Illiquidität kontra rationale Informationsverarbeitung

Von Dr. Oliver Everling | 24.Oktober 2022

Die Finanzmärkte zeigen sich weiterhin fragil. Besonders kritisch sieht Dr. Eduard Baitinger, seit 2015 Head of Asset Allocation in der FERI Gruppe, derzeit die Kapriolen an den Anleihemärkten.

„Dass die Zinspapiere auf den strukturellen Inflationsdruck und die Zinswende im bisherigen Jahresverlauf mit signifikanten Kursverlusten reagiert haben, war zu erwarten. Doch zuletzt hat sich der Abverkauf auf den Anleihemärkten noch einmal stark beschleunigt und ein Ende ist nicht in Sicht“, warnt Dr. Eduard Baitinger.

Für eine anhaltende Verkaufswelle sprechen aus seiner Sicht verschiedene Gründe: „Zum einen gehen Anleiheinvestoren dazu über, ihre Verluste durch Notverkäufe zu begrenzen. Zum anderen zwingt der starke US-Dollar viele Schwellenländer dazu, ihre US-Dollarbestände, die häufig in Form von Anleihen gehalten werden, zu verkaufen, um die Lokalwährung zu stützen. Gleichzeitig fehlen wichtige Akteure auf der Nachfrageseite: Die Notenbanken der Industrieländer sind auf einen Kurs der monetären Straffung umgeschwenkt und ziehen sich von den Anleihemärkten zurück. Auch die großen institutionellen Anleger warten mit Käufen derzeit ab. Dort rechnet man damit, dass die Emissionsvolumina von Anleihen in naher Zukunft noch einmal steigen, weil sich die Staaten vor allem in Europa massiv neu verschulden werden, um die Energiekrise abzufedern. Angebots- und Nachfrageseite befinden sich damit in einem extremen Missverhältnis. Folglich ist die Liquidität an den Anleihemärkten derzeit so gering wie zuletzt vor zwei Jahren beim Corona-Crash.“

Diese Illiquidität erschwere eine rationale Informationsverarbeitung an den Anleihemärkten. „Ungewöhnlich ist etwa, dass die Zinsen erneut steigen, obwohl der Höhepunkt der Inflation vielfach kurz bevorsteht oder wie in den USA sogar schon erreicht ist und die globale Konjunktur schwächelt. Zudem verhindern die Turbulenzen an den Anleihemärkten, dass sich die Aktienkurse nachhaltig stabilisieren können: Das generelle Zinsniveau ist eine wichtige Determinante für die Bewertungen an den Aktienmärkten. Wenn die Zinsen weiter spürbar steigen, drohen dort neue starke Abverkäufe. Hier wird es entscheidend darauf ankommen, wie sich die globalen Notenbanken positionieren. Sollten sie außerplanmäßig von ihrem Straffungspfad abweichen, weil sie weitere Verwerfungen an den Aktienmärkten als unkalkulierbares Risiko für das Finanzsystem einstufen, wäre definitiv die Zeit gekommen, um in größerem Umfang in Aktien zu investieren. Anleger sollten in den kommenden Monaten deshalb die Geldpolitik genau im Blick behalten.“

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Liste gefährdeter US-Unternehmen wächst

Von Dr. Oliver Everling | 21.Oktober 2022

„Moody’s B3 Negative and Lower Corporate Ratings“-Liste (B3N-Liste) wächst stetig weiter und die Agentur weist auf zunehmende Ausfallrisiken hin.

Die B3N-Liste ist im dritten Quartal erneut länger geworden. Die Anzahl der gefährdeten Unternehmensemittenten stieg von 171 im Vorquartal auf 177 Unternehmen. Als sich die Herabstufungen beschleunigten, stieg die B3N-Liste auf 11,3 % als Prozentsatz der Spec-Grade-Population von 10,7 % vor drei Monaten. Beide Kennzahlen bleiben immer noch unter den Vorjahreswerten und dem Allzeithoch von 417 Unternehmen, was während des pandemiebedingten Abschwungs von 2020 mehr als 27 % der US-Unternehmen mit spekulativen Ratings ausmachte.

Trotz des relativ geringen Anstiegs in der Liste, bleibt die zugrunde liegende Volatilität doch hoch, da 26 Unternehmen der Liste beigetreten sind – zwei Drittel davon im Besitz von Private Equity (PE) –, während 21 die Liste aus verschiedenen Gründen verlassen haben.

Die meisten Unternehmen, die auf die Liste herabgestuft wurden, befinden sich im Besitz von Private Equity. Diese Emittenten von Schuldtiteln stammten hauptsächlich aus den Sektoren Dienstleistungen, Konsumgüter und Einzelhandel. Insgesamt machen PE-Besitzer rund 70 % auf Moody’s notleidenden B3N-Liste aus. Diese Gruppe von Unternehmen ist am anfälligsten für steigende Zinssätze und schwierige Kreditbedingungen.

In den USA ist der Prozentsatz der PE-unterstützten Unternehmen mit der schwächsten Liquidität mehr als doppelt so hoch wie der der Unternehmen ohne PE-Unterdeckung. Angesichts sinkender Bewertungen, des Schuldenhandels mit Abschlägen und einer fundamentalen Betriebsschwäche werden sich diese Unternehmen wahrscheinlich auf ihre Kreditdokumente für einen Schuldenerlass oder zusätzliche Liquidität verlassen und eine Reihe von weiteren Strategien in Betracht ziehen, von Kosteneinsparungen bis hin zu notleidenden Börsen.

„Unsere Risikoindikatoren weisen auf höhere Ausfallrisiken hin. Da sich die globalen makroökonomischen Bedingungen verschlechtern, erwarten wir, dass eine wachsende Zahl von Herabstufungen die B3N-Liste höher treiben wird, was die Ausfallrisiken im kommenden Jahr verschärfen wird“, warnt Moody’s. „Unsere Prognose geht davon aus, dass die US-Ausfallquote für Spezialanleihen in einem Jahr auf 4,8 % steigen und damit ihren langfristigen Durchschnitt von 4,7 % übertreffen wird.“

Ähnlich wie die B3N-Liste ist Moody’s US-Liquiditätsstressindikator (LSI) für Emittenten öffentlicher Schuldtitel gestiegen, was darauf hindeutet, dass die intrinsische Liquidität von Emittenten schwächerer Spec-Grade-Schuldtitel schließlich erodieren wird, insbesondere angesichts der Beinahe-Schließung des Spec-Grade-Neuemissionsmarktes, da die Zinssätze aggressiv nach oben drängen.

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CEO und CIO bei Comgest

Von Dr. Oliver Everling | 21.Oktober 2022

Bei einem stock-picking Unternehmen wie der Comgest, der unabhängige globale Vermögensverwaltungsgesellschaft, kommt es auf jede Personalie an. Das Unternehmen plant, die Funktionen des Chief Executive Officer (CEO) und des Chief Investment Officer (CIO) mit Wirkung vom 31. Dezember 2022 zu trennen.

Arnaud Cosserat, der derzeit beide Positionen innehat, wird CEO bleiben und Franz Weis wird zum CIO ernannt. Die Aufgaben und Zuständigkeiten des CIO werden im Laufe des Jahres 2023 allmählich übergehen.

Im Rahmen des Bottom-up-Auswahlprozesses für Aktien und des breiten Partnerschaftsmodells von Comgest liegt der Schwerpunkt der CIO-Rolle vor allem auf der Aufrechterhaltung der auf Qualitätswachstumstitel ausgerichteten Investitionskultur und darauf, sicherzustellen, dass die erforderlichen Instrumente, Prozesse und Ressourcen vorhanden sind. Alle Investmentteams sind für die Leitung ihres Researchs und die Portfoliokonstruktion selbst verantwortlich und arbeiten mit den anderen Teams zusammen, um Wissen auszutauschen und neue Ideen zu generieren.

Arnaud Cosserat wurde im Januar 2016 zum CEO/CIO von Comgest ernannt, nachdem er 1996 als Mitglied des europäischen Investmentteams eingestiegen war. Aufgrund des Wachstums von Comgest in den letzten zehn Jahren auf heute über 200 Mitarbeiter in neun Niederlassungen weltweit, wurde nun die Trennung der beiden Rollen vereinbart und ein Plan für einen schrittweisen Übergang der CIO-Verantwortlichkeiten aufgestellt. Arnaud Cosserat wird seine Aufgaben als CEO und Co-Portfoliomanager für eine Reihe von europäischen Aktienstrategien weiterführen und weiterhin Mitglied des Investmentkomitees bleiben.

Franz Weis ist seit 2005 Portfoliomanager für europäische Aktien bei Comgest und leitet seit 2012 das Research für Europa. Diese Aufgaben wird er auch nach der Ernennung zum CIO weiterhin wahrnehmen. Seit 2014 ist er zudem Mitglied des Exekutivkomitees und wird nun als CIO den Vorsitz des Investmentkomitees übernehmen.

Arnaud Cosserat kommentierte: „Die Integrität und Konsistenz des wachstumsorientierten Investmentansatzes von Comgest sind von grundlegender Bedeutung für das Unternehmen und unsere Kunden. Ich habe über 17 Jahre lang mit Franz bei Comgest zusammengearbeitet und bin sicher, dass er am besten in der Lage ist, unsere einzigartige Anlagekultur, die von unseren Gründern vor mehr als 30 Jahren geschaffen wurde, weiter zu pflegen.“

Franz Weis kommentierte: „Ich freue mich darauf, die Nachfolge von Arnaud als CIO von Comgest anzutreten und die Umsetzung unseres einzigartigen Qualitätswachstums-Ansatzes sicherzustellen. Wir werden auch weiterhin unseren täglichen Austausch im europäischen Investmentteam genießen und gemeinsam Aktien analysieren, so wie wir es seit meinem Eintritt in das Unternehmen im Jahr 2005 tun.“

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Kriegsauswirkungen in Europa

Von Dr. Oliver Everling | 17.Oktober 2022

„Die Auswirkungen des Krieges auf europäischem Territorium werden auf der Risiko-Weltkarte immer sichtbarer“, zeigt der Kreditversicherer Coface auf. Nachdem im Juni insgesamt 16 europäische Staaten schlechter bewertet wurden, hat Coface seine Länderrisiko-Bewertung für sechs weitere Länder in Europa abwärtsrevidiert.

Das Länderrisiko spiegelt die Wahrscheinlichkeit von erhöhten Zahlungsausfällen bei Exportkrediten in einem Land in den kommenden sechs Monaten wider.

Dänemark, Luxemburg und die Schweiz konnten die Höchstnote A1 nicht halten und sind neu in Risikoklasse A2, die für „geringes Ausfallrisiko“ steht. In allen drei Ländern macht sich die beschleunigte Inflation bemerkbar, getrieben von steigenden Energiepreisen.

„Durch die starke Integration des europäischen Gasmarktes hat sich das Angebot für alle verknappt und bringt durch die innereuropäischen Solidaritätsabsprachen für die Gasversorgung im Winter letztlich auch Nationen wie Dänemark, Luxemburg und die Schweiz unter Druck“, sagt Coface-Volkswirtin Christiane von Berg. Als einziges Land verbleibt Norwegen in A1. Bei der Bewertung wird die ebenfalls stark ausgeprägte Inflation über hohe Gewinne der Öl- und Gasindustrie sowie Rekordergebnisse bei der Leistungsbilanz wettgemacht.

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Verluste der Niederländischen Zentralbank zu Lasten der Steuerzahler

Von Dr. Oliver Everling | 7.Oktober 2022

Dieser Artikel ist ein übersetzter Auszug des Niederländischen Journalistenkollektivs „Follow the Money“. Die Journalisten Thomas Bollen und Martijn Jeroen van der Linden sind die Autoren. Die Übersetzung lieferte Fritz Witt – Sales Associate der Creditreform Rating AG in den Niederlanden.

Schon in 2017 schrieb Dr. Markus Krall einen denkwürdigen Beststeller: „Der Dragi Crash“ mit dem Untertitel „Warum uns die entfesselte Geldpolitik in die finanzielle Katastrophe führt“. Seitdem gab es viele Kritiker, die der Meinung waren, dass der Erfolgsautor zur Übertreibung neigt. Jetzt zeichnet sich aber eine Entwicklung ab, die ihm vielleicht recht geben. Was ist geschehen?

Klaas Knot schrieb am 20. September 2022 vielleicht den denkwürdigsten Brief seiner Laufbahn als Präsident der Niederländischen Zentralbank. Zum ersten Mal seit 1932 wird sein Institut Verluste verzeichnen. Der Kapitalbuffer der Niederländischen Zentralbank ist gemäß seiner Erwartung nicht hoch genug, um den Verlust aufzufangen. Sein Brief verursachte sofort, dass der Börsenkurs der Belgischen Zentralbank abstürzte.

In den Niederlanden wird der Steuerzahler womöglich beispringen müssen. Hinzukommt das die EZB und alle übrigen Zentralbanken aller Europäischen Länder, die den Griff auf ihr bedeutendstes Instrument verloren haben, um die Inflation zu beschränken, den Zinshebel. Man erwartet, dass alle Zentralbanken in der Eurozone zwischen 2023 und 2026 einen gemeinschaftlichen Verlust in höhe von € 155 Milliarden erleiden werden.

Was ist jetzt genau geschehen? Und wie geht es weiter?

Erst schien es, als ob die Belgische Zentralbank die Unruhe verursachte. Die Belgische Zentralbank ist zu 50% im Eigentum des Belgischen Staates, die andere Hälfte ist in privaten Händen. Anders als in den übrigen Euroländern sind die Aktien der NBB (Nationale Bank van België) an der Euronext Börse in Brüssel handelbar. Die NBB hat darum einen Börsenkurs, der innerhalb einiger Tage nach der Veröffentlichung des Briefes von Klaas Knot von 1600 nach 860 einbrach. Die NBB stellte hieraufhin den Handel an der Euronext Börse ein. Erst hiernach wurde deutlich, dass nicht die Belgische, sondern die Niederländische Zentralbank die Panik verursachte. Der Brief der Niederländischen Zentralbank enthielt derartig explosive Neuigkeiten über die monetäre Situation in der Eurozone, dass die privaten Aktionäre sich erschrocken haben und dass sie etwas taten, was kein Eigentümer einer anderen Europäischen Zentralbank tun kann, nämlich ihre Aktien in Massen zu verkaufen.

Was ist der Hintergrund der Probleme? Wodurch läuft die Situation jetzt aus dem Ruder? Warum scheint es so zu sein, dass die Verluste der Zentralbanken als ein Blitz aus heitern Himmel kommt? Und warum haben die Banken keinen größeren Kapitalbuffer aufgebaut?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir zurück in den Oktober 2014. Seinerzeit fing die EZB an – und mit ihr alle nationalen Zentralbanken in der Eurozone – eine unkonventionelle Politik zu führen. Alle Konventionen, die Banker und Ökonomen bisher als heilig bezeichneten, gingen über Bord.

Zentralebanken beschäftigen sich seither nicht länger allein mit der Zinspolitik, sondern fingen an, in großem Umfang Staats- und Unternehmenanleihen zu kaufen, das sogenannte QE (Quantitative Easing). Diese Maßnahme hat die Europäische Zentralbanken drastisch verändert. Sie sind nicht nur Zentralbanken, sondern auch noch Anleger geworden.

Vor 2015 waren Zentralbanken die Bank aller Banken. Seitdem erfüllen sie dieselbe Funktion wie alle übrigen Handelsbanken, sie vergeben Kredite in der Form von Guthaben an Banken die unter ihrer Aufsicht fallen und sorgen für den Zahlungsverkehr.

Zentralbanken vergeben Kredite an kommerzielle Banken die unter ihre Aufsicht fallen. Genauso wie Bürger ihr Haus als Sicherheit nutzen, um eine Hypothek von einer Bank zu bekommen, geben Banken im Gegenzug für Kredite Anleihen als Sicherheit aus ihrem Besitz (in der Form von Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen) an die Zentralbank. Die Ansprüche, die Banken bei der Zentralbank haben, heißen Zentralebankreserven.

Banken nutzen ihre Zentralbankreserven auch, um einander zu bezahlen. Wenn zum Beispiel die niederländische ING eine Schuld an die Deutschen Bank hat, werden einfach Bankreserven  bei der Zentralbank umgebucht. Bankreserven haben hier also die gleiche Funktion wie Bankguthaben von normalen Bürgern oder Unternehmen bei einer Bank.

Zentralebankreserven spielten eine bedeutende Rolle bei der monetären Politik. Banken wurden verpflichtet, eine bestimmte Bankreserve zu haben, den sogenannten Liquiditätsbuffer. Der stand im Verhältnis zur Größe einer Bank. Wenn eine Bank mehr Geld verlieh, musste sie mehr Reserven haben. Auf diese Art und Weise beeinflussten Zentralbanken die Geldmenge, die in der Wirtschaft zirkuliert, kontrollierten die Preisstabilität. Jedenfalls versuchte man das.

Vor der Finanzkrise von 2008 nutzten die Zentralbanken ihren Leitzins, wenn sie das Geldmengenwachstum abbremsen wollten. Eine Erhöhung der Leitzinsen machte Geld für privaten Banken teurer. Sie mussten mehr Zinsen bezahlen für ihre Mittelbeschaffung. Hohe Zinsen entmutigen die Geldschaffung der Banken, und man drückte hiermit die Inflation.

Jedoch fand die EZB in dem Fall, dass sie Banken zu mehr Kreditvergabe stimulieren wollte, dieser Prozess mit Niedrigzins entgegengesetzt nicht gut funktionierte. Das Ziel war, die Inflation in der Eurozone zu stimulieren und in Richtung der 2% zu bewegen, was man als ein wünschenswertes Niveau fand. Der Zins ging jedoch unter die 0% Marke ohne wesentliche Resultate. Darum versuchte die EZB etwas anderes. Im Oktober 2014 ging das sogenannte QE Programm an den Start. Die EZB entschloss sich, monatlich zwischen € 20 bis € 80 Milliarden an Staatsanleihen und Unternehmensanleihen zu kaufen. Im Gegenzug für die Übernahme der Wertpapiere bekamen die Banken mehr Bankreserven gutgeschrieben bei der Zentralbank. Dies war das APP (Asset Purchase Programmes).

Die EZB wurde der größte Anleger in Europa. Die Effektivität des QE wurde durch zahlreiche Wissenschaftler (darunter auch Dr. Markus Krall) ernsthaft in Zweifel gezogen. Inzwischen gab es immer mehr Beweise, dass das QE die Unterschiede zwischen reich und arm immer mehr vergrößerte. Und dass die wünschenswerte Kreditvergabe an Mittelständische Unternehmen unzureichend blieb.

Aber QE hatte auch noch andere Effekte. Seit 2014 ist die EZB nicht nur Zentralbank, sondern auch Anleger. Ob am wollte oder nicht, jede Zentralbank in allen Euroländern musste die Politik der EZB ausführen. Zwischen Oktober 2014 und 2108 kauften sie ungefähr für € 2.600 Milliarden Anleihen. In 2019 wurde das Programm mit dem PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) erweitert. Insgesamt haben die Europäischen Zentralbanken mit der APP von der EZB € 3.400 Milliarden gekauft und nochmals € 1.714 Milliarden mit dem PEPP. Es stehen jetzt zirka € 5 Billionen aus. Die EZB ist somit der größte Anleger in Europa geworden.

Größeres Risikos, aber keine größeren Kapitalbuffer: Jeder Anleger weiß, dass seine Anlagen auch Risiken beinhalten. Wertpapiere können immerhin in Wert abnehmen. Aber Zentralbanken sind nicht genügend auf ein wendiges Risikomanagement eingerichtet. Das wurde deutlich, als die Anleihen des Südafrikanischen Giganten Steinhoff einbrachen, die von der EZB in 2016 übernommen wurden. Auch wurde deutlich, dass man sich nicht immer auf die ausgezeichneten Ratings der großen Ratingagenturen verlassen konnte. Die Risiken waren bedeutend höher und die Rückstellungen für zu erwartende Verluste standen in keinem Verhältnis zu den wirklichen Risiken.

Bei der niederländischen Zentralbank wuchs die Bilanz zwischen 2015 und 2021 mit 460%, wobei de Kapitalbuffer nur mit 35% zunahm. Obwohl der Umfang der Bilanz exorbitant anwuchs ist die Rückstellung für eventuelle Verluste nur geringfügig zugenommen. Hierdurch ist der Buffer jetzt nur noch 2,2% der Bilanzsumme. Bedenke hierbei das die Zentralbanken von den kommerziellen Banken erwarten das sie minimal 3% Kapitalbuffer ausweisen müssen. Die Situation in den Niederlanden ist repräsentativ für andere Zentralbanken in der Eurozone.
Warum gibt es zu geringe Rückstellungen? Die Zentralbanken Argumentieren das ihre Anlagen weniger risikovoll sind weil man im Gegensatz zu privaten Banken nicht verpflichtet werden kann um Anlagen zu verkaufen. Selbst wenn man € 5 Billionen Anleihen besitzt und die Anleihen möglicherweise einen niedrigeren Marktwerk haben. Zentralbanken können das Ende der Laufzeit ihrer Anlagen abwarten. Das der Marktwert einfällt ist darum für Zentralbanken weniger risikovoll als für Privatbanken.

Das Geschäftsmodell der Zentralbanken wurde korrumpiert. Das Risiko, wovon der Präsident der Niederländischen Zentralbank warnte, ist jedoch ein anderes Risiko, als die Unzulänglichkeit der Rückstellungen und die Größe des Kapitalbuffers. Klaas Knot sieht den Leitzins unerwartet schnell ansteigen, wodurch die Zinslasten der Zentralbank zunehmen, aber gleichzeitig die Einkünfte der gekauften Anleihen zurückbleiben. Was Klaas Knot mitteilt, trifft das die Zentralbanken ins Herz. Weil die Zentralbanken als Anleger auftreten, ist ihre Zinspolitik nicht mehr nützlich, um ihre Kernkompetenz – die Sorge für die Preisstabilität – auszuüben. Mit andere Worten: die Zentralbanken verlieren ihr weitreichenstes Instrument, um die Inflation zu zügeln.

Das Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr, weil der Wert und das Einkommen der Bankanleihen geringer ist als die Kosten für die Bankreserven. Mit anderen Worten: wenn der Einlagenzins noch „0“ war, schien es kein Problem zu sein, wenn die Aktiva der Zentralbanken keine oder kaum rentierende Anleihen auswiesen.

Der Marktwert der aufgekauften Anleihen ist inzwischen unter den Anschaffungswert gesunken. Das bedeutet, dass die Zentralbanken keine Trumpfkarte mehr in der Hand haben, um Bankreserven im System zu suchen. Das würde nur funktionieren, wenn die Anleihen an die Banken zurückverkauft würden. Wenn die Zentralbanken das tun, müsste man direkt ein Milliardenverlust realisieren – schätzungsweisen zirka € 11,5 Milliarden. Darüber hinaus würde noch ein Problem entstehen. Der gesamte Markt der Staatsanleihen würden einbrechen, wodurch sich die Länder nicht mehr finanzieren könnten. Selbst Banken und Pensionfonds würden möglicherweise in Konkurs gehen.

Fazit: Klaas Knot bestempelt die heutige Situation als etwas, das Ende letzten Jahres (2021) als extremes Zinsscenario galt. Aber viele Experten hatten schon in den letzten Jahren beschrieben, dass dieses Scenario keinesfalls extrem ist. Es wurde eigentlich bereits seit 2015 erwartet. Man beschrieb schon früher, dass Zentralbanken bei steigender Inflation Verluste verzeichnen würden, weil ihre Zinslasten nicht mehr durch Zinseinkünfte aus der Kreditvergabe gedeckt werden. Vorerst erwarten wir, dass das Negativvermögen der Niederländischen Zentralbank wohl nicht sofort ausgeglichen wird. Man wird sich wohl auf Lösungen anderer Art beraten.

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Rating einer nachhaltigen Immobilien-Kreditvergabe

Von Dr. Oliver Everling | 28.September 2022

Die Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) in Österreich hat – u.a. auch auf Anordnung des österreichischen Finanzmarktstabilitätsgremiums (FMSG) – die international üblichen Prinzipien für eine angemessene und nachhaltige Immobilienkreditvergabe, die bereits bisher anempfohlen waren, im Wege einer Verordnung auch in Österreich rechtsverbindlich gemacht:

Die Schuldendienstquote darf maximal 40% betragen. Das heißt, die jährlichen Rückzahlungen aller Kredite eines Kunden dürfen nicht mehr als 40% des verfügbaren Jahresnettoeinkommens ausmachen. Dies soll sicherstellen, dass selbst bei unvorhergesehenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten genügend finanzieller Spielraum vorhanden ist, um den Kredit noch bedienen zu können.

Die Beleihungsquote darf maximal 90% des Wertes der Immobilie (oder anderer Sicherheiten) betragen. Das heißt, der Kreditnehmer braucht zur Finanzierung des Projektes mindestens 20% Eigenmittel, denn zum Preis/Wert der Immobilie kommen in der Regel zusätzlich noch rund 10% Nebenkosten hinzu.

Die Kreditlaufzeit darf maximal 35 Jahre betragen. Einerseits, damit der Kredit bei Übertritt in den Ruhestand – und den damit in der Regel verknüpften Einkommenseinbußen – möglichst zurückgezahlt ist. Andererseits, damit nicht durch unrealistisches Strecken der Laufzeit die Kreditrückzahlungsrate künstlich unter die Begrenzung der Schuldendienstquote gedrückt wird.

Um Renovierungen und Sanierungen – insbesondere den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energieträger – zu erleichtern, sind Finanzierungen bis zu einer Geringfügigkeitsgrenze von € 50.000 von diesen Vorgaben ausgenommen.

Wer als Kreditnehmer diese Anforderungen nicht erfüllen kann, muss seine Wunschvorstellungen an seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit anpassen, schreibt die FMA: „etwa eine kleinere Wohnung, eine nicht ganz so teure Lage oder ganz so tolle Ausstattung“.

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Trendfolger deutlich im Plus

Von Dr. Oliver Everling | 22.September 2022

Die Marktschwankungen im ersten Halbjahr 2022 haben Investoren mit aller Deutlichkeit gezeigt, wie wichtig Portfoliodiversifikation ist. Einen Beitrag dazu konnten in den vergangenen Monaten vor allem Hedgefonds mit einem Global Macro-Ansatz leisten. Während die Aktienmärkte weltweit in den ersten sechs Monaten des Jahres 2022 eingebrochen sind, stemmten sich Global Macro-Hedgefonds gegen den Negativtrend und erzielten sehr gute Gewinne. Global Macro-Trading folgt einem klassischen Top-Down Ansatz: Das Fondsmanagement analysiert die Wirtschaftsdaten von Ländern oder Branchen – auch unter Berücksichtigung politischer Entwicklungen – und leitet daraus mögliche Trends ab. Investiert wird bevorzugt in liquide Instrumente weltweit, wie Aktienindizes, Futures auf Währungen, Rohstoffe und Staatsanleihen.

„Viele Hedgefondsmanager, die ihre Entscheidungen auf der Grundlage von Fundamentaldaten treffen, haben sehr früh erkannt, dass die hohe Inflation und die Zunahme geopolitischer Risiken die Märkte empfindlich treffen würden und ihre Risikoallokation rechtzeitig geändert“, sagt Marcus Storr, Head of Alternative Investments FERI Trust GmbH. Aufgrund der Schwankungen am Aktienmarkt haben Hedgefonds-Strategien auf der Short-Seite dabei so gut abgeschnitten wie seit vielen Jahren nicht mehr: „Mit der Möglichkeit Shortpositionen einzugehen, steht Hedgefonds ein wirkungsvolles Instrument zur Verfügung, um die Marktabhängigkeit ihres Portfolios zu reduzieren“, ergänzt Storr.

Hedgefonds, die auf makroökonomische Trends setzen, nutzen hierzu zwei unterschiedliche Modelle. Der klassische diskretionäre Ansatz beruht auf den Fähigkeiten einzelner Portfoliomanager und ihrer Analyseteams. Entscheidungen können dabei nach freiem Ermessen getroffen werden. Die Erfahrung zeigt, dass dabei auch das Bauchgefühl der Manager ein Erfolgsfaktor sein kann. Auf der anderen Seite steht das computerbasierte Trading, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Die sogenannten systematischen Global Macro-Fonds richten sich strikt nach Regeln, die durch Algorithmen vorgegeben werden. Sie setzen bei ihren Allokationsentscheidungen konsequent auf laufende Markttrends und operieren häufig mit starkem Leverage und hohem Handelsvolumen. Systematische Global Macro-Strategien erzielten im ersten Quartal 2022, als die Märkte vom Kriegsausbruch in der Ukraine überrascht wurden und auf Achterbahnfahrt gingen, knapp 10 Prozent Rendite, im zweiten Quartal waren es dann noch einmal knapp 5 Prozent. „Bereits in der Vergangenheit zählten Global Macro-Hedgefonds in volatilen Marktphasen aufgrund der geringen Korrelation zu den Gewinnern. Professionelle Investoren, die ihr Portfolio in einem schwierigen Marktumfeld stabilisieren wollen, sollten sich deshalb näher mit dieser Strategie befassen“, so Storr.

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Deutsche Uniper-Aktionäre zahlen doppelt

Von Dr. Oliver Everling | 21.September 2022

Seit den 1970er Jahren baute Deutschland eine Partnerschaft mit Russland auf, um nie wieder Krieg zwischen Deutschland und Russland zuzulassen: Das Vertrauen in die Zusammenarbeit ermöglichte den Austausch von Gütern und Leistungen zum Wohle beider Staaten. Insbesondere auf Gaslieferungen bleibt Deutschland angewiesen, denn russisches Gas wird von den auf dieses Gas spezialisierten Unternehmen für eine Vielzahl von Produkten benötigt – und nicht nur in Haushalten zum Heizen.

Aktionäre der Uniper SE trugen mit ihrem Investment dazu bei, das für die deutsche Versorgung mit Gas notwendige Kapital bereitzustellen, nämlich das Unternehmen zu finanzieren, das mehrheitlich von einem finnischen Konzern kontrolliert wurde.

Das Versagen der deutschen Diplomatie, die seit Frank-Walter Steinmeier, als er noch Außenminister war, den Anschein erweckte, im 2014 begonnenen sogenannten „Normandie-Format“ für Frieden zwischen der Ukraine und Russland zu sorgen, bezahlten die Aktionäre von Uniper bereits mit einem herben Kurseinbruch. Ohne russisches Gas lassen sich die Lieferzusagen der Uniper SE nicht halten.

Als wären die Kursverluste nicht schon genug, kommt nun der nächste Schlag: Um die Belastungen aus der Gasumlage den Deutschen zu ersparen, werden nicht nur die Anteile an der Uniper SE vom Bund übernommen, sondern auch durch eine Kapitalerhöhung die Position der freien Aktionäre so verwässert, dass sie künftig alle zusammen nur noch über 1 % der Aktien verfügen.

Für deutsche Sparer, die ihr Geld in Aktien der Uniper SE im Vertrauen auf die Verlässlichkeit der deutschen Politik investiert hatten, bedeutet dies nun, gleich doppelt zur Kasse gebeten zu werden: Erst verlieren sie ihre Ersparnisse, indem die Aktien der Uniper SE abstürzen, außerdem zahlen sie aber auch die „Rettung“ der Uniper SE; indem sie als Steuerzahler mit einspringen müssen.

Allein am Tag nach Bekanntwerden der schlechten Nachrichten aus Berlin brach die Börsennotiz der Uniper SE um mehr als 30 % ein.

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Nahversorgungsimmobilien heiß begehrt – aber wie investieren?

Von Dr. Oliver Everling | 20.September 2022

Eine Berliner Ratingagentur befasst sich mit dem tiefgreifenden Wandel der Nutzung von Einzelhandelsimmobilien: „Der Bereich Nahversorgung zählt dabei zu den Gewinnern. Investoren schätzen seine Konjunkturunabhängigkeit. Herausforderungen gibt es dennoch – Nachhaltigkeit ist eine davon“, heißt es im Research der Scope Fund Analysis.

Scope sieht die Ursache für den Strukturwandel im Einzelhandelssegment in der wachsenden Bedeutung von E-Commerce. „Bereits seit einigen Jahren fallen die Immobilienpreise in dieser Nutzungsart und stehen aktuell wieder auf dem Niveau von 2016. Die Covid-19-Krise hat diesen Trend beschleunigt.“

Nun geht die Agentur dem unterschiedlichen Marktverhalten in den Subsegmenten nach. Im Grundsatz gelte: „Die systemrelevante Nahversorgung hat sich von systemirrelevanten Handelskonzepten abgetrennt. Gerade im Vergleich zum Textileinzelhandel, in dem sich die Insolvenzen derzeit häufen, hat sich der Lebensmitteleinzelhandel zuletzt gut entwickelt. Da viele Nahversorgungsunternehmen als vergleichsweise bonitätsstarke und konjunkturunabhängige Mieter gelten, haben Immobilien mit einem Fokus auf Nahversorgung – auch durch ihre oftmals langfristigen Mietverträge – deutlich an Attraktivität bei Investoren gewonnen. Dies hat sich vor dem Hintergrund der aktuellen Herausforderungen nicht geändert. Die Folge sind steigende Preise von Nahversorgungsimmobilien wie Fachmarktzentren.“

Gleichwohl, so die Warnung der Analysten von Scope, unterliegen auch Nahversorger einem Wandel: „Nicht zuletzt unter Nachhaltigkeitsaspekten sind Themen wie ökologische Nahrungsmittel, regionale Produkte und Tierwohl immer mehr in den Fokus gerückt. Inwieweit sich das Konsumverhalten der Menschen nun erneut aufgrund der hohen Inflation verändern wird, wird sich bald zeigen, da reale Kaufkraftverluste stattfinden.“

Das Thema ESG werde für die Objekte und die Lebensmittelhändler nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Energiekrise immer wichtiger. Viele Unternehmen versuchen, berichtet Scope, ihre Objekte mit Grünstrom – oft bereits produziert mit Solaraufdachanlagen – zu versorgen, denn bislang sind die Treibhausgasemissionen hoch. „Auch das Thema Abfall und Recycling spielt eine große Rolle in diesem Segment. Aufgaben in diesem Zusammenhang und Optimierungspotenziale gibt es also genug.“

„Investoren stehen sowohl offene als auch geschlossene Immobilienvehikel mit Fokus auf das Segment Nahversorgung zur Verfügung. Scope erfasst aktuell fünf Investmentvehikel für Privatanleger: zwei geschlossene und drei offene Immobilienfonds. Ein weiteres Produkt ist angekündigt.“ Was im Bericht vom 20. September 2022 der Agentur folgt, ist eine Auflistung von Fonds wie dem „Dr. Peters Immobilienportfolio Deutschland I“.

Der Bericht mit dem Titel „Nahversorgung – Stein der Weisen im Bereich Einzelhandel?“ enthält keinen Hinweis darauf, dass interessierten Anlegern nicht nur diese Vehikel zum indirekten Investment in Einzelhandelsimmobilien zur Verfügung stehen – von Direktinvestments einmal ganz abgesehen. So haben sich in Deutschland beispielsweise auch börsennotierte Gesellschaften hervorragend entwickelt, die sich ganz der Investition in Einzelhandelsimmobilien verschrieben haben.

Aktionäre der DEFAMA Deutsche Fachmarkt AG profitieren von der langjährigen Immobilien-, Einzelhandels- und Kapitalmarkt-Erfahrung sowie dem großen Netzwerk des Teams dieser Gesellschaft, das größten Wert auf schlanke Kostenstrukturen sowie eine klare Strategie, einen ausgewogenen Mietermix und eine solide Finanzierungsbasis legt. Die DEFAMA-Aktie wird im m:access der Börse München sowie auf XETRA und in Frankfurt gehandelt.

Darüber hinaus gibt es das spezielle Instrument des börsennotierten REIT, um in Einzelhandelsimmobilien zu investieren. Die Deutsche Konsum REIT-AG investiert nachhaltig in Einzelhandelsimmobilien des täglichen Bedarfs in etablierten Einkaufslagen abseits der Metropolen. Durch diese Strategie sollen attraktive, konjunkturstabile und ertragsteuerbefreite Renditen erzielt und als Dividenden ausgeschüttet werden. Die Aktie der Gesellschaft wird im Prime Standard der Deutschen Börse gelistet.

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Langfristanleger haben die größten Chancen auf positive Erträge

Von Dr. Oliver Everling | 19.September 2022

Die Volatilität an den globalen Aktienmärkten hat seit Jahresanfang drastisch zugenommen. Viele Investoren neigen dazu, in volatilen Phasen panisch zu reagieren und Teile ihrer Kapitalanlage zu veräußern. Aus Sicht von Desiree Sauer, Investment-Strategin bei Lazard Asset Management, ein großer Fehler: „Zeiten hoher Marktvolatilität sind meist der schlechteste Zeitpunkt, um über gravierende Portfolioumstrukturierungen nachzudenken.“

Die Historie zeige, dass sich die Märkte nach starken Abwärtsbewegungen (fast) immer wieder erholen. „Wenn die Märkte fallen, kann das beängstigend sein, aber ein voreiliger Verkauf kann noch mehr schaden, wenn dadurch die ‚guten Tage‘ verpasst werden“, sagt Desiree Sauer. Laut einer Studie der Investmentbank Baird betrug die jährliche Rendite des S&P 500 zwischen März 1995 und März 2020 etwa 7 Prozent. Wenn Anleger allerdings die zwanzig besten Tage verpassten, lag diese nur noch bei etwa 2 Prozent p. a. „Außerdem traten die besten Tage inmitten (oder in unmittelbarer Nähe) von Bärenmärkten auf“, so Sauer.

Kleinere Einbrüche, sogenannte Pullbacks, und Korrekturen von 10 Prozent und mehr seien relativ häufig und etwas, das jeder Anleger in seinem Finanzleben von Zeit zu Zeit erlebe. „Zwar kann sich ein Einbruch von bis zu 5 Prozent beunruhigend anfühlen, aber er tritt im Durchschnitt dreimal pro Jahr auf“, so Sauer. Marktkorrekturen von 10 Prozent oder mehr kommen ebenfalls erstaunlich häufig, im Schnitt einmal pro Jahr vor. Bärenmärkte treten hingegen viel seltener auf, in etwa nur alle sechs Jahre.

Ein langfristiger Anlagehorizont könne Anlegern helfen, Bärenmärkte zu relativieren. Seit 1926 gab es beim S&P 500 14 Zeiträume mit Einbrüchen von über 20 Prozent. „Natürlich ist der durchschnittliche Bärenmarkteinbruch von 41 Prozent schmerzhaft, aber noch schmerzhafter ist es, die Bullenmärkte zu verpassen, die im Schnitt eine Performance von 162 Prozent lieferten“, gibt Sauer zu bedenken.

Zwar gebe es immer wieder kürzere bis mittlere Zeiträume, in denen der Aktienmarkt stark korrigiert und der Aktienanleger (vorübergehend) massive Verluste erleiden kann. Zwei Gründe sprechen aus Sicht Sauers dennoch dafür, am Aktieninvestment festzuhalten: „Erstens bietet die Aktienanlage auf ganz lange Sicht (sagen wir fünfzig Jahre) den höchsten jährlichen Ertrag aller liquiden Assetklassen. Zweitens ist die Wahrscheinlichkeit, über ein längeres Zeitfenster (sagen wir zehn Jahre) einen Verlust zu erleiden, relativ gering.“ Die Expertin hält fest: „Je länger der Anlagehorizont, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, einen positiven Ertrag zu erwirtschaften.“

Betrachte man beispielsweise die Entwicklung des S&P 500 von 1980 bis heute, so zeigt sich: Trotz eines maximalen Drawdowns von durchschnittlich 14 Prozent innerhalb eines Jahres waren die jährlichen Renditen in 32 von 42 Jahren positiv. „Aktienmärkte haben ihre Höhen und Tiefen. Als Anleger muss man lernen, damit zu leben“, so Sauer.

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