten erwartet.
Nicht zuletzt bleiben geopolitische und politische Tail-Risiken bestehen. Eine mögliche Eskalation zwischen China und Taiwan sowie zunehmende politische Unsicherheit in den USA im Vorfeld der Zwischenwahlen 2026 könnten erhebliche Auswirkungen haben. „Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit eines schwerwiegenden Szenarios als gering ein, aber die Folgen für die globalen Märkte wären erheblich, insbesondere für die technologischen und industriellen Lieferketten aufgrund der Rolle Taiwans in der fortschrittlichen Halbleiterfertigung“, so Laroche. Insgesamt zeigt sich damit ein komplexes Bild für 2026, das von strukturellem Wachstum, aber auch von erhöhten Anforderungen an die strategische Ausrichtung und das Risikomanagement geprägt ist.
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Mit Primärdaten zu einer souveränen Datenstrategie
Von Dr. Oliver Everling | 25.Januar 2026
Im Sammelband „Digitale Dimensionen in der Finanzbranche“, herausgegeben von Dietmar Schmidt, Marcus W. Mosen und Jürgen Moormann und erschienen 2026 im Frankfurt School Verlag, versammeln Expertinnen und Experten Einblicke in die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung im Finanzsektor. Das Buch beleuchtet Themen wie Datenmanagement, regulatorische Anforderungen, Künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit und innovative Geschäftsmodelle und richtet sich sowohl an Praktikerinnen und Praktiker aus Banken, Versicherungen und Finanzdienstleistungen als auch an Studierende und Wissenschaftlerinnen der Wirtschaftsinformatik und Finanzwirtschaft.
Durch die Kombination aus theoretischen Grundlagen, praxisnahen Fallbeispielen und strategischen Handlungsempfehlungen vermittelt der Sammelband ein umfassendes Bild davon, wie digitale Transformation erfolgreich gestaltet werden kann. Besonders interessant ist der Beitrag „Mit Primärdaten zu einer souveränen Datenstrategie“ von Dietmar Schmidt, Stefan Lütticke und Florian Schneider, der aufzeigt, wie Unternehmen durch gezielte Nutzung verlässlicher Primärquellen ihre Datenstrategie stärken, Compliance sicherstellen und neue Geschäftspotenziale erschließen können: Der Beitrag thematisiert die strategische Bedeutung von Primärquellen für Unternehmen und zeigt auf, wie eine datengetriebene Unternehmensstrategie durch den konsequenten Einsatz solcher Quellen unterstützt werden kann. Die Autoren verbinden regulatorische Entwicklungen mit praxisnahen Empfehlungen und verdeutlichen, warum Primärquellen künftig ein unverzichtbares Element der Unternehmensführung darstellen.
Der Beitrag beginnt mit einem Überblick über die regulatorische Landschaft und die Notwendigkeit der Harmonisierung der europäischen Datenlandschaft. Die Autoren betonen, „regulatorische Initiativen wie der EU Data Act‘ sowie der EU AI Act verdeutlichen die Dringlichkeit, die fragmentierte europäische Datenlandschaft zu harmonisieren und klare, einheitliche Datenstandards zu schaffen.“ Ziel dieser Initiativen ist es, die Datensouveränität zu stärken und gleichzeitig den Zugang zu qualitativ hochwertigen Daten zu erleichtern. Schmidt et al. stellen die internationale Einordnung dar: Während die USA einen marktorientierten Ansatz verfolgen und China stark zentralisiert Daten erhebt, versucht die EU, durch harmonisierte Standards sowohl Integrität als auch Souveränität der Daten zu sichern. Die Autoren argumentieren, dass Unternehmen durch die Nutzung regulatorisch bereitgestellter Datenzugänge einen strategischen Vorteil erhalten, da die Daten direkt nutzbar, zuverlässig und rechtssicher sind.
Primärquellen werden im Beitrag klar definiert: „Als Primärquellen werden direkte, unverfälschte Datenquellen bezeichnet. Diese enthalten Daten zu Personen, Unternehmen, Gebäuden und anderen relevanten Objekten, die unmittelbar von zuständigen Behörden oder Institutionen stammen.“ Die Autoren betonen, dass Primärquellen gegenüber Sekundärquellen erhebliche Vorteile in Bezug auf Qualität, Verlässlichkeit und regulatorische Compliance bieten. So werden unter anderem das Kraftfahrt-Bundesamt, die Bundesdruckerei, der Deutsche Wetterdienst und das Deutsche Patent- und Markenamt als zentrale Primärquellen genannt. Auch europäische Initiativen wie das geplante Zugangsportal ESAP tragen zur Standardisierung und zur Steigerung der Datenqualität bei. Schmidt et al. heben hervor, „Die Nutzung der Primärquellen gewährleistet nicht nur die Einhaltung regulatorischer Anforderungen, sondern verspricht zugleich eine signifikante Verbesserung der Datenqualität und Transparenz.“ Primärquellen schaffen eine durchgängige Vertrauenslinie vom Ursprung der Daten bis zur unternehmerischen Entscheidung.
Der Beitrag zeigt auf, wie Unternehmen Primärquellen aktiv in ihre Datenstrategie integrieren können. Die Autoren schreiben: „Die aktuelle Praxis im Datenmanagement vieler europäischer Unternehmen zeigt deutliche Schwächen, vor allem in Bezug auf Datenintegrität, -qualität und Compliance.“ Traditionelle Ansätze seien häufig von isolierten Datensilos geprägt, die Redundanzen und Inkonsistenzen verursachen. Schmidt et al. schlagen einen chancenbasierten Ansatz vor, bei dem Unternehmen gezielt Primärquellen nutzen, um Effizienz, Datenqualität und regulatorische Sicherheit zu verbessern. Dabei wird betont, dass die Nutzung von Primärquellen „kein ‚IT-Projekt‘ ist, sondern eine Haltungsfrage. Und nicht jedes Detail muss von Beginn an perfekt sein. Es sollte mit klaren, spürbaren Anwendungsfällen gestartet werden, z.B. mit der verlässlichen Bestätigung der Unternehmensstammdaten oder einer schlanken Identitätsprüfung. Die gewonnenen Erfahrungen können dann Schritt für Schritt ausgebaut werden.“
Der Beitrag illustriert den praktischen Nutzen von Primärquellen anhand konkreter deutscher Institutionen. So liefert das Kraftfahrt-Bundesamt Fahrzeug- und Unfalldaten zu mehr als 70 Millionen Fahrzeugen. Die Autoren erklären: „Versicherer profitieren von diesen präzisen Informationen beim Rahmen ihrer Risikomodelle und Tarifangebote, was sowohl die Wirtschaftlichkeit der Tarife als auch die Kundenzufriedenheit erhöht.“ Besonders großes Potenzial entfaltet sich in Kombination mit Künstlicher Intelligenz und telematischen Daten. Durch die Verknüpfung von Fahrzeugstammdaten und Unfalldaten aus dem KBA mit Echtzeitinformationen aus Telematiksystemen können Versicherer granularere und dynamischere Risikomodelle entwickeln. Daraus entstehen neue Produktkategorien wie Pay-as-you-drive-Tarife, die ein faires, verhaltensbasiertes Pricing ermöglichen und zugleich eine präzisere Steuerung von Risiken erlauben. Der Nutzen dieser Primärquelle reicht über die Versicherungsbranche hinaus: Wenn Daten aus verlässlichen, hoheitlichen Quellen besser verstanden werden, lassen sich Produkte transparenter gestalten und Zielgruppen fairer ansprechen.
Der Beitrag unterstreicht außerdem die Bedeutung von Primärquellen für Nachhaltigkeitsthemen. Verlässliche Daten ermöglichen Unternehmen, ihre ESG-Strategien zu messen, Risiken entlang der Lieferkette zu bewerten und regulatorische Anforderungen, etwa im Rahmen der EU-Taxonomie, zu erfüllen. Auch im Bereich KYC werden Primärdaten zunehmend unverzichtbar, da sie eine zuverlässige Identitätsprüfung und die sichere Verifizierung von Vertragspartnern ermöglichen, wodurch Compliance-Risiken deutlich reduziert werden.
Für Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Handlungsempfehlung: Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten sie ihre Datenstrategie aktiv auf die Integration der Primärquellen ausrichten. Dazu gehört nicht nur die technische Anbindung solcher Quellen, sondern auch die Entwicklung klar definierter Prozesse und Verantwortlichkeiten im Datenmanagement. Zukünftig wird die Relevanz von Primärquellen weiter zunehmen, insbesondere im Kontext weiter steigender regulatorischer Anforderungen und neuer technologischer Möglichkeiten. Hinsichtlich der nächsten Jahre zeichnen sich drei wesentliche Veränderungen ab: Entscheidungswege werden kürzer, weil die Herkunft der Daten unstrittig ist; Zusammenarbeit wird einfacher, weil alle Beteiligten auf dieselben, anerkannten Quellen zugreifen; und der Dialog mit Kunden wird klarer, weil Aussagen auf nachvollziehbaren Fakten beruhen. Diese Veränderungen sollten mit einem chancenbasierten Ansatz verfolgt werden. Unternehmen, die dieses erkennen, profitieren langfristig von gesteigerter Effizienz, höherer Datenqualität und besseren strategischen Entscheidungen.
Insgesamt vermittelt der Beitrag einen umfassenden und praxisnahen Einblick in die strategische Nutzung von Primärquellen. Er zeigt sowohl regulatorische Hintergründe als auch konkrete Anwendungsfelder auf und bietet Unternehmen klare Handlungsempfehlungen, um Daten zu einem strategischen Vermögenswert zu entwickeln. Besonders hervorzuheben ist die Verbindung von Theorie, regulatorischen Anforderungen und konkreten Praxisbeispielen, die den Beitrag zu einem wertvollen Leitfaden für Unternehmen macht, die ihre digitale Datenstrategie zukunftsfähig gestalten wollen.
Dietmar Schmidt / Marcus W. Mosen / Jürgen Moormann (Hg.)
Digitale Dimensionen in der Finanzbranche
Intelligence, Resilience, Simplicity
1. Auflage 2026
536 Seiten, Hardcover, 69,90 EUR
ISBN 978-3-95647-230-5
https://fsforum.de/ddfb
Themen: Rezensionen | Kommentare deaktiviert für Mit Primärdaten zu einer souveränen Datenstrategie
Qualität statt KI-Hype: Was langfristige Fundamentalanalyse für das Credit Rating lehrt
Von Dr. Oliver Everling | 22.Januar 2026
Der aktuelle KI-Hype prägt die Kapitalmärkte auch 2026 und geht mit hohen Erwartungen sowie einer erhöhten Risikobereitschaft vieler Investoren einher. Dabei droht aus dem Blick zu geraten, was langfristig Wert schafft. Wie es in der Pressemitteilung „Zeit für Qualität: Was der KI-Hype verdeckt“ von Comgest heißt, konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Märkte „zunehmend auf rein KI-bezogene Themen“, während Unternehmen mit „robusten Geschäftsmodellen, planbaren Cashflows und nachhaltigem Wachstum“ weniger Beachtung finden. Genau diese Verschiebung der Wahrnehmung liefert wichtige Erkenntnisse für das Credit Rating, das seinem Anspruch nach gerade nicht kurzfristigen Moden folgen darf, sondern die dauerhafte Schuldentragfähigkeit eines Unternehmens beurteilt.
Besonders aufschlussreich ist die Beobachtung, dass sich die Bewertungen von Qualitätsunternehmen „deutlich von ihren Fundamentaldaten entkoppelt haben – in einem Ausmaß, das wir seit Langem nicht mehr erlebt haben“, wie Wolfgang Fickus, Produktspezialist bei Comgest, feststellt. Für das Credit Rating ist dies ein Warnsignal: Marktpreise und populäre Narrative sind kein verlässlicher Indikator für Kreditqualität. Ratingprozesse müssen sich bewusst von Euphorie und Momentum lösen und sich konsequent auf Fundamentalfaktoren stützen.
Der Text macht deutlich, dass in einem von KI-Euphorie geprägten Umfeld „gerade jene Qualitätswachstumsmerkmale in den Hintergrund geraten, die langfristig entscheidend sind – etwa die Fähigkeit zur freien Cashflow-Generierung, eine disziplinierte Kapitalallokation, Diversifikation und eine starke Unternehmenskultur“. Für das Credit Rating folgt daraus, dass qualitative Faktoren systematisch und gleichgewichtig in die Analyse einbezogen werden müssen. Governance, Unternehmenskultur und Kapitalallokation sind aus Kreditsicht zentrale Determinanten für Ausfallrisiken, werden aber in trendgetriebenen Marktphasen häufig unterschätzt.
Ein weiterer, für Ratings besonders relevanter Befund betrifft die veränderten Marktmechaniken. Die durchschnittliche Haltedauer von Aktien ist laut den im Text zitierten Studien von JPMorgan Chase & Co. und der NYSE auf „weniger als sechs Monate“ gesunken. Diese zunehmende Kurzfristigkeit vieler Marktteilnehmer steht im Kontrast zum Anspruch des Credit Ratings, Risiken über vollständige Konjunktur- und Geschäftszyklen hinweg zu beurteilen. Der langfristige Ansatz von Comgest, Portfoliounternehmen im Schnitt länger als fünf Jahre zu halten und Investitionsentscheidungen nicht an kurzfristigen makroökonomischen Schwankungen auszurichten, unterstreicht die Bedeutung von Stabilität und Kontinuität – Prinzipien, die auch für belastbare Ratings zentral sind.
Die im Text genannten Unternehmensbeispiele wie Inditex, Visa und Intuit verdeutlichen, wie Substanz jenseits von Indexlogiken und Modethemen aussieht. Agilität bei gleichzeitiger operativer Berechenbarkeit, skalierbare Infrastruktur mit stabilen Transaktionserträgen oder hohe Markteintrittsbarrieren auf Basis von Daten und Kundenbeziehungen wirken aus Credit-Sicht als Stabilitätsanker. Sie tragen zu planbaren Cashflows und robuster Ertragskraft bei und erhöhen damit die Widerstandsfähigkeit gegenüber technologischen und konjunkturellen Umbrüchen.
Wenn Wolfgang Fickus resümiert, man investiere „nicht in kurzfristige Stories – sondern in Unternehmen, von deren Geschäftsmodellen wir überzeugt sind, dass sie auch in zehn Jahren noch relevant sein werden“, lässt sich daraus eine zentrale Lehre für das Credit Rating ableiten. Gute Ratings entstehen nicht aus der Fortschreibung aktueller Markttrends, sondern aus einer nüchternen, evidenzbasierten Analyse von Geschäftsmodellqualität, Ertragsvisibilität und finanzieller Solidität. Gerade in Phasen, in denen der Markt Qualität übersieht, kommt dem Credit Rating eine wichtige ordnende Funktion zu: Es macht langfristige Substanz sichtbar, wo kurzfristige Narrative dominieren.
Quelle: Comgest / GFD – Gesellschaft für Finanzkommunikation mbH, Pressemitteilung „Zeit für Qualität: Was der KI-Hype verdeckt“, Stand 30. September 2025, mit Marktreferenzen u. a. nach Reuters (Rao, 30.11.2025), Financial Times (Sharma, 01.12.2025), JPMorgan Chase & Co. (Wheat/Eckerd, 27.08.2025) und NYSE.
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