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Szenarioanalysen und Stresstests in der Bank- und Versicherungspraxis

Von Dr. Oliver Everling | 6.August 2011

Die Finanzkrise war für fast alle Banken der Fall eines in der Praxis eingetretenen “Stresstests”: Ein Szenario, das eine Vielzahl von Risikofaktoren betraf. Parameterkonstellationen, die zu besonders großen Änderungen im Wert von Portofolien bzw. in einer Risikokennzahl führen, sollen durch Stresstests berücksichtigt werden. Die Wahrscheinlichkeit des Eintritts des Szenarios sollte zwar niedrig, aber dennoch plausibel sein.

Aufgrund der Erfahrungen aus der Finanzkrise, dass die Berechnungen aus den “Labors” der Banken und Versicherungen doch nicht nur Spielfelder für Theoretiker sind, haben solche Modellierungen nun Hochkonjunktur. Nicht zuletzt auch getrieben durch die ständig steigenden regulatorischen Anforderungen von Gesetzgebern auf nationaler und europäischer Ebene müssen sich immer mehr Mitarbeiter in Banken und Versicherungen ein tiefergehendes Methodenwissen erarbeiten.

Das Buch von Walter Gruber, Marcus R.W. Martin und Carsten Wehn (Herausgeber) im Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart, “Szenarioanalysen und Stresstests in der Bank- und Versicherungspraxis” (ISBN 978-3-7910-2953-5, www.schaeffer-poeschel.de), ist ein von Praktikern für Praktiker geschriebenes Buch: Wer in einer Buchhandlung das Buch durchblättert, mag zunächst aufgrund der zahlreichen Formeln und Funktionsdiagramme den Eindruck von einem eher theoretischen Werk erhalten – tatsächlich ist aber die Theorie längst in die Praxis eingezogen. Auch Praktiker haben sich daher mit Abstraktionen zu beschäftigen, die alleine eine Komplexitätsreduktion soweit ermöglicht, die Konsequenzen der Schwankungen von Einflussfaktoren auf die Vermögens-, Ertrags- und Finanzlage von Banken und Versicherungen zu begreifen.

Das Buch befasst sich mit den aufsichtlichen Anforderungen an Szenarioanalysen und Stresstests, gibt einen Überblick über die Möglichkeiten und Grenzen von Szenarioanalysen und Stresstests, zeigt die Umsetzung von Stresstests in einzelnen Risikoarten und vermittelt Wege zur Steuerung mit Hilfe von Stresstests.

Denkt man beispielsweise über die im Buch skizzierten Stresstests über Kreditrisiko weiter nach, drängt sich der Schluss auf, dass die Fehlkonstruktion bankinterner Ratings nun eine eigene Generation von Szenarioanalysen und Stresstests erforderlich macht: Da bankinterne Ratings auf der Schätzung von Ausfallwahrscheinlichkeiten binnen Jahresfrist beruhen und sich nicht – wie bei Ratings unabhängiger Agenturen regelmäßig der Fall – auf einen langfristigen Zeithorizont von vier bis fünf Jahren beziehen, müssen Migrationen mit artifiziellen Annahmen modelliert werden.

Würden bankinterne Ratings von vornherein nicht auf einjährige Ausfallraten hin kalibriert, sondern langfristige Entwicklungen von Kreditnehmern einbeziehen, würden sich manche Tests nicht im Bereich der Spekulation bewegen müssen, sondern auf empirisch nachvollziehbaren Daten gründen können.

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  • Die meisten Unternehmen messen ihre Erfolge auch heute noch in Währungseinheiten, in Euro oder Dollar zum Beispiel. Dabei lassen sich die Einflussfaktoren des Erfolgs nicht allein an einer Zahl abbilden. Zur Steuerung von Investitionen reicht es einerseits nicht aus, Investitionen lediglich zu beschreiben, andererseits sind viele Umstände nicht kardinal zu skalieren. Klassifizierungen mit Ratingskalen sind daher eine Methode, mehr Transparenz für praktische Entscheidungen zu schaffen.