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Warshs geldpolitischer Kurswechsel und seine Bedeutung für Credit Ratings

Von Dr. Oliver Everling | 3.Juni 2026

Mit dem Amtsantritt von Kevin Warsh an der Spitze der Federal Reserve System vollzieht sich nach Einschätzung von ETHENEA Independent Investors ein grundlegender Wandel der amerikanischen Geldpolitik. Während sein Vorgänger Jerome Powell die Instrumente der Zins- und Bilanzpolitik weitgehend getrennt betrachtete, verfolgt Warsh einen integrierten Ansatz. Wie Jörg Held, Head of Portfolio Management bei ETHENEA Independent Investors, erläutert, lautet dessen Programm „Zinsen runter, Bilanz runter – als Paket“. Ziel sei es, die Bilanzsumme der Notenbank deutlich zu reduzieren und gleichzeitig die Leitzinsen zu senken, um insbesondere Haushalte sowie kleine und mittlere Unternehmen zu entlasten.

Damit verbindet sich eine Neubewertung der Ursachen von Inflation. Warsh widerspricht der traditionellen Sichtweise, wonach ein angespannter Arbeitsmarkt zu steigenden Preisen führt. Stattdessen vertritt er die Auffassung: „Inflation entsteht, wenn der Staat zu viel Geld ausgibt und zu viel Geld druckt.“ Zugleich betrachtet er Künstliche Intelligenz als disinflationären Faktor, der durch Produktivitätssteigerungen preisdämpfend wirkt. Die von ETHENEA angeführten Produktivitätsdaten für das dritte Quartal 2025 mit einer annualisierten Wachstumsrate von 4,9 Prozent gegenüber einem langfristigen Durchschnitt von 1,9 Prozent werden als Indiz für diese Argumentation gewertet.

Noch weitreichender könnten die institutionellen Veränderungen ausfallen, die Warsh anstrebt. Er fordert ein neues Treasury-Fed-Abkommen nach dem Vorbild des Abkommens von 1951. Damals wurde die Unabhängigkeit der Zentralbank gegenüber den Finanzierungsinteressen des Staates wiederhergestellt. Warsh erklärte hierzu: „Wir brauchen ein neues Treasury-Fed-Abkommen, wie wir es 1951 nach einer anderen Phase hatten, in der wir die Verschuldung unseres Landes aufgebaut hatten.“ Ein solches Abkommen würde nach Auffassung von ETHENEA die Emissionsstruktur amerikanischer Staatsanleihen verändern. Neuemissionen könnten stärker auf kürzere Laufzeiten konzentriert werden, während das Angebot langlaufender Anleihen verknappt würde.

Für die Kapitalmärkte ergibt sich daraus ein ungewöhnliches Szenario. Einerseits würden niedrigere kurzfristige Zinsen die Finanzierungskosten für Unternehmen senken und die wirtschaftliche Aktivität stimulieren. Andererseits könnte die gezielte Verknappung langlaufender Staatsanleihen deren Renditen trotz einer expansiveren Zinspolitik sinken lassen. ETHENEA argumentiert daher, dass „künstliche Verknappung bei Anleihen mit langen Restlaufzeiten auf strukturelle Nachfrage“ treffen könne und sich daraus Chancen für Investoren in langfristigen Anleihen ergeben.

Für Credit Ratings sind die möglichen Folgen erheblich. Sollte Warshs Inflationsmodell von den Märkten akzeptiert werden, könnten niedrigere Leitzinsen die Schuldentragfähigkeit vieler Unternehmen verbessern. Sinkende Zinsaufwendungen würden insbesondere hoch verschuldeten Emittenten zugutekommen und Ausfallwahrscheinlichkeiten reduzieren. Ratingagenturen müssten in ihren Bonitätsanalysen stärker berücksichtigen, dass sich die Refinanzierungsbedingungen trotz einer restriktiveren Zentralbankbilanz verbessern könnten.

Besonders relevant wäre dies für kleine und mittlere Unternehmen, deren Finanzierungskosten häufig direkt von kurzfristigen Zinssätzen abhängen. Niedrigere Finanzierungskosten könnten die Zinsdeckungsgrade verbessern und damit positive Impulse für Unternehmensratings liefern. Gleichzeitig würde ein produktivitätsgetriebenes Wachstumsszenario die Ertragskraft vieler Branchen stärken, was ebenfalls bonitätsfördernd wirken könnte.

Für Banken ergeben sich dagegen differenzierte Effekte. Einerseits könnten sinkende Kreditausfallraten die Qualität der Kreditportfolios verbessern. Andererseits würden Veränderungen der Zinsstrukturkurve erhebliche Auswirkungen auf Fristentransformation, Margenentwicklung und Bilanzsteuerung haben. Ratingagenturen müssten daher stärker analysieren, welche Institute von einer möglichen Verknappung langfristiger Staatsanleihen profitieren und welche unter veränderten Marktstrukturen leiden.

Auch die Bonitätsbeurteilung der Vereinigten Staaten selbst könnte betroffen sein. Sollte Warsh tatsächlich eine Neuordnung der Zusammenarbeit zwischen Finanzministerium und Zentralbank erreichen, würde dies Fragen nach der institutionellen Unabhängigkeit der Geldpolitik neu aufwerfen. Für Sovereign Ratings sind institutionelle Qualität, politische Stabilität und die Glaubwürdigkeit wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen zentrale Bewertungsfaktoren. Ein erfolgreiches neues Treasury-Fed-Abkommen könnte als Ausdruck strategischer Steuerungsfähigkeit gewertet werden. Scheitert es jedoch politisch oder führt es zu Marktverwerfungen, könnten daraus zusätzliche Risiken für die Bewertung der langfristigen Kreditwürdigkeit entstehen.

Zudem müssten Ratingagenturen ihre Inflationsannahmen überprüfen. Wenn Produktivitätsfortschritte durch Künstliche Intelligenz tatsächlich dauerhaft disinflationär wirken, könnten traditionelle Modelle zur Prognose von Inflation, Zinsen und Wirtschaftswachstum an Aussagekraft verlieren. Dies hätte Konsequenzen für die Bewertung nahezu aller Assetklassen – von Unternehmensanleihen über strukturierte Finanzierungen bis hin zu Banken- und Staatenratings.

Allerdings weist ETHENEA selbst auf die Unsicherheiten des Szenarios hin. „Warshs Szenario ist plausibel, aber von zwei Bedingungen abhängig – und beide sind unsicher.“ Entscheidend sei, ob die Märkte das neue Inflationsmodell akzeptieren und ob die angestrebten institutionellen Reformen politisch durchsetzbar bleiben. Für Credit Ratings bedeutet dies, dass derzeit weniger die unmittelbaren Maßnahmen als vielmehr die Glaubwürdigkeit des neuen geldpolitischen Regimes im Mittelpunkt steht. Die kommenden Jahre könnten daher nicht nur einen Wechsel der Geldpolitik markieren, sondern auch einen Wandel der Bewertungsmaßstäbe, mit denen Kreditrisiken weltweit analysiert werden.

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