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Zukunftsangst der Beschäftigungslosigkeit

Von Dr. Oliver Everling | 1.März 2018

Ende der 1990er Jahre verkündeten Manager der ersten großen Welle von Internet-Unternehmen unter dem Applaus von manchen Wissenschaftlern, dass für die Menschheit eine neue Ära der „New Economy“ angebrochen sei, die die alten Gesetze der Wirtschaft außer Kraft setzen würde. Der überzogene Glaube an die Heilslehren aus den Computerfirmen mündete im Dot.Com-Bubble und dem anschließenden Platzen der Blase, bei der auch Pioniere wie Amazon Milliarden verloren und ihre Marktkapitalisierungen auf nicht einmal ein Zehntel zurückgestutzt sahen.

Zwei Jahrzehnte später scheint sich die Euphorie zu wiederholen: 2017 gewannen Technologiewerte wie nie zuvor und auch Amazon erstrahlt in ungeahnter Größe. Drohnen und Roboter scheinen nun die Welt zu erorbern. Smartphones sind statt Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen der neue Zugang zu Milliarden Menschen. Dieser Zugang wird von vergleichsweise wenigen Unternehmen beherrscht, wie Alphabet bzw. Google, Amazon, Apple, Facebook usw.

Es liegt im Interesse dieser Konzerne, die revolutionären Errungenschaften ihrer Technologien in den ohnehin von ihnen kontrollierten Medien tagtäglich zu thematisieren und damit den Eindruck zu schüren, Schlüssel für alle Zukunft der Menschheit zu sein. Nicht unbedingt erwünschter Nebeneffekt dieser Art – zwar der Börsenkapitalisierung dienlichen – Propaganda ist es, dass Millionen Menschen nun aber ihre Jobs in Gefahr sehen: Verlage und Redaktionen lösen sich auf, Lastkraftwagen und Taxis brauchen keine Fahrer mehr, Hotels werden durch AirBnB ersetzt, Professoren und Lehrer werden überflüssig, da sie durch Online-Unterricht ersetzt werden usw.

Die Industrialisierung brachte die Weberaufstände, Straßenproteste gegen Dampfmaschinen und später gegen Automobile. Die Stummfilmmusiker wandten sich mit Plakaten an ihr Publikum, um den Tonfilm als „Schund“ zu brandmarken und um ihre Arbeitsplätze zu kämpfen. Weber, Kutscher, Heizer auf den Dampfloks, Stummfilmmusiker – sie allesamt können bezeugen, wie neue Technologien ihre Jobs raubten. In keinem Land aber blieben Menschen auf Dauer ohne Beschäftigung, sondern stets fanden sich neue Bedürfnisse und Aufgaben.

Dieses Mal, dank Google, Tesla usw., soll alles anders und die Wirtschaft dauerhaft vor dem Problem gestellt sein, höchst effizient zu produzieren, aber keine Menschen zu beschäftigen und also auch keine Einkommen für die Massen zu schaffen? Robotor produzieren – so die Schreckensvision – unablässig weiter auf Halde, da sich niemand mehr, außer einer kleinen Elite, die Produkte leisten kann?

Wenn auch die möglicherweise schmerzhafen Anpassungsprozesse nicht unterschätzt werden dürfen, so bleibt diese Art von Zukunftsangst letztlich unbegründet. Auch die Idee des „World Wide Web“ bedurfte Jahrzehnte, bis auch nur ein Teil der Visionen Realität wurden, die seine Pioniere schon zu Beginn der Entwicklung hatten. Mithin vollziehen sich Anpassungsprozesse stets und nur in der Mitwirkung von Menschen, die stets zwischen Alternativen wählen, von denen sie sich eine Verbesserung ihres Lebens versprechen.

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  • Dr. Oliver Everling

    Dr. Oliver Everling ist Geschäftsführer der RATING EVIDENCE GmbH in Frankfurt am Main.

    Als Gesellschafter, Beirat, Aufsichtsrat, Independent Non-Executive Director nach der EU-Verordnung über Ratingagenturen, Mitglied von Ratingkommissionen, Chairman des ISO-TC "Rating Services", Gastprofessor der CUEB in Peking und zum Beispiel als Herausgeber von mehr als 50 Büchern war oder ist er mit Ratingfragen befasst.

    Nach Promotion am Bankseminar der Universität zu Köln war Dr. Oliver Everling Referent des Arbeitskreises Rating der WM Gruppe und ab 1991 Geschäftsführer der Projektgesellschaft Rating mbH sowie von 1993 bis 1998 Abteilungsdirektor und Referatsleiter in der Dresdner Bank.