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152 Maßnahmen sind noch keine Strategie – und XR bleibt außen vor
Von Dr. Oliver Everling | 18.August 2026
Die von Heike Gündling auf www.addreal.de veröffentlichte Analyse der Startup- und Scaleup-Strategie der Bundesregierung setzt an einem Punkt an, der auch für die Bewertung von Zukunftstechnologien von erheblicher Bedeutung ist: Die Bundesregierung zählt Maßnahmen, aber sie formuliert daraus noch keine überzeugende strategische Priorisierung.
Gündling bringt ihre Kritik bereits im Titel prägnant auf den Punkt: „152 Maßnahmen sind noch keine Strategie“. Ihre zentrale Definition von Strategie lautet: „Eine Strategie zeichnet sich dadurch aus, dass sie priorisiert, verwirft und sich messbar macht.“ Genau daran misst sie das 58 Seiten umfassende Papier mit seinen acht Handlungsfeldern und 152 Maßnahmen. Ihr Urteil fällt entsprechend kritisch aus: Das Dokument sei „weniger ein strategischer Entwurf als ein ressortübergreifendes Kompendium dessen, was ohnehin läuft, geplant ist oder geprüft werden soll“.
Diese Kritik ist gerade im Zusammenhang mit Extended Reality bemerkenswert. Denn eine Strategie für Startups und Scaleups muss nicht nur bestehende Förderprogramme katalogisieren. Sie muss erkennen, welche technologischen Entwicklungen neue Märkte, neue Geschäftsmodelle und neue Formen der Interaktion hervorbringen. Genau hier stellt sich die Frage, ob die Bundesregierung die wirtschaftliche Bedeutung von XR bereits ausreichend erkannt hat.
Gündling beschreibt ein Grundproblem der Strategie mit einer besonders prägnanten Formulierung: „Konsolidierung wird angekündigt, Expansion wird geliefert.“ Übertragen auf Zukunftstechnologien bedeutet dies: Die Bundesregierung beschreibt zahlreiche Maßnahmen zur Förderung von Innovation, benennt aber nicht mit der notwendigen Konsequenz diejenigen technologischen Felder, bei denen Deutschland eine eigene internationale Position aufbauen sollte.
Hinzu kommt nach Gündlings Analyse die auffällige Sprache des Strategiepapiers. „Wir prüfen, wir streben an, wir setzen uns ein, wir erörtern“ dominiere das Dokument. Für eine Technologie wie XR ist das besonders relevant. Denn in einem internationalen Technologiewettbewerb entscheidet nicht allein die Erkenntnis, dass eine Technologie interessant ist. Entscheidend ist, ob Unternehmen, Investoren, Forschungseinrichtungen und öffentliche Auftraggeber daraus konkrete Anwendungen und Märkte entwickeln können.
Gündling kritisiert deshalb auch die fehlende Verbindlichkeit vieler Maßnahmen. Die Strategie stehe insgesamt unter dem Vorbehalt von Zuständigkeiten, verfügbaren Haushaltsmitteln und EU-Beihilferecht. „Eine Strategie unter Gesamtvorbehalt ist strenggenommen eine Absichtserklärung“, lautet ihr zugespitztes Urteil.
Gerade XR benötigt jedoch eine andere Perspektive. Die Technologie befindet sich an einer Schnittstelle von Software, künstlicher Intelligenz, 3D-Daten, digitalen Zwillingen, Computer Vision, Simulation und Mensch-Maschine-Interaktion. Ihre wirtschaftliche Bedeutung entsteht deshalb nicht durch eine einzelne Anwendung, sondern durch die Verbindung verschiedener Technologiefelder.
Für Deutschland eröffnet sich hier ein erheblicher Handlungsspielraum. XR kann industrielle Produktionsprozesse visualisieren, digitale Zwillinge begehbar machen, medizinische Informationen räumlich darstellen, Schulungen und Simulationen ermöglichen und neue Formen der Zusammenarbeit schaffen. Im Finanzbereich können Portfolios, Unternehmensstrukturen, Beteiligungen, Ratings oder komplexe Finanzmodelle zu interaktiven Informationsräumen werden.
Gerade Data2Space zeigt, dass diese Entwicklung bereits praktisch umgesetzt wird. Finanz- und Unternehmensinformationen bleiben nicht auf Tabellen, Charts und Dokumente beschränkt, sondern werden räumlich strukturiert und interaktiv erfahrbar. Damit entsteht aus klassischer Datenvisualisierung eine neue Form der Informationsverarbeitung.
Gündling richtet ihren Blick insbesondere auf die Frage, wo die Strategie die eigentlichen wirtschaftlichen Hebel setzt. Beim Kapitalmarkt kommt sie zu einem ernüchternden Ergebnis. Die Diagnose eines zu dünnen privaten Wagniskapitalmarktes sei zwar „zutreffend und ehrlich“, doch auf diese Diagnose antworte die Strategie „überwiegend mit mehr Staatsgeld“.
Auch für XR ist diese Unterscheidung entscheidend. Die Entwicklung einer international erfolgreichen XR-Industrie lässt sich nicht allein durch staatliche Förderprogramme erzeugen. Entscheidend sind private Investitionen, zahlungsbereite Kunden, starke industrielle Anwender, skalierbare Geschäftsmodelle und internationale Märkte.
Besonders interessant ist deshalb Gündlings Kritik an der fehlenden Angebotsseite privaten Kapitals. Sie nennt Versorgungswerke, Pensionskassen, Versicherungen und Stiftungen und stellt fest: „Dort passiert erstaunlich wenig.“ Für XR-Unternehmen ist dieser Befund von besonderer Bedeutung, weil viele immersive Technologien lange Entwicklungszyklen benötigen und häufig zunächst erhebliche Investitionen in Software, Datenmodelle, Schnittstellen und Anwendungen erfordern.
Noch deutlicher wird Gündlings Argumentation beim Bürokratieabbau. „Achtundachtzig Prozent der Startups nennen weniger Bürokratie als wichtigsten Faktor, der für eine Gründung im Ausland spräche.“ Ihre Schlussfolgerung fällt ernüchternd aus: „Keine einzige davon streicht eine Norm.“
Für XR entsteht daraus eine doppelte Herausforderung. Zum einen benötigen junge Technologieunternehmen schnelle und verlässliche Rahmenbedingungen. Zum anderen müssen staatliche Stellen selbst offen dafür sein, neue Technologien in ihren eigenen Prozessen einzusetzen. Eine Regierung, die XR nicht als strategische Technologie betrachtet, erzeugt damit möglicherweise einen Kreislauf: Unternehmen entwickeln Anwendungen, während öffentliche Institutionen deren Potenzial erst spät erkennen.
Besonders aufschlussreich ist Gündlings Analyse der Beziehung zwischen Startups und Mittelstand. Die Kooperationsquote sei von „über siebzig Prozent vor rund sechs Jahren auf aktuell etwa sechsundfünfzig Prozent gefallen“. Gleichzeitig erzielten rund 75 Prozent der Startups ihre Umsätze im B2B-Geschäft. Gündling fasst den Befund prägnant zusammen: „Der wichtigste Absatzkanal deutscher Startups erodiert, und zwar erheblich.“
Für XR ist diese Entwicklung besonders relevant. Viele industrielle XR-Anwendungen entstehen gerade dort, wo Startups neue Technologien mit dem Know-how etablierter Unternehmen verbinden. Der Mittelstand ist potenziell einer der wichtigsten Kunden für digitale Zwillinge, immersive Trainingssysteme, räumliche Datenvisualisierung und kollaborative virtuelle Arbeitsumgebungen.
Wenn diese Kooperationen zurückgehen, verliert nicht nur das Startup einen Kunden. Auch der etablierte Mittelständler verliert einen Zugang zu neuen Technologien.
Gündling kritisiert deshalb, dass die Strategie beim Mittelstand vor allem auf „Vernetzungsbemühungen“ setzt. Der Mittelstand werde „sensibilisiert, verzahnt, fit gemacht – aber nicht entlastet“. Für XR lässt sich diese Kritik unmittelbar weiterdenken: Es genügt nicht, Unternehmen auf die Existenz immersiver Technologien aufmerksam zu machen. Es braucht konkrete wirtschaftliche Anreize, diese Technologien tatsächlich einzusetzen.
Hier liegt eine Chance für eine stärker technologieorientierte Startup-Politik. Wenn ein mittelständisches Unternehmen einen digitalen Zwilling entwickelt, seine Produktionsprozesse in XR abbildet oder Finanz- und Unternehmensdaten in einem interaktiven 3D-Raum analysiert, entsteht nicht nur ein neues digitales Produkt. Es entsteht ein Testmarkt für eine Technologie, aus dem wiederum skalierbare Geschäftsmodelle hervorgehen können.
Gündling fordert deshalb grundsätzlich einen Wechsel von der reinen Maßnahmenorientierung hin zu messbaren Ergebnissen. Ihr Vorschlag lautet: „Zielwerte statt Maßnahmenzählung.“ Die Strategie enthalte bereits Kennzahlen, mache daraus aber keine verbindlichen Zielwerte.
Genau diese Logik wäre auch für XR sinnvoll. Nicht die Zahl der geförderten XR-Projekte wäre entscheidend, sondern beispielsweise die Zahl der Unternehmen, die immersive Technologien produktiv einsetzen, das Volumen privater XR-Investitionen, die Zahl international skalierbarer XR-Unternehmen oder der Anteil öffentlicher Beschaffung, der innovative immersive Anwendungen tatsächlich nutzt.
Gündlings Kritik liefert damit einen interessanten Maßstab für die Frage, wie eine echte XR-Strategie aussehen müsste. Sie müsste nicht möglichst viele Maßnahmen versammeln, sondern klare Prioritäten setzen. Sie müsste definieren, in welchen Bereichen Deutschland eine internationale Führungsposition anstrebt. Sie müsste Forschung, Startup-Finanzierung, industrielle Anwendung, öffentliche Beschaffung und internationale Skalierung miteinander verbinden.
Vor allem müsste sie XR nicht als Nischentechnologie behandeln. Denn die eigentliche Bedeutung von Extended Reality liegt nicht allein in Headsets oder virtuellen Welten. XR verändert die Schnittstelle zwischen Menschen und Informationen. Daten werden räumlich, Zusammenhänge werden sichtbar, digitale Zwillinge werden erfahrbar und mehrere Personen können gemeinsam in derselben Informationsumgebung arbeiten. Damit berührt XR genau jene Entwicklung, die für die nächste Generation digitaler Geschäftsmodelle entscheidend ist: den Übergang vom Bildschirm zum Informationsraum.
Gündlings Schlussfolgerung zur Startup-Strategie lässt sich deshalb auch als Aufforderung an die Technologiepolitik lesen: „Fünf Kennzahlen, fünf Zielwerte, ein Datum – mehr braucht es nicht, und weniger genügt nicht.“ Für XR wäre ein solcher Ansatz ein deutlicher Fortschritt gegenüber einer bloßen Aufzählung von Fördermaßnahmen.
Die Bundesregierung muss nicht jede neue Technologie fördern. Sie muss aber erkennen, welche Technologien die wirtschaftliche Interaktion der Zukunft verändern. Extended Reality gehört zu diesen Technologien. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Bundesregierung bereits 152 Maßnahmen beschlossen hat. Die entscheidende Frage lautet, ob sie daraus eine Priorität für die Technologien entwickelt, mit denen Deutschland in zehn oder zwanzig Jahren noch international wettbewerbsfähig sein will. Bei XR ist diese strategische Entscheidung bislang nicht erkennbar.
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