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Perspektivenwechsel China

Von Dr. Oliver Everling | 3.Oktober 2015

Perspektivenwechsel“ ist ein treffender Titel für das Buch von Peter Tichauer, der sich schon seit vielen Jahren als Chefredakteur des Magazins „ChinaContact“ einen Namen macht. Das Buch „Perspektivnwechsel – Gespräche mit Managern in China 2010 bis 2015“ (ISBN 978-3-939717-17-1, OWC Verlag für Außenwirtschaft) gibt Tichauers Aufzeichnungen über 54 Persönlichkeiten in China wieder, mit denen Tichauer im letzten halben Jahrzehnt zusammetraf.

Der „Perspektivenwechsel“ lohnt sich sowohl für den China-Neuling zur Lektüre, als auch für denjenigen Leser, der selbst schon China-Erfahrungen gesammelt hat. Für die „Anfänger“ liefert das Buch einen Perspektivenwechsel deshalb, weil China nicht nur für eine andere Kultur steht, sondern auch für ein anderes politisches und wirtschaftliches System. dessen Facettenreichtum schon alllein an der große Bevölkerungszahl erahnte werden kann.

Für den China-erfahrenen Leser birgt das Buch eine andere Art von Perspektivenwechsel, denn dieser kann ja sowohl zeitlich horizontal, als auch zeitlich vertikal verstanden werden: So schildern einige Manager, wie sie schon in den 1980er Jahren China erlebten. Mancher Andeutung ist zu entnehmen, welche Sonderstellung Deutsche in China damals genossen – auf höchsten politischen Ebenen verkehrten und allerorts hoffiert waren.

Wer China damals erlebte, wird heute nämlich Zeuge eines anderen Perspektivenwechsels: China hängte der Reihe nach die europäischen Industrieländer ab und überholte zuletzt auch Deutschland als Exportweltmeister. Deutsche Unternehmen stehen heute in China in Konkurrenz zu ihren chinesischen Wettbewerbern, die mit ihren Qualitätsprodukten deutschen Unternehmen gleichziehen. Deutsche Unternehmen genießen kaum noch einen Sonderstatus in China, dürfen nicht mehr mit Bevorzugung rechnen und sind für viele Chinesen nicht mehr automatisch Inbegriff besserer Qualität gegenüber ihren heimischen Anbietern.

Tichauer befasst sich nicht nur mit den bekannten Spitzen der deutschen Automobilbranche in China, der deutschen Chemiaindustrie und des Maschinenbaus, sondern auch mit Handelshäusern, Ingenieuren, Bankern, Anwälten und Beratern. Wer als deutscher Unternehmer in China Geschäfte macht oder machen will, wird quasi „automatisch“ manchem Interviewpartner von Tichauer auch in der Praxis begegnen. Möglicherweise zum Beispiel Marianne Friese.

Im Beitrag zu Marianne Friese – „Wer Großes will, muss zuerst das Kleine tun“ – wird klar, dass inzwischen eine neue Generation von Unternehmern in Consultants in China erfolgreich wurde. Während bei den Pionieren noch die Sinologen dominierten, bezeichnet sich Marianne Friese als „bekennnede Nicht-Sinologin“. Die Kompetenzen der Beraterin wurzeln im Brand-Marketing, mit dem sie 2001 nach China kam.

Sich allein von der Marktgröße, die aus deutscher Perspektive immer überwältigend erscheine, leiten zu lassen, greife zu kurz, wenn der Bedarf nicht da sei, warnt Friese. Diese „Blauäugigkeit“, die auf dem Höhepunkt der China-Euphorie von einigen Jahren oft noch anzutreffen war, gebe es kaum noch, berichtet Tichauer aus seinem Gespräch mit Marianne Friese. „Ohne Guanxi kein Erfolg“, ohne Beziehungen gehe es in China nicht.

Das Buch von Tichauer ist jedem zu empfehlen, der in China geschäftlich tätig wird, denn es hält die Erfahrungswerte namhafter Adressen ebenso bereit wie die des deutschen Mittelstandes oder eines Start-ups in China. Es gibt zudem auch schlaglichtartig einen Überblick, welche deutschen Firmen in China bereits lange aktiv sind und sogar bedeutende Marktstellungen aufbauen konnten.

Naturgemäß kommen in dem Buch die Erfolgreichen zu Wort, auch wenn diese vereinzelt auch von schmerzhaften Erfahrungen auf dem Weg zum Erfolg berichten. Deutsche Unternehmer, die bei ihren Versuchen in China kläglich scheiterten, drängen sicher weniger ins Licht der Öffentlichkeit.

Das Buch ist ansonsten auch für diejenigen Leser interessant, die sich einfach nur für die Lebenswege anderer Menschen interessieren, die meist durch Zufall, teils aber auch geziehlt ihre Karriere in China machten.

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