Beyond the Token: Warum Distribution über den Erfolg von Digitalen Assets und Stablecoins entscheidet

Von Dr. Oliver Everling | 29.April 2026

Auf dem „Capital Markets Day 26“ an der Frankfurt School of Finance & Management rückt neben makroökonomischen und regulatorischen Themen auch die Zukunft digitaler Marktinfrastrukturen in den Fokus. Im Impulsvortrag „Beyond the Token: Warum Distribution über den Erfolg von Digitalen Assets und Stablecoins entscheidet“ zeichnet Steve Henning, Senior Manager Financial Services und Digital Assets bei PwC Deutschland, ein ernüchterndes Bild des aktuellen Entwicklungsstands und stellt zugleich eine zentrale These auf: Nicht die Technologie ist das Problem, sondern deren Verbreitung und Einbindung in bestehende Finanzsysteme.

Ausgangspunkt seiner Analyse ist die Diskrepanz zwischen wahrgenommenem Fortschritt und tatsächlicher Marktnutzung. Zwar beläuft sich das Volumen tokenisierter Real-World Assets, also realer Vermögenswerte wie Anleihen oder Immobilien, die in digitale Token überführt wurden, auf rund 27,5 Milliarden US-Dollar. Doch die tatsächliche Nutzung bleibt gering, wie das Beispiel des Fonds BlackRock BUIDL zeigt, der im Durchschnitt lediglich etwa 3,5 Transaktionen pro Tag verzeichnet. Diese Zahlen verdeutlichen, dass technologische Möglichkeiten allein keinen funktionierenden Markt schaffen.

Ein besonders kritischer Punkt ist laut Henning die Rolle von Stablecoins, also digitalen Währungen, die an stabile Referenzwerte wie staatliche Währungen gekoppelt sind. Der globale Markt wird dabei nahezu vollständig von US-Dollar-dominierten Lösungen geprägt, während Europa mit einem Anteil von lediglich etwa 0,2 Prozent – rund 872 Millionen Euro im Vergleich zu etwa 310 Milliarden US-Dollar weltweit – kaum eine Rolle spielt. Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, als mit MiCAR, der „Markets in Crypto-Assets Regulation“, erstmals ein umfassender regulatorischer Rahmen für Krypto-Assets in der Europäischen Union geschaffen wurde. MiCAR definiert unter anderem Anforderungen für sogenannte EMTs, also E-Money Tokens, die an Fiat-Währungen gekoppelt sind, und schafft damit Rechtssicherheit für Emittenten.

Henning argumentiert jedoch, dass Regulierung allein nicht ausreicht. MiCAR sei primär ein Emissionsrahmenwerk, also ein Regelwerk für die Ausgabe von digitalen Assets, nicht jedoch eine Strategie für deren Verbreitung. Trotz bereits lizenzierter Euro-Stablecoins gelingt es Europa nicht, relevante Marktanteile zu gewinnen. Der Grund liegt in einem strukturellen Defizit: fehlende Distribution. Während technologische Infrastruktur wie Instant Payments, also Echtzeitzahlungen, bereits heute Geld- und Assettransfers in Sekunden ermöglicht, fehlt es an der systematischen Anbindung dieser Lösungen an bestehende Finanzstrukturen.

Dieses Problem beschreibt Henning als Distributions-Trilemma, das sich aus drei miteinander verbundenen Herausforderungen zusammensetzt. Erstens die Regulierung, die mit rund 2000 Seiten technischer Standards im Rahmen von MiCAR zwar umfassend, aber auch komplex ist und teilweise zu Doppelregulierung führt, etwa bei Transfers von EMTs. Zweitens die Infrastruktur, die aktuell nur eine geringe Anzahl tatsächlicher Transaktionen ermöglicht und damit nicht die notwendige Skalierung erreicht. Drittens der Marktzugang, da insbesondere Banken als zentrale Intermediäre bislang nur unzureichend eingebunden sind.

Distribution definiert Henning als das Zusammenspiel von drei Faktoren: Rails, Flow und Reach. Rails stehen für die infrastrukturelle Anbindung, insbesondere die Integration in institutionelle Systeme, sodass Produkte aktiv zu den Investoren gelangen und nicht umgekehrt. Flow beschreibt die Liquidität, also die tatsächliche Nutzung und Handelsaktivität. Reach schließlich meint die institutionelle Reichweite, also die Präsenz von Produkten in den Systemen, in denen Kapital allokiert wird. Ein Beispiel für erfolgreiche Distribution ist der Euro-Stablecoin EURC von Circle, der seinen Marktanteil durch gezielte Integration und Nutzung von etwa 17 Prozent auf über 60 Prozent steigern konnte.

Die zentrale Frage für die Zukunft lautet daher nicht mehr, ob die Technologie vorhanden ist, sondern wer sie erfolgreich vertreibt und über welche Kanäle. Für Europa ergibt sich daraus eine strategische Entscheidung: Wird der Kontinent zum Anbieter eigener Finanzmarktinfrastrukturen oder bleibt er Nutzer externer Systeme? Henning formuliert dies als grundlegende industriepolitische Herausforderung. Europa verfüge über die notwendigen technologischen Fähigkeiten und einen klaren regulatorischen Rahmen, doch es fehle die Verbindung zum Investor.

Diese Verbindung beschreibt er als eigentliche Schlüsselressource der kommenden Jahre. Die Aufgabe bestehe darin, Brücken zwischen Innovation und Kapital zu bauen, also digitale Assets in bestehende Finanzsysteme zu integrieren, institutionelle Investoren einzubinden und echte Nutzung zu erzeugen. Damit wird Distribution zum entscheidenden Erfolgsfaktor und zugleich zur zentralen Herausforderung für die nächste Entwicklungsphase der Kapitalmärkte.

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Transformation des niederländischen Pensionssystems als Katalysator für neue Kapitalmarkt- und Zinsstrukturen in Europa

Von Dr. Oliver Everling | 29.April 2026

Auf dem „Capital Markets Day 26“ an der Frankfurt School of Finance & Management wird in der Keynote „Effects of the Transformation of the Dutch Pension System on Pension Fund Investment Management and the European Interest Rate Landscape“ eindrucksvoll gezeigt, wie tiefgreifend Reformen der Altersvorsorge die Kapitalmärkte verändern können. Maureen Schlejen, Vorsitzende des Vorstands von Achmea Investment Management, beschreibt die Transformation des niederländischen Systems als einen Paradigmenwechsel, der weit über nationale Grenzen hinaus wirkt und direkte Implikationen für Investmentstrategien, Governance-Strukturen und das europäische Zinsumfeld hat.

Achmea positioniert sich dabei als führender sogenannter Fiduciary Manager, also als strategischer Partner von Pensionsfonds, der nicht nur die Kapitalanlage umsetzt, sondern auch Verantwortung für die Gesamtarchitektur von Investmentprozessen übernimmt. In dieser Rolle begleitet das Unternehmen den Übergang in ein neues System, das sowohl konzeptionell als auch operativ deutlich anspruchsvoller ist. Ausgangspunkt der Reform war die wachsende Unzufriedenheit mit einem System, das für viele Teilnehmer kaum noch verständlich war. Fragen zur eigenen Altersvorsorge konnten oft nicht klar beantwortet werden, was das Vertrauen in die Strukturen untergrub.

Ein zentraler Kritikpunkt am alten System, dem sogenannten FTK, also dem „Financieel Toetsingskader“, einem finanzmathematischen Bewertungs- und Aufsichtsrahmen für Pensionsfonds in den Niederlanden, war laut Schlejen nicht primär die Finanzierung, sondern die Governance. Das System verdeckte wesentliche Zielkonflikte, etwa zwischen Generationen oder zwischen Sicherheit und Rendite. Garantien wurden teilweise ohne ausreichende ökonomische Grundlage gegeben, und ein prozyklisches Risikomanagement verstärkte in Krisenzeiten Marktbewegungen zusätzlich. Zudem kam es zu intransparenten Umverteilungen zwischen Altersgruppen, die weder klar kommuniziert noch nachvollziehbar waren.

Mit dem neuen System, dem Wtp („Wet toekomst pensioenen“, also Gesetz über die Zukunft der Pensionen), werden diese Zielkonflikte bewusst offengelegt. An die Stelle schwer verständlicher und teilweise nicht haltbarer Garantien treten transparente, steuerbare, aber auch unsicherere Ergebnisse. Die Altersvorsorge basiert nun stärker auf individuellen Beiträgen und tatsächlichen Kapitalmarkterträgen. Jeder Teilnehmer erhält ein persönliches Rentenkonto, auf dem Einzahlungen, Renditen und Risiken direkt sichtbar sind. Diese Transparenz ist ein zentrales Designprinzip: Die individuelle Vermögensentwicklung wird nachvollziehbar, erklärbar und unmittelbar mit der Kapitalanlage verknüpft.

Die Reform verändert damit grundlegend die Logik des Systems. Es erfolgt ein Übergang von leistungsorientierten Modellen, sogenannten DB-Systemen (Defined Benefit, also Systeme mit garantierten Leistungen), hin zu beitragsorientierten Modellen, den DC-Systemen (Defined Contribution, bei denen die spätere Leistung von den eingezahlten Beiträgen und deren Anlageerfolg abhängt). Innerhalb dieses neuen Rahmens existieren zwei zentrale Ausprägungen: das Solidarity Premium Pension Scheme (SPR), ein kollektiveres Modell mit gewissen Risikoteilungsmechanismen, und das Flexible Premium Pension Scheme (FPR), das stärker auf individuelle Wahlmöglichkeiten und Flexibilität setzt. Insgesamt werden rund 1,8 Billionen Euro an Pensionsvermögen in diese neuen Strukturen überführt, was die Dimension der Transformation verdeutlicht.

Für die Teilnehmer bedeutet dies einen grundlegenden Rollenwechsel. Sie gewinnen Transparenz und Kontrolle über ihr individuelles Altersvorsorgevermögen, verlieren jedoch gleichzeitig die Sicherheit impliziter Garantien. Renditen, Risiken und Anlageentscheidungen werden sichtbar und müssen zunehmend verstanden werden. Damit steigt auch die Eigenverantwortung. Für Pensionsfonds wiederum ergeben sich strategische Entscheidungen, insbesondere bei der Wahl zwischen SPR und FPR, sowie ein stärkerer Fokus auf die tatsächlichen Nettoergebnisse für die Versicherten. Entscheidungen von Gremien werden im Nachhinein klar nachvollziehbar, was die Anforderungen an Kommunikation und Begründung erheblich erhöht.

Auch die operativen Anforderungen steigen deutlich. Pensionsadministratoren müssen ihre Systeme vollständig neu aufsetzen, insbesondere durch die verpflichtende Verknüpfung von Pensions- und Investmentdaten in Echtzeit. Nachträgliche Anpassungen werden weitgehend ausgeschlossen, und illiquide Anlagen müssen zu aktuellen, verfügbaren Bewertungen integriert werden. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Koordinationsstellen, die die komplexen Prozesse zwischen Verwaltung, Asset Management und Governance steuern.

Für Asset Manager und Fiduciary Manager verschiebt sich die Rolle ebenfalls grundlegend. Kapitalanlagen bewegen sich strukturell in Richtung DC-basierter Lösungen, insbesondere im flexiblen Modell. Klassisches, stark haftungsgetriebenes Investmentmanagement wird durch stärker diversifizierte Multi-Asset-Ansätze ersetzt. Schlejen betont, dass Investmententscheidungen in diesem neuen System eine dauerhafte Wirkung entfalten: Fehlentscheidungen gleichen sich nicht mehr über kollektive Mechanismen aus, sondern wirken direkt und kumulativ auf individuelle Rentenergebnisse.

Diese Veränderungen haben auch direkte Auswirkungen auf die Zinsmärkte. Das Wtp-System reduziert die klassische Absicherung von Zinsrisiken, da der Fokus von einem haftungsgetriebenen Ansatz hin zu einem lebenszyklusorientierten Investieren verschoben wird. Das bedeutet, dass das Zinsrisiko stärker vom Alter der Teilnehmer abhängt. Jüngere Anleger tragen mehr Risiko, während ältere stärker abgesichert werden. Gleichzeitig sinkt die Sensitivität gegenüber Zinsänderungen, gemessen etwa über Kennzahlen wie DV01, also die Veränderung des Portfoliowerts bei einer Zinsbewegung von einem Basispunkt. Dies führt zu veränderten Hedging-Strategien, einem anderen Einsatz von Derivaten und neuen Anforderungen an Governance-Strukturen.

Nicht zuletzt beeinflusst die Reform auch die Möglichkeiten für nachhaltige und wirkungsorientierte Investments. Die Entscheidung für solche Anlagen hängt künftig stärker von der Liquidität der Fonds sowie von den Präferenzen der Teilnehmer ab, da diese direkter in Anlageentscheidungen eingebunden sind.

Insgesamt zeigt die Keynote, dass die Reform des niederländischen Pensionssystems weit mehr ist als eine nationale Anpassung. Sie stellt einen tiefgreifenden Systemwechsel dar, der die Beziehung zwischen Individuum, Kapitalmarkt und Staat neu definiert und gleichzeitig die Funktionsweise von Investmentmanagement und Zinsmärkten in Europa nachhaltig verändert.

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Reform der Renten- und Altersvorsorgesysteme im Zuge der „Savings and Investments Union“

Von Dr. Oliver Everling | 29.April 2026

Auf dem „Capital Markets Day 26“ an der Frankfurt School of Finance & Management wird deutlich, dass die Transformation der Kapitalmärkte nicht nur durch institutionelle Investoren und technologische Innovationen vorangetrieben wird, sondern zunehmend auch durch strukturelle Reformen im Bereich der Altersvorsorge. In seiner Keynote „Reform der Renten- und Altersvorsorgesysteme im Zuge der ‚Savings and Investments Union‘“ ordnet Martin Weirich, Partner und Financial Services Sustainability Consulting Lead bei PwC Deutschland, diese Entwicklung in einen größeren europäischen Kontext ein und beschreibt sie als einen der zentralen Hebel zur Mobilisierung bislang ungenutzter Kapitalmarktpotenziale.

Ausgangspunkt seiner Analyse ist der sogenannte Competitiveness Compass der Europäischen Kommission, der als Reaktion auf den Bericht von Mario Draghi zentrale wirtschaftspolitische Prioritäten neu definiert. Im Fokus stehen dabei eine strategische Neuausrichtung Europas sowie eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten, die Beschleunigung von Innovationen und die gezielte Verknüpfung von Dekarbonisierung mit Industriepolitik. Ergänzt wird dies durch das Ziel, die Souveränität und Resilienz Europas zu stärken sowie regulatorische Komplexität zu reduzieren, den Binnenmarkt zu vertiefen und Finanzierung, Kompetenzen und Koordination effizienter zu gestalten.

In diesem Kontext positioniert Weirich die „Savings and Investments Union“ als zentrales Integrationsprojekt, das drei Dimensionen vereint: die stärkere Einbindung der Bürger und ihrer Ersparnisse in den Kapitalmarkt, die Skalierung und Integration europäischer Finanzmärkte sowie die Verbesserung von Investitions- und Finanzierungsstrukturen bei gleichzeitig effizienterer Aufsicht. Der Kern des Ansatzes besteht darin, bislang nicht investiv genutzte Spargelder systematisch in produktive Kapitalmarktanlagen zu lenken und so Wachstum, Innovation und Altersvorsorge gleichzeitig zu stärken.

Besondere Dynamik entsteht laut Weirich durch einen doppelten Reformimpuls auf nationaler und europäischer Ebene, der auf ein gemeinsames Ziel einzahlt: die Kapitalmarktfähigkeit der Altersvorsorge. In Deutschland umfassen die Reformüberlegungen unter anderem ein neues Altersvorsorgereformgesetz im Sinne eines „Riester 2.0“, die Einführung einer Frühstartrente sowie ein zweites Betriebsrenten-Stärkungsgesetz zur Weiterentwicklung der betrieblichen Altersversorgung. Parallel dazu werden auf europäischer Ebene Instrumente wie das Pan-European Personal Pension Product und die Savings and Investments Union vorangetrieben, um grenzüberschreitende Lösungen zu ermöglichen und Skaleneffekte zu heben.

Gleichzeitig macht Weirich deutlich, dass die deutsche Reform zwar in die richtige Richtung weist, jedoch zentrale Bausteine noch nicht ausreichend adressiert. Dazu zählt insbesondere ein flächendeckendes Auto-Enrolment, also die automatische Einbindung von Beschäftigten in Vorsorgesysteme mit Opt-out-Option, das international als entscheidender Erfolgsfaktor für hohe Teilnahmequoten gilt. Ebenso fehlt es an einer vollständig integrierten Transparenzlösung in Form eines umfassenden Vorsorge-Dashboards, auch wenn mit der digitalen Rentenübersicht erste Schritte unternommen wurden. Weitere Defizite sieht er bei standardisierten Default-Optionen für Kapitalanlagen, einer klaren Kapitalmarktorientierung sowie einer konsistenten und nutzerfreundlichen Customer Experience, die in Deutschland bislang durch Fragmentierung, Medienbrüche und komplexe Prozesslogiken geprägt ist.

Zur Einordnung verweist Weirich auf internationale Beispiele aus den Niederlanden, Schweden und dem Vereinigten Königreich, die zeigen, wie durch klare Systemarchitekturen, automatisierte Teilnahme und standardisierte Produkte sowohl Effizienz als auch Akzeptanz gesteigert werden können. Diese Modelle illustrieren, dass erfolgreiche Altersvorsorgesysteme nicht nur auf regulatorischen Rahmenbedingungen beruhen, sondern maßgeblich von Nutzerorientierung, Skalierbarkeit und Integration abhängen.

Sein Fazit ist entsprechend deutlich: Die Reform der Altersvorsorge stellt eine der größten Chancen für die Entwicklung eines breiten, retailgetriebenen Kapitalmarkts in Europa dar. Gleichzeitig betont er die Dringlichkeit, da das Zeitfenster für wirksame Maßnahmen begrenzt ist. Ohne eine konsequente Umsetzung zentraler Reformelemente droht Europa, sowohl im internationalen Wettbewerb als auch bei der langfristigen Finanzierung von Wachstum und Wohlstand zurückzufallen.

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Capital Markets in Transition – zwischen geoökonomischen Herausforderungen und technologischem Fortschritt

Von Dr. Oliver Everling | 29.April 2026

Der „Capital Markets Day 26″ des „Frankfurt School Forum“ zeichnet ein umfassendes Bild eines Kapitalmarkts im Umbruch, in dem sich makroökonomische Spannungen, regulatorische Neuausrichtungen und technologische Innovationen überlagern. Bereits in den einleitenden Beiträgen wird deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen für institutionelle Investoren und Finanzmarktakteure strukturell verändern. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich Kapitalmärkte in einem Umfeld behaupten können, das nicht mehr primär durch Effizienzüberlegungen, sondern zunehmend durch geopolitische Interessen, sicherheitspolitische Erwägungen und technologische Souveränität geprägt ist.

Vor diesem Hintergrund positioniert Thorben Lüthge, Leiter des Geschäftsfelds Kapitalmarkt bei der DekaBank, seinen Vortrag mit dem Titel „Paradigmenwechsel im Kapitalmarkt: Geoökonomie und Machtpolitik statt ökonomischer Effizienztheorie“. Er beschreibt eine fundamentale Verschiebung im ökonomischen Denken: Während die klassische Kapitalmarkttheorie lange Zeit auf Effizienz, freien Handel und globale Arbeitsteilung ausgerichtet war, treten nun geopolitische Interessen und strategische Abhängigkeiten in den Vordergrund. Zur Einordnung verweist er auf das von David Ricardo entwickelte Gesetz der komparativen Kostenvorteile, das argumentiert, dass Länder durch Spezialisierung und Handel ihren Wohlstand maximieren können. Genau dieses Prinzip wird laut Lüthge zunehmend durch politische Eingriffe, Handelsbarrieren und sicherheitsorientierte Industriepolitik unterlaufen.

Die aktuellen Entwicklungen in Europa illustrieren diese Verschiebung besonders deutlich. Die Zins- und Kreditmärkte stehen unter dem Einfluss steigender Staatsverschuldung, einer alternden Bevölkerung und wachsender Stagflationssorgen. Diese Faktoren führen zu einem strukturell veränderten Zinsumfeld, in dem traditionelle Annahmen über Wachstum, Inflation und Kapitalallokation an ihre Grenzen stoßen. Kapitalmärkte müssen sich daher nicht nur an neue makroökonomische Realitäten anpassen, sondern auch an eine Welt, in der politische Entscheidungen direkten Einfluss auf Finanzströme und Risikobewertungen haben.

Ein weiterer zentraler Aspekt des Vortrags ist die Rolle technologischen Fortschritts, der sowohl als Herausforderung als auch als Chance im geoökonomischen Wettbewerb verstanden wird. Technologien wie Large Language Models und Anwendungen wie ChatGPT stehen exemplarisch für eine neue Phase der Digitalisierung, in der Datenverarbeitung, Automatisierung und künstliche Intelligenz die Funktionsweise von Kapitalmärkten grundlegend verändern. Lüthge betont, dass technologische Kompetenz zunehmend zu einem strategischen Faktor wird, der über Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität von Finanzplätzen entscheidet.

Um in diesem komplexen Umfeld handlungsfähig zu bleiben, skizziert er drei wesentliche Schritte. Erstens müsse die Situation möglichst realistisch verstanden werden, ein Ansatz, den er mit Bezug auf Ray Dalio beschreibt. Es gehe darum, ideologische Verzerrungen zu vermeiden und die tatsächlichen Macht- und Einflussstrukturen klar zu analysieren. Zweitens sei es entscheidend, die zentralen Treiber dieser Entwicklung zu identifizieren, also die Faktoren, die geopolitische, wirtschaftliche und technologische Veränderungen vorantreiben. Drittens müsse man die eigenen Handlungsspielräume erkennen, um innerhalb dieses Spannungsfelds strategische Optionen zu entwickeln und gezielt zu nutzen.

Der Vortrag fügt sich damit nahtlos in die Gesamtlogik der Konferenz ein, die den Kapitalmarkt nicht mehr isoliert als ökonomisches System betrachtet, sondern als Teil eines komplexen Gefüges aus Politik, Technologie und Gesellschaft. Lüthges Analyse macht deutlich, dass sich Marktteilnehmer auf eine neue Realität einstellen müssen, in der wirtschaftliche Effizienz nicht mehr das alleinige Leitprinzip ist, sondern durch Fragen von Macht, Sicherheit und technologischer Kontrolle ergänzt – und teilweise ersetzt – wird.

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Capital Markets Day 26 an der Frankfurt School of Finance & Management

Von Dr. Oliver Everling | 29.April 2026

An der Frankfurt School of Finance & Management startet heute an der Adickesallee in Frankfurt am Main der „Capital Markets Day“. DieKonferenz ist klar entlang der zentralen Transformationsachsen des europäischen Kapitalmarkts strukturiert: Makroökonomie und Zinsumfeld, institutionelle Kapitalströme, Marktinfrastruktur sowie technologische Disruption durch Blockchain und Künstliche Intelligenz. Inhaltlich zeigt sich ein roter Faden: Der Kapitalmarkt befindet sich gleichzeitig unter geopolitischem Druck, regulatorischer Neuordnung und tiefgreifendem technologischen Wandel.

Der Auftakt mit Vertretern wie Roland Scheinert, Thorben Lüthge und Dr. Markus Röhrig setzt bereits die Tonalität, wie Ulrich Martin, Leiter des Frankfurt School Forums, deutlich macht: eine enge Verzahnung von Wissenschaft, Beratung, Banken und Börseninfrastruktur. Mit Frankfurt School of Finance & Management als akademischem Anker wird die Konferenz klar im Spannungsfeld von Theorie und Praxis positioniert.

Inhaltlich beginnt der Tag stark makroökonomisch geprägt. Die Keynotes – insbesondere von Thorben Lüthge und Martin Weirich – adressieren zwei der aktuell dominierenden Kräfte: geoökonomische Fragmentierung und die Transformation der Altersvorsorgesysteme. Die Diskussion um die „Savings and Investments Union“ signalisiert, dass Kapitalmarktintegration in Europa politisch forciert wird, um Investitionen effizienter zu lenken. Ergänzt wird dies durch die Perspektive aus den Niederlanden (Maureen Schlejen), die als Blaupause für Pensionsreformen dienen können. Hier zeigt sich: Pension Capital wird zunehmend zum zentralen Treiber für Kapitalmarktliquidität und Zinsstruktur.

Die anschließende Paneldiskussion mit Akteuren wie Dr. Tammo Diemer, Dr. Ulrich Kater und einem Vertreter der Europäische Zentralbank verdeutlicht die systemische Dimension: steigende Staatsverschuldung, Reformdruck bei Pensionen und deren Rückkopplung auf Zins- und Kreditmärkte. Hier liegt ein zentraler Spannungsbereich der nächsten Jahre – zwischen fiskalischer Expansion und finanzieller Stabilität.

Mit dem Thema Infrastruktur als Assetklasse verschiebt sich der Fokus auf reale Investitionen. Beiträge von Akteuren wie KfW IPEX-Bank zeigen, dass Infrastrukturfinanzierung zunehmend institutionalisiert und kapitalmarktfähig wird. Das ist strategisch relevant, da diese Assets stabile Cashflows liefern und ideal zu den Bedürfnissen von Pensionsinvestoren passen.

Am Nachmittag erfolgt dann ein klarer Themenwechsel hin zur Marktinfrastruktur und Digitalisierung. Die Impulse zu Tokenisierung, etwa durch Steve Henning, machen deutlich: Der Erfolg digitaler Assets hängt weniger an der Technologie selbst als an Distribution, also Zugang, Liquidität und regulatorischer Einbettung. Initiativen wie eine europäische Blockchain-Infrastruktur (RL1) oder Plattformen wie Boerse Stuttgart Group-nahe Projekte zeigen den Anspruch Europas, digitale Souveränität im Kapitalmarkt zu sichern.

Die Diskussion um „Müssen Banken und FMIs jetzt handeln?“ bringt einen kritischen Punkt auf den Tisch: First-Mover-Vorteile versus regulatorische Unsicherheit. Klassische Finanzmarktinfrastrukturen stehen unter Druck, da neue, technologiegetriebene Systeme Effizienzgewinne versprechen – insbesondere im Settlement und bei der Verwahrung.

Der Block zu Digital Assets und KI vertieft diese Perspektive. Beiträge von Dr. Ulli Spankowski und Jan-Oliver Sell zeigen, dass Blockchain und KI nicht isoliert gedacht werden können: Während Blockchain Vertrauen und Infrastruktur neu definiert, verändert KI die Entscheidungslogik im Kapitalmarkt, etwa im Trading oder Risikomanagement. Themen wie Stablecoins und algorithmisches Lernen deuten darauf hin, dass Marktmechanismen selbst adaptiver und datengetriebener werden.

Die abschließende Keynote von Dr. Jochen Papenbrock setzt einen strategischen Schlusspunkt: Der Wettbewerbsvorteil im Banking verschiebt sich hin zu Rechenleistung, Datenverfügbarkeit und KI-Infrastruktur („AI Factories“). Das ist ein klares Signal, dass Technologie nicht mehr nur Enabler, sondern Kern des Geschäftsmodells ist.

Zusammengefasst will die Konferenz zu drei zentralen Erkenntnissen führen: Erstens wird der europäische Kapitalmarkt zunehmend durch regulatorische Integration und Pensionskapital geprägt. Zweitens verschiebt sich Wertschöpfung durch Digitalisierung von Produkten hin zu Infrastruktur und Distribution. Drittens wird technologische Souveränität – insbesondere bei Blockchain und KI – zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor für Banken und Finanzmarktinfrastrukturen.

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M&A-Berater im Finanzsektor starten mit deutlichen Verschiebungen ins Jahr 2026

Von Dr. Oliver Everling | 27.April 2026

Im ersten Quartal 2026 haben sich die Kräfteverhältnisse unter den Beratern für Fusionen und Übernahmen im Finanzdienstleistungssektor deutlich verschoben. Laut aktuellen Auswertungen von GlobalData dominieren vor allem große internationale Investmentbanken und Anwaltskanzleien das Geschehen, wobei sowohl beim Transaktionsvolumen als auch beim Gesamtwert der Deals teils erhebliche Zuwächse zu verzeichnen sind.

Im Bereich der Finanzberater sicherte sich Barclays die Spitzenposition nach Transaktionswert mit beratenen Deals im Umfang von 31,4 Milliarden US-Dollar, während Houlihan Lokey nach Anzahl der Transaktionen führte und insgesamt 15 Deals begleitete. Die Entwicklung unterstreicht eine bemerkenswerte Dynamik innerhalb der Branche. Dazu erklärte Aurojyoti Bose: „Houlihan Lokey was the top adviser by volume in Q1 2025 and managed to retain that in Q1 2026. Interestingly, the number of deals it advised also remained unchanged.“ Gleichzeitig konnten alle Top-10-Berater nach Dealwert ihre Ergebnisse im Vergleich zum Vorjahr steigern. Besonders auffällig ist der Aufstieg von Barclays, das einen massiven Sprung nach vorne machte. Bose kommentierte hierzu: „In fact, Barclays saw more than a seven-fold jump in the total value of deals advised by it, improving its ranking from eighth in Q1 2025 to the top position in Q1 2026.“

Hinter Barclays folgen Morgan Stanley, Goldman Sachs, Lazard und JPMorgan, die allesamt Transaktionen im zweistelligen Milliardenbereich begleiteten. Beim Transaktionsvolumen liegt Goldman Sachs auf Platz zwei, gefolgt von Piper Sandler, Stifel/KBW und Raymond James Financial.

Auch bei den rechtlichen Beratern zeigen sich deutliche Verschiebungen. Sullivan & Cromwell führt das Ranking nach Dealwert mit 20,7 Milliarden US-Dollar an, während Kirkland & Ellis mit 15 Transaktionen die höchste Aktivität verzeichnete. Die Entwicklung bei Kirkland & Ellis ist besonders bemerkenswert, wie Bose hervorhebt: „There was a three-fold jump in the total number of deals advised by Kirkland & Ellis in Q1 2026 compared to Q1 2025 and resultantly, its ranking by volume jumped from 17th to the top position.“ Auch Sullivan & Cromwell konnte massiv zulegen. Bose erklärte: „Similarly, there was more than a five-fold jump in the total value of deals advised by Sullivan & Cromwell, lifting its ranking from 14th by value in Q1 2025 to top spot in Q1 2026.“

Weitere führende Kanzleien nach Dealwert sind White & Case, Clifford Chance, Paul, Weiss, Rifkind, Wharton & Garrison und Latham & Watkins. Beim Transaktionsvolumen folgt Latham & Watkins auf Platz zwei, während Simpson Thacher & Bartlett, Paul, Weiss sowie Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom ebenfalls zu den aktivsten Akteuren zählen.

Insgesamt zeigt sich, dass insbesondere großvolumige Transaktionen eine zentrale Rolle für die Verschiebung der Ranglisten spielen. Mehrere milliardenschwere Deals, darunter sogenannte Mega-Deals mit einem Volumen von über zehn Milliarden US-Dollar, haben maßgeblich dazu beigetragen, dass einzelne Akteure innerhalb kurzer Zeit deutlich an Bedeutung gewonnen haben. Die Analyse basiert auf umfassenden Datenbanken und kontinuierlicher Marktbeobachtung, wodurch ein detailliertes Bild der aktuellen M&A-Aktivitäten im Finanzsektor entsteht.

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Immobilienkrise, Energiepreise und ihre Bedeutung für Kreditratings

Von Dr. Oliver Everling | 27.April 2026

Die aktuelle Entwicklung am deutschen Immobilienmarkt verdeutlicht eine zunehmende Spreizung von Chancen und Risiken, die sich direkt in der Bewertung von Immobilienkrediten niederschlägt. Besonders prägnant wird dies in der Feststellung, „Chancen ja, für kapitalstarke, konservativ finanzierte, energieeffiziente oder sanierbare Bestände in nachfragestarken Lagen“ (Quelle: CHECK-Analyse, Stephan Appel, 26.04.2026), während für schwache Lagen, hoch fremdfinanzierte Strukturen und sanierungsintensive Objekte die Krise als zusätzlicher Risikoverstärker wirke. Diese Differenzierung markiert im Kern genau jene Faktoren, die auch moderne Kreditratings bestimmen.

Im Kontext der Kreditvergabe bedeutet dies, dass sich die Risikobewertung zunehmend weg von pauschalen Marktannahmen hin zu objektspezifischen Kriterien verschiebt. Insbesondere die Energieeffizienz gewinnt dabei erheblich an Bedeutung. Sie beeinflusst nicht nur die laufenden Kosten und damit die Zahlungsfähigkeit der Mieter, sondern auch den Marktwert der Immobilie selbst. Sinkende Werte bei ineffizienten Gebäuden führen zu höheren Beleihungsausläufen und damit zu einer Verschlechterung zentraler Kennzahlen wie der Loan-to-Value-Quote, was sich unmittelbar negativ auf das Rating auswirkt.

Hinzu kommt die gestiegene Zinssensitivität des Marktes. Höhere Refinanzierungskosten belasten die Cashflows vieler Investitionen erheblich. In der Folge verschlechtern sich Schuldendienstdeckungsgrade, insbesondere bei hoch fremdfinanzierten Objekten. Der ehemals positive Leverage-Effekt kehrt sich dabei teilweise ins Gegenteil um und verstärkt Verlustrisiken. Für Ratingmodelle bedeutet dies eine stärkere Gewichtung von Zinsbindungsstrukturen, Kapitalpuffern und nachhaltiger Finanzierungsarchitektur.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die zunehmende Zahl problembehafteter Kredite. Auch wenn viele Darlehen formal noch bedient werden, deutet vieles darauf hin, dass sich ein wachsender Teil im Übergangsstadium zwischen „performing“ und tatsächlich notleidend befindet. Die Analyse legt nahe, dass Banken Risiken teilweise durch Prolongationen oder Anpassungen von Kreditbedingungen verdecken und damit eine unmittelbare Neubewertung hinauszögern, was die Aussagekraft klassischer Kreditratings temporär einschränken kann.

Parallel dazu verstärken makroökonomische Faktoren wie steigende Energiekosten die Unsicherheiten. Sie wirken sowohl direkt auf die Betriebskosten von Immobilien als auch indirekt über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Mietern und Unternehmen. In Regionen mit wirtschaftlichen Strukturproblemen kann dies zu sinkender Nachfrage, fallenden Mieten und letztlich zu Wertverlusten führen – ein klarer Negativfaktor für Kreditratings.

Gleichzeitig zeigt sich, dass bestimmte Segmente eine höhere Resilienz aufweisen. Energieeffiziente Immobilien in starken Lagen oder Objekte mit stabilen, indexierten Mieteinnahmen generieren verlässlichere Cashflows und werden entsprechend besser bewertet. Damit verstärkt sich die Polarisierung im Markt: Während hochwertige Assets von stabilen oder sogar verbesserten Ratings profitieren, geraten risikoreichere Objekte zunehmend unter Druck.

Insgesamt wird deutlich, dass sich die Systematik der Immobilienkreditratings strukturell verändert. Energieeffizienz, Finanzierungsstruktur, Standortqualität und makroökonomische Einflüsse wirken heute enger zusammen als je zuvor. Die Folge ist eine deutlich differenziertere Risikobewertung, bei der die Energiefrage zu einem zentralen Bestandteil geworden ist und maßgeblich darüber entscheidet, ob ein Kredit als stabil oder risikobehaftet eingestuft wird.

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Wie KI-gestütztes Coding mit Smart Glasses die Resilienz und Flexibilität von Unternehmen neu definiert

Von Dr. Oliver Everling | 25.April 2026

Die Dynamik des Codings verändert sich derzeit grundlegend, insbesondere durch den Einsatz von KI-gestützten Agenten und neuen Schnittstellen wie Wearables. Diese Entwicklung hat das Potenzial, die Resilienz und Flexibilität von Unternehmen nachhaltig zu beeinflussen, da sie Arbeitsweisen beschleunigt, dezentralisiert und zugleich stärker vernetzt. Ein aktueller Einblick in diese Entwicklung findet sich im Beitrag „Even Journal, Episode 4“ von Even Realities.

Ein zentraler Aspekt ist die zunehmende Verschmelzung von Entwicklungsumgebungen mit dem Alltag. Wenn Entwickler „ihren Coding-Agenten über Smart Glasses“ nutzen können, verschiebt sich der Ort der Produktivität. Coding wird mobil, kontextabhängig und kontinuierlich verfügbar. Diese neue Form des Arbeitens stärkt die Flexibilität von Unternehmen erheblich, da Teams nicht mehr an feste Arbeitsplätze gebunden sind. Entscheidungen und Anpassungen können schneller getroffen werden, was in dynamischen Märkten ein klarer Vorteil ist. Gleichzeitig erhöht sich die Resilienz, weil Arbeitsprozesse weniger anfällig für physische Einschränkungen oder Standortprobleme sind.

Hinzu kommt, dass Feedbackzyklen deutlich verkürzt werden. Im Beitrag wird beschrieben, wie „Feedback direkt unsere neuesten Patches und Infrastruktur-Renovierungen antreibt“. Diese enge Rückkopplung zwischen Nutzern und Entwicklern fördert eine kontinuierliche Verbesserung von Systemen. Unternehmen, die solche iterativen Prozesse übernehmen, können schneller auf Veränderungen reagieren und bleiben auch in unsicheren Zeiten handlungsfähig. Resilienz entsteht hier durch Anpassungsfähigkeit – durch die Fähigkeit, Fehler nicht nur zu tolerieren, sondern aktiv in Fortschritt umzuwandeln.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die wachsende Bedeutung von sogenannten agentischen Systemen. Die Einführung eines Features, „das deinen Coding-Agenten sichtbar macht“, deutet darauf hin, dass KI nicht mehr nur unterstützend im Hintergrund arbeitet, sondern zu einem aktiven Partner im Entwicklungsprozess wird. Dies verändert die Rolle von Fachkräften und ermöglicht es Unternehmen, komplexe Aufgaben effizienter zu bewältigen. Flexibilität entsteht hier durch Skalierbarkeit: Teams können mehr leisten, ohne proportional zu wachsen, weil KI-Agenten Aufgaben übernehmen oder beschleunigen.

Auch die globale Vernetzung spielt eine entscheidende Rolle. Der Beitrag verweist auf internationale Erfahrungen und Veranstaltungen, bei denen Entwicklergemeinschaften zusammenkommen. So heißt es, man wolle „mit weiteren Entwicklern und Communities in Kontakt treten“. Solche Austauschformate stärken die Innovationskraft und helfen Unternehmen, frühzeitig neue Trends zu erkennen. Resiliente Unternehmen sind nicht isoliert, sondern eingebettet in Netzwerke, die Wissen und Ressourcen teilen.

Besonders hervorzuheben ist zudem die radikale Vereinfachung der technischen Zugangsbarrieren: Anwender benötigen künftig lediglich eine leichte Brille, um aktiv Code zu schreiben und mit ihrem KI-Agenten zu interagieren. Das Aufklappen eines Notebooks oder das Einrichten klassischer Entwicklungsumgebungen wird damit zunehmend überflüssig. Diese Verschiebung hin zu nahezu unsichtbarer Technologie senkt nicht nur die Einstiegshürden, sondern ermöglicht auch spontane Produktivität in unterschiedlichsten Situationen. Für Unternehmen bedeutet das eine neue Qualität von Flexibilität, da kreatives Arbeiten nicht mehr an Geräte oder Orte gebunden ist, sondern unmittelbar im Alltag stattfinden kann.

Schließlich wird deutlich, dass es sich nicht nur um technologische Updates handelt, sondern um eine breitere Vision: „Dies ist mehr als nur ein Produktupdate. Es ist ein offenes Gespräch darüber, wohin sich die Technologie entwickelt.“ Genau diese Perspektive ist entscheidend für Unternehmen. Wer Coding nicht nur als technische Disziplin versteht, sondern als dynamischen Bestandteil der eigenen Organisationsentwicklung, kann langfristig widerstandsfähiger und anpassungsfähiger agieren.

Insgesamt zeigt der Beitrag von Even Realities, dass die Dynamik des modernen Codings – geprägt durch KI, Mobilität und globale Zusammenarbeit – Unternehmen dazu zwingt, sich neu zu organisieren. Wer diese Entwicklungen aktiv nutzt, kann nicht nur effizienter arbeiten, sondern auch resilienter gegenüber Krisen und flexibler im Umgang mit Veränderungen werden.

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Agentic AI revolutioniert die Prozesse in der Finanzindustrie

Von Dr. Oliver Everling | 22.April 2026

Im Workshop „Agentic AI revolutioniert die Prozesse in der Finanzindustrie“ auf der Konferenz an der Frankfurt School of Finance & Management zeigten Jens Heilmann und Jochen Papenbrock, wie sich Künstliche Intelligenz zunehmend von einem isolierten Werkzeug zu einer mehrschichtigen Infrastruktur entwickelt, die Prozesse, Geschäftsmodelle und Wertschöpfung im Finanzsektor grundlegend verändert. Im Zentrum stand dabei das Konzept der sogenannten „Agentic AI“, also KI-Systeme, die nicht nur analysieren, sondern eigenständig Aufgaben ausführen, Entscheidungen vorbereiten und Prozessketten orchestrieren können.

Die technologische Grundlage dieser Entwicklung bilden unterschiedliche Modellklassen, deren Abkürzungen im Workshop eingeordnet wurden. LLM steht für Large Language Models, also große Sprachmodelle, die natürliche Sprache verstehen und generieren können. VLM bezeichnet Vision Language Models, die Bild- und Sprachinformationen kombinieren. VLA meint Vision Language Action Modelle, die zusätzlich Aktionen ausführen können. MMLLM steht für Multimodal Large Language Models, die verschiedene Datentypen integrieren. GPT bezeichnet Generative Pre-trained Transformer, eine spezifische Modellarchitektur für generative KI. DM steht für Decision Models, also Modelle zur Entscheidungsunterstützung. GNN sind Graph Neural Networks, neuronale Netze zur Analyse komplexer Beziehungsstrukturen. MOE bedeutet Mixture of Experts, ein Modellansatz, bei dem spezialisierte Teilmodelle kombiniert werden. SSM steht für State Space Models, die zeitliche Dynamiken abbilden. LBM kann als Large Behavioral Models verstanden werden, die komplexe Verhaltensmuster modellieren.

Ein zentrales Argument des Workshops war, dass Open-Source-KI zur tragenden Säule der Innovation geworden ist. Offene Modelle erreichen mittlerweile Leistungsniveaus an der technologischen Spitze und ermöglichen gleichzeitig größere Unabhängigkeit, insbesondere im Hinblick auf Datenhoheit und Kostenkontrolle. In diesem Kontext wurde auch die Modellfamilie NVIDIA Nemotron vorgestellt, die auf hohe Leistungsfähigkeit, Effizienz und Offenheit ausgelegt ist. Ergänzend dazu beschleunigt die sogenannte RAG-Technologie, Retrieval-Augmented Generation, Anwendungen, bei denen generative KI mit unternehmensspezifischem Wissen kombiniert wird, indem relevante Daten gezielt abgerufen und in die Antwortgenerierung integriert werden.

Die Umsetzung solcher Anwendungen erfolgt zunehmend über modulare Infrastrukturen, etwa durch Microservices, also kleine, spezialisierte Softwarekomponenten, die zusammen komplexe Systeme bilden. Diese treiben sogenannte RAG-Pipelines an, also Prozessketten, die Daten in verwertbares Wissen transformieren. Unterstützt werden sie durch optimierte Inferenz-Engines, also Systeme zur effizienten Ausführung trainierter Modelle, die auf Plattformen wie NVIDIA NIM, einer Laufzeitumgebung für KI-Modelle, basieren. Ziel ist es, hochgradig anpassbare, produktionsreife Systeme zu schaffen, die flexibel eingesetzt werden können und gleichzeitig eine schnelle Verarbeitung großer Datenmengen ermöglichen, etwa durch beschleunigte Vektorsuche.

Ein weiteres zentrales Konzept war die Idee von „AI Factories“, also KI-Fabriken, die als integrierte Systeme aus Rechenleistung, Netzwerken, Speicher und Software eine neue industrielle Infrastruktur bilden. Diese gelten als Treiber einer neuen industriellen Revolution, da sie die Skalierung und Industrialisierung von KI-Anwendungen ermöglichen. NVIDIA liefert hierfür Referenzarchitekturen, die Unternehmen als Blaupause für den Aufbau solcher Systeme nutzen können.

Im Bankenkontext wurde diese Entwicklung anhand von Architekturprinzipien für eine KI-getriebene Bank veranschaulicht. Dazu gehören souveräne Grundlagen durch Open-Source-Modelle zur Sicherstellung von Plattformunabhängigkeit, Datenschutz und geringeren Gesamtkosten, proprietäre Präzision durch die Nutzung und Veredelung interner Daten sowie die agentische Ausführung als „Intelligence Flywheel“, also ein sich selbst verstärkender Kreislauf aus Daten, Modellen und Entscheidungen. Praxisbeispiele wie die Royal Bank of Canada zeigen, dass durch den gezielten Einsatz solcher Technologien signifikante Wachstumsziele unterstützt werden können.

Abschließend wurde deutlich, dass sogenannte Transaction Foundation Models, also grundlegende Modelle für Transaktionsdaten, als nächste Entwicklungsstufe gelten. Insbesondere Graph Neural Networks spielen hierbei eine wichtige Rolle, da sie komplexe Beziehungen in Finanzdaten, etwa zwischen Kunden, Transaktionen und Netzwerken, besonders gut abbilden können. Insgesamt machte der Workshop klar, dass Agentic AI nicht nur einzelne Prozesse optimiert, sondern als umfassende Infrastruktur die Grundlage für eine tiefgreifende Transformation der Finanzindustrie bildet.

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Next-Gen Banking 2030: Wie GenAI, Plattformpartner und neue Betriebsmodelle die Resilienz von Banken neu definieren

Von Dr. Oliver Everling | 22.April 2026

Der Vortrag „Next-Gen Banking 2030: Wie GenAI, Plattformpartner und neue Betriebsmodelle die Resilienz von Banken neu definieren“ von Andreas Bruckner, Director bei PPI, stellt auf der Konferenz „Finanzdienstleister der nächsten Generation“ auf der Frankfurt School of Finance and Management eine zentrale Frage in den Mittelpunkt: Was ist der nicht substituierbare Kern einer Bank – und weiß sie überhaupt noch, ob Künstliche Intelligenz diesen Kern stärkt oder überflüssig macht? Der Vortrag argumentiert, dass viele Banken diese Frage bislang nicht klar beantworten und damit faktisch durch jede Einzelentscheidung über Technologie, Partnerschaften und Auslagerungen ihr künftiges Betriebsmodell mitgestalten.

Im Kern beschreibt Bruckner eine Branche, in der sich die traditionellen Grenzen zwischen Eigenbetrieb, Plattformbezug und Orchestrierung verschieben. GenAI senkt die Produktionskosten vieler Bankfunktionen, während spezialisierte Plattformpartner in Bereichen wie Core Banking, Payment oder KYC/AML Skalenvorteile erzielen. Gleichzeitig bleibt der regulatorische Druck hoch, weil DORA, der EU AI Act, die Outsourcing-Leitlinien der EBA und der Cyber Resilience Act klare Anforderungen an Steuerbarkeit, Auditierbarkeit, Exit-Fähigkeit und technische Sicherheit stellen. Damit wird die alte Frage „kaufen oder selbst bauen?“ durch eine neue ersetzt: Was muss unter eigener Governance bleiben, und was kann unter externer Steuerung laufen?

Der Vortrag macht deutlich, dass Banken nicht nur technologisch, sondern vor allem organisatorisch unter Veränderungsdruck stehen. Bruckner ordnet KI in mehreren Stufen ein, von klassischer KI über GenAI und KI-Agenten bis zu Multi-Agent-Systemen, und zeigt, dass besonders operative Bereiche, Dokumentenverarbeitung, Kreditvergabe, Compliance und Risikomanagement von Effizienzgewinnen betroffen sind. Zugleich verweist er darauf, dass bereits heute ein großer Teil der Bank-FTEs in Operations gebunden ist und dass Agentic AI diese Tätigkeiten zunehmend automatisieren kann. Für Banken entsteht dadurch nicht nur ein Effizienzthema, sondern auch ein strategisches Risiko: Wer heute ohne klare Leitplanken investiert, baut Datenarchitekturen, Abhängigkeiten und Governance-Strukturen auf, die später schwer korrigierbar sind.

Besonders prägnant ist die Gegenüberstellung zweier tragfähiger Betriebsmodelle. Das erste Modell ist der fokussierte Spezialist, der seine Ressourcen auf einen klar definierten Kern konzentriert und dort mit hoher operativer Exzellenz, geringer externer Abhängigkeit und robuster Resilienz arbeitet. Das zweite Modell ist der souveräne Orchestrator, der die Kundenschnittstelle und die Steuerung eines Partner-Ökosystems behält, während Leistungserbringung und Spezialisierung weitgehend ausgelagert werden. Beide Modelle können erfolgreich sein, aber sie verlangen völlig unterschiedliche Investitionsprioritäten, Fähigkeiten und Governance-Logiken. Die eigentliche Gefahr liegt laut Vortrag nicht in der Wahl eines der beiden Wege, sondern in der unentschlossenen Mitte, die hohe Komplexität, regulatorische Exposition und fehlenden Wettbewerbsvorteil miteinander verbindet.

Der regulatorische Teil des Vortrags verleiht dieser strategischen Entscheidung zusätzliches Gewicht. DORA zwingt Banken, kritische IKT-Funktionen nachweisbar steuerbar zu halten und Drittparteien transparent zu kontrollieren; der EU AI Act erhöht die Anforderungen an Erklärbarkeit, menschliche Aufsicht und Auditierbarkeit von KI-gestützten Entscheidungen; der Cyber Resilience Act erweitert den Fokus auf Produktsicherheit in vernetzten Systemen. Für Banken bedeutet das: Governance ist nicht mehr nur eine Unterstützungsfunktion, sondern eine Kernkompetenz. Gerade im Orchestrator-Modell wird die Fähigkeit, Partner zu überwachen, Datenflüsse zu kontrollieren und Exit-Optionen vorzuhalten, selbst zum Wettbewerbsvorteil.

Am Ende ist die Botschaft des Vortrags klar: KI ist nicht das Betriebsmodell, sondern das Instrument. Die eigentliche Managemententscheidung besteht darin, die Wertschöpfung der Bank sauber zu kartieren, das passende Modell bewusst zu wählen und Governance-Kompetenz als strategisches Investitionsfeld zu behandeln. Resilienz entsteht dann nicht zufällig, sondern durch Kohärenz zwischen Strategie, Operating Model und regulatorischer Umsetzung. Wer diesen Zusammenhang heute ernst nimmt, gestaltet die Bank von 2030 aktiv; wer ihn ignoriert, wird durch Kosten, Regulierung und neue Marktstrukturen dazu gezwungen.

Die Konferenz „Finanzdienstleister der nächsten Generation“ an der Frankfurt School of Finance & Management hat sich als zentrale Plattform etabliert, auf der sich Entscheiderinnen und Entscheider aus Banken, Versicherungen, Technologieunternehmen und Aufsicht über die Zukunft der Finanzindustrie austauschen. Im Mittelpunkt stehen dabei die tiefgreifenden Veränderungen durch Künstliche Intelligenz, Cloud-Technologien und neue regulatorische Rahmenbedingungen, die das Zusammenspiel von Innovation, Risiko und Governance neu definieren. Charakteristisch für die Veranstaltung ist die enge Verzahnung von wissenschaftlicher Analyse, praktischer Umsetzung und strategischer Perspektive, wodurch nicht nur Trends diskutiert, sondern konkrete Transformationspfade aufgezeigt werden. Die Konferenz schafft damit einen Raum, in dem die Finanzbranche ihre Rolle zwischen technologischer Disruption und stabilitätsorientierter Verantwortung neu verhandelt und sich auf die nächste Entwicklungsstufe digitaler Finanzdienstleistungen ausrichtet.

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