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Skepsis bei türkischen Unternehmen

Von Dr. Oliver Everling | 27.Januar 2020

Seit der Rezession, in die die türkische Wirtschaft in der zweiten Hälfte des Jahres 2018 geriet, gibt sich der private Sektor in Bezug auf die wirtschaftlichen Aussichten eher skeptisch. Das hat eine Befragung des internationalen Kreditversicherers Coface ergeben. Demnach erwarten viele Unternehmen (44 Prozent), dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen in der Türkei im Jahr 2020 verschlechtern werden. 21 Prozent gehen allerdings von einer Verbesserung aus.

Die Verlangsamung der Inlandsnachfrage, die zwei Drittel des türkischen BIP ausmacht, ist einer der Gründe für die verhaltenen Erwartungen. Tatsächlich gaben über 40 Prozent der Unternehmen an, dass ihre Verkäufe auf dem Inlandsmarkt im Jahr 2019 zurückgegangen sind. 39 Prozent gehen davon aus, dass die Umsätze im Inland 2020 auf dem gleichen Niveau bleiben, während 35 Prozent mit einem Anstieg rechnen. Die Erwartungen für den Export sind positiver: Zwei Drittel (65 Prozent) der Unternehmen gehen davon aus, dass ihre Exportumsätze im Jahr 2020 steigen werden, 25 Prozent erwarten, dass sie stagnieren werden.

Die Zahlungsverzögerungen bei türkischen Unternehmen betragen im Durchschnitt 41 Tage auf dem Inlandsmarkt und 58 Tage bei Exportverkäufen. Das durchschnittliche Zahlungsziel, das türkische Unternehmen ihren Kunden einräumen, ist 85 Tage auf dem Inlandsmarkt und 69 Tage auf den Exportmärkten. Vor zwei Jahren, bei der ersten Befragung waren es für beide Marktbereiche 108 Tage. „Die kürzeren Zahlungsziele zeigen die Vorsicht der Unternehmen“, meint Seltem Iyigun, Economist bei Coface für die Region Naher Osten und Türkei.

Dabei ist die durchschnittliche Zahlungsfrist im internationalen Maßstab nach wie vor recht lang, berichtet der Kreditversicherer Coface. In der Türkei verlangen nur 40 Prozent der Unternehmen von ihren Exportkunden, dass die Zahlungen innerhalb von 60 Tagen erfolgen. Auf dem Inlandsmarkt ist dieser Anteil mit 33 Prozent noch geringer. In Deutschland beträgt die Zahlungsfrist bei 87 Prozent der Unternehmen bis 60 Zage, in Polen bei 65 Prozent und in China bei 44 Prozent.

Kredite bleiben weiterhin ein Thema für den türkischen Unternehmenssektor. Denn für den Fall, dass die Forderungen auf dem Inlandsmarkt nicht eingezogen werden können, decken 40 Prozent den Ausfall aus Eigenmitteln ab, während 28 Prozent Bankkredite aufnehmen. Mehr als ein Drittel der Unternehmen (37 Prozent) verlangen von ihren Kunden eine Anzahlung. Dagegen hat die Kreditversicherung noch Wachstumspotenzial. Auch wenn ihre Funktion einer Mehrheit (62 Prozent) bekannt ist, nutzen sie nur 26 Prozent gegen eine mögliche Nichtzahlung ihrer Kunden.

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  • Dr. Oliver Everling

    Dr. Oliver Everling ist Geschäftsführer der RATING EVIDENCE GmbH in Frankfurt am Main.

    Als Gesellschafter, Beirat, Aufsichtsrat, Independent Non-Executive Director nach der EU-Verordnung über Ratingagenturen, Mitglied von Ratingkommissionen, Chairman des ISO-TC "Rating Services", Gastprofessor der CUEB in Peking und zum Beispiel als Herausgeber von mehr als 50 Büchern war oder ist er mit Ratingfragen befasst.

    Nach Promotion am Bankseminar der Universität zu Köln war Dr. Oliver Everling Referent des Arbeitskreises Rating der WM Gruppe und ab 1991 Geschäftsführer der Projektgesellschaft Rating mbH sowie von 1993 bis 1998 Abteilungsdirektor und Referatsleiter in der Dresdner Bank.