Denke nach und werde reich

Von Dr. Oliver Everling | 28.März 2018

Wer eine Ausgabe von Napoleon Hills „Denke nach und werde reich“ auf deutsch lesen will, die dem genauen Text der über 25 Jahre hinweg entstandenen amerikanischen Erstveröffentlichung von 1937 folgt, hat jetzt Gelegenheit dazu. Der FinanzBuch Verlag legt erstmals eine ungekürzte deutsche Übersetzung des klassischen Finanz- und Selbsthilfebuchs vor, die von der Napoleon Hill Foundation autorisiert wurde. Der historische Text ist nicht durch Modernisierungen verändert. Da einige Bemerkungen und Bezugnahmen Hills sehr zeitbezogen sind – gerade für Leser außerhalb der USA –, wurden zum besseren Verständnis einige erklärende Anmerkungen eingefügt.

„Im Zuge meiner 20-jährigen Recherchen,“ schreibt Napoleon Hill, „die ich auf Andrew Carnegies Bitte hin anstellte, analysierte ich Hunderte bekannter Persönlichkeiten, von denen viele offen zugaben, sie hätten ihr enormes Vermögen dem Carnegie-Geheimnis zu verdanken.“ Hill wusste das Geschenk zu nutzen, mit mehr als 500 Superreichen der damaligen Zeit über ihren Erfolg sprechen zu dürfen. Manche von ihnen sind noch heute jedem bekannt, wie Henry Ford, Theodore Roosevelt, William Wrigley Jr., George Eastman, Charles M. Schwab, King Gillette, John D. Rockefeller, F.W. Woolworth, Dr. Alexander Graham Bell und viele andere.

„Wer das Carnegie-Geheimnis kennt und anwendet, kommt im Leben weit“, verspricht Hill und zeigt den „Wert der sicheren Erkenntnis, dass ein vager gedanklicher Impuls in konkrete Fakten verwandelt werden kann, wenn man sich nach bestimmten Grundsätzen richtet.“

Als ob Napoleon Hill von heutigen Wutbürgern oder linken Parteigenossen berichten würde, die den Umständen ihres Lebens, dem Staat oder dem Kapitalismus alle Schuld für ihr Schicksal zuweisen und sich Reichtum nur durch Wegnehmen von anderen vorstellen können, spricht Hill die „nur allzu verbreitete menschliche Schwäche“ an, „die eigenen Eindrücke und Überzeugungen für das Maß aller Dinge zu halten. Manche Leser glauben sicher, dass man sich nicht reich denken kann. Sie sind so an Armut, Bedürftigkeit, Elend, Misserfolg und Niederlage gewöhnt, dass sie sich Reichtum gar nicht vorstellen können.“

„Millionen Menschen blicken neidvoll auf die Leistungen des arrivierten Henry Ford, weil er das Glück oder Genie oder was auch immer hatte, dem er sein Vermögen verdankt“, schreibt Hill. Man bräuchte nur die Namen gegen die der heutigen Stars von Alibaba, Apple, Facebook, Google, Huawei, Tencent, Tesla usw. auszutauschen, um Hills Beschreibungen zu aktualisieren.

Die Lektüre des Originaltextes von Napoleon Hill lohnt sich gerade auch deshalb, weil Hill u.a. von Erfindern spricht, deren Entdeckungen im SmartPhone-Zeitalter so selbstverständlich sind, dass kaum noch jemand über diese diskutiert: „Als Guglielmo Marconi verkündete, er habe entdeckt, wie sich Nachrichten ohne Kabel oder andere direkte physische Kommunikationsmittel durch die Luft übertragen ließen, wurde er von ‚Freunden‘ entmündigt und zur Untersuchung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.“

„Wer Angst vor neuen Ideen hat,“ warnt Hill (als ob er die Worte nicht 1937, sondern 2017 geschrieben hätte!), „ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nie war die Zeit so ideal für Pioniere wie jetzt. Natürlich gibt es keinen Wilden Westen mehr zu erobern wie in den Tagen der Pioniere mit ihren Planwagen. Doch es gilt, eine große Wirtschafts-, Finanz- und Industriewelt umzubauen und neu und besser zu gestalten.“

Hills Buch ist heute gleich für mehrere Leserzielgruppen interessant. Es liefert historische Einblicke aus einer Zeit, zu der Hill noch nicht von der Ermordung Mahatma Ghandis wissen konnte, zeigt wirtschaftliche Zusammenhänge auf und liefert eine Anleitung zum Selbstmanagement. Hills Buch ist der Prototyp für inzwischen in Tausenden zu zählende Bücher, die genau seinem Muster folgten. Für Manager, Coaches, Marketingleute, Motivatoren usw. bietet seine Lektüre eine einzigartige Chance, die Wurzeln der Fachliteratur zum Thema zu erkennen.

Das Aufschreiben von klaren, persönlichen Zielen sieht Hill als einen zentralen Erfolgsfaktor für jeden. Heute wären Menschen möglicherweise aber nicht mehr so sehr auf Geld fixiert wie zu seiner Zeit: „Lesen Sie sich zweimal am Tag laut vor, was Sie aufgeschrieben haben – einmal kurz vor dem Schlafengehen und einmal gleich nach dem Aufstehen. Stellen Sie sich beim Lesen möglichst plastisch und überzeugend vor, das Geld bereits zu besitzen.“ Wahrscheinlich ist es auch heute noch die „einzige bekannte Methode zur gezielten Herbeiführung des mit Glauben verbundenen Gefühlszustands“, wie Hill anleitet, „Anweisungen an Ihr Unterbewusstsein immer wieder zu bekräftigen.“

Hills „zehn Hauptgründe für Führungsversagen“ lesen sich wie der Kriterienkatalog eines Managementratings: Unfähigkeit, Details zu regeln; Überheblichkeit; die Erwartung, für ihr „Wissen“ und nicht das, was sie aus diesem Wissen machen, honoriert zu werden; Angst vor Konkurrenz aus den eigenen Reihen; Fantasielosigkeit; Selbstsucht; Maßlosigkeit; Illoyalität; autoritäre Führung; Titelbesessenheit.

Wenn Napoleon Hill vom „Weltkrieg“ spricht, meint er den ersten Weltkrieg, denn der zweite war noch nicht ausgebrochen. Geradezu tragisch ist es zu lesen, dass aus einer „Mode“ der 1930er Jahre ein Grundmuster geworden ist, mit dem noch heute Wähler gefangen, Kirchenkanzeln genutzt, Zeitungen gefüllt und Blogs betrieben werden, denn Hill schreibt 1937: „Seit über 20 Jahren ist es unter Radikalen, opportunistischen Politikern, Gaunern, korrupten Gewerkschaftsführern und gelegentlich auch religiösen Vorrednern zur Mode und zum zunehmenden Zeitvertreib geworden, auf die ‚Wall Street, die Spekulanten und die großen Konzerne‘ zu schimpfen.“

„Gehören Sie auch zu denjenigen,“ fragt Hill mit Blick auf die Gewerkschaften seine Leser, „die der Ansicht sind, dass Menschen allein dadurch reich werden können, dass sie sich zusammenschließen und mehr Geld für weniger Leistung fordern? Die staatliche Unterstützung verlangen, aber morgens nicht vom Geldzusteller belästigt werden möchten?“

Hills Thesen stehen heute inmitten der 4. Industriellen Revolution im Kreuzfeuer: „Das kapitalistische Amerika sorgt dafür, dass jeder die Möglichkeit hat, sich nützlich zu machen und entsprechend zu verdienen.“ Diese These von Hill wird heute mehr als je zuvor in Frage gestellt. Hill kannte schon damals Kritiker, die das Gegenteil behaupteten, inzwischen aber durch die Geschichte widerlegt sind.

Das Buch von Hill lohnt sich zur wiederholten Lektüre, denn es ist keine einseitige, wissenschaftliche Monografie, sondern versammelt eine Fülle von Erfahrungswissen, das zeitlos von Nutzen ist.

Themen: Bücher, Rezensionen | Kein Kommentar »

Napoleon Hills Weg zu Freiheit und Erfolg

Von Dr. Oliver Everling | 26.März 2018

„Der geheime Weg zu Freiheit und Erfolg – Wie man den Teufel in sich selbst besiegt“ vom verstorbenen Autor des 60-Millionen-Bestsellers „Denke nach und werde reich“, Napoleon Hill, fand erst nach 72 Jahren den Weg in die Öffentlichkeit. Angesichts des Erfolgs der Bücher von Napoleon Hill kaum erstaunlich, dass der FinanzBuch Verlag nicht zögerte, dem deutschen Leserpublikum gleich eine Übersetzung zu präsentieren.

Warum wurde das Buch nicht schon zu Lebzeiten verbreitet? Sharon Lechter, Co-Autorin des Beststellers „Rich Dad Poor Dad“, glaubt, dass die Familie Napoleon Hills „Angst vor den Reaktionen hatte, die es zweifellos hervorgerufen hätte. Hills Mut, das Werk des Teufels in unserem alltäglichen Leben, unseren Kirchen, unseren Schulen und unserer Politik aufzuzeigen, hätte seinerzeit als Bedrohung der gültigen Werte gegolten.“ Sharon Lechter begleitet den Leser durch das Buch mit Kommentaren und nützlichen Hinweisen auf seine Entstehungsgeschichte. So vermag sie dem Leser die Zeit und die Umstände in Erinnerung zu rufen, unter denen Napoleon Hill seine Arbeit begann und das Buch schrieb.

Wer die Werke von Napoleon Hill kennt, wird sich für die autobiografischen Passagen seines Buches interessieren. So schrieb er seine – nicht gerade bescheidene – Mission nieder, die ihm fortan Orientierung in seinem Leben geben sollte. „In nur wenigen Jahren wird die ganze Welt eine Erfahrung durchmachen, in deren Folge Millionen von Menschen jene Philosophie brauchen werden, mit deren Vollendung Du beauftragt wurdest“, sagt sich Napoleon Hill.

Hill beschreibt seine Entdeckung seines „anderen Ichs“, das voll Zuversicht lähmenden Ängsten und Befürchtungen entgegentritt. „Inzwischen hoffe ich inständig,“ schreibt Hill, „dass einige der Millionen Männer und Frauen, die unter der großen Wirtschaftskrise zu leiden hatten und unangenehme Erfahrungen machen mussten, in sich dieses merkwürdige Wesen entdecken, das ich als das ‚andere Ich‘ beschreibe, und dass diese Entdeckung sie ebenso wie mich damals enger bindet an jenen Quell der Kraft, der einem hilft, alle Hindernisse zu überwinden und alle Schwierigkeiten zu meistern, anstatt sich ihnen zu ergeben. Das ‚andere Ich‘ birgt eine unschätzbare Kraft. Wenn Sie nur aufrichtig genug danach suchen, werden Sie es finden.“

Wer sich vielleicht am Flughafen ein Buch von Napoleon Hill mitnimmt, ahnt nicht, in welcher religiösen Vorstellungswelt sein Autor lebte. Auch die Kommentatorin, Sharon Lechter, ist sich nicht immer sicher, wie die Erlebnisschilderungen von Hill zu verstehen sind. So erzählt Hill von seinem Interview mit dem Teufel: „In dem Interview mit dem Teufel ist die Kraft genau beschrieben, die mir meinen Unternehmungsgeist und Mut raubte. Es ist dieselbe Kraft, die Millionen andere während der Großen Depression fesselte. Sie ist das wichtigste Instrument, mit dem der Teufel die Menschen verführt und kontrolliert.“ Napoleon Hill selbst schränkt ein, dass „der Teufel, den ich interviewt habe, genauso echt sein könnte, wie er es von sich behauptete, er könnte aber auch das Werk meiner Einbildung gewesen sein.“

Hill lässt den „Teufel“ die Tricks aussprechen. mit denen Menschen Opfer ihrer Unselbständigkeit werden und sich treiben lassen. Hill lässt den Teufel sprechen: Den „Trick, um Menschen das sich treiben zu lassen beizubringen, setze ich mit der Hilfe von Eltern, Lehrern öffentlicher Schulen und religiösen Vermittlern um.“

Die im „Interview mit dem Teufel“ liegende Kritik an Eltern, Lehrern und Kirchenführern, die allesamt nach Ansicht von Hill „die Fähigkeit des Kindes, unabhängig zu denken“ zerstören, sieht Sharon Lechter als wichtigsten Grund dafür, dass es früher nicht zu einer Veröffentlichung des Manuskripts kommen konnte. Hill lässt den „Teufel“ detailliert Antwort auf diese Frage geben: „Wie genau helfen die Eltern den Religionslehrern, die Kraft des eigenständigen Denkens ihrer Kinder zu zerstören?“

Sharon Lechter sieht Hill theologisch explizit: „Er benutzt den Teufel als Kontrastfigur und legt dem Symbol des Bösen Worte in den Mund, um so seine Gedanken und Gefühle über Gott – die Unendliche Intelligenz – als ultimative Quelle seiner allumfassenden Erfolgsphilosophie darlegen zu können.“ Hill sagt zum Teufel: „Sie benutzen die Kirche, um die Saat der Angst, der Unsicherheit und Unbestimmtheit in die Köpfe der Menschen zu streuen. Diese negativen Bewusstseinszustände führen zu der Gewohnheit, sich treiben zu lassen.“

Kirchen und Schulen sieht Napoleon Hill als hilfreichste Verbündete des Teufels: „Der einzige Wert, der für einen Menschen beständig zählt, ist die Kenntnis, wie sein Verstand funktioniert. Die Kirchen erlauben es den Menschen nicht, die Möglichkeiten ihres Verstandes zu ergründen, und die Schulen begreifen gar nicht, dass so etwas wie ein individueller Verstand existiert.“

„Die einzige Form von Erlösung, die für die Menschen auch nur den geringsten Wert hat, ist diejenige, die sich einstellt, wenn er die Kraft seines eigenen Verstandes erkennt“, schreibt Hill. Heilig sei nur die „Kraft der unabhängigen Gedanken, unterstützt von einem klaren Ziel“.

Napoleon Hill wählte 1938 das klassische Genre des philosophischen Dialogs, um seine intimsten Gedanken über existentielle Fragen niederzuschreiben. Wie Michael Bernard Beckwith, bekannt als Autor von „Spiritual Liberation – Fulfilling Your Soul’s Potential“, in seinem Nachwort zum Buch feststellt, „scheint sich in unserem kollektiven Bewusstsein und damit in unserer gemeinsamen Erfahrung wenig geändert zu haben.“ Was Hill vor 80 Jahren mit seiner mechanischen Schreibmaschine zu Papier brachte, liefert heute Denkanstöße mit hoher Aktualität. Das Buch ist insbesondere für jeden zu empfehlen, der sein Verständnis der Lehren von Napoleon Hill vervollständigen will.

Themen: Bücher, Rezensionen | Kein Kommentar »

Vermögenswirksame Leistungen unwirksam?

Von Dr. Oliver Everling | 26.März 2018

Mehr als 20 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland haben Anspruch auf Vermögenswirksame Leistungen, aber nur rund 13 Millionen Menschen machen davon Gebrauch, wie Prof. Jens Kleine vom CFin – Research Center for Financial Services in München analysiert hat. Damit verfallen jährlich rund 1,6 Milliarden Euro an Ansprüchen. In Westdeutschland bleiben dabei jährlich deutlich mehr Ansprüche ungenutzt als im Osten. Gemäß den Studienergebnissen verfallen in Westdeutschland jährlich 1,4 Milliarden Euro nicht genutzter Ansprüche, in Ostdeutschland sind es rund 240 Millionen Euro.

„Zu viele in Deutschland lassen die Möglichkeit des VL-Sparens ungenutzt“, so Rudolf Geyer, Sprecher der Geschäftsführung der ebase. „Das ist bares Geld in Milliardenhöhe, das hier Jahr für Jahr verschenkt wird und mit der entsprechenden Anlage bspw. sehr gut bei der Altersvorsorge helfen könnte.“

„Es hat uns sehr überrascht, dass so viele Menschen in Deutschland ihren bestehenden Anspruch auf Vermögenswirksame Leistungen nicht nutzen, obwohl die Problematik der Rentenlücke für viele präsent ist“, so Christoph König, Digital Officer von ebase.

Vermögenswirksame Leistungen sind nicht etwa die Erfindung der neuen Bundesregierung, sondern werden schon seit vielen Jahren erbracht. Es fehlt Arbeitnehmern nicht an Möglichkeiten, sich über die Vorteile zu informieren. Die mangelnde Wirksamkeit der Leistungen sollte zum Umdenken Anlass geben: der Aufbau von Vermögen muss jedem Menschen selbstverständlich werden und darf nicht von staatlichen Leistungen abhängig sein.

Themen: Fondsrating | Kein Kommentar »

Wohnungen – zu wenig Neubau

Von Dr. Oliver Everling | 22.März 2018

Das Seminar „Wohnimmobilien 2018 – Wohnungs- und Kapitalmarkt“ von der Börsen-Zeitung und JLL in Frankfurt am Main versammelt die Immobilienbranche: Zu wenig Neubau in Deutschland – wie lange brauchen wir aus dem Tal? Dieser Frage gehen in der Podiumsdiskussion Sebastian Grimm, Team Leader Residential Valuation Advisory Frankfurt, JLL, Christoph Gröner, Vorstandsvorsitzender der CG Gruppe AG, sowie Bernd Lechner, Geschäftsführer der Lechner Group GmbH, nach.

„Warum wählen Polizeiobermeister AfD?“ Fragt Gröner und sieht die Antwort darin, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen von der derzeitigen Politik nicht bedient werden. „Man müsste mehr Bauland ausweisen“, argumentiert Lechner. Oft liegen die Mängel in der Baurechtsbeschaffung.

Grimm sieht in der Ausweisung von Bauland das Problem. „Es lässt sich politisch besser verarbeiten, es fehlen soziale Wohnungen. Tatsächlich fehlen aber Wohnungen in allen Segmenten“, warnt Grimm. „Wir bekommen jedes Jahr 15000 neue Einwohner in Frankfurt. Was sind da 3000 neue Wohnungen?“

Gröner sprudelt mit kreativen Ideen, wie mehr Bauland gefunden werden kann. So fragt er sich, warum nicht über Bahnlinien zum Beipiel noch gebaut werden darf, was ohne weiteres möglich wäre und außerdem weitere Vorteile im Stadtbild biete. Lechner erinnert auch an die Begrünung von Dachflächen.

Grimm gibt Beispiele dafür, wie die Effekte energieeffizienter Bauweise konterkariert werden, wenn nicht ganzheitlich gedacht wird. Ein zu lange geöffnetes Fenster könne die gesamten Einsparungseffekte zunichte machen, die zuvor mit großem Aufwand realisiert wurden.

Gröner sieht das Wohnungsproblem klar beim Bauland. Es seien nicht die Baukosten, die es Menschen unmöglich machen würden, günstig Wohneigentum zu erwerben. Gröner stellte in seinem Vortrag Bauen in einer neuen Dimension vor. Die Vergangenheit – „2D“ – sei durch Architekturplanung gekennzeichnet. Die Zukunft gehöre digitaler Projektentwicklung „3D“, Bauablaufmanagement „4D“, Leistungs- und Kostenkontrolle „5D“ und Vermietung und Betrieb „6D“.

Gröner wagt zu bezweifeln, dass die Politik jedem mittellosen Menschen das Wohnen in zentraler Lage der Städte in renovierten Altbauwohnungen mit Tiefgarage ermöglichen kann, wie es derzeit versprochen werde. Ganz abgesehen von den räumlichen und ökonomischen Voraussetzungen seien solche Eingriffe auch mit der Idee einer sozialen Marktwirtschaft nicht vereinbar.

Themen: Immobilienrating | Kein Kommentar »

Früherkennung „bestandsbedrohender Entwicklungen“

Von Dr. Oliver Everling | 21.März 2018

Ohne eine Aggregation der Einzelrisiken kann eine bestandsbedrohende Entwicklung (§ 91 Abs. 2 AktG) nicht erkannt werden, weil meistens Kombinationseffekte mehrerer Risiken das zukünftige Rating und den Bestand eines Unternehmens bedrohen.

Die im IDW PS 340 geforderte Risikoaggregation ist der Kernbaustein jedes Risikomanagements. Um mittels Risikoaggregation mögliche bestandsgefährdende Entwicklungen zu erkennen, benötigt man fundiertes Rating-Know-how. Nur so kann man die Auswirkungen von Risiken auf das Rating in der Zukunft berechnen und feststellen, welche Zukunftsszenarien zu einem Rating führen können, das die Finanzierung des Unternehmens gefährdet (B oder schlechter). Da Risiken nicht addierbar sind, gelingt die Risikoaggregation nur mithilfe einer Monte-Carlo-Simulation, schreibt Prof. Dr. Werner Gleißner.

Mehr dazu in Gleißner, W. (2016): Die Risikoaggregation: Früherkennung „bestandsbedrohender Entwicklungen“, in: Der Aufsichtsrat, 13. Jg., Heft 04/2016, S. 53-55, Download unter: http://www.werner-gleissner.de/site/publikationen/WernerGleissner_offiziell-Nr-1399-Die-Risikoaggregation-Frueherkennung-bestandsbedrohender-Entwicklungen.pdf (abgerufen am: 22.02.18).

Themen: Mittelstandsrating, Unternehmensrating | Kein Kommentar »

Deutschland geschwächt in die neue Regierung

Von Dr. Oliver Everling | 20.März 2018

„In Europa scheint Emmanuel Macron inzwischen der Einzige zu sein,“ meint Philippe Waechter, Chief Economist, Ostrum Asset Management, „der sich für eine Reformierung der europäischen Institutionen starkmacht, um so deren Überleben zu sichern.“ Die deutsche Bundeskanzlerin musste nach seiner Beobachtung zunächst das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen mit der SPD abwarten und sehen, ob sie überhaupt in der Lage sein würde, eine neue Regierung zu bilden.

Waechter sieht Merkel geschwächt: „Damit hat die deutsche Regierung das Ruder also nicht mehr wirklich in der Hand. Gleichzeitig haben sich die Sorgen um den Aufwind der AfD in den Meinungsumfragen als absolut gerechtfertigt erwiesen, denn diese Partei ist nun Oppositionsführerin.“

Parallel dazu haben die populistischen Parteien bei der Wahl in Italien am 4. März über 50% der Wählerstimmen erhalten. Vor diesem Hintergrund mehren sich für Waechter die Zweifel, ob dort überhaupt noch eine eindeutig pro-europäische Regierung gebildet werden kann. Geschwächt werden die europäischen Institutionen außerdem durch die Debatte, ob Polen und Ungarn vollwertige Mitglieder der EU bleiben sollen.

„Das Wachstum ist also nach Europa zurückgekehrt, aber die politischen Grundfesten der Region sind wackelig. Deshalb besteht durchaus Anlass zur Sorge,“ mahnt Waechter, „was wohl passieren wird, falls das Wachstum wieder nachlassen und zukünftig weniger Arbeitsplätze geschaffen werden sollten. Dann könnte das politische Gleichgewicht nämlich durchaus erschüttert werden.“

Themen: Länderrating | Kein Kommentar »

GBB-Rating geht Cyber-Kriminalität nach

Von Dr. Oliver Everling | 20.März 2018

Im Zuge der digitalen Transformation verlagern sich immer mehr Geschäftsprozesse in den Online-Bereich. Damit wird gerade für Finanzdienstleister das Thema Cyber-Security zum neuen Aufgabenfeld: Wie gelingt es, Kommunikation und die Erbringung von Dienstleistungen gegen potentielle Risiken zu schützen, die aufgrund von Cyber-Kriminalität, d. h. von strafbarem Verhalten Dritter im Internet entstehen?

Eine Umfrage soll die aktuellen Einschätzungen zum Umgang mit dem Thema Cyber-Security und die damit verbundenen Herausforderungen zur Vermeidung bzw. Abwehr von Cyber-Kriminalität identifizieren. Die Umfrage wird von GBB-Rating Gesellschaft für Bonitätsbeurteilung mbH in wissenschaftlicher Kooperation mit Frau Prof. Dr. Weißenberger, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Accounting der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie Frau Prof. Dr. Ewelt-Knauer, Lehrstuhl für Wirtschaftswissenschaften, insbesondere Financial Accounting der Justus-Liebig-Universität Gießen, durchgeführt. Mehr dazu auf https://www.onlineumfragen.com/login.cfm?umfrage=83834.

Themen: Ratings | Kein Kommentar »

DBRS zurück in Frankfurt am Main

Von Dr. Oliver Everling | 20.März 2018

DBRS, eine der weltweit größten Ratingagenturen, hat die Wiedereröffnung eines Büros in Frankfurt bekannt gegeben und baut damit ihre Präsenz in Europa weiter aus. 2006 gab es bereits einmal ein Büro in Frankfurt am Main, das jedoch im Zuge der Finanzkrise 2008 wieder geschlossen wurde.

Die nun neu gegründete DBRS Ratings GmbH ist das Ergebnis der erfolgreichen Expansion der international tätigen Ratingagentur in Europa. Nach der noch ausstehenden Registrierung bei der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde wird die neue DBRS Konzerngesellschaft die Einhaltung der geltenden EU Anforderungen für Ratingagenturen auch nach dem geplanten Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union sicherstellen.

„In den letzten Jahren hat DBRS ihre Stellung auf den wichtigsten europäischen Kapitalmärkten sowohl bei Investoren als auch bei Emittenten erheblich stärken können. Unsere Entscheidung, die Expansion in Europa voranzutreiben, basiert auf dem Erfolg unserer Geschäftsstrategie im europäischen Ratinggeschäft“, so Stephen W. Joynt, DBRS Chief Executive Officer.

DBRS hatte sich bereits vor dem EU Referendum in Großbritannien mit der Einrichtung weiterer Niederlassungen auf dem europäischen Kontinent beschäftigt. Die jetzige Entscheidung spiegelt zwar den derzeitigen Zeitplan der britischen EU Entscheidung wider, doch der Hauptgrund für die Expansion von DBRS liegt in der steigenden Nachfrage von Emittenten nach ihren Ratings und den Informationsbedürfnissen von Investoren in Kontinentaleuropa.

DBRS habe sich für den Standort Frankfurt insbesondere aufgrund ihres Bedarfs an genügend qualifizierten Mitarbeiter entschieden, heißt es aus dem Hause der Ratingagentur. Zudem sei Frankfurt für bestehende und neue Kunden in Europa gut erreichbar.

„Frankfurt befindet sich mitten im Herzen Europas, verfügt über eine gute Infrastruktur und hervorragende Anbindung an andere Städte in Europa. Dies hat uns bei der Auswahl von unserem zweiten Standort in Europa durchaus beeinflusst“, so Detlef Scholz, Head of Europe bei DBRS und Geschäftsführer der DBRS Ratings GmbH. Scholz machte sich bereits bei Moody’s einen Namen und wechselte vor Jahren schon zu DBRS zunächst nach London.

Die DBRS Ratings GmbH mit Sitz im Bankenviertel von Frankfurt hat bereits einen ersten Mitarbeiter eingestellt und prüft gerade Bewerbungen für verschiedene offene Stellen im analytischen Bereich sowie in Compliance und Support. Wie auch bei der DBRS Konzerngesellschaft in London wird sich das Büro in Frankfurt nach der Aufbauphase mit der Ratinganalyse von Banken, Pfandbriefen, Verbriefungen und bestimmten Unternehmensfinanzierung beschäftigen.

Das Büro in Frankfurt ist der zweite Standort von DBRS in Europa und der sechste Standort weltweit. DBRS beschäftigt in den verschiedenen Niederlassungen knapp 500 Mitarbeiter. Nun eröffnen sich neue Karrierechancen mit Stellenangeboten von DBRS: https://dbrs.wd3.myworkdayjobs.com/Careers.

Themen: Anerkennung, Ratingagentur | Kein Kommentar »

Thomson Reuters Lipper Fund Awards 2018

Von Dr. Oliver Everling | 16.März 2018

Der Lazard Convertible Global Fonds (SICAV) erhält 2018 in Deutschland gleich drei Thomson Reuters Lipper Fund Awards für seine herausragende Performance. Bei der Award-Verleihung 2018 in Frankfurt wurde der Fonds als „Bester Fonds“ in der Kategorie Global Convertible Bonds über den Zeitraum von drei, fünf und zehn Jahren ausgezeichnet.

Beim Vergleich mit 61 anderen Fonds erreichte der Lazard Convertible Global Fonds auf Drei-Jahres-Sicht die Spitzenposition. Auch bei der Performance über fünf Jahre wurde er zur Nummer eins von 51 Fonds gewählt und auf zehn Jahre zum besten von insgesamt 27 nominierten Fonds. Bereits bei den Lipper Fund Awards in Österreich hatte sich der Fonds erfolgreich in den gleichen Zeiträumen gegen alle Mitbewerber in seiner Kategorie durchgesetzt.

„Wir gratulieren dem Portfoliomanager, Arnaud Brillois, und seinem Team für diese Leistung. Die Awards belegen unser kontinuierliches Bestreben, die Erwartungen unserer Kunden zu erfüllen oder gar zu übertreffen“, sagt Andreas Hübner, Geschäftsführer der Lazard Asset Management (Deutschland) GmbH.

Die Thomson Reuters Lipper Fund Awards zeichnen Fonds und Investmentgesellschaften aus, die durch anhaltend starke risikoadjustierte Performance aus der Gruppe ihrer Mitbewerber herausragen. Die Basis für diese Bewertung bilden Lippers urheberrechtlich geschützte leistungsbasierte Bewertungskriterien. Das Analysehaus prämiert jene Fonds, die hinsichtlich des Kriteriums konsistenter risikoadjustierter Ertrag in ihrer Kategorie am besten abschneiden. Die Fonds werden innerhalb ihrer Vergleichsgruppe quantitativ und qualitativ analysiert. Insgesamt prüft Lipper die Ergebnisse mehrerer tausend Fonds.

Ebenfalls ausgezeichnet wurde der NN (L) US Credit Fonds (P Cap USD, ISIN LU0546920488) über drei und fünf Jahre Laufzeit mit dem ersten Platz in der Kategorie Bond USD Corporates. Zudem hat der NN (L) Banking & Insurance Fonds (P CAP USD, ISIN LU0119198637) über drei Jahre Laufzeit in der Kategorie Equity Sector Financials gewonnen.

Susanne Hellmann, Geschäftsführerin von NN Investment Partners in Deutschland: „Die Auszeichnung im Bereich US Credit bestätigt unsere starke und jahrzehntelange Anleihe-Expertise. Als Asset Manager im Besitz eines großen niederländischen Versicherungsunternehmens ist Fixed Income – von Unternehmensanleihen über Emerging Markets Debt bis hin zu Private Debt – gewissermaßen unsere Unternehmens-DNA.“

Auch die DJE Kapital AG wurde bei den Thomson Reuters Lipper Fund Award 2018 in Deutschland und in Österreich als beste kleine Fondsgesellschaft über alle Anlageklassen hinweg im Zeitraum über drei Jahre mit dem Overall Group Award ausgezeichnet.

In Deutschland erzielte der Rentenfonds DJE – InterCash PA (ISIN: LU0159549814) darüber hinaus sowohl auf Drei- als auch auf Fünf-Jahres-Sicht in der Kategorie „Bond Euro – Short Term“ den ersten Platz und erhielt einen Award. In Österreich ging zudem der Mischfonds DJE – Zins & Dividende PA (ISIN: LU0553164731) im Fünf-Jahres-Vergleich als Sieger in der Kategorie „Absolute Return EUR High“ hervor.

Thorsten Schrieber, Mitglied der Geschäftsleitung der DJE Kapital AG und verantwortlich für die Bereiche Fondsvertrieb, Marketing & Öffentlichkeitsarbeit, sagt dazu: „Die Auszeichnung unserer Fonds in Deutschland und in Österreich macht mich stolz, denn sie verdeutlicht die erfolgreiche Dividendenstrategie und das exzellente Rentenmanagement unseres Hauses. Ganz besonders freut mich natürlich, dass neben den beiden Fonds auch das Haus DJE insgesamt ausgezeichnet wurde. Über 40 Jahre Erfahrung und eine kontinuierlich hohe Qualität der Entscheidungen durch umfassende Expertise in der Interpretation fundamentaler, markttechnischer und monetärer Analysefaktoren machen sich bezahlt.“

Themen: Fondsrating | Kein Kommentar »

Der – angebliche – Selbstmord Europas

Von Dr. Oliver Everling | 15.März 2018

„Es ist wahr, dass wir viel Zeit damit verbringen, über die Einwanderung zu reden. Doch was nicht stattfindet, ist die Diskussion, die sich die Menschen wünschen“, glaubt Douglas Murray zu wissen, Autor des Buches „Der Selbstmord Europas – Immigration, Identität, Islam“, das in der „Edition Tichys“ im FBV FinanzBuch Verlag erschien. Bei dem Buch handelt es sich um eine Übersetzung des britischen Bestsellers, übersetzt von Krisztina Koenen.

Der FinanzBuch Verlag hat allen Grund, diesen Titel auch einem deutschen Leserpublikum zugänglicher zu machen, da sich Murray vielfach speziell auch mit der Situation in Deutschland und insbesondere mit dem Vorgehen der deutschen Bundeskanzlerin befasst.

Der Inhalt des Buches reflektiert eine Rat- und Orientierungslosigkeit seines Autors. Einerseits hat es den Anstrich eines epochalen Werkes von grundlegender Bedeutung für Europa in kultureller, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Andererseits unterzieht sich der Autor der Mühe, akribisch eine große Zahl von Einzelfällen zu dokumentieren: Murray fragt nach den Hintergründen von Terrroranschlägen, Vergewaltigungen und sonstigen Straftaten, die mit Migration und Religion in Zusammenhang stehen. „Deutschland scheint mir das Land zu sein, in dem diese Fragen am wenigsten diskutiert werden und in dem die Debatte am stärksten eingeschränkt und politisiert ist. Zum Teil ist das eine Spiegelung der Medien, die immer noch glauben, ihre Aufgabe sei es, zwischen der Öffentlichkeit und den Tatsachen zu vermitteln, statt die Tatsachen offenzulegen.“

Das Netzdurchsetzungsgesetz (Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken), das unlängst in Kraft getreten ist, sei nur ein weiteres Instrument, die deutschen Bürger daran zu hindern zu sagen, was sie mit ihren eigenen Augen sehen. „Aufwiegelung war bis dahin schon eine Straftat und wurde verfolgt,“ sorgt sich Murray, „nun ist ‚Hassrede‘ zur Hauptlosung in einem Kampf geworden, der in Wahrheit um das Recht auf Redefreiheit geführt wird.“ Es sei „eine der finstersten Entwicklungen der letzten Jahre“, dass ein Zusammenschluss von Regierungsbehörden und privaten Firmen darüber entscheidet, was „Hassrede“ sei. Dem Leser wird hier wie auch an anderen Stellen des Buches suggeriert, eine Art „Enthüllungsbuch“ über die wahre Geschichte zu lesen.

„Es ist einfach,“ schreibt Murray, „über die guten Seiten der Einwanderung zu sprechen: Indem man sie bejaht, ist man für Offenheit, Toleranz und Aufgeschlossenheit. Aber die negativen Seiten zu sehen, sie gar zu erwähnen, ruft Anschuldigungen hervor wie Engstirnigkeit, Intoleranz, Xenophobie und kaum verborgener Rassismus.“ Als die Fälle von bandenmäßiger Vergewaltigung vor Gericht kamen, berichteten die Medien voller Beschönigungen, meint Murray, „vermutlich um die Öffentlichkeit daran zu hindern, entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen. So wurden zum Beispiel die Gangs wie im Fall von Oxfordshire als ‚asiatisch‘ beschrieben, auch wenn sie ausschließlich aus muslimischen Männern pakistanischer Herkunft bestanden. Nur selten wurde vor den Gerichten oder in den Medien erwähnt, dass die Opfer deshalb ausgewählt wurden, weil sie keine Moslems waren.“

Murray geht es immer wieder um den mangelnden Schutz der Grenzen Europas. „In sehr seltenen Fällen wurde mal ein Migrant, der Verbrechen begangen hat, in sein Heimatland zurückgeschickt. Aber selbst in einem solchen Fall sind die Hürden sehr hoch. Es ist einfacher zu erlauben, dass sich die Menschen in Italien zerstreuen, als sich an geltendes Recht zu halten. Die Wahrheit ist: Wer die Überfahrt nach Lampedusa überlebt hat, kann für immer in Europa bleiben.“

Bei manchen Darstellungen von Murray fühlt sich der Leser an Thilo Sarrazin erinnert, den Murray auch nennt: „Obwohl es offenkundig war, dass sich die Migranten in Deutschland – genau wie Sarrazin behauptete – nicht integrierten, fiel die politische und mediale Elite über Sarrazin wegen seiner ketzerischen Behauptungen her. Infolgedessen wurde Sarrazin gezwungen, von seinem Posten bei der Bundesbank zurückzutreten. Und obwohl er selbst zu den politisch Linken in Deutschland gehörte, distanzierte sich seine Partei, die SPD, von ihm ebenso wie die CDU Angela Merkels.“

Die Europäer sieht er als Masochisten, die fortwährend Schuld bei sich selber suchen würden: „Während die europäischen Länder den Tod eines Dreijährigen als ihre eigene Schuld ansahen, sah sich die arabische Welt und im weiteren Sinne die muslimische Umma, aus der der Junge kam, zu keinerlei Aktionen veranlasst. Zum Beispiel haben die sechs Golfstaaten – Kuwait, Bahrain, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Oman – bis 2016 keinem einzigen syrischen Flüchtling Asyl gewährt. Flüchtlingen aus Eritrea, Nigeria, Bangladesch oder Pakistan gegenüber waren sie ebenso wenig großzügig.“

Der Wunsch, sich sündig zu fühlen, habe die europäischen liberalen Gesellschaften fest im Griff: Sie seien die Ersten in der Geschichte, die, wenn sie einen Schlag abbekommen, erst einmal fragen, womit sie das verdient hätten. „Die nicht zu lindernde historische Schuld setzt sich bis in die Gegenwart fort. Deshalb sind die Europäer“, glaubt Murray, „auch dann die Schuldigen, wenn sie diejenigen sind, die misshandelt oder von noch Schlimmerem getroffen werden.“

Murray weiß den Wald vor Bäumen nicht zu sehen, so dass er an eine Welt in Chaos glaubt. Indem er sich in Details der von ihm aufgegriffenen Geschichten verliert, fehlt ihm der Blick für Antworten auf die Fragen, die ihn umtreiben. Er bekennt: „Doch die meisten Menschen suchen in ihrem Leben nach irgendeiner Form von Gewissheit. Religion, Politik und persönliche Beziehungen gehören zu den wenigen Bereichen, in denen solche Gewissheiten geschaffen werden können im Chaos, das wir überall um uns herum sehen.“ Es geht ihm um ein Problem, „das man einfacher fühlen als nachweisen kann, aber es geht ungefähr so: Das Leben in liberalen Demokratien ist bis zu einem gewissen Grade dünn und flach, und insbesondere im modernen Westeuropa hat es seinen Sinn und sein Ziel verloren.“

Murray fühlt sich offenbar einer von ihm nicht näher konkretisierten Religiösität verpflichtet: „Solange die Nicht-Religiösen nicht bereit sind, für statt gegen die Quellen zu arbeiten, denen ihre Kultur entsprungen ist, ist kein Ausweg in Sicht. Denn es ist nicht erkennbar – egal, wie sehr man es auch versuchen mag –, dass es gelingen könnte, ein vollkommen neues Glaubenssystem zu erfinden. Da bisher jedoch niemand dieses völlig neue Glaubenssystem erfunden hat, verlieren wir unsere Fähigkeit, über Wahrheiten und Sinn zu sprechen.“ Seine Suche nach einem Glaubenssystem bleibt erfolglos, eine Welt ohne Krieg der Glaubenssysteme kann er sich nicht vorstellen.

„Und noch während der Lebenszeit der meisten unter uns werden sich dieses Land“, schreibt Douglas Murray mit Datum vom 26. Januar 2018, „und die meisten anderen Länder Westeuropas bis zur Unkenntlichkeit verändert haben – auch für jene, die erst seit Kurzem zu seinen Einwohnern zählen. Vielleicht geht alles gut. Vielleicht sterben die Leute aus, die sich noch erinnern, wie Schweden, Deutschland oder Großbritannien einst waren. Vielleicht. Vielleicht entsteht aber auch eine neue Welt voller neuer Probleme.“

Themen: Bücher, Rezensionen | Kein Kommentar »

« Voriger Beitrag Folgender Beitrag »