Vom Zinsgebirge zum Finanzforum der Zukunft: Die Premiere des Immersive Finance Forum
Von Dr. Oliver Everling | 12.August 2026
„Rendite zum Anfassen: die Premiere des Immersive Finance Forum im VR“ – schon die Überschrift des Berichts der altii GmbH bringt auf den Punkt, was das immersive Finance Forum (iFF) am 11. August 2026 erstmals demonstriert hat: Finanzkommunikation muss nicht auf Folien, Tabellen und zweidimensionale Grafiken beschränkt bleiben. Sie kann zu einem Raum werden, den Teilnehmer gemeinsam betreten, erkunden und diskutieren. Die Premiere fand auf der Virtual-Reality-Plattform Arthur statt. Mit Meta Quest 3-Headsets trafen sich die Teilnehmer in einem gemeinsamen virtuellen Raum, um Finanzthemen nicht nur zu betrachten, sondern gewissermaßen von innen zu erleben.
Das iFF ist dem European Finance Forum (EFF) nachempfunden und wird von Christian Salow, altii, gemeinsam mit Dr. Oliver Everling, RATING EVIDENCE, getragen. Damit verbindet sich eine etablierte Idee des Finanzforums mit einer neuen technologischen Form. Wo klassische Finanzveranstaltungen auf persönliche Begegnung, Vorträge und Networking setzen, erweitert das iFF diese Elemente um einen dreidimensionalen, interaktiven Raum.
Die Premiere war bewusst als kleiner, handverlesener Kreis angelegt. Die Teilnehmer sollten die Möglichkeit haben, sich mit der Umgebung vertraut zu machen, die Möglichkeiten der Plattform auszuprobieren und gemeinsam Erfahrungen zu sammeln. Der altii-Bericht beschreibt genau diese Nähe als eine besondere Stärke des Abends: „Wer sonst nebeneinander in Stuhlreihen sitzt, stand hier gemeinsam vor denselben Objekten, ging um sie herum und diskutierte auf Augenhöhe.“ Damit verändert sich nicht nur der Veranstaltungsort. Auch die Art, wie ein Finanzthema gemeinsam betrachtet wird, bekommt eine andere Qualität.
Besonders deutlich wurde dies bei den beiden präsentierten Finanzmodellen. Das erste Beispiel war ein dreidimensionales Zinsmodell. Eine klassische Zinsstrukturkurve ist zunächst eine Linie auf einem Diagramm. Im virtuellen Raum wird daraus ein dreidimensionales „Zinsgebirge“. Laufzeiten, zeitliche Entwicklung und Zinshöhe werden zu räumlichen Dimensionen. Die Teilnehmer können sich entlang der Darstellung bewegen und dadurch Veränderungen und Auffälligkeiten nicht nur als Zahlen oder Kurven wahrnehmen. Krisen, Kriege und Anomalien lassen sich anhand der Zinsentwicklung visualisieren. Die räumliche Darstellung wird damit zu einem zusätzlichen Verständnisfaktor.
Gerade hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer klassischen Präsentation und immersiver Finanzkommunikation. Eine Grafik wird nicht einfach größer oder schöner dargestellt. Sie wird zu einem Objekt im gemeinsamen Raum. Der Betrachter nimmt nicht mehr ausschließlich eine Perspektive ein, sondern kann sich um das Modell bewegen und unterschiedliche Blickwinkel einnehmen. Aus einer statischen Abbildung wird eine Umgebung, die gemeinsam untersucht werden kann.
Das zweite Beispiel war eine Länder-Kreditrisikoanalyse. Auch hier wurde versucht, eine klassische Form der Finanzinformation in einen räumlichen Zusammenhang zu überführen. Bonitätsurteile über Staaten leben von Vergleich und Kontext. In der virtuellen Umgebung können Länder als Landschaften erscheinen, Ratingstufen als Höhen und Distanzen und Veränderungen als Bewegungen. Eine Information, die normalerweise als Tabelle oder Ratingübersicht erscheint, erhält damit eine räumliche Dimension. Die Länder-Kreditrisikoanalyse wurde von Gerald Kottmann, Alice to Bob, und Christian Spiekermann, WeAre3D, erstellt.
Für das iFF ist diese Verbindung von Finanzanalyse und räumlicher Darstellung besonders naheliegend. Die immersive Darstellung von Kreditrisiken, Zinsentwicklungen und anderen finanzwirtschaftlichen Zusammenhängen könnte daher zu einem wiederkehrenden Element künftiger Veranstaltungen werden.
Gleichzeitig geht das iFF über die reine Visualisierung von Daten hinaus. Ein wesentliches Vorbild ist auch hier das European Finance Forum und dessen Networking-Kultur. In der virtuellen Umgebung von Arthur stehen dafür sogenannte Audiozonen zur Verfügung. Wer eine solche Zone betritt, kann sich in kleiner Runde oder zu zweit austauschen. Der altii-Bericht beschreibt diese Funktion als eine Art digitales Gegenstück zu jener Situation, die man auch von einem physischen Finanzmeeting kennt: Man verlässt die große Runde und geht „in eine Ecke“, um sich in Ruhe zu unterhalten. Damit bleibt ein wesentliches Element des EFF erhalten: das persönliche Gespräch als Bestandteil eines funktionierenden Finanznetzwerks.
Das ist möglicherweise einer der entscheidenden Punkte für die Zukunft immersiver Finanzveranstaltungen. Die Technologie ersetzt das Networking nicht, sondern versucht, dessen räumliche Logik nachzubilden und zugleich zu erweitern. Teilnehmer können sich bewegen, Gruppen bilden, gemeinsam Objekte betrachten und anschließend in kleinere Gesprächsräume wechseln. Die Veranstaltung wird dadurch weniger zu einer Abfolge von Programmpunkten und stärker zu einem gemeinsam genutzten Raum.
Wie produktiv ein solcher Raum sein kann, zeigte ein weiterer Programmpunkt der Premiere. Die Teilnehmer sammelten gemeinsam Ideen für zukünftige Formate auf einem virtuellen Whiteboard. Innerhalb weniger Minuten entstand eine strukturierte Übersicht mit Punkten, bei denen Einigkeit bestand, unterschiedlichen Sichtweisen und einem konkreten Vorschlag für eine Agenda. Der Bericht hebt hervor, dass ein Ergebnis, für das ein klassischer Workshop schnell eine Stunde benötigen könne, hier „fast im Vorbeigehen“ entstand.
Damit deutet sich ein weiterer Anwendungsbereich an: das Zusammenspiel von Impulsvortrag, Diskussion, gemeinsamer Visualisierung und KI-gestützter Moderation. Ein immersives Finance Forum muss sich nicht darauf beschränken, Vorträge in VR zu halten. Die Umgebung selbst kann zum Arbeitsinstrument werden. Teilnehmer können Datenmodelle gemeinsam untersuchen, Ideen räumlich organisieren und Ergebnisse unmittelbar sichtbar machen.
Die Premiere am 11. August 2026 war insofern weniger eine fertige Endstufe als ein praktischer Beweis dafür, was möglich ist. Das Format soll künftig regelmäßig stattfinden, jeweils am zweiten Dienstag im Monat. Auf den Auftakt sollen Sessions mit konkreten Themen und Vorträgen folgen. Damit entsteht aus einer einzelnen Demonstration ein wiederkehrendes Veranstaltungsformat.
Bemerkenswert ist dabei die Verbindung zweier unterschiedlicher Welten. Auf der einen Seite steht das European Finance Forum mit seiner Tradition des persönlichen Austauschs, der Fachvorträge und des Netzwerks. Auf der anderen Seite steht die immersive Technologie, die Daten, Modelle und Begegnungen in einen gemeinsamen dreidimensionalen Raum überführt. Das iFF versucht nicht, die klassische Finanzveranstaltung einfach durch eine VR-Version zu ersetzen. Es testet vielmehr, welche Elemente eines erfolgreichen Finance Forums in einer immersiven Umgebung eine neue Qualität bekommen können.
Der Bericht der altii GmbH fasst die Idee am Ende prägnant zusammen: „Die Premiere hat gezeigt: Finanzkommunikation muss nicht flach bleiben. Manchmal lohnt es sich, mitten hineinzugehen.“ Genau darin liegt der konzeptionelle Kern des Immersive Finance Forum. Die Teilnehmer sollen Finanzthemen nicht nur präsentiert bekommen, sondern sie gemeinsam erleben, räumlich erkunden und aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren.
Aus dem klassischen Finance Forum wird damit kein virtuelles Abbild, sondern ein neuer Veranstaltungsraum. Zinsmodelle können zu Landschaften werden, Länder-Ratings zu räumlichen Vergleichsmodellen, Networking kann über Audiozonen stattfinden und Workshops können gemeinsam in virtuellen Arbeitsumgebungen entstehen. Die Premiere hat gezeigt, dass diese Elemente technisch bereits zusammengeführt werden können. Die kommenden regelmäßigen Treffen werden zeigen, welche Inhalte und Formate daraus dauerhaft entstehen.
Der Titel „Rendite zum Anfassen“ ist deshalb mehr als eine aufmerksamkeitsstarke Überschrift. Er beschreibt einen Perspektivwechsel in der Finanzkommunikation: Daten und Modelle werden nicht länger ausschließlich betrachtet. Sie können zu Objekten werden, die man gemeinsam im Raum erlebt. Die eigentliche Innovation des Immersive Finance Forum liegt damit weniger in der VR-Brille als in der Möglichkeit, Finanzwissen, Begegnung und Kommunikation neu miteinander zu verbinden.
Themen: Nachrichten | Kommentare deaktiviert für Vom Zinsgebirge zum Finanzforum der Zukunft: Die Premiere des Immersive Finance Forum
Erster Erfahrungsbericht zum Start des immersive Finance Forums (iff)
Von Dr. Oliver Everling | 12.August 2026
Das European Finance Forum (EFF) zeigt seit seiner Gründung 1989, wie ein Forum funktionieren kann, das Wissen, Erfahrungsaustausch und persönliche Vernetzung miteinander verbindet. Der gemeinnützige Verein versteht sich heute als Netzwerk und Plattform für Führungskräfte aus der Finanzdienstleistungsindustrie, den Finanzbereichen von Unternehmen und deren Berater. Im Mittelpunkt stehen regelmäßige Veranstaltungen zu aktuellen und zukünftigen Fragen der Finanzwirtschaft, Vorträge ausgewiesener Fachleute, Diskussionen und Networking.
Genau dieses Grundprinzip kann zum Vorbild für ein immersive Finance Forum (iFF) werden: Nicht die digitale Nachbildung eines Konferenzraums wäre das Ziel, sondern die Übertragung des erfolgreichen Forumsgedankens in einen Raum, der neue Formen des Austauschs und des Erlebens ermöglicht.
Das EFF hat dabei etwas vorgemacht, das für das iFF besonders relevant ist: Ein Forum entsteht nicht allein durch die Bereitstellung von Informationen, sondern durch eine regelmäßige soziale Struktur. Die Veranstaltungen schaffen einen Anlass, Menschen mit gemeinsamen fachlichen Interessen zusammenzubringen, Wissen auszutauschen und Netzwerke zu erweitern. Heute organisiert das EFF an sechs Standorten regelmäßige EFF-Meetings mit Vorträgen und anschließendem Networking; hinzu kommen Online-Veranstaltungen und Mitglieder-Events.
Für ein immersive Finance Forum liegt darin eine klare Blaupause. Der Unterschied besteht darin, dass der gemeinsame Ort nicht mehr zwingend ein Hotel, ein Konferenzraum oder ein Büro sein muss. Er kann als immersiver Raum unabhängig vom tatsächlichen Aufenthaltsort der Teilnehmer entstehen.
Wie groß dieser Unterschied sein kann, zeigt der Erfahrungsbericht von Aoshi Chen über das erste iFF-Treffen. Schon die grundlegende Erfahrung war für ihn überraschend positiv: „Meine Erfahrung beim ersten iFF-Treffen hat meine Erwartungen übertroffen.“ Entscheidend ist dabei, dass Chen das iFF nicht lediglich als technische Spielerei beschreibt. Vielmehr kommt er zu einer grundsätzlichen Erkenntnis: „Ein immersives Treffen muss nicht lediglich eine digitale Kopie eines realen Treffens sein.“ Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Perspektive für ein immersive Finance Forum.
Das EFF lebt vom Austausch innerhalb einer fachlich interessierten Gemeinschaft. Ein iFF könnte dieses Prinzip räumlich neu interpretieren. Teilnehmer könnten sich in einem gemeinsamen virtuellen Finanzforum treffen, Vorträge erleben, miteinander diskutieren und sich anschließend in kleineren Gruppen oder persönlichen Gesprächen austauschen. Beim ersten iFF-Treffen funktionierten laut Chen sowohl die Gruppenbesprechung als auch individuelle Gespräche und kleinere Gruppen über Audiozonen problemlos. Damit wird aus der klassischen Idee des Networking ein räumlich erfahrbares Networking: Man bewegt sich nicht nur von einem Vortrag zu einem Gespräch, sondern tatsächlich durch einen gemeinsamen virtuellen Ort.
Gerade diese räumliche Dimension könnte für ein Finance Forum einen besonderen Mehrwert schaffen. Chen konnte beim ersten Treffen unter anderem eine 3D-Darstellung von „Zinsberge“, eine Bio-Animation und einen KI-Assistenten erleben.
Finanzwirtschaftliche Zusammenhänge könnten dadurch nicht nur präsentiert, sondern räumlich dargestellt und gemeinsam erkundet werden. Ein komplexes Modell, eine Marktstruktur, ein Unternehmen oder ein volkswirtschaftlicher Zusammenhang könnte als interaktives Objekt im Raum erscheinen. Der Vortrag würde damit nicht verschwinden, sondern um eine zusätzliche Dimension erweitert.
Noch weiter geht Chens Vorstellung von der „grenzlosen Skalierung von Makro und Mikro“. Immersive Räume könnten seiner Ansicht nach gleichzeitig sehr große und sehr kleine Dimensionen darstellen: Man könnte von einem gesamten Raum oder einer Landschaft bis in die kleinsten Strukturen eines Objekts oder eines biologischen Prozesses hineinzoomen. Für ein Finance Forum eröffnet das eine interessante Perspektive: Finanzmärkte könnten als große dynamische Landschaften erscheinen, während einzelne Unternehmen, Finanzinstrumente oder Transaktionen als detailliert erfahrbare Elemente darin untersucht werden könnten.
Auch die geografische Logik des EFF ließe sich auf diese Weise weiterentwickeln. Das European Finance Forum hat seine Aktivitäten über verschiedene Standorte organisiert und ermöglicht seinen Mitgliedern den Zugang zu Veranstaltungen an diesen Standorten.
Das iFF könnte aus dieser regional verteilten Struktur einen einzigen virtuellen Treffpunkt machen, ohne die regionale Identität aufzugeben. Frankfurt, Berlin, München, Hamburg, Düsseldorf oder Stuttgart müssten dann nicht mehr voneinander getrennte Veranstaltungsorte sein, sondern könnten als unterschiedliche Bereiche eines gemeinsamen Forums existieren.
Chen beschreibt genau dieses Potenzial als „Überwindung von Distanz“. Bereits beim ersten iFF-Treffen sei deutlich geworden, dass Teilnehmer unabhängig von ihrem tatsächlichen Aufenthaltsort in einem gemeinsamen virtuellen Raum zusammenkommen können. Dadurch entstehe die Möglichkeit einer Zusammenarbeit, die nicht mehr von der physischen Entfernung abhängig sei. Für ein europäisch ausgerichtetes Finance Forum ist das besonders interessant. Die Idee eines europäischen Netzwerks könnte räumlich konsequent umgesetzt werden: Ein Teilnehmer in Frankfurt und ein anderer in Paris, London, Wien oder Amsterdam könnten sich nicht nur per Videokonferenz sehen, sondern gemeinsam denselben virtuellen Raum betreten.
Dabei könnte das iFF sogar einen Schritt über die klassische Veranstaltungslogik hinausgehen. Chen beschreibt die Möglichkeit, virtuelle Räume miteinander zu verbinden und miteinander zu verschmelzen. Der iFF-Raum könnte als Hub zu anderen virtuellen Räumen dienen, ein Raum könnte direkt in einen anderen übergehen, seine Umgebung könnte sich dynamisch verändern oder ein realer Raum könnte mit einem virtuellen Raum verbunden werden. Für ein Finance Forum ließe sich daraus beispielsweise eine virtuelle Landschaft entwickeln, in der ein zentraler Forumshub zu verschiedenen Fachwelten führt: Banken, Kapitalmärkte, Versicherungen, FinTech, Sustainable Finance, Regulierung oder makroökonomische Themen könnten eigene Räume erhalten.
Damit würde auch die Veranstaltungsform selbst flexibler. Ein EFF-Meeting ist heute im Kern eine Veranstaltung an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, ergänzt durch Networking. Das immersive Pendant könnte dagegen dauerhaft bestehen. Der virtuelle Raum wäre nicht erst unmittelbar vor Beginn eines Vortrags geöffnet, sondern könnte als kontinuierlicher Treffpunkt der Community funktionieren. Veranstaltungen wären dann besondere Ereignisse innerhalb eines größeren wirklich europäischen Forums.
Chen geht in seinem Bericht sogar noch weiter und beschreibt die Möglichkeit eines „Erlebens von Raum-Zeit-Evolution“. Ein virtueller Raum könnte sich abhängig von der Zeit verändern, wachsen, transformieren oder auf die Aktivitäten seiner Besucher reagieren. „Damit würde der Raum selbst zu einem Bestandteil des Events“, schreibt er. Für ein immersive Finance Forum wäre das ein entscheidender konzeptioneller Schritt: Der Veranstaltungsort wäre nicht mehr bloß Kulisse, sondern selbst Teil der Kommunikation.
Der Erfahrungsbericht macht allerdings ebenso deutlich, dass aus dem Vorbild EFF nicht einfach eine technische VR-Version werden sollte. Die Erfahrungen beim ersten iFF zeigen, dass der Zugang so einfach wie möglich sein muss. Chen beschreibt Schwierigkeiten beim Browser-Zugang, beim Laden des Raumes und bei der Orientierung nach dem Eintritt. Er schlägt deshalb ein kurzes interaktives Tutorial vor, das Bewegung, Drehung, Teleportation, Menü, Raumwechsel und Interaktion mit Objekten erklärt.
Diese Beobachtung ist für die Übertragung des EFF-Modells auf ein immersives Finance Forum zentral. Das EFF hat über Jahrzehnte eine relativ einfache soziale Grundidee etabliert: anmelden, kommen, zuhören, diskutieren, Kontakte knüpfen. Ein iFF muss diese Einfachheit trotz technisch komplexerer Umgebung bewahren. Chen formuliert deshalb auch mit Blick auf die Teilnehmerzahl eine klare Priorität: „Aus meiner Sicht sollte deshalb die Einfachheit des ersten Zugangs eine besondere Priorität haben.“ Je niedriger die technische Einstiegshürde, desto eher kann aus einer interessanten Demonstration eine dauerhaft tragfähige Community entstehen.
Ebenso wichtig ist die Robustheit der technischen Infrastruktur. Chen berichtet von einem „Schwarzloch“-Unfall, bei dem nach einem Teleportationsversuch ein schwarzer Bildschirm mit der Meldung „Trying reconnection“ erschien und er die Anwendung schließlich nur durch das Ausschalten der Quest 3 verlassen konnte. Für ein professionelles Finance Forum wäre eine solche Erfahrung besonders kritisch. Ein immersives Forum muss deshalb nicht nur faszinierende Räume schaffen, sondern ebenso zuverlässige Mechanismen für Neustart, Wiederverbindung und Wiedereintritt anbieten.
Gerade darin zeigt sich, dass das EFF nicht nur als organisatorisches, sondern auch als kulturelles Vorbild dienen kann. Sein Kern ist der kontinuierliche Wissens- und Erfahrungsaustausch.
Das iFF kann diesen Kern übernehmen und um die Eigenschaften immersiver Räume erweitern. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie ein EFF-Meeting möglichst realistisch in VR kopiert werden kann. Die interessantere Frage ist, welche neuen Formen von Wissenstransfer, Begegnung und Zusammenarbeit möglich werden, wenn der gemeinsame Veranstaltungsort selbst programmierbar ist.
Chens Fazit weist genau in diese Richtung. Die kurzfristigen Aufgaben sieht er bei Einführung, Orientierung und Fehlerbehandlung. Langfristig erkennt er jedoch ein wesentlich größeres Potenzial: „Ein immersives Treffen muss nicht versuchen, eine reale Veranstaltung möglichst genau nachzubilden.“ Seine eigentliche Stärke liege darin, „Distanzen, Raumgrenzen und letztlich auch die Grenzen zwischen Raum und Zeit neu zu definieren.“
Das European Finance Forum liefert damit das organisatorische und soziale Vorbild, während das immersive Finance Forum die Möglichkeit eröffnet, dieses Modell räumlich und zeitlich weiterzudenken. Aus Vorträgen werden begehbare Wissensräume, aus Networking werden räumliche Begegnungen, aus Veranstaltungsorten werden miteinander verbundene Welten und aus einzelnen Events kann eine dauerhaft zugängliche Community entstehen. Die Stärke des iFF läge dann nicht darin, das bestehende Finance Forum digital zu imitieren, sondern darin, seinen bewährten Grundgedanken in eine neue Dimension zu überführen: Menschen zusammenzubringen, Wissen zu teilen und Zukunft zu diskutieren – unabhängig davon, wo sie sich physisch befinden.
Themen: Nachrichten | Kommentare deaktiviert für Erster Erfahrungsbericht zum Start des immersive Finance Forums (iff)
Europas strategische Weichenstellung im globalen Wettbewerb mit China
Von Dr. Oliver Everling | 4.August 2026
Der jüngste Börsengang des chinesischen Halbleiterherstellers CXMT markiert einen erneuten Wendepunkt in der globalen Wirtschaftsarchitektur und führt der europäischen Öffentlichkeit mit aller Deutlichkeit vor Augen, dass technologische Dynamik und Marktführerschaft im Zweifel aus Fernost und nicht aus Europa erwachsen. Aus Sicht der Pekinger Führung bilden Halbleiter wie auch andere Hochtechnologiebereiche fundamentale Schlüsselbereiche für das angestrebte Erreichen der weltweiten Spitze, wofür der chinesische Staat immense Ressourcen bündelt. Vor diesem Hintergrund geraten europäische Unternehmen zunehmend unter Druck, indem sie Marktanteile in China einbüßen, auf Drittmärkten ins Hintertreffen geraten und gleichzeitig auf dem eigenen Heimatmarkt einer immer stärker werdenden Präsenz chinesischer Produkte gegenüberstehen. In der europäischen Politik- und Wirtschaftsdebatte wird angesichts dieser Verwerfungen verstärkt über illegitime Subventionen und Dumpingpraktiken geklagt, woraus rasch der Ruf nach Gegenmaßnahmen wie Strafzöllen oder massiven eigenen Subventionen laut wird.
Eine Replikation dieser protektionistischen Ansätze verfehlt jedoch den Kern des europäischen Problems und offenbart eine grundlegende Fehleinschätzung der geopolitischen wie auch ökonomischen Kräfteverhältnisse. Eine generelle Abschottungs- und Konfrontationsstrategie gegenüber China erweist sich für die Europäische Union als ungeeignetes Mittel. Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt der FERI Gruppe, bringt diesen Umstand auf den Punkt, wenn er warnt, dass eine solche Strategie „keine gute Idee“ sei, „schon allein deshalb, weil China aufgrund seiner Größe und seines Rohstoffreichtums der EU größeren wirtschaftlichen Schaden zufügen kann, als es selbst davonträgt.“ Die chinesische Führung verfügt zudem über eine signifikant höhere Entschlossenheit und institutionelle Handlungsfähigkeit, solche wirtschaftspolitischen Druckmittel strategisch einzusetzen. Ein klarer Blick auf die Ursachen verdeutlicht zudem, dass chinesische Anbieter keineswegs ausschließlich durch staatliche Alimentierung erfolgreich sind, sondern in zahlreichen ehemals dominierten europäischen Domänen aus eigener Kraft aufschließen, was den gravierenden Verlust an globaler Wettbewerbsfähigkeit hiesiger Unternehmen im vergangenen Jahrzehnt widerspiegelt.
Parallel dazu etabliert sich China zügig in den essenziellen Zukunftsfeldern der kommenden Jahrzehnte – wie etwa der künstlichen Intelligenz, der Robotik, der Biotechnologie, der Raumfahrt sowie der Mikrotechnologie –, während Europa in vielen dieser Märkte eine allenfalls marginale Rolle einnimmt. Diese strukturelle Schwäche entspringt einer tief verwurzelten gesellschaftlichen Risikoaversion, die durch die gegenwärtige Wirtschaftspolitik eher noch verstärkt als abgebaut wird. Auch der Versuch, dem chinesischen Modell mit einer zentral gesteuerten europäischen Industriepolitik nach französischem Vorbild zu begegnen, verspricht keinen nachhaltigen Erfolg. Wie Angermann betonte, gelte vielmehr: „Es spricht viel dafür, dass China mit seinem politischen System in dieser Disziplin besser ist, als es die Europäer je sein könnten.“
Die einzige tragfähige Antwort für die Europäische Union liegt daher in einer konsequenten Rückbesinnung auf die eigenen historisch gewachsenen und ordnungspolitischen Fundamente. Anstatt sich in aussichtslosen Handelskonflikten aufzureiben oder in wirkungslosen Protektionismus zu flüchten, bedarf es einer gezielten Stärkung der heimischen Rahmenbedingungen. Dazu gehören ein erstklassiges Ausbildungs- und Qualifikationssystem, die Erhaltung der grundlegenden Innovationskraft, eine leistungsfähige Infrastruktur, hohe politische Stabilität sowie der verlässliche Schutz von Eigentumsrechten. Ein wesentlicher Hebel liegt zudem im konsequenten Abbau der verbliebenen Schranken innerhalb des europäischen Binnenmarktes, im Verzicht auf unnötige bürokratische Regulierungen und im zügigen Aufbau eines vollendeten europäischen Kapitalmarktes. Durch die Schaffung dieser Grundlagen lässt sich eine Position der Stärke aufbauen, die für künftige Verhandlungen unabdingbar ist. Angermann resümiert folgerichtig, dass ein solcher Zuwachs an europäischer Stärke die EU überhaupt erst in die Lage versetzen würde, „mit der chinesischen Führung auf Augenhöhe zu verhandeln und beispielsweise offensiv einen gleichberechtigten Zugang zum chinesischen Markt für europäische Anbieter einzufordern.“ Die Vermeidung einer falschen Prioritätensetzung wird damit zur entscheidenden Weichenstellung für die wirtschaftliche Zukunft Europas.
Themen: Länderrating | Kommentare deaktiviert für Europas strategische Weichenstellung im globalen Wettbewerb mit China
Soft Skill Rating
Von Dr. Oliver Everling | 2.August 2026
In einer zunehmend von künstlicher Intelligenz, Algorithmen und Automatisierung geprägten Wirtschaftswelt verschiebt sich der entscheidende Wettbewerbsvorteil von Unternehmen radikal. Während Fachwissen und technische Fertigkeiten heute so schnell veralten wie nie zuvor oder direkt von KI-Systemen übernommen werden, rücken die sogenannten Soft Skills in den Mittelpunkt strategischer Unternehmensführung.
Doch wie lassen sich persönliche, soziale und methodische Kompetenzen wie Empathie, Resilienz, Führungskraft oder interkulturelle Kommunikationsfähigkeit objektiv bewerten, managen und in Ratingsysteme integrieren? Dieser zentralen Frage widmet sich das im Springer Gabler Verlag erschienene Standardwerk „Soft Skill Rating: Messung, Management und Bewertung sozialer Kompetenz“, herausgegeben von Dr. Oliver Everling von der RATING EVIDENCE GmbH und Dominik Wever von emerse.ai.
Jahrzehntelang wurden soziale Kompetenzen in der Unternehmenspraxis als weiche Faktoren stiefmütterlich behandelt. Während Finanzkennzahlen, Liquiditätsgrade und technische Qualifikationen bis ins Detail gemessen und geratet werden, verließ man sich bei der Beurteilung von Soft Skills bei Führungskräften und Teams meist auf das Bauchgefühl, unstrukturierte Interviews oder vage Feedback-Bögen. Das Ergebnis dieses Paradigmenwechsels ist eindeutig: Die Mehrheit aller Post-Merger-Integrationen scheitert nicht an falschen Zahlen, sondern an kulturellen Reibungsverlusten. Startup-Finanzierungen schlagen selten wegen fehlender Technologie fehl, sondern am Zerwürfnis des Gründerteams. Und in Transformationsprozessen entscheiden nicht die Systeme über Erfolg oder Niederlage, sondern die Change-Competence der handelnden Personen. Soft Skills sind längst keine Beigabe mehr, sondern bilden die harte Infrastruktur gelingender Zusammenarbeit.
Das Werk Soft Skill Rating schlägt eine entscheidende Brücke zwischen wissenschaftlicher Psychometrie, technologischer Innovation und praktischer Unternehmenssteuerung. Es zeigt auf, wie durch die Kombination traditioneller Testverfahren mit moderner Technologie eine hohe Messgüte, Validität und Verlässlichkeit erzielt werden kann. Zu den Kernbausteinen des modernen Soft Skill Ratings gehören Verhaltensanker und Situational Judgment Tests, durch die abstrakte Eigenschaften wie Kritikfähigkeit oder Adaptivität im Arbeitsalltag messbar gemacht werden. Darüber hinaus ermöglichen künstliche Intelligenz und Natural Language Processing die Skalierung von Feedback und Training, indem sie Kommunikationsmuster objektiv und frei von menschlichen Wahrnehmungsverzerrungen analysieren. Immersive Technologien wie Virtual Reality erlauben es zudem, Stress-Situationen, Führungsentscheidungen und Kundeninteraktionen in virtuellen Räumen realitätsnah zu testen und zu bewerten.
Die im Buch versammelten Fachbeiträge renommierter Autorinnen und Autoren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Beratung verdeutlichen das breite Anwendungsspektrum. Im Bereich Executive Search und Venture Capital entscheidet das Soft-Skill-Profil bei der Beurteilung von Gründern und Top-Executiven über Risikominimierung und Kapitalvergabe. Auch im Rahmen der Social- und Governance-Säulen von ESG-Kriterien werden Soft Skill Ratings zu einem essenziellen Bestandteil von Due-Diligence-Prozessen bei M&A-Transaktionen. Am Beispiel der Charité Berlin wird zudem gezeigt, wie moderne Soft-Skill-Konzepte Arbeitsabläufe und Mitarbeiterbindung selbst in extrem fordernden Arbeitsumfeldern des Gesundheitswesens nachhaltig verbessern.
Die Bewertung sozialer Kompetenzen ist kein theoretisches Gedankenspiel, sondern eine Notwendigkeit für zukunftsfähiges Risikomanagement und nachhaltigen Unternehmenserfolg. Das Fachbuch Soft Skill Rating setzt hierbei maßgebliche Standards und belegt eindrucksvoll: Wenn Unternehmen Dialoge ernst nehmen, Anker sauber formulieren und Feedback erklärbar machen, wird Entwicklung planbar, objektiv und messbar.
Everling, Oliver / Wever, Dominik (Hrsg.): Soft Skill Rating. Messung, Management und Bewertung sozialer Kompetenz. Springer Gabler, Wiesbaden. ISBN 978-3-658-50267-6.
Themen: Hard Skill Rating, Soft Skill Rating | Kommentare deaktiviert für Soft Skill Rating
SkillCampVR treibt die Digitalisierung der betrieblichen Weiterbildung voran
Von Dr. Oliver Everling | 23.Juli 2026
SkillCampVR entwickelt sich mit hoher Dynamik und festigt seine Position als Anbieter moderner digitaler Trainingslösungen. Das Unternehmen verzeichnete zuletzt seine bisher stärkste Geschäftsentwicklung und konnte sowohl den Umsatz deutlich steigern als auch das operative Ergebnis erheblich verbessern. Gleichzeitig nähert sich SkillCampVR dem operativen Break-even und unterstreicht damit die Wirksamkeit der eingeleiteten Maßnahmen zur nachhaltigen Unternehmensentwicklung.
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist die konsequente Optimierung der Kostenstruktur. Durch die geplante Senkung der Personalaufwendungen wird die finanzielle Basis weiter gestärkt, während gleichzeitig ausreichend Liquidität vorhanden ist, um das weitere Wachstum zu unterstützen. Die Entwicklung zeigt, dass das Unternehmen seine Skalierungsstrategie erfolgreich umsetzt und auf einem stabilen Kurs in Richtung positiver Cashflows liegt.
Auch auf Kundenseite setzt SkillCampVR wichtige Impulse. Die Zusammenarbeit mit einem langjährigen Großkunden wird unverändert fortgeführt. Die bestehenden Verträge bleiben bestehen, die laufenden Gespräche verlaufen konstruktiv und die Begleichung offener Forderungen wurde bestätigt. Dies unterstreicht die Stabilität der Geschäftsbeziehungen und schafft eine verlässliche Grundlage für die weitere Entwicklung.
Strategisch hat sich SkillCampVR von einem Anbieter einzelner VR-Trainingslösungen zu einer umfassenden digitalen Trainingsplattform entwickelt. Das Unternehmen verbindet Virtual-Reality-Schulungen, Online-Learning und KI-gestützte Assistenten in einer zentralen Lernumgebung. Diese Plattform ermöglicht Unternehmen nicht nur die Durchführung moderner Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, sondern erstellt zugleich die für Audits und Zertifizierungen erforderlichen Nachweise. Dadurch erschließt SkillCampVR deutlich größere und komplexere Projekte und erweitert sein Marktpotenzial erheblich.
Für die weitere Expansion setzt das Unternehmen verstärkt auf strategische Partnerschaften. Gesucht werden Distributoren und Multiplikatoren, die ganze Märkte innerhalb bestimmter Branchen oder Regionen erschließen können, sowie Kontakte zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen in Bereichen wie Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz, Altenpflege, Bergbau, Chemie, Energieversorgung, Baumaschinen, Anlagenbau und Brandschutz. Solche Partnerschaften sollen die Marktdurchdringung beschleunigen und die internationale Skalierung unterstützen.
Darüber hinaus hat SkillCampVR seine Investorenkommunikation weiterentwickelt und die Berichterstattung auf Grundlage des erhaltenen Feedbacks überarbeitet. Dies unterstreicht den Anspruch des Unternehmens, transparent zu kommunizieren und den Dialog mit Investoren kontinuierlich zu verbessern. Insgesamt zeigt die aktuelle Entwicklung, dass SkillCampVR seine Wachstumsstrategie erfolgreich umsetzt und sich als ganzheitlicher Anbieter digitaler Trainingslösungen mit attraktiven Zukunftsperspektiven etabliert.
Themen: Technologierating | Kommentare deaktiviert für SkillCampVR treibt die Digitalisierung der betrieblichen Weiterbildung voran
Moody’s übertrifft die Erwartungen – eine Analyse der Zahlen zum zweiten Quartal 2026
Von Dr. Oliver Everling | 22.Juli 2026
Die Überschrift der neuesten Pressemitteilung „Moody’s Corporation Delivers Exceptional Results For Second Quarter 2026“ erscheint auf den ersten Blick wie eine typische Formulierung aus der Investor Relations-Kommunikation. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die veröffentlichten Zahlen diese Einschätzung tatsächlich rechtfertigen. Eine Analyse der Ergebnisse zeigt, dass Moody’s die Bezeichnung „exceptional“ nicht allein durch eine optimistische Wortwahl stützt, sondern durch eine Reihe außergewöhnlich starker Kennzahlen, die nahezu alle wesentlichen Leistungsindikatoren betreffen.
Der Konzernumsatz stieg im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 15 % auf 2,185 Mrd. US-Dollar. Organisch und währungsbereinigt betrug das Wachstum sogar 16 %, was zeigt, dass der Zuwachs nicht auf Wechselkurseffekte oder Akquisitionen zurückzuführen ist. Für ein Unternehmen der Finanzinformationsbranche stellt ein zweistelliges organisches Wachstum dieser Größenordnung bereits eine bemerkenswerte Leistung dar.
Noch eindrucksvoller fällt die Entwicklung der Profitabilität aus. Die operative Marge erhöhte sich von 43,1 % auf 47,9 %, während die bereinigte operative Marge von bereits sehr hohen 50,9 % auf 55,3 % stieg. Damit erzielt Moody’s operative Margen, die selbst unter führenden Software- und Informationsdienstleistern außergewöhnlich sind. Dass gleichzeitig der Umsatz zweistellig wächst, spricht für erhebliche Skaleneffekte des Geschäftsmodells.
Besonders stark entwickelte sich der Gewinn je Aktie. Das verwässerte Ergebnis je Aktie erhöhte sich um 57 % auf 5,03 US-Dollar. Allerdings verdient diese Zahl eine differenzierte Betrachtung. Ein wesentlicher Teil dieses Anstiegs beruht auf einem Gewinn aus dem Verkauf eines Geschäftsbereichs in Höhe von 181 Mio. US-Dollar. Betrachtet man stattdessen das bereinigte Ergebnis je Aktie, das diesen Sondereffekt eliminiert, verbleibt immer noch ein Wachstum von 31 %. Dieses Wachstum ist weiterhin außergewöhnlich, fällt aber deutlich moderater aus als die 57 %, die in der Überschrift besonders hervorgehoben werden.
Auch der Cashflow bestätigt die starke operative Entwicklung. Der operative Cashflow erhöhte sich im ersten Halbjahr um 32 % auf 1,718 Mrd. US-Dollar, der Free Cash Flow sogar um 34 % auf 1,532 Mrd. US-Dollar. Diese Entwicklung zeigt, dass die Ergebnisverbesserung nicht lediglich bilanzieller Natur ist, sondern tatsächlich zu höheren Zahlungsmittelzuflüssen führt.
Die beiden Geschäftsbereiche entwickelten sich allerdings unterschiedlich dynamisch. Moody’s Analytics steigerte seinen Umsatz lediglich um 4 %, organisch jedoch um 8 %. Dabei fällt auf, dass nahezu sämtliche Umsätze wiederkehrender Natur sind. 99 % der Erlöse stammen aus wiederkehrenden Verträgen, und die Annualized Recurring Revenue stiegen um 9 %. Dies spricht für eine hohe Stabilität und Planbarkeit des Geschäftsmodells. Gleichzeitig zeigt der Rückgang der einmaligen Transaktionserlöse um 72 %, dass die Wachstumsstruktur bewusst in Richtung wiederkehrender Software- und Datenumsätze verschoben wird.
Der eigentliche Wachstumstreiber war jedoch Moody’s Investors Service, also das klassische Ratinggeschäft. Hier stieg der Umsatz um 25 %, während die transaktionsabhängigen Erlöse sogar um 34 % zunahmen. Besonders stark entwickelten sich Corporate Finance (+27 %), Public, Project and Infrastructure Finance (+38 %) sowie Leveraged Loans mit einem Anstieg des Emissionsvolumens um 53 %. Dies deutet auf eine ausgesprochen lebhafte Kapitalmarktaktivität hin, von der Moody’s als führende Ratingagentur unmittelbar profitiert.
Bemerkenswert ist außerdem, dass das Umsatzwachstum nicht mit einem entsprechenden Kostenanstieg einherging. Die operativen Aufwendungen stiegen lediglich um 5 %, während der Umsatz um 15 % zunahm. Dadurch entsteht ein erheblicher operativer Hebel, der die deutliche Margenverbesserung erklärt. Für Investoren ist dies häufig wichtiger als reines Umsatzwachstum, weil es zeigt, dass zusätzliche Erlöse mit überproportional steigenden Gewinnen verbunden sind.
Ein weiteres Indiz für das Vertrauen des Managements in die zukünftige Entwicklung ist die Erhöhung des Aktienrückkaufprogramms. Moody’s plant nun Rückkäufe von bis zu 3 Mrd. US-Dollar statt bislang etwa 2,5 Mrd. US-Dollar. Gleichzeitig wurde die Prognose für das bereinigte Ergebnis je Aktie auf 16,50 bis 17,00 US-Dollar eingegrenzt, während die Umsatzprognose unverändert im hohen einstelligen Prozentbereich bleibt. Interessanterweise wurden die Erwartungen für den operativen Cashflow und den Free Cash Flow leicht reduziert. Dies relativiert den insgesamt sehr positiven Eindruck etwas und zeigt, dass das Management trotz des hervorragenden Quartals vorsichtig hinsichtlich des weiteren Jahresverlaufs bleibt.
Auch die makroökonomischen Annahmen verdienen Aufmerksamkeit. Moody’s rechnet inzwischen mit einem stärkeren Wachstum des weltweiten Emissionsvolumens von gerateten Anleihen als zuvor angenommen und erwartet gleichzeitig weiterhin robuste Kapitalmärkte. Diese günstigeren Marktbedingungen erklären einen Teil der außergewöhnlichen Entwicklung des Ratinggeschäfts. Das Quartalsergebnis beruht somit nicht ausschließlich auf internen Verbesserungen, sondern auch auf einem ausgesprochen vorteilhaften Marktumfeld.
Insgesamt erscheint die Bezeichnung „exceptional“ überwiegend gerechtfertigt. Umsatz, operative Marge, Cashflow und bereinigtes Ergebnis entwickelten sich gleichzeitig deutlich besser als im Vorjahr. Besonders überzeugend ist die Kombination aus zweistelligem organischem Wachstum und einer operativen Marge von über 55 %. Einschränkend ist jedoch festzustellen, dass der spektakuläre Anstieg des ausgewiesenen Gewinns je Aktie von 57 % teilweise auf einen einmaligen Veräußerungsgewinn zurückzuführen ist. Ohne diesen Sondereffekt bleibt das Gewinnwachstum mit 31 % zwar weiterhin außerordentlich stark, wirkt aber weniger spektakulär. Ebenso profitierte Moody’s erheblich von einem sehr günstigen Kapitalmarktumfeld, insbesondere im Ratinggeschäft. Die Pressemitteilung ist daher zwar erkennbar marketingorientiert formuliert, die zentralen Aussagen werden durch die veröffentlichten Finanzzahlen jedoch weitgehend gestützt. Insgesamt kann das zweite Quartal 2026 aus betriebswirtschaftlicher Sicht tatsächlich als außergewöhnlich erfolgreich bezeichnet werden.
Themen: Ratings | Kommentare deaktiviert für Moody’s übertrifft die Erwartungen – eine Analyse der Zahlen zum zweiten Quartal 2026
Weniger persönliche Kontroversen, mehr Evidenz: Die Zukunft der Ratinganalyse
Von Dr. Oliver Everling | 19.Juli 2026
Die Arbeit von Analysten in Ratingagenturen befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Während in der Vergangenheit Bewertungen häufig eng mit den Einschätzungen einzelner Analysten verbunden waren, rücken heute zunehmend KI-gestützte Modelle und deren Ergebnisse in den Mittelpunkt. Damit verändert sich nicht nur die Art und Weise, wie Analysen erstellt werden, sondern auch die Kultur der fachlichen Auseinandersetzung.
Traditionell wurden Ratingentscheidungen oft mit bestimmten Analysten oder Analystenteams verknüpft. Entsprechend konzentrierten sich Diskussionen nicht selten auf die vertretenen Positionen einzelner Personen. Fachliche Differenzen konnten dadurch leicht zu persönlichen Kontroversen werden, bei denen Eitelkeiten, Reputationsfragen oder die Verteidigung eigener Einschätzungen eine größere Rolle spielten als die nüchterne Bewertung der zugrunde liegenden Fakten.
Mit dem verstärkten Einsatz künstlicher Intelligenz verschiebt sich dieser Fokus. Analysten werden künftig weniger darüber diskutieren, welche Person eine bestimmte Einschätzung vertreten hat, sondern vielmehr darüber, welche Ergebnisse unterschiedliche KI-Modelle liefern, welche Annahmen diesen Ergebnissen zugrunde liegen und wie belastbar die jeweiligen Schlussfolgerungen sind. Die Rolle des Analysten wandelt sich damit von der primären Quelle einer Bewertung hin zum kritischen Prüfer, Einordner und Validierer algorithmisch erzeugter Analysen.
Dadurch entsteht die Chance auf eine sachlichere Diskussionskultur. Anstelle persönlicher Angriffe oder der Verteidigung individueller Positionen rücken Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Vergleichbarkeit in den Vordergrund. Fachliche Debatten orientieren sich zunehmend an der Qualität der Daten, der Auswahl der Modelle, der Robustheit der Ergebnisse sowie an der Frage, unter welchen Rahmenbedingungen verschiedene KI-Anwendungen zu unterschiedlichen Bewertungen gelangen.
Gerade weil unterschiedliche KI-Modelle verschiedene Methoden, Trainingsdaten und Optimierungsziele nutzen, werden abweichende Ergebnisse zum Normalfall. Die Aufgabe der Analysten besteht daher nicht darin, ein einzelnes Modell unkritisch zu übernehmen, sondern die Resultate mehrerer Modelle systematisch miteinander zu vergleichen, Unterschiede zu erklären und deren Ursachen zu analysieren. Die Diskussion verlagert sich somit von der Person auf die Methodik und von der individuellen Meinung auf die Evidenz.
Diese Entwicklung stärkt zugleich die Unabhängigkeit von Ratingprozessen. Entscheidungen werden weniger von der Autorität einzelner Experten geprägt als von einem strukturierten Abwägungsprozess, der verschiedene KI-gestützte Analysen berücksichtigt und kritisch hinterfragt. Der menschliche Analyst bleibt dabei unverzichtbar, allerdings in einer neuen Rolle: Er bewertet nicht mehr allein die Bonität oder das Risiko eines Unternehmens oder Staates, sondern auch die Qualität, Konsistenz und Aussagekraft der von KI-Systemen erzeugten Ergebnisse.
Langfristig könnte dieser Wandel zu einer höheren Objektivität in der Arbeit von Ratingagenturen beitragen. Wenn sich Diskussionen stärker auf überprüfbare Resultate, Modellannahmen und empirische Evidenz konzentrieren, verlieren persönliche Eitelkeiten und individuelle Machtpositionen an Bedeutung. Stattdessen entsteht eine Kultur, in der unterschiedliche KI-Anwendungen und Modelle miteinander verglichen werden, um die bestmögliche Einschätzung zu gewinnen. Der Wettbewerb verlagert sich damit von Personen auf Methoden und von individuellen Meinungen auf die Qualität der analytischen Ergebnisse – ein Schritt hin zu einer transparenteren, nachvollziehbareren und objektiveren Form der Entscheidungsfindung.
Themen: Ratings | Kommentare deaktiviert für Weniger persönliche Kontroversen, mehr Evidenz: Die Zukunft der Ratinganalyse
Die Macht der Finfluencer ist das Symptom einer fehlenden Ratingkultur
Von Dr. Oliver Everling | 15.Juli 2026
Die wachsende Bedeutung von Finanz-Influencern in sozialen Medien wird häufig als Folge der Digitalisierung oder veränderter Mediengewohnheiten interpretiert. Tatsächlich weist sie jedoch auf ein tiefer liegendes Problem hin: Es hat sich bis heute keine gesunde Ratingkultur entwickelt, in der unabhängige, verlässliche und miteinander im Wettbewerb stehende Ratingagenturen Anlegern die Informationen bereitstellen, die sie für fundierte Finanzentscheidungen benötigen. Wo vertrauenswürdige Orientierung fehlt, entstehen Informationslücken, die von Influencern gefüllt werden.
Nach einer aktuellen Untersuchung beziehen heute Millionen Menschen ihre Finanzkenntnisse über kurze Videos auf Plattformen wie TikTok. Besonders junge Erwachsene nutzen soziale Medien als wichtigste Informationsquelle zu Themen wie Vermögensaufbau, Investitionen oder Budgetplanung. Ursache hierfür sei unter anderem, dass Schulen finanzwirtschaftliche Themen vielfach nur unzureichend vermitteln und viele Menschen deshalb nach leicht zugänglichen Alternativen suchen.
Die Studie zeigt zugleich, dass der Einfluss vieler sogenannter Finfluencer in bemerkenswertem Gegensatz zu ihrer fachlichen Qualifikation steht. Bei fast drei Viertel der untersuchten Inhalte seien keine nachvollziehbaren beruflichen Qualifikationen oder finanzwirtschaftlichen Ausbildungen der Autoren erkennbar gewesen. Gleichzeitig würden Risiken häufig ausgeblendet, während mögliche Gewinne überbetont würden. Darüber hinaus würden viele Beiträge zugleich der Vermarktung von Finanzprodukten, Handelsplattformen oder kostenpflichtigen Schulungsangeboten dienen, ohne dass wirtschaftliche Eigeninteressen stets ausreichend offengelegt würden.
Die Erklärung für den Erfolg solcher Influencer liegt jedoch nicht allein in den Algorithmen sozialer Netzwerke. Zwar bevorzugen diese kurze, emotional ansprechende und selbstbewusst vorgetragene Inhalte, die komplexe Zusammenhänge stark vereinfachen und dadurch hohe Reichweiten erzielen. Doch entscheidend ist, dass vielen Anlegern gleichzeitig verlässliche, allgemein akzeptierte Orientierungsmaßstäbe fehlen.
Genau hier offenbart sich das Defizit einer fehlenden Ratingkultur. Ratings erfüllen in funktionierenden Kapitalmärkten die Aufgabe, Informationsasymmetrien zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern abzubauen. Sie sollen Risiken transparent machen, unterschiedliche Informationsstände ausgleichen und nachvollziehbare Urteile ermöglichen. Eine lebendige Ratingkultur setzt dabei voraus, dass mehrere voneinander unabhängige Ratingagenturen im Wettbewerb stehen, ihre Methoden offenlegen und ihre Glaubwürdigkeit dauerhaft unter Beweis stellen müssen. Wettbewerb fördert Qualität, Transparenz und Vertrauen.
Wo eine solche Kultur nicht ausreichend ausgeprägt ist, entsteht ein Vakuum. Anleger orientieren sich dann nicht an nachvollziehbaren Analysen, sondern an Personen mit hoher Reichweite. Die Autorität des Influencers ersetzt die Qualität einer systematischen Bewertung. Reichweite wird mit Kompetenz verwechselt, Popularität mit Glaubwürdigkeit.
Hinzu kommt, dass soziale Medien Erfolgsgeschichten besonders stark verbreiten. Nach den Ergebnissen der Untersuchung werden spektakuläre Renditen, passives Einkommen oder außergewöhnliche Anlageerfolge wesentlich häufiger dargestellt als Fehlschläge oder Verlustrisiken. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild der Finanzmärkte, das psychologische Effekte wie die Angst, Chancen zu verpassen, zusätzlich verstärkt.
Die Aufsichtsbehörden reagieren inzwischen zunehmend auf diese Entwicklung. Sowohl in den USA als auch im Vereinigten Königreich und in Australien wird verstärkt gegen irreführende Finanzwerbung und nicht lizenzierte Anlageberatung in sozialen Medien vorgegangen. Plattformen selbst versuchen zwar, bezahlte Inhalte besser zu kennzeichnen, doch die Abgrenzung zwischen unabhängiger Information, Werbung und Anlageempfehlung bleibt schwierig.
Letztlich verweist die Studie auf einen grundlegenden Zusammenhang zwischen Finanzbildung und Informationsqualität. Weltweit verfügt nach den zitierten Untersuchungen lediglich rund ein Drittel der Erwachsenen über grundlegende Finanzkompetenzen. Wo diese Kenntnisse fehlen, gewinnen einfache Botschaften, scheinbar eindeutige Empfehlungen und charismatische Persönlichkeiten an Einfluss.
Die Antwort auf den Aufstieg finanzwirtschaftlich oftmals unqualifizierter Influencer kann deshalb nicht allein in einer besseren Regulierung sozialer Medien liegen. Erforderlich ist vielmehr der Aufbau einer gesunden Ratingkultur. Anleger benötigen unabhängige, methodisch nachvollziehbare und im Wettbewerb stehende Ratingagenturen, die vertrauenswürdige Informationen bereitstellen und Risiken transparent bewerten. Erst wenn solche Institutionen als selbstverständlicher Bestandteil der Finanzmärkte wahrgenommen werden, verliert die bloße Reichweite eines Influencers ihre Bedeutung als Ersatz für fachliche Kompetenz. Eine funktionierende Ratingkultur stärkt damit nicht nur die Qualität von Investitionsentscheidungen, sondern auch die Stabilität und Glaubwürdigkeit der Kapitalmärkte insgesamt.
Themen: Ratings | Kommentare deaktiviert für Die Macht der Finfluencer ist das Symptom einer fehlenden Ratingkultur
KI-Infrastruktur im Fokus des Credit Ratings: Wenn der Kapitalzyklus zur Bonitätsgefahr wird
Von Dr. Oliver Everling | 14.Juli 2026
Der enorme Boom rund um die künstliche Intelligenz treibt einen historischen Ausbau von Rechenzentren, Halbleitern und Energienetzen voran, der gigantische Summen verschlingt. Während Aktienmärkte vor allem das Wachstumspotenzial feiern, blicken Fremdkapitalgeber und Ratingagenturen mit einer ganz anderen Perspektive auf die Entwicklung: Für sie steht die langfristige Solvenz und das Kreditrisiko der involvierten Akteure im Vordergrund. Aus Sicht des Credit Ratings geht es bei der Bewertung dieser gigantischen Infrastrukturinvestitionen weniger um die Brillanz der Technologie als um die nackten Zahlen der Bilanzen, die Schuldentragfähigkeit und die Frage, ob der künftige Cashflow ausreicht, um die Zins- und Tilgungsverpflichtungen zu bedienen. Jörg Held, Head of Portfolio Management bei ETHENEA Independent Investors S.A., liefert in seiner aktuellen Analyse wertvolle Ansatzpunkte, die auch für die Einschätzung der Kreditwürdigkeit der Branche von zentraler Bedeutung sind.
Ein wesentlicher Faktor für das Credit Rating ist die Kapitalstruktur der Unternehmen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die aktuelle KI-Welle positiv von früheren Technologieblasen, wie etwa der Telekommunikationskrise zur Jahrtausendwende. Die großen Technologiekonzerne, auch Hyperscaler genannt, verfügen über eine enorme eigene Finanzkraft. Wie Jörg Held einordnet, investieren die dominierenden Akteure überwiegend aus ihrem laufenden Cashflow und sind somit weniger stark von einer kurzfristigen Kreditaufnahme über die Rentenmärkte abhängig. Das ist der wichtigste Unterschied zu 1999: Der Kern ist heute robuster, so die Einschätzung des Experten. Für Ratingagenturen bedeutet dies, dass die Kernunternehmen der KI-Infrastruktur über erstklassige Investment-Grade-Ratings verfügen, die durch solide operative Margen in ihren traditionellen Geschäftsfeldern abgesichert sind.
Allerdings zeigen sich an den Rändern des Marktes bereits Entwicklungen, die Kreditprüfer hellhörig machen. Um das rasante Tempo des KI-Ausbaus zu halten, stieg die Verschuldung im Jahr 2025 spürbar an. Die fünf größten Hyperscaler nahmen in diesem Zeitraum mehr als das Dreifache ihres üblichen Fremdkapitals auf, während gleichzeitig ihr freier Cashflow schrumpfte und sich die Investitionen nahezu verdoppelten. Wenn der freie Cashflow sinkt und zeitgleich die Verschuldung steigt, verschlechtern sich klassische Bonitätskennzahlen wie der Verschuldungsgrad (Debt-to-Equity) oder das Verhältnis von Schulden zu EBITDA. Für das Credit Rating birgt diese Dynamik das Risiko von Herabstufungen, sollte sich die Umsatzentwicklung der neuen Infrastruktur verzögern.
Besonders kritisch bewerten Kreditanalysten die zunehmende Nutzung von Zweckgesellschaften außerhalb der Bilanzen, um die massiven Investitionen zu strukturieren. Über solche Konstrukte wurden bereits mehr als 120 Milliarden US-Dollar an Infrastruktur-Schulden ausgelagert. Ratingagenturen versuchen in ihren Analysen stets, diese „versteckten“ Verbindlichkeiten aufzuspüren und wieder in die konsolidierte Bilanz einzurechnen, um das tatsächliche Ausfallrisiko zu ermitteln. Held warnt diesbezüglich eindringlich vor den Risiken dieser Schattenverschuldung: Noch sind das Einzelfälle, aber genau an solchen Stellen reißt in Kapitalzyklen oft zuerst die Kette.
Ein weiterer Risikofaktor für die Kreditqualität ist die Qualität der generierten Umsätze. Ein stabiles Credit Rating setzt voraus, dass Umsätze auf nachhaltigen, unabhängigen Kundenbeziehungen basieren. Im aktuellen KI-Ökosystem lässt sich jedoch eine enge gegenseitige Verflechtung beobachten, bei der Chiphersteller, KI-Entwickler und Cloud-Anbieter wechselseitige Verträge schließen. Wenn Investitionen von Chipherstellern, KI-Laboren und Cloud-Anbietern vor allem gegenseitig Umsätze erzeugen, reicht das nicht, gibt Held zu bedenken. Entscheidend ist, ob am Ende ein profitabler Kunde außerhalb dieses Kreislaufs steht. Für Kreditanalysten ist diese zirkuläre Umsatzstruktur ein Warnsignal, da sie das reale Marktvolumen künstlich aufbläht und die tatsächliche Schuldentragfähigkeit verschleiert.
Zudem rückt die Frage des Wertverzehrs in den Fokus der Bonitätsbewertung. Viele Marktteilnehmer stützen ihre Bewertungen auf das EBITDA, welches Abschreibungen ignoriert. Bei extrem kurzlebigen Wirtschaftsgütern wie modernen KI-Chips, die technologisch oft schon nach wenigen Jahren veraltet sind, ist dieser Ansatz gefährlich. Wenn die Chips schnell an Wert verlieren und ersetzt werden müssen, handelt es sich um reale, wiederkehrende Investitionskosten. Für die Kreditwürdigkeit bedeutet dies, dass Unternehmen kontinuierlich hohe Summen reinvestieren müssen, was den für den Schuldendienst verfügbaren freien Cashflow dauerhaft schmälert.
Am Ende entscheidet die reale Nachfrage darüber, ob die vergebenen Kreditratings stabil bleiben oder ob der Branche eine Welle von Bonitätsherabstufungen droht. Sollten die Kapazitäten ab 2027 die tatsächliche Nachfrage übersteigen, drohen Preisverfälle und ungedeckte Abschreibungen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob KI sich durchsetzt, resümiert Held. Die Frage ist, ob Anleger die Phase überstehen, in der der Markt erkennt, dass er zu viel Nachfrage zu früh eingepreist hat. Für die Stabilität der Kreditmärkte ist diese Erkenntnis essenziell. Denn während Technologiebrüche langfristig die Produktivität steigern, zeigt die Geschichte der Infrastrukturzyklen, dass die ersten Kapitalgeber häufig auf uneinbringlichen Forderungen sitzen bleiben. Wer an den Kreditmärkten investiert, sollte daher genau prüfen, welche Akteure über die Liquidität verfügen, um eine temporäre Durststrecke zu überstehen. Denn wie Held treffend zusammenfasst: Mit der Technologie recht zu behalten, ist nicht dasselbe, wie mit ihr Geld zu verdienen. Die Technologie ist real, aber der Kapitalzyklus ist die Gefahr.
Themen: Ratings | Kommentare deaktiviert für KI-Infrastruktur im Fokus des Credit Ratings: Wenn der Kapitalzyklus zur Bonitätsgefahr wird
EthiFinance und ESG Book sehen sich schon als Europas neuen Rating-Champion
Von Dr. Oliver Everling | 9.Juli 2026
EthiFinance und ESG Book schließen sich zusammen und schaffen nach eigenen Angaben eine der größten unabhängigen europäischen Agenturen für Kredit- und Nachhaltigkeitsratings. Mit der Fusion entsteht unter der Marke EthiFinance ein Anbieter, der Nachhaltigkeits- und Kreditratings aus einer Hand bereitstellt und sich als europäische Alternative zu den etablierten US-Anbietern positionieren will.
Die Unternehmen sehen den Zusammenschluss als Reaktion auf die wachsenden Anforderungen im Markt für Sustainable Finance. Hintergrund sind der steigende Bedarf an belastbaren Nachhaltigkeitsdaten, regulatorische Vorgaben und die zunehmende Bedeutung von ESG-Analysen für Investoren, Banken und Unternehmen. Die neue Unternehmensgruppe soll Finanzinstituten, Investoren und Emittenten ein integriertes Angebot aus Daten, Analysen und Ratings bieten.
Carol Sirou, CEO von EthiFinance, bezeichnet den Zusammenschluss als wichtigen Schritt für den Markt: „Wir stehen an einem entscheidenden Moment für Sustainable Finance. Durch die Bündelung unserer Stärken schaffen wir eine Plattform, die den Anforderungen von Finanzinstituten, Investoren und Emittenten in einem dynamischen Markt gerecht wird.“
Auch Justin Fitzpatrick, CEO von ESG Book, sieht in der Fusion eine strategische Weichenstellung. „In einem Markt, der zunehmend von datenbasierter Materialität geprägt ist, braucht Europa einen starken, unabhängigen Champion, der lokales Marktverständnis mit globaler Leistungsfähigkeit verbindet“, erklärt er.
Nach Angaben der Unternehmen beschäftigt die neue Gruppe mehr als 300 Expertinnen und Experten in Europa, den USA, Indien und Japan. Sie betreut über 500 Kunden und verfügt über eine globale Abdeckung von mehr als 76.000 Unternehmen. Zum Leistungsangebot gehören ESG- und Kreditratings, Nachhaltigkeits- und Kreditdaten, Portfolioanalysen, regulatorisches Reporting, Benchmarking sowie Lösungen für das Management von Lieferkettenrisiken. Ergänzt wird das Portfolio durch eine integrierte Technologieplattform, die den Zugang zu Daten und Analysen bündeln soll.
Die Unternehmen betonen zudem ihre Kompetenzen bei der Modellierung von Nachhaltigkeits- und Finanzrisiken. Dazu zählen unter anderem Kennzahlen zu physischen Klimarisiken, Transitionsrisiken und Biodiversität. Ziel sei es, finanzielle und nichtfinanzielle Risikobetrachtungen enger miteinander zu verbinden und insbesondere bestehende Datenlücken in öffentlichen und privaten Märkten zu schließen.
EthiFinance wurde 2004 in Paris gegründet und ist als europäische Ratingagentur auf Kredit- und Nachhaltigkeitsratings spezialisiert. Das Unternehmen ist bei der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA registriert und wird unter anderem von EIOPA und EBA anerkannt. ESG Book mit Hauptsitz in Frankfurt wurde 2018 gegründet und bietet Finanzinstituten weltweit ESG-Daten, Nachhaltigkeitsanalysen sowie Softwarelösungen für Datenmanagement und regulatorische Anforderungen. Mit dem Zusammenschluss wollen beide Unternehmen ihre Marktposition im europäischen Sustainable-Finance-Sektor deutlich ausbauen.
Mit dem Zusammenschluss von EthiFinance und ESG Book wächst der Druck auf die Berliner Scope Group erheblich. Während Scope in den vergangenen Jahren den Anspruch erhoben hat, sich als führende europäische Alternative zu den großen US-Ratingagenturen zu etablieren, sind ihre Marktanteile in mehreren Geschäftsbereichen zuletzt unter Druck geraten. Der neue Wettbewerber vereint nun Kredit- und Nachhaltigkeitsratings, umfangreiche ESG-Daten sowie eine globale Technologieplattform unter einem Dach und verfügt nach eigenen Angaben über mehr als 300 Experten, mehr als 500 Kunden und eine Abdeckung von bis zu 76.000 Unternehmen. Damit dürfte es für Scope schwieriger werden, ihre führende Stellung im europäischen Ratingmarkt zu behaupten – insbesondere im wachstumsstarken Sustainable-Finance-Segment, in dem Größe, Datenverfügbarkeit und internationale Reichweite zunehmend zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren werden.
Rückblickend zeigt sich, dass die Scope Group möglicherweise eine strategische Chance verpasst hat. Während Wettbewerber ihre Geschäftsmodelle frühzeitig um Nachhaltigkeitsratings sowie die Analyse ökologischer, sozialer und Governance-bezogener (ESG-)Risiken erweitert und diese eng mit der klassischen Kreditanalyse verzahnt haben, blieb Scope in diesem Bereich vergleichsweise zurückhaltend positioniert. Der Zusammenschluss von EthiFinance und ESG Book verdeutlicht nun, wie stark der Markt auf integrierte Lösungen setzt. Dadurch entsteht der Eindruck, dass Scope den Zeitpunkt verpasst haben könnte, sich frühzeitig als führender europäischer Anbieter für die Bewertung ethischer, ökologischer und sozialer Kriterien zu etablieren – ein Segment, das heute als zentraler Wachstumstreiber im Sustainable-Finance-Markt gilt.
Themen: Nachhaltigkeitsrating | Kommentare deaktiviert für EthiFinance und ESG Book sehen sich schon als Europas neuen Rating-Champion
Börse hören. Interviews zu Ratingfragen im Börsen Radio Network. Hier klicken für alle Aufzeichnungen mit Dr. Oliver Everling seit 2006 als Podcasts.











