Kammerberufe im Rating

Von Dr. Oliver Everling | 16.Mai 2019

Das Frankfurter Fintech-Start-up CAPTIQ hat seine erste Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen. Insgesamt 15 Business Angels und professionelle Beteiligungsgesellschaften – mehrheitlich aus dem Finanzsektor – haben dem Unternehmen ein Startkapital von über einer halben Million Euro zur Verfügung gestellt. CAPTIQ hat sich somit finanzielle Mittel gesichert und will Mitte des Jahres die erste digitale Finanzierungsplattform für Kammerberufe (Ärzte, Apotheker, Juristen, etc.) starten.

CAPTIQ soll die erste alternative Online-Finanzierungslösung sein, die auf die Bedürfnisse von Kammerberufen zugeschnitten ist, die mehrheitlich Freiberufler sind. „Wir freuen uns sehr, dass wir mit unserem Ansatz gestandene Profis aus dem Finanzsektor überzeugen und als Investoren gewinnen konnten“, so Lorenz Beimler, Co-Gründer und Geschäftsführer von CAPTIQ. „Wir sind davon überzeugt, dass wir mit unserem Ansatz sowohl bei kapitalsuchenden Kammerberuflern als auch bei institutionellen Kapitalgebern einen bislang nicht ausreichend gedeckten Bedarf adressieren.“

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Fachmarktzentrum mit B1 Baumarkt, Trinkgut, KiK und Askania

Von Dr. Oliver Everling | 16.Mai 2019

Die Deutsche Fachmarkt AG (DEFAMA) meldet den Abschluss eines Kaufvertrages über ein Fachmarktzentrum in Dinslaken (Nordrhein-Westfalen), etwa 20 Kilometer nordwestlich von Oberhausen. Der Kaufpreis beträgt rund 7,6 Mio. €. Die Jahresnettomiete beläuft sich auf gut 750 T€. Die vermietbare Fläche des aus zwei Gebäuden bestehenden voll vermieteten Objektes umfasst insgesamt mehr als 9.000 qm. Mieter des Fachmarktzentrums sind B1 Baumarkt, Trinkgut, KiK und Askania.

Mit Abschluss der Transaktion steigt die annualisierte Jahresnettomiete der DEFAMA auf rund 10 Mio. €. Das Portfolio umfasst nunmehr 31 Standorte mit über 130.000 qm Nutzfläche, die zu über 95% vermietet sind. Zu den größten Mietern zählen ALDI, EDEKA, LIDL, Netto, NORMA, Penny, REWE, Getränke Hoffmann, Dänisches Bettenlager, Deichmann, KiK, Takko und toom. Auf Basis des aktuellen Portfolios liegt der annualisierte FFO bei gut 4,7 Mio. €, entsprechend 1,21 € je Aktie.

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Insolvenzen statt Aufschwung in der Eurozone

Von Dr. Oliver Everling | 10.Mai 2019

Laut einer Prognose des internationalen Kreditversicherers Coface auf 2,3 Prozent gegenüber 3 Prozent im Jahr 2018. Das globale BIP-Wachstum wird voraussichtlich das niedrigste seit 2016 sein. Hier erwartet Coface mit 2,9 Prozent 0,3 Prozentpunkte weniger als 2018. In diesem Kontext werden wohl die Unternehmensinsolvenzen in 26 der 39 von Coface untersuchten Länder steigen, im Jahr 2018 waren es nur 19 Länder.

„Der längste Industrieaufschwung der letzten 30 Jahre in der Eurozone endete schon im vergangenen Herbst. Die Auswirkungen waren Ende 2018, aber auch im ersten Quartal 2019 zu spüren“, erklärte Christiane von Berg, Regional Economist bei Coface für die Region Nordeuropa, beim Kongress Länderrisiken von Coface in Mainz. Sie rechnet mit einem Anstieg der Insolvenzen in Westeuropa um 3 Prozent und um 4 Prozent in Mittel- und Osteuropa. „In Deutschland ist die Erosion des Unternehmervertrauens im Verarbeitenden Gewerbe viel stärker ausgeprägt als in den Nachbarländern. Die große Offenheit der deutschen Wirtschaft und das Engagement in risikoreicheren Destinationen wie Türkei, Großbritannien, China und – in geringerem Maße – auch den USA bremsen den Auslandsumsatz.“

Christiane von Berg konstatiert eine gegenläufige Entwicklung in der deutschen Wirtschaft. „Während die Wirtschaftsaktivität im Verarbeitenden Gewerbe deutlich abgenommen hat, wächst der Dienstleistungssektor anhaltend weiter. Die Frage ist, ob sich beide Wirtschaftssektoren gegenseitig ausgleichen können. Unser neuer Coface-Konjunkturfrühindikator sagt ja, so gerade.“ Gegenüber anderen Indikatoren gehen in das Prognosemodell der Coface die eigenen Berechnungen zur Insolvenzentwicklung ein. „Hier muss man sagen: Die guten Zeiten sind vorbei. Auch wenn wir keine Rezession prognostizieren, wird das Umfeld für Unternehmen deutlich anspruchsvoller. Wir waren in den letzten acht Jahren immer sinkende Insolvenzzahlen gewöhnt. Für einige Unternehmen wird es 2019 dahingehend ein böses Erwachen geben“, erwartet Christiane von Berg.

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FFO-Plus 50% bei DEFAMA

Von Dr. Oliver Everling | 9.Mai 2019

Die Deutsche Fachmarkt AG (DEFAMA) berichtet über ihre neuesten Zahlen. Im ersten Quartal 2019 erzielte die Gesellschaft demnach bei einem Umsatz von 2,70 (Vj. 1,77) Mio. € ein Ergeb­nis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) in Höhe von 1,66 (1,12) Mio. €. Dabei wurde ein Ergebnis vor Steuern von 690 (471) T€ erwirtschaftet. Das Nettoergebnis betrug 536 (370) T€. Dies entspricht einem Gewinn von 0,14 (0,10) € je Aktie. Die Funds From Operations (FFO) erreichten 1,13 (0,75) Mio. € und erhöhten sich somit um 50% gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

In den Zahlen enthalten waren im ersten Quartal 2019 die Erträge von 30 Bestandsobjekten. Diese bilden auch im zweiten Quartal unverändert die Ertragsbasis. Für das Gesamtjahr erwartet DEFAMA einen FFO von 4,4 Mio. € sowie einen Nettogewinn nach HGB von 2,2 Mio. €. In dieser Guidance ist bereits berücksichtigt, dass im zweiten Halbjahr durch den anstehenden Umbau in Radeberg teilweise Mieterträge weg- und umgekehrt weitere Kosten an­fallen werden. Weitere Objektkäufe dürften im zweiten Halbjahr zusätzliche Erträge beisteuern.

Auf Basis des aktuellen Portfolios liegt der annualisierte FFO bei 4,4 Mio. €, entsprechend 1,13 € je Aktie. Der Vorstand geht davon aus, zeitnah Zukäufe vermelden und den annualisierten FFO mit den vorhandenen liquiden Mitteln noch deutlich steigern zu können. Per Ende 2019 soll diese Kennzahl bei mindestens 5,0 Mio. Euro liegen.

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IWIP: 8,7 % Mietsteigerung gegenüber 2017

Von Dr. Oliver Everling | 6.Mai 2019

Die Anlageklasse Industrieimmobilien entwickelt sich stetig mehr zur festen Größe. Dies belegen die Mietpreissteigerungen des gemeinsam von dem Wirtschaftsforschungsinstitut IW Köln und dem Beratungsunternehmen IndustrialPort veröffentlichten Industrieimmobilien-Mietpreis-Index (IWIP-Index). In die Betrachtung flossen ca. 16.000 Gebäude ein – davon ca. 4.000 im Erhebungsjahr 2018. Somit sind rund 25 Prozent aller deutschen Hallenflächen in den Index eingeflossen. Insgesamt zehn Firmen stellen hierfür – Stand Mai 2019 – ihre Daten zur Verfügung.

Der Gesamtindex ist gegenüber dem Vorjahr um 8,7 Prozent gestiegen. Einzeln aufgeschlüsselt sind die Subindices für Lager um 7,0 Prozent, für Logistik um 2,2 Prozent und für Produktion um 14,2 Prozent gestiegen. Regional und gebäudeausstattungsbedingt lassen sich große Unterschiede feststellen. „Dass die Mieten im Logistiksegment im Vergleich zum Gesamtindex nur leicht zugenommen haben, ist auf Entwicklungen am Investmentmarkt zurückzuführen: Vergleichsweise günstige Mietkonditionen bei großflächigen Entwicklungen mit Projektentwicklerausschreibung gleichen den signifikanten Mietanstieg in den Ballungs- und zentrumsnahen Gebieten wieder aus“, erläutert Jan Stemshorn, Director und Teamleader Industrial Agency des unterstützenden Unternehmens Savills in Köln.

Auch Rüdiger Hornung, Geschäftsführer von Wüest Partner, einem weiteren Teilnehmer am IWIP, bemerkt: „Die Assetklasse Lager und Produktion ist auf lange Sicht eine attraktive und stabile Anlagealternative. Gerade für Deutschland als mittelständischen Weltmarktführer mit hohem Lagervolumen und Versandaufkommen birgt diese Immobilienart großes Potenzial.“

Zur Statistik: Insgesamt haben folgende zehn Unternehmen Daten für den 2018er IWIP geliefert: Aengevelt, Argetra, Beos, BNP Paribas Real Estate, Engel & Völkers Commercial, Immowert AG, Palmira Capital Partners, Savills, TÜV SÜD ImmoWert sowie Wüest Partner Deutschland. Weitere Firmen haben eine Datenlieferung für den Betrachtungszeitraum 2019 zugesagt. Die komplette Fläche an Logistik-, Lager- und Produktionshallen, die im IWIP abgebildet ist, summiert sich auf rund 150 Mio. m² Hallenfläche in ganz Deutschland.

„Damit stellt der IWIP-Index aufgrund seiner Detailschärfe, seiner Datentiefe sowie der Teilnehmerzahl schon im zweiten Jahr seiner Veröffentlichung den Branchenstandard für Industrieimmobilien dar“, freut sich der geschäftsführende Gesellschafter von IndustrialPort, Peter Salostowitz.

Der IWIP-Index ergänzt die bereits am Markt bestehenden und etablierten Indices anderer Immobilienklassen. Er ist in die drei Subindices Lager, Logistik und Produktion unterteilt. Zusätzlich lässt er sich regional differenzieren und nach den Ausstattungsklassen einfach, funktional und modern auswerten. Zur Sicherstellung der zukünftigen Weiterentwicklung des IWIP-Indexes hat IndustrialPort langfristige Verträge mit dem IW abgeschlossen.

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DZ BANK Research lässt Altmaier alt aussehen

Von Dr. Oliver Everling | 15.April 2019

Gerade recht zur Diskussion um die „Nationale Industriestrategie 2030“ des Bundesministers für Wirtschaft und Energie, Peter Altmaier, kommt aus dem Research der DZ BANK eine fundierte Analyse zur Sinnhaftigkeit einer solchen Industriepolitik.

„Auf lange Sicht werden die Dienstleister in Europa, aber auch in Deutschland immer wichtiger für die Wirtschaft. Insbesondere in Europa dürfte dagegen“, so das ernüchternde Fazit der Experten, „die industrielle Fertigung weiter an Bedeutung verlieren.“ Ein Voranschreiten in die Dienstleistungsgesellschaft sorge zwar nicht automatisch für einen dynamischen Wachstumsboom, räumen die Analysten ein, ein positiver Effekt eines Bedeutungsgewinns der Dienstleistungen wäre aber eine merklich geringere Verwundbarkeit der deutschen Wirtschaft bei internationalen Krisen.

Eine reine Industriepolitik, wie sie im Rahmen der „Nationalen Industriestrategie 2030“ angedacht ist, wäre dagegen nach Feststellung der DZ BANK kaum zukunftsgerichtet und dementsprechend auch nicht zielführend. „Den Schwerpunkt der Förderung auf Großunternehmen in der Industrie zu legen, geht an der deutschen Wirklichkeit vorbei. Damit würden nicht nur erfolgversprechende, zukunftsorientierte Geschäftsmodelle in anderen Sektoren, sondern auch der für Deutschland so wichtige Mittelstand vernachlässigt.“

Die Experten der DZ BANK zeigen gleich auch Alternativen auf: „Viel sinnvoller als eine neue Industriepolitik wäre daher eine weitergehende Unterstützung von Forschung und Entwicklung unabhängig davon, ob sie der Industrie oder dem Dienstleistungsbereich zuzurechnen ist oder gar an den deutschen Universitäten erfolgt. Gerade eine erfolgreiche Grundlagenforschung könnte der deutschen Wirtschaft den Weg in die Zukunft weisen.“

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AKASOL erhöht den Durchsatz

Von Dr. Oliver Everling | 15.April 2019

Wer von elektrischem Antrieb spricht, redet bald auch von der seit 2018 börsennotierten AKASOL AG. Hauptverwaltung und Entwicklungsteam sitzen nach wie vor in Darmstadt, während die Produktionslinien in Langen entstehen. „Hier bauen wir fast eine Giga-Factory“, sagt Vorstandsvorsitzender Sven Schulz, denn die Möglichkeiten würden bald bis 800 Megawatt reichen.

AKASOL sieht sich für Marine, industrielle Fahrzeuge und Schiffe gut positioniert, so dass auch Batterien für Busse und Lastkraftwagen bald weiter Fahrt aufnehmen könnten. „Batteriesysteme werden überall dazu gehören“, ist sich Schulz sicher, denn auch bei einer Brennstoffzelle würde noch eine Batterie benötigt.

„Wir stellen keine Batteriehellen her, sondern integrieren diese in unsere Module“, macht Schulz klar. Elektronik und Software werde von AKASOL hinzugefügt. Thermomanagement usw. kommen ebenfalls von AKASOL hinzu. Es gebe hier keine Einheitslösung, sondern es bedürfe individueller Ansätze. Die Firma verbindet Hardware- und Software-Kompetenz.

Schulz ruft dazu auf, AKASOL und ihre Projekte mit Wettbewerbern zu vergleichen, bei denen Ankündigungen und Realisationen teils weit auseinander klaffen. „Wir haben eine sehr hohe Dynamik“, sagt Schulz mit Blick auf die Erneuerung der Generationen. Flaggschiffkunde ist eine Adresse in Schweden, aber auch ein asiatischer Nutzfahrzeughersteller sei in Sicht.

AKASOL schaltet sich in die Ladestruktur in Deutschland ein. Mit einem Kunden werde derzeit evaluiert, inwieweit AKASOL mit der notwendigen Schnelligkeit liefern könne. Unabhängigkeit vom Netzausbau zu werden, sei bei diesem Kunden das Ziel. Der Netzausbau würde dadurch auch beschleunigt. „Wir nehmen diese Anfrage mit einem sehr hohen Respekt auf“, dämpft Schulz die Erwartungen. Pro Woche werden derzeit 100 Batteriesysteme hergestellt, nach Umsetzung des Dreischichtbetriebs werden 150 hergestellt und nach Einrichtung der neuen Hallen die genannten Kapazitäten bis 800 Megawatt.

Der Börsengang brachte das notwendige Eigenkapital, um nun auch weiteres Fremdkapital aufnehmen und flexibel finanzieren zu können. Die Entwicklung des Cashflows ist von der Anlage kn Wertpapiere gekennzeichnet, um Negativzinsen zu vermeiden. Der Mitarbeiterstamm wird zügig ausgebaut. Im April 2019 zählt die Firma mehr als 200 Mitarbeiter.

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Systemausfall

Von Dr. Oliver Everling | 15.April 2019

„Was macht eigentlich Bernd Lucke?“ Das fragt vielleicht mancher, der sich an den Gründer der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) erinnert. Lucke, der sein Baby „AfD“ verließ, verdankt der Partei immer noch sein Mandat im Europaparlament und hat ein Buch mit dem Titel „Systemausfall“ geschrieben. Lucke ist heute Bundesvorsitzen­der einer Kleinpartei namens Liberal­-Konservative Reformer (LKR).

„Mit ‚Systemausfall‘ im modernen Sinne bezeichne ich den Aus­fall eines staatlichen Sicherungssystems“, schreibt Lucke, nachdem er den Leser den Untergang Trojas vor Augen geführt hat. „Ich will mich zunächst auf die beiden prominentesten System­ausfälle der letzten zehn Jahre konzentrieren: die Eurokrise und die Flüchtlingskrise.“

Lucke steigt in sein Buch also mit seinen Lieblingsthemen ein. „Griechenland verbarg durch einen glatten Betrug, dass es im offenen Vertragsbruch lebte. Seine Aufnahme in den Euro war ungefähr so, als würde die katholische Kirche einen eingefleisch­ten Ehebrecher zum Priester weihen.“

„In den Folgejahren ging die Schuldenmacherei Griechenlands mun­ter weiter. Die jährliche Neuverschuldung lag Jahr für Jahr zwischen 6 Prozent und 9 Prozent statt der maximal zulässigen 3 Prozent“, knüpft Lucke an den Stabilitätspakt an. „2008 stieg die Neuverschuldung auf 10 Prozent und 2009 sogar auf 15 Pro­ zent des Bruttoinlandsprodukts. Die EU sah untätig zu. Es wurden kei­nerlei Sanktionen verhängt, obwohl der Rat dies hätte tun können.“

Die Vertragsbrüche waren nur allzu offensichtlich, so dass Lucke folgert: „Deshalb verteidigte die Geschäftsführende Direktorin des IWF, Christine Lagarde, die Eurorettung ja auch mit den Worten: ‚Wir mussten die Verträge brechen, um den Euro zu retten!‘ Aber das war falsch. Man musste keineswegs aus Zeitnot Vertragsbruch begehen.“

Lucke weist der Eurozone einen großen strategischen Fehler nach: Die Eurozone „hatte sich in die Karten gucken lassen, und Griechenland wusste, dass die Eurozone nur bluffte.“ Die Politik der kondi­tionierten Kreditvergabe ist nach Lucke eine ungeeignete Politik, weil sie zwangs­läufig dazu führt, dass der Gegenspieler weiß, wie gut die Karten des anderen sind: nämlich zwangsläufig im Laufe der Zeit immer schlech­ter. „Der Helfende begibt sich mit jeder Hilfsleistung tiefer in eine Ab­hängigkeit vom Hilfeempfänger, und am Ende hat der Hilfeempfänger alle Trümpfe in der Hand.“

Lucke sieht in Griechenland auch den Keim der Flüchtlingskrise: Der Europäische Gerichtshof für Men­schenrechte (EGMR) kam zu dem Ergebnis, dass Griechenlands Asylsystem und seine Behandlung von Asylbewerbern einen Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention darstellten. „Seit dem Urteil des EGMR im Januar 2011 durfte kein EU­-Mitgliedsstaat mehr die Regeln der Dublin­-Verordnung auf Griechenland anwen­den und dort registrierte Flüchtlinge zuständigkeitshalber dorthin zurücksenden.“

Es habe danach gar keinen Grund mehr gegeben, weshalb Griechen­land eingereiste Flüchtlinge noch registrieren sollte. „Vielmehr konnte Griechenland seine Aufmerksamkeit darauf konzentrieren,“ schreibt Lucke, „allen unwillkommenen Asylbewerbern möglichst schnell die Weiterreise in ein anderes EU­-Land zu ermöglichen.“

Weder das Grundgesetz noch die Genfer Flüchtlingskonvention schützen die Opfer von Kriegen oder Bürgerkriegen. Aber die EU­-Gesetzgebung tut dies, in­ dem sie die neue Kategorie des „subsidiär Schutzberechtigten“ schuf, kritisiert Lucke: „Kriegshandlungen sind keine individuelle Verfolgung. Man wird Op­fer eines Krieges unabhängig von seiner Hautfarbe, seiner sexuellen Ori­entierung, seiner religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit. Kriege oder Bürgerkriege sind schreckliche Schicksalsschläge für alle Bürger eines Staates, aber sie haben nichts mit individueller Verfolgung zu tun.“

Der beurlaubte Professor der Volkswirtschaftslehre Lucke erhellt mit seinen Darstellungen auch die aktuelle Komplexität der Austrittsverhandlungen bzw. der Bemühungen zur Abwendung des Brexits: „Obwohl Großbritannien dem Euro gar nicht ange­hörte, wäre sein vitalster Wirtschaftszweig von den Reparaturarbeiten der Eurozone unmittelbar betroffen. Aus britischer Sicht war es ein Schreckgespenst, dass die EU den britischen Finanzsektor regulieren würde, um eine nicht­britische Währung zu retten.“

Die Probleme in England gründen nach Lucke nicht nur in der EU: „Die Ver­stopfungseffekte in der sozialen Infrastruktur Englands sind keines­wegs nur auf die voreilig in Kraft gesetzte Personenfreizügigkeit für die Bürger der osteuropäischen EU­-Neumitglieder zurückzuführen, sondern sind gleichrangig auch ein Erbe des britischen Kolonialreichs.“

Während sich die ersten beiden Kapitel „Systemausfälle und Kontrollverluste“ sowie „Von der Einstimmigkeit zur Mehrzüngigkeit“ eher auf den Humus beziehen, auf dem die AfD wachsen konnte, setzt sich Lucke im Kapitel „Rechtsstaatlichkeit, Rechtschaffenheit und Rechtsextreme“ mit seinen ehemaligen Parteifreunden auseinander. Hier liefert der ehemaligen AfD-Vorsitzende wichtige Angaben zum „Gen-Code“ dieser heute erst sechsjährigen Partei, der drei Strömungen in der AfD anschwellen ließ. „Wenn ich heute auf die AfD schaue,“ bekennt Lucke, „fühle ich mich wie ein Vater, dem das Kind genommen wurde, um es unter Räubern großzuziehen.“

„Die erste Strömung war im Wesentlichen eine Kritik am Euro, die zweite eine Kritik an der EU. Das schloss sich nicht aus und demzufolge waren viele AfD­-Mitglieder (auch ich selbst) mit unterschiedlichen Ak­zentsetzungen beiden Strömungen zuzuordnen. Das gemeinsame Be­streben war es, die Fehlentwicklungen zu korrigieren und Europa zu verbessern. Ich nenne diese Gruppe deshalb die ‚Verbesserer‘.“

Aus der von ihm gegründeten AfD trieb ihn nach eigener Darstellung eine dritte Strömung, die Strömung der „Verbitterten“: „Ihre ge­samte Grundhaltung dem Staat und den Politikern gegenüber war skeptisch, pessimistisch und eben verbittert.“

Verbitterung sei die Voraussetzung für die Radikalisierung einer Partei. In der Flüchtlingskrise seien selbst äußerst abstruse Vorwürfe wie „Merkel will Deutschland abschaffen“ oder „Brüssel plant eine Umvolkung“ bei den Verbitterten auf fruchtbaren Boden gefallen, „weil diese Parolen deren genereller Grundeinstellung, schlecht vom Staat und sei­nen führenden Repräsentanten zu denken, entsprachen.“

Die Medien spielten bei dieser Entwicklung naturgemäß eine große Rolle: „Erst jetzt war die Partei das, was viele Journalisten so lange fälsch­lich behauptet hatten. Die Berichterstattung war zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden, weil die moderaten Mitglieder die perma­nente Rufschädigung nicht ertragen wollten – und weil der schlechte Ruf die falschen Mitglieder anzog. Heute geht dies so weit, dass ein beträchtlicher Teil der Partei unter dem Einfluss rechtsextremen Ge­dankenguts steht.“

Die Vorstellung einer „Umvolkung“ sei ja eine origi­när völkische. Die Verbitterten in der AfD waren ein idealer Nährbo­den für die, so Lucke, die das Saatgut völkischer Ideen ausstreuen wollten. Die Partei bot ihnen eine große Zuhörerschaft von Verbitterten als dankbaren Resonanzboden, der für pseudo­intellektuelle Theo­rie völkischer Politik empfänglich sei. So diagnostiziert der Professor die Krankheit der AfD: „Diesem Milieu tritt niemand in der AfD entgegen. Deshalb kann es wie ein Krebsgeschwür wuchern.“ Luckes Medikament: „Gegen Rechtsextreme helfen nur Recht­schaffenheit und Rechtsstaatlichkeit.“

Nachdem in seinem dritten Kapitel die AfD entlarvt wurde, widmet sich Lucke in den restlichen drei Kapiteln den „Systemausfällen“, der Spaltung Europas und der Zukunft der EU. Lucke hilft dem Leser u.a. die komplexe Problematik des Brexits zu verstehen. „Wenn Großbritannien trotz EU­-Austritts im Binnenmarkt verbliebe – also sich zum Beispiel am Status von Norwegen orientieren würde –, dann wäre Großbritannien immer noch dem Europäischen Gerichtshof und rund 80 Prozent aller EU­-Gesetze unterworfen. Aber anders als heute hätten die Briten kei­nerlei Möglichkeit mehr, bei der Gesetzgebung mitzubestimmen und ihre eigenen Interessen einfließen zu lassen. Wäre dies nicht eine klare Verschlechterung gegenüber der Vollmitgliedschaft in der EU? Wird diese Verschlechterung wirklich aufgewogen dadurch, dass man rund 20 Prozent an eher weniger bedeutenden Gesetzen nun nicht mehr umsetzen muss?“

Der Europaparlamentarier Lucke spricht sich dafür aus, „aus dem Europaparlament ein Parlament für den Binnenmarkt machen. In diesem Binnenmarktparlament sollen alle Teilnehmerstaaten des Europäischen Binnenmarkts gleichberech­tigt mitwirken können. Die Apartheid hätte ein Ende.“

Der Leser wird durch die Bilanz ernüchtert, die Lucke über seine Arbeit als Europaabgeordneter zieht: „Kein Abgeordneter liest auch nur ein Zehntel dessen, was er abzustimmen hat. Er folgt vielmehr in den meisten Fällen blind den Empfehlungen eines Fraktionskollegen, der aber selbst nicht alles le­sen kann, was in seine Zuständigkeit fällt, sondern viele Empfehlungen nur auf der Basis der Empfehlungen seiner Mitarbeiter gibt.“ Lucke gibt zahlreiche Beispiele: „Die DSGVO ist übrigens ein Gesetz mit Binnenmarktrelevanz. Es ist ein Beispiel für ein misslungenes, überregulierendes Gesetz.“

Lucke rät daher eher zur Umkehr, statt allgemein auf noch mehr Zuständigkeiten und Kompetenzen der Institutionen der EU zu setzen: „Um die EU zu entschlacken, sollte künftige Gesetzgebung über­wiegend Ziele und Prinzipien festlegen, die Mittel und Wege aber den Mitgliedsstaaten freistellen.“

Lucke besinnt sich offenbar mit seinem Buch auf seine Wurzeln, seine Arbeit als Professor und Lehrer, der die Welt sachlich beschreibt, erklärt und zu dem einen oder anderen Punkt auch mal eine Prognose wagt und eine Empfehlung gibt. Während der Untertitel seines Buches „Systemausfall“, nämlich „Europa, Deutschland und die AfD: Warum wir von Krise zu Krise taumeln und wie wir den Problemstau lösen“, eine herbe Abrechnung mit politischen Gegnern nicht ausschließen würde, zeigt sich doch, wie Lucke Polemik und Propaganda vermeidet und ein Buch vorlegt, das einerseits seine Sicht historischer Ereignisse dokumentiert und andererseits einen fundierten Diskussionsbeitrag zu aktuellen Problemen der EU liefert.

Die CDU erregt Luckes Mitleid: „die CDU dauert mich“. Mit Blick auf die Europawahl 2019 schreibt Lucke: „Deshalb empfehle ich Ihnen voll Großmut: Wählen Sie CDU! Aber bitte nur, wenn die CDU sich revanchiert und voll Großmut empfiehlt: ‚Wählen Sie Lucke!'“

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Unternehmensanalysen

Von Dr. Oliver Everling | 4.April 2019

„Wie man die Zukunft eines Unternehmens prognostiziert“ – so lautet im Schäffer Poeschel Verlag der Untertitel des neuen Buches „Unternehmensanalysen“ von Prof. Dr. Peter Seppelfricke. Er lehrt in der Hochschule Osnabrück an der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften auf einem Lehrstuhl für Finanzwirtschaft.

Das Buch gliedert sich nach einer Einleitung in drei Hauptkapitel: Finanzanalysen, strategische Unternehmensanalysen und Anfertigung von Prognoserechnungen. Im Kapitel „Finanzanalysen“ geht es explizit um Vergangenheitsanalysen, während bei strategischen Unternehmensanalysen die Analyse von Erfolgspotenzialen im Vordergrund steht. Seppelfricke nimmt den Konzernabschluss zum Ausgangspunkt seiner Darstellung, so dass er folgerichtig auf die Unterschiede von HGB, IFRS und US-GAAP zu sprechen kommt, Bereinigungen von Erfolgs- und Bilanzgrößen erläutert und so die Analyse des Erfolgs herleitet.

Zur strategischen Unternehmensanalyse lässt sich Seppelfricke von Michael Porters legendären „Five Forces“ inspirieren, die er zum Kern seiner Analyse der „Mikroumwelt“ macht, während zur Analyse der „Makroumwelt“ insbesondere STEP-Analyse und Stakeholder-Ansatz herangezogen werden.

Das Buch von Seppelfricke ist durchweg praxisorientiert. Es hält sich aufgrund der klaren Fokussierung der Erfolgsprognose nicht etwa mit der kapitalmarkttheoretischen Herleitung von Beta-Faktoren, mit Fragen nach der Informationseffizienz und der Arbitragefreiheit der Finanzmärkte oder mit optionspreistheoretischen Modellierungen auf. Die Särken des Buches liegen in seiner Eignung als Lernbuch sowohl für Studenten, als auch für Praktiker, denn der Lehrstoff wird gut strukturiert, übersichtlich und kompakt mit wenig Formeln, aber vielen Tabellen, Listen und Grafiken auf 275 Seiten präsentiert.

Im Unterschied zu angelsächsischen Publikationen greift Seppelfricke Beispiele von Unternehmen auf, die Lesern im deutschsprachigen Raum eher geläufig sein sollten. Indem Seppelfricke bekannte Unternehmen wie Kirch Media, Lufthansa oder Nestlé bespricht, erleichtert er dem Leser das Verständnis der präsentierten Methoden, Kennzahlen usw.

Das Buch kann allen einen Einstieg in das anspruchsvolle Spezialgebiet der Unternehmensanalyse bieten, die beispielsweise in Konzernen in die Verantwortung für strategische, für die Bewertung von Unternehmen relevante Entscheidungen hineinwachsen, oder die für Finanzdienstleister im Buy-Side- oder Sell-Side-Research tätig sind.

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Fondsqualität bei fondsgebundenen Rentenversicherungen im Rating

Von Dr. Oliver Everling | 28.März 2019

Immer noch wird bei der fondsgebundenen Renten- und Lebensversicherung viel Potenzial verschenkt. Die jüngste Studie Frankfurter Fondsexperten zeigt deutlich, dass die Fondsanlage bei vielen Versicherern und Beratern zu wenig Beachtung findet. Im schwierigen Börsenjahr 2018 haben sich Rating und Performance für den gesamten Anlagestock der deutschen Versicherer weiter verschlechtert. Diese Entwicklung kommt nicht unerwartet: Gerade in schwierigen Marktphasen gewinnt die richtige Fondsauswahl noch mehr an Bedeutung. f-fex hat für eine Studie die Geschäftsberichte von 77 Lebensversicherern (63 Konzerngesellschaften) des Jahres 2017 ausgewertet. Die Studie deckt damit rund 110 Mrd. Euro des knapp über 111 Mrd. Euro schweren Anlagestocks aller fondsgebundenen Kapitallebens- und Rentenversicherungen ab.

„Das Angebot der deutschen Versicherer bei fondsgebundenen Rentenversicherungen bleibt deutlich hinter seinen Möglichkeiten“, erklärt Dr. Tobias Schmidt, CEO der f-fex AG. Um das Renditepotenzial wirklich ausschöpfen zu können, bedürfe es eines deutlich besseren Fondsangebots und einer regelmäßigen, kompetenten Betreuung der Policen-Portfolios. „Auch wenn es vermehrt Bemühungen gibt, diesen Zustand zu ändern, sind viele Versicherer und die von ihnen mandatierten Vertriebsgesellschaften davon noch weit entfernt“, so Schmidt. Nur etwa ein Drittel des Anlagestocks der deutschen Versicherer ist in gut bis sehr gut geratete Fonds investiert. Der Rest verteilt sich auf durchschnittliche bis schwache Ratings.

„Versicherer könnten mehr tun“, so das Fazit von Schmidt. „Im anhaltenden Niedrigzinsumfeld sind fondsgebundene Lebensversicherungen weiterhin ein zentraler und sinnvoller Baustein in der privaten Altersvorsorge.“ Wie die Studie zeigt, ist das Renditepotential des Anlagestocks fondsgebundener Lebensversicherungen bei weitem nicht ausgeschöpft. Versicherer könnten hier deutlich mehr tun, auch wenn die Entscheidung über die Portfoliozusammensetzung und deren Veränderung während der Vertragslaufzeit letztlich Sache des Policeninhabers ist. „Ohne qualitativ bessere Fonds, aussagefähigeres Berichtswesen und kompetente, laufende Beratung wird sich an der gegenwärtigen Situation wenig ändern“, so Schmidt. „Der Kunde braucht hier mehr Unterstützung durch den Versicherer.“

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  • Die meisten Unternehmen messen ihre Erfolge auch heute noch in Währungseinheiten, in Euro oder Dollar zum Beispiel. Dabei lassen sich die Einflussfaktoren des Erfolgs nicht allein an einer Zahl abbilden. Zur Steuerung von Investitionen reicht es einerseits nicht aus, Investitionen lediglich zu beschreiben, andererseits sind viele Umstände nicht kardinal zu skalieren. Klassifizierungen mit Ratingskalen sind daher eine Methode, mehr Transparenz für praktische Entscheidungen zu schaffen. Seit Ende der 1980er Jahre arbeiten wir daran und deshalb gibt es seit 1998 diesen Blog. RATING EVIDENCE GmbH - Wofür wir stehen: Es ist unser Anspruch, Werte zu schaffen, indem wir den Nutzen von Ratings erschließen.