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Beyond the Token: Warum Distribution über den Erfolg von Digitalen Assets und Stablecoins entscheidet
Von Dr. Oliver Everling | 29.April 2026
Auf dem „Capital Markets Day 26“ an der Frankfurt School of Finance & Management rückt neben makroökonomischen und regulatorischen Themen auch die Zukunft digitaler Marktinfrastrukturen in den Fokus. Im Impulsvortrag „Beyond the Token: Warum Distribution über den Erfolg von Digitalen Assets und Stablecoins entscheidet“ zeichnet Steve Henning, Senior Manager Financial Services und Digital Assets bei PwC Deutschland, ein ernüchterndes Bild des aktuellen Entwicklungsstands und stellt zugleich eine zentrale These auf: Nicht die Technologie ist das Problem, sondern deren Verbreitung und Einbindung in bestehende Finanzsysteme.
Ausgangspunkt seiner Analyse ist die Diskrepanz zwischen wahrgenommenem Fortschritt und tatsächlicher Marktnutzung. Zwar beläuft sich das Volumen tokenisierter Real-World Assets, also realer Vermögenswerte wie Anleihen oder Immobilien, die in digitale Token überführt wurden, auf rund 27,5 Milliarden US-Dollar. Doch die tatsächliche Nutzung bleibt gering, wie das Beispiel des Fonds BlackRock BUIDL zeigt, der im Durchschnitt lediglich etwa 3,5 Transaktionen pro Tag verzeichnet. Diese Zahlen verdeutlichen, dass technologische Möglichkeiten allein keinen funktionierenden Markt schaffen.
Ein besonders kritischer Punkt ist laut Henning die Rolle von Stablecoins, also digitalen Währungen, die an stabile Referenzwerte wie staatliche Währungen gekoppelt sind. Der globale Markt wird dabei nahezu vollständig von US-Dollar-dominierten Lösungen geprägt, während Europa mit einem Anteil von lediglich etwa 0,2 Prozent – rund 872 Millionen Euro im Vergleich zu etwa 310 Milliarden US-Dollar weltweit – kaum eine Rolle spielt. Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, als mit MiCAR, der „Markets in Crypto-Assets Regulation“, erstmals ein umfassender regulatorischer Rahmen für Krypto-Assets in der Europäischen Union geschaffen wurde. MiCAR definiert unter anderem Anforderungen für sogenannte EMTs, also E-Money Tokens, die an Fiat-Währungen gekoppelt sind, und schafft damit Rechtssicherheit für Emittenten.
Henning argumentiert jedoch, dass Regulierung allein nicht ausreicht. MiCAR sei primär ein Emissionsrahmenwerk, also ein Regelwerk für die Ausgabe von digitalen Assets, nicht jedoch eine Strategie für deren Verbreitung. Trotz bereits lizenzierter Euro-Stablecoins gelingt es Europa nicht, relevante Marktanteile zu gewinnen. Der Grund liegt in einem strukturellen Defizit: fehlende Distribution. Während technologische Infrastruktur wie Instant Payments, also Echtzeitzahlungen, bereits heute Geld- und Assettransfers in Sekunden ermöglicht, fehlt es an der systematischen Anbindung dieser Lösungen an bestehende Finanzstrukturen.
Dieses Problem beschreibt Henning als Distributions-Trilemma, das sich aus drei miteinander verbundenen Herausforderungen zusammensetzt. Erstens die Regulierung, die mit rund 2000 Seiten technischer Standards im Rahmen von MiCAR zwar umfassend, aber auch komplex ist und teilweise zu Doppelregulierung führt, etwa bei Transfers von EMTs. Zweitens die Infrastruktur, die aktuell nur eine geringe Anzahl tatsächlicher Transaktionen ermöglicht und damit nicht die notwendige Skalierung erreicht. Drittens der Marktzugang, da insbesondere Banken als zentrale Intermediäre bislang nur unzureichend eingebunden sind.
Distribution definiert Henning als das Zusammenspiel von drei Faktoren: Rails, Flow und Reach. Rails stehen für die infrastrukturelle Anbindung, insbesondere die Integration in institutionelle Systeme, sodass Produkte aktiv zu den Investoren gelangen und nicht umgekehrt. Flow beschreibt die Liquidität, also die tatsächliche Nutzung und Handelsaktivität. Reach schließlich meint die institutionelle Reichweite, also die Präsenz von Produkten in den Systemen, in denen Kapital allokiert wird. Ein Beispiel für erfolgreiche Distribution ist der Euro-Stablecoin EURC von Circle, der seinen Marktanteil durch gezielte Integration und Nutzung von etwa 17 Prozent auf über 60 Prozent steigern konnte.
Die zentrale Frage für die Zukunft lautet daher nicht mehr, ob die Technologie vorhanden ist, sondern wer sie erfolgreich vertreibt und über welche Kanäle. Für Europa ergibt sich daraus eine strategische Entscheidung: Wird der Kontinent zum Anbieter eigener Finanzmarktinfrastrukturen oder bleibt er Nutzer externer Systeme? Henning formuliert dies als grundlegende industriepolitische Herausforderung. Europa verfüge über die notwendigen technologischen Fähigkeiten und einen klaren regulatorischen Rahmen, doch es fehle die Verbindung zum Investor.
Diese Verbindung beschreibt er als eigentliche Schlüsselressource der kommenden Jahre. Die Aufgabe bestehe darin, Brücken zwischen Innovation und Kapital zu bauen, also digitale Assets in bestehende Finanzsysteme zu integrieren, institutionelle Investoren einzubinden und echte Nutzung zu erzeugen. Damit wird Distribution zum entscheidenden Erfolgsfaktor und zugleich zur zentralen Herausforderung für die nächste Entwicklungsphase der Kapitalmärkte.
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